Leben
Seit dem 20. April 2020 gilt in Sachsen eine Mundschutzpflicht im ÖPNV und in Geschäften. Die Stadt Leipzig und die Leipziger Verkehrsbetriebe luden deshalb zu einem Pressetermin, bei dem Masken an Mitarbeiter verteilt wurden. Die Polizeibehörde kontrolliert die Bahnsteige der Straßenbahn und Menschen gehen mit Mundschutz durch die Straßen. *** Since 20 April 2020, face masks have been compulsory in Saxony on public transport and in shops The city of Leipzig and the Leipzig public transport company therefore invited to a press event at which masks were distributed to employees The police authority inspects tram platforms and people walk through the streets wearing face masks

Ein Anblick, an den wir uns gewöhnen müssen, vermutlich auch nach dem Sommer: Menschen, die Mundschutz tragen. Bild: www.imago-images.de / ArcheoPix

Auch ohne Impfung: Drosten erklärt, wie wir glimpflich in den Winter kommen

Immer wieder kommt die Frage auf, was denn nun bei der Ausbreitung des Coronavirus eine Rolle spielt. Immer wieder ist auch von sogenannten Superspreadern die Rede, also Menschen, die besonders viele andere anstecken. Selbiges gilt für Situationen, in denen es zu vielen Ansteckungen kommen kann, etwa Großveranstaltungen wie Messen oder Festivals.

Ein bekanntes, gut untersuchtes Superspreader-Ereignis wäre etwa eine Chorprobe im US-Bundesstaat Washington. Dort steckte eine Person 52 weitere an. Auch im südkoreanischen Seoul kam es zu so einem Ereignis. Nachdem die Beschränkungen gelockert wurden, besuchte ein Mann mehrere Clubs in der Stadt.

Das Problem: Er wurde später positiv auf das Coronavirus getestet. Darauf suchten Beamte nach infizierten Kontaktpersonen und stießen auf mindestens 170 Menschen, die sich womöglich auch infizierten.

Solche Anhäufungen oder Cluster von Infektionen gab es auch in Deutschland, etwa nach einem Baptisten-Konzert in Frankfurt, nachdem sich wohl rund 200 Menschen mit dem Virus infizierten. Solche Vorfälle sind besonders gefährlich, ließen sich aber vermeiden, wenn von vornherein Personen identifiziert werden, die wesentlich infektiöser sind als andere. Und die deshalb etwa zehn weitere Personen anstecken, während andere Menschen das Virus nur auf eine übertragen.

Einen Superspreader ausfindig machen, reicht nicht

Allerdings sei das fast unmöglich, erklärt Virologe Christian Drosten im "NDR"-Podcast "Coronavirus Update". So handle es sich eher um Glück, einen Superspreader aufzuspüren. Möglich ist das etwa, wenn die Person bereits viele Menschen angesteckt hat und Infektionsketten zurückverfolgt werden. Das erfordert jedoch eine Menge PCR-Tests, was sich laut Drosten aktuell kaum umsetzen lasse.

Und selbst wenn diese Person identifiziert ist, ist es meist zu spät, "weil die Übertragung schon läuft". Sie habe bereits andere Menschen angesteckt. Das Infektionsgeschehen lässt sich dann also schwer unterbinden. Außerdem könnte sich unter den Neuinfizierten ein weiterer Superspreader befinden. Es würde also weitergehen. Man müsste einen hochinfektiösen Menschen also noch vor Ausbruch der Krankheit identifizeren, was laut Drosten nahezu unmöglich sei.

"Man sieht einem Superspreader nicht an der Nase an, dass er einer ist."

Christian Drosten ndr

Nicht alles schlecht

Das klingt zunächst zwar negativ, trotzdem bleibt Drosten optimistisch. So gab es in einer von ihm genannten Studie eine besonders wichtige Erkenntnis "die wir uns unbedingt in Deutschland auf die Fahne schreiben müssten". Das gelte besonders für künftige Entscheidungen bezüglich des Virus.

"Weil wir dieses Verhalten der Infektionen in Clustern haben, müssen wir verstärkt dazu übergehen, dass, wenn wir einen Fall entdeckt haben, dass wir uns sofort die Umgebung dieses Falls anschauen, hinsichtlich der Kontakte in letzter Zeit. Darauf müssen wir schauen, ob die Person in einem Cluster steckt, also in einem Superspreading-Event. Und wenn ja, muss man alle Person, die in dieser Situation gewesen sind, als infiziert betrachten und isolieren."

Christian Drosten ndr

Das geschehe sollte direkt und ohne PCR-Test geschehen. Im Nachhinein könne man das machen, aber dann auch nur aus der Quarantäne heraus. "Hier müssen wir die Strategie ändern", sagt Drosten. Deshalb wären Kontakt-Tracing-Apps sinnvoll. Dabei müsse die App eine Person aber ohne Umwege in Quarantäne schicken, sprich, sie soll einen Betroffenen von vorn herein sagen, dass sie infiziert ist und nicht erst zu einem Test auffordern.

Laut Drosten lohne es sich zudem, bei Verboten auf Situationen zu zielen, die sich zu einem Superspreading-Event entwickeln können. "Denn der Patient, der viele Menschen infiziert, ist nicht unbedingt deswegen so infektiös, weil er mehr Virus als andere hat." Das könne zwar sein, aber ein anderer Grund für viele Ansteckungen könnte auch eine Situation sein, in der er die Gelegenheit hat, viele Menschen zu infizieren. Schafft man also solche Situationen ab, wird das Risiko eingeschränkt. In dem Punkt gibt sich der Virologe optimistisch:

"Ich glaube, dass unsere Maßnahmen viele Superspreading-Events unterbinden"

Christian Drosten ndr

Auch Zeit spielt eine Rolle

In den aktuellen Lockerungen sieht er, zumindest in dem Punkt, keine große Gefahr. Natürlich gebe es Ausnahmen, bei denen man nachbessern muss, "weil man sich da sehr stark auf 1,5 Meter Abstand im Innenbereich verlassen hat". So einfach sei das laut Drosten nicht.

Einen Beleg dafür liefert auch die Chorprobe in Frankfurt: Trotz Abstandsregeln gab es einen heftigen Ausbruch. In solchen Momenten spiele auch die Zeit eine Rolle. "Im Raum mit vielen Leuten zehn Minuten verbringen ist was ganz Anderes als im selben Raum zwei Stunden zu sein", sagt Drosten.

Und dennoch: Risiko-Situationen seien durch die noch bestehenden Lockdown-Regelungen abgeschafft. Ganz am Ende macht Drosten noch einmal Mut.

"Ich glaube so langsam, dass wir ohne eine Impfung mit der Steuerung der Maßnahmen, glimpflich in den Winter kommen können"

Christian Drosten ndr

Dafür müssten wir lediglich genau hinschauen, wie wir unsere Maßnahmen nachjustierten, um Superspreading-Events zu vermeiden. Auslöser für diese Annahme sind die derzeitigen Fallzahlen in Japan. Demnach seien die Fälle dort rückläufig, obwohl die Corona-Maßnahmen deutlich weniