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Bild: Robert Haas / Simona Bednarek

Mit 16 filmte ein Mann Hanna unter den Rock – nun kämpft sie dafür, dass das strafbar wird

Sogenanntes Upskirting ist in Deutschland bislang nicht strafbar. Diese beiden Frauen wollen das ändern.

Hanna Seidel war mit einer Freundin und einem Freund auf einem Festival. Die jungen Frauen standen weit weg von der Bühne, es war nicht sonderlich voll. Da tippte eine der beiden Freundinnen Hanna plötzlich an: “Der Typ hat dir gerade unter den Rock gegriffen”. Hanna drehte sich um und sah gerade noch, wie der Mann seine Hand wegzog.

“Hast du mir gerade unter den Rock fotografiert?” Der Typ stritt das ab.

Aber Hanna hatte es gesehen. Und sie entdeckte Polizisten, die ein paar Meter weiter weg standen. Doch die konnten ihr leider nicht helfen. “Da können wir nichts machen”, sagten sie.

Voller Wut lief Hanna zurück und stellte den Typen erneut zur Rede: “Du löschst jetzt sofort die Fotos.” Auch der Typ wurde wütend. Er ging auf Hanna los – drohte, sie zu schlagen, erzählt sie heute über den Vorfall. Menschen, die um die beiden rumstanden, konnten Hanna schützen.

“Wenn du so einen Rock trägst, bist du auch selber schuld”, rief der Mann ihr zu.

Da war Hanna 16. Heute ist sie 28. Sie sagt: “In so einem Alter gesagt zu bekommen, dass man selber schuld ist, hat mich eine ganze Zeit lang total kaputt gemacht und belastet.” Längere Zeit hätte sie nur noch Hosen getragen oder Strumpfhosen. Es war der vierte Übergriff von Männern, den sie erlebt hatte. Als sie 13 war, hatte sie schon Lehrer erlebt, die auf einer Klassenfahrt solche Fotos gemacht hatten.

“Eigentlich liebe ich Männer”, sagt sie heute, “aber damals habe ich mich schon gefragt, ob ich mit Männern noch intim sein kann. Natürlich machen das nicht alle Männer, aber wenn es einem so oft passiert, fragt man sich das halt.”

Das, was Hanna damals passiert ist, nennt man Upskirting. Das heimliche Fotografieren unter den Rock einer anderen Person. Dieser Übergriff ist weit verbreitet. Auf Pornoseiten und in Internetforen finden sich unzählige Fotos davon. Dort stehen auch Tipps, wie man Frauen am besten dabei austrickst. Große Freude, wenn man möglichst viele solcher Bilder geschossen hat. Und die Frauen es gar nicht bemerkt haben.

Eindeutige Fälle von sexueller Beleidigung und Belästigung. Möchte man meinen. Doch Upskirting ist in Deutschland kein Straftatbestand. Daher haben auch die Polizisten in Hannas Fall damals nicht reagiert.

Hierzulande bestimmt zwar ein Paragraf das Verbot von solchen Aufnahmen, aber nur, wenn sie "in einer Wohnung oder einem gegen Einblick besonders geschützten Raum" aufgenommen werden und diese Aufnahmen dann an andere weitergegeben werden.

Sprich: auf der Straße, auf Rolltreppen, bei Konzerten – in diesen Orten erfüllen solche Aufnahmen keinen Straftatbestand.

Hanna möchte das ändern. Gemeinsam mit einer Bekannten, Ida Marie Sassenberg, hat die 28-Jährige eine Petition bei change.org gestartet: Die beiden Frauen möchten dafür sorgen, dass Upskirting – ähnlich wie gerade in England – zu einem expliziten Straftatbestand wird.

“Ich habe eigentlich gerade gar keine Zeit”, sagt Hanna, “aber eine vergleichbare Petition war in England erfolgreich. Das ist unsere Chance. Ich möchte, dass das nie wieder jemandem passiert.”

Was bei Upskirting besonders schlimm ist, sagt Hanna, ist, dass man es meist gar nicht mitkriege. Es gebe zwar Leute, die sagen, wenn man es nicht mitkriegt, ist es auch nicht schlimm, aber das sieht Hanna ganz anders: “Es ist unfassbar schlimm. Ich habe mittlerweile Angst, Rolltreppe zu fahren mit einem Rock, und zwar genau deswegen, weil ich es im Zweifel nicht merke. Es kann jederzeit und jedem passieren. Das ist das Ding: Es ist wie eine Krankheit, die du zufällig irgendwo einatmest und gegen die du dich nicht wehren kannst.”

Frauen werde so oft vermittelt, sie seien besonders in kurzen Röcken begehrenswert, aber wenn sie dann kurze Röcke tragen, würden sie bei solchen Übergriffen zu Schlampen gemacht, klagt Hanna.

“Ich habe Angst, dass auch mein Gesicht fotografiert wird und diese Bilder dann auf Pornoseiten landen. Und das dann vielleicht sogar Auswirkungen auf meine Karriere oder auf Beziehungen hat.”

Die Petition der beiden hat schon mehr als 20.000 Unterschriften gesammelt. Sie hoffen, dass auch der deutsche Gesetzgeber wie in England nachzieht und Upskirting in das Strafgesetzbuch aufnimmt: “Wir leben in einer Demokratie. Ich möchte mich anziehen, wie ich will. Ohne dass dabei mein intimster Bereich fotografiert wird.”

Hier findet ihr die Petition.

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    Alle Leser-Kommentare
  • beobachter 30.04.2019 12:11
    Highlight Highlight Schlimm, dass es da überhaupt einer Petition bedarf !!! Da ist doch die bisherige Gesetzgebung erkennbar nicht (mehr !?) ausreichend, also muss sie an geänderte Sitten (wenn man von "Sitten" überhaupt sprechen mag) angepasst werden. Idioten gibt es ...
    • Halunke76 30.04.2019 19:47
      Highlight Highlight Volle Zustimmung.

      Aber wehe du bezahlst dein Bußgeld o. ä. nicht.

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