Die Omikron-Welle ist noch nicht mal durch, und schon gibt es Meldungen über eine neue Virus-Variante: Deltakron.
Die Omikron-Welle ist noch nicht mal durch, und schon gibt es Meldungen über eine neue Virus-Variante: Deltakron.Bild: Getty Images Europe / Christopher Furlong
Analyse

Muss uns Deltakron beunruhigen? Epidemiologe Ulrichs über eine neue Virus-Variante

18.03.2022, 14:5221.03.2022, 12:48

Deutschland diskutiert hitzig die beschlossenen Lockerungen der Corona-Maßnahmen, etwa den Wegfall der Maskenpflicht in Geschäften ab kommender Woche. Der Bundestag hat am heutigen Freitag das neue Infektionsschutzgesetz beschlossen, das nur noch einen "Basisschutz" vorsieht und mit einer künftigen "Hotspot-Regelung" nur noch regional begrenzt gegen die aktuell steigenden Corona-Infektionszahlen ankämpfen wird. Und all das mitten in der sechsten Corona-Welle, mit deutschlandweiten Rekordinzidenzen.

Was bringt uns Deltakron?

Das erneute Ansteigen der Infektionskurve ist vermutlich der sich derzeit im Vormarsch befindenden Omikron-Variante BA.2 zu verdanken, die nochmal etwas ansteckender als die BA.1-Variante sein soll. Seit einigen Tagen macht nun die Nachricht über eine weitere Sars-Cov-2-Mutation die Runde: Deltakron – eine sogenannte Rekombinationsvariante, die Merkmale sowohl aus der Delta- als auch aus der Omikron-Variante des Virus vereint. Eine Kombination aus "sehr krankmachend" wie Delta und "sehr ansteckeckend" wie Omikron? Das klingt beunruhigend. Watson hat mit dem Epidemiologen Timo Ulrichs gesprochen und die wichtigsten Fakten zu Deltakron zusammengetragen.

Professor Timo Ulrichs forscht an der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin unter anderem zur Infektionsepidemiologie.
Professor Timo Ulrichs forscht an der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin unter anderem zur Infektionsepidemiologie. Bild: www.imago-images.de / teutopress GmbH

Wie entsteht so ein rekombinantes Virus?

Wenn sich, wie in der derzeitigen Situation mit hohen Infektionsraten und, wie es zu Beginn des Jahres der Fall war, eine dominante Virusvariante eine andere ablöst, ein Mensch mit diesen zwei Varianten gleichzeitig infiziert, kann es vorkommen, dass sich diese zwei Typen in einer Zelle des Wirts treffen. Bei der darauf folgenden Vermehrung des Virus in der Zelle können sich Genabschnitte beider Varianten vermischen und eine neue, rekombinante Variante entsteht. Hat diese Hybridvariante keinen evolutionären Vorteil gegenüber den bestehenden Varianten, wird sie nicht lange bestehen. Bietet sie durch ihre Kombination jedoch Vorteile in ihren Eigenschaften, wie zum Beispiel eine bessere "Anpassung" an den Wirt wie es bei Omikron der Fall war, wird sie sich durchsetzen oder zumindest neben anderen Varianten bestehen.

Das Pariser Institut hat der internationalen Covid-Datenbank GISAID vergangene Woche als ersten Beweis eine Genomsequenz übermittelt, die sich aus einem Delta- und einem Omikron-Virus zusammensetzt. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die neue Variante bereits bestätigt.

Grundsätzlich ist das Entstehen von rekombinanten Varianten aber nichts Ungewöhnliches und allein noch kein Grund zur Beunruhigung. „Dies geschieht immer dann, wenn wir uns in der Übergangsphase von einer dominanten Variante zu einer anderen befinden, und ist normalerweise eine wissenschaftliche Kuriosität, aber nicht viel mehr als das“, sagte Dr. Jeffrey Barrett, vom "Wellcome Sanger Institute" der britischen Zeitung The Guardian .

Ist Deltakron so eine durchsetzungsfähige Variante?

Wir erinnern uns dennoch an die Warnung des Virologen Christian Drosten im Deutschlandfunk vor einer möglichen Coronavirusmutation, welches "das Spike-Protein des Omikron-Virus trägt, um weiterhin diesen Immunvorteil zu genießen, aber den Rest des Genoms des Delta-Virus hat". Nun, genau das, also zumindest eine Mischform dieser beiden potenten Varianten, scheint sich mit Deltakron entwickelt zu haben. Was genau eine Rekombination dieser beiden Corona-Varianten bedeuten könnte, erklärt Prof. Timo Ulrichs: "Die neue Variante könnte Gene für das Spikeprotein aus der Omikron-Variante erhalten und Pathogenitätsfaktoren aus der Delta-Variante, was bedeuten könnte, dass die resultierende Variante sehr ansteckungsfähig und gleichzeitig vermehrt krankmachend ist."

