Vor allem Mehrfachanmeldungen seit dem Ende der Impfpriorisierung verursachen den Ärzten und Ärztinnen viel zusätzliche Arbeit. (Symbolbild)
Vor allem Mehrfachanmeldungen seit dem Ende der Impfpriorisierung verursachen den Ärzten und Ärztinnen viel zusätzliche Arbeit. (Symbolbild)
Bild: www.imago-images.de / Giorgio Fochesato
Analyse

"Um 20 Termine zu vereinbaren, muss man 100 Personen anrufen": Mehrfachanmeldungen fürs Impfen sorgen für bürokratisches Chaos in Arztpraxen

11.06.2021, 16:1112.06.2021, 17:33

Startschuss für alle Impfwilligen: Am vergangenen Montag wurde bundesweit auch die Priorisierung für den Biontech-Impfstoff aufgehoben. Jetzt dürfen also auch junge und gesunde Menschen versuchen, einen Impftermin zu ergattern.

Was bedeutet das für die ohnehin überlasteten Hausärzte und Hausärztinnen in Deutschland? Watson hat bei vier Ärzten und Ärztinnen nachgefragt, wie die Situation eine Woche nach der Freigabe der Impfung ist.

Lange Wartelisten wegen Mehrfachanmeldungen

"Die Zahl der Impfanfragen ging tatsächlich eher mit der Ankündigung der Aufhebung stark nach oben. Zum Stichtag gab es nur einen leichten Anstieg", erzählt Ulrike Reinsch, Hausärztin in Tübingen. Sie ergänzt:

"Die Nachfrage nach Erstimpfungen von Biontech ist aber bei uns in den letzten Tagen vollkommen zusammengebrochen. Ich gehe davon aus, dass wir in 2-3 Wochen praktisch keine Erstimpfungen mehr durchführen. Das stimmt mich mit Blick auf den Herbst mit Sorge."

Der Bremer Arzt Holger Schelp ist ebenfalls der Meinung, dass die Zahl der Anfragen bei der Ankündigung der Impffreigabe höher war: "Die formale Freigabe der Priorisierung scheint eher zu beruhigen. Die Warteliste unserer Praxis hatte zwischenzeitlich über 300 Einträge, mit ständigem Zu- und Abstrom der Namen. Es musste viel geredet, telefoniert und gemailt werden. Jetzt sind wir bei 130 Einträgen."

"Unser zentrales Problem ist die Liste der Impfwilligen, die sich nicht abgemeldet haben, obwohl sie andernorts geimpft wurden."
Ulrike Reinsch, Hausärztin in Tübingen

Die Vergabe der Impftermine an Personen aus der Warteliste sorgt derzeit für die meiste Arbeit in Hausarztpraxen. "Unser zentrales Problem ist die Liste der Impfwilligen, die noch keinen konkreten Termin bei uns hatten und sich nicht abgemeldet haben, obwohl sie andernorts geimpft wurden. Aus deren Sicht eine kleine Nachlässigkeit, für uns ein gigantischer Berg an Arbeit", erklärt Ulrike Reisch.

In ihrer Praxis gab es vor zwei Wochen, zur Ankündigung der Impffreigabe, eine Warteliste von 500 Personen, die gerne geimpft werden wollten. "Diese mussten zur Vergabe von Terminen alle abtelefoniert werden – teils mit Hilfe von Familienangehören und Freiwillen, um den Aufwand zu bewältigen", so Reinsch. "Um 20 Termine zu vereinbaren, muss man 100 Personen anrufen, das ist die ungefähre Größenordnung."

Hausärzte und -ärztinnen sind weiterhin am Limit

Derzeit kann die Tübinger Ärztin Reinsch auch nur Stammpatienten oder -patientinnen in ihrer Praxis impfen. Zum einen wegen der Kapazitäten – aber auch, weil sie gerade bei Anfragen von Neupatienten und -patientinnen eine erhöhte Tendenz zu Mehrfachanmeldungen bemerkt. "Wir stellen auch vermehrt Anrufe von Menschen fest, die ihren Impftermin verschieben oder absagen wollen. Vielleicht ist die Impfung für einige Menschen doch nicht mehr so dringend." Ist das schon die Impfmüdigkeit, vor der gerade gewarnt wird? Reinsch ist sich da nicht so sicher. "Das Nichterscheinen zum Termin bleibt aber die große Ausnahme", sagt die Ärztin.

Der Berliner Hausarzt Roland Krämer erzählt: "Wir haben zwei Telefonleitungen und ein halbes Dutzend Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen für die Kommunikation mit unseren Patienten und Patientinnen abgestellt. Das ist eine komplette Überlastung unserer Kommunikationskanäle." Er beschreibt die Zustände als kritisch. "Für eine normale Hausarztpraxis ist das gar nicht zu schaffen, darauf waren wir nicht vorbereitet. Was Räume und Personal angeht, sind wir am Limit."

"Mit weniger Bürokratie würde man uns einen Gefallen tun."
Roland Krämer, Arzt in Berlin

Nicht nur die Terminvergabe fresse viel Zeit, auch das Ausdrucken der vielen Impfbögen und das Ausfüllen der Formulare für jede Impfung sei sehr aufwendig. Dafür musste die Praxis für viel Geld die Datenbank-Software aufrüsten. "Mit weniger Bürokratie würde man uns einen Gefallen tun", sagt Krämer.

Nur leichter Anstieg der Anfrage bei Impfwilligen

Auch in seiner Praxis werden meist nur Stammpatienten und -patientinnen geimpft, um den Ansturm zu bewältigen. "Ich war anfangs nicht für die Priorisierung, aber inzwischen schon. Weil ich einfach sehe, dass junge und gesunde Menschen, die sehr internetaffin sind, schneller an Termine kommen. Die Älteren und Kranken fallen hinten runter", sagt Krämer. "Jeder ist sich selbst der Nächste, das hab ich in dieser Pandemie gelernt. Die Windhunde, die am schnellsten sind und am lautesten schreien, sind nicht unbedingt diejenigen, die die Impfung am meisten benötigen." Darum priorisiere er seine Patienten und Patientinnen nach Bedarf auch selber: "Die vielen E-Mails lese ich dann auch mal nachts, wenn ich nicht schlafen kann", erzählt er.

"Jeder ist sich selbst der Nächste, das hab ich in dieser Pandemie gelernt."
Roland Krämer, Arzt in Berlin

Diese Einschätzung bestätigt auch Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbandes VdK. Sie erklärte gegenüber der dpa, dass den Verband noch immer Anfragen von Mitgliedern erreichten, die schon längst eine Impfeinladung erhalten haben sollten, "aber trotz großer Mühe keinen Termin kriegen". Oft seien dies alte, vorerkrankte oder behinderte Menschen. "Die Schlussfolgerung 'Wer am findigsten und schnellsten bei der Terminvereinbarung ist, erhält eine Impfung' darf nicht sein", forderte Bentele.

Der Arzt Gerhard Rudorf gibt an, dass sich die Zahl der Anfragen an seine Praxis seit dem Ende der Impfpriorisierung um 25 Prozent erhöht hat. "Meistens vertröste ich, falls ein Kontakt überhaupt noch realisierbar ist, auf einen späteren Impftermin vielleicht Mitte bis Ende Juli", erzählt der Allgemeinarzt aus Berlin. "Die Warteliste ist schon ziemlich lang, bei der Anzahl der Anfragen gehe ich davon aus, dass sich die Patienten an mehreren Stellen gleichzeitig für eine Impfung bewerben beziehungsweise auf eine Warteliste setzen lassen."

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