Noch reicht die Datenlage nicht aus, um die Deltakron-Variante in ihrem Potential richtig zu beurteilen. Die Forschungen laufen noch.
Noch reicht die Datenlage nicht aus, um die Deltakron-Variante in ihrem Potential richtig zu beurteilen. Die Forschungen laufen noch.Bild: SVEN SIMON / Frank Hoermann / SVEN SIMON

Wie gefährlich könnte Deltakron sein?

In einer im Preprint veröffentlichten Studie zu Deltakron, darin mit "Deltamicron" bezeichnet, kommen französische Wissenschaftler zu der Vermutung, dass die hybride Genstruktur des neuen Virus "die virale Bindung an die Wirtszellmembran optimieren" könnte. Bislang gibt es nur sehr wenige bekannte Fälle von Deltakron, unter anderem in den Niederlanden, in Dänemark und in Frankreich. Da die Rekombinante aber bereits seit Anfang Januar im Umlauf ist und gerade nichts darauf hindeutet, dass sie sich schneller oder besser verbreitet als aktuell vorherrschende Varianten, sieht es im Moment nicht so aus, also würde sie die Dominanz von Omikron beenden.

Im Park den Frühling genießen - am besten ohne Sorgen, sich anzustecken. Diese Perspektive wünschen sich viele Menschen gerade. Wird das durch Deltakron gefährdet?
Im Park den Frühling genießen - am besten ohne Sorgen, sich anzustecken. Diese Perspektive wünschen sich viele Menschen gerade. Wird das durch Deltakron gefährdet?Bild: Getty Images Europe / Andreas Rentz

Dennoch ist es zu früh, um klare Aussagen zu treffen, vor allem bezüglich der Gefahr, die von Deltakron ausgeht. Der Epidemiologe Ulrichs warnt im Gespräch mit watson vor Leichtsinn, vor allem hinsichtlich der geplanten Lockerung der Corona-Maßnahmen, denn die Frage sei in der Tat die Durchsetzungsfähigkeit der Deltakron-Variante. Und diese liegt seiner Ansicht nach nicht nur in den genetischen Eigenschaften der Variante begründet: "Je mehr Viren wir zurzeit zirkulieren lassen, desto mehr erhöhen wir das Risiko, dass sich solche Varianten weiterhin verbreiten." Er sieht durchaus beunruhigendes Potential in Deltakron: "Hohe Ansteckung wie bei Omikron, also wie zurzeit, und schwere Covid-19-Verläufe wie bei Delta, also wie in der dritten und vierten Welle – allein eine solche Möglichkeit sollte Grund genug sein, möglichst schnell flächendeckend zu impfen."

Immer noch der sicherste Schutz, egal vor welcher Coronavirus-Variante: Eine Impfung.
Immer noch der sicherste Schutz, egal vor welcher Coronavirus-Variante: Eine Impfung.Bild: dpa / Ronny Hartmann

Nicht ganz so alarmiert wirkt Etienne Simon-Lorière vom französischen Institut Pasteur. Er sagte in der "New York Times" laut dem "Spiegel", "das Genom von Deltakron deute nicht darauf hin, dass man in eine neue Phase der Pandemie eintrete: Das Spike-Protein, mit dem das Coronavirus an die menschlichen Zellen andockt, komme hauptsächlich von Omikron, der Rest des Genoms von Delta." Die gute Nachricht: ein bereits gegen Omikron aufgebauter Immunschutz, durch Infektion oder Impfung, sollte aufgrund der Ähnlichkeit in der Oberflächenstruktur beider Viren bestehen bleiben. Und da Deltakron auch Bestandteile von Delta enthält, könnten die zugelassenen Impfstoffe sogar wieder etwas besser wirken als bei Omikron.

Welchen Einfluss könnte die Rekombinante auf den weiteren Verlauf der Pandemie haben?

Müssen wir uns nun um den erhofften "freien Sommer" Sorgen machen? Zunächst nicht wegen Deltakron, meint Epidemiologe Ulrichs gegenüber watson: "Um den Sommer müssen wir uns vor allem deshalb sorgen machen, weil die Omikron-Welle wegen der BA.2-Untervariante und unserem fahrlässigem Verhalten mit Lockerungen sehr stark verbreitet wird und das Risiko besteht, dass wir nicht in eine Sommerentspannung gehen, sondern eine Plateauphase erleben mit konstant hohen Zahlen." Das bedeute möglicherweise eine hohe Zahl an Neuinfektionen, Krankenhauseinweisungen und sogar Todeszahlen, so Ulrichs, auf die dann eine Herbstwelle aufsetzen könnte. "Sollte sich aber Deltakron durchsetzen, was nicht sicher gesagt werden kann, hätten wir eine Situation wie vor etwa einem Jahr."

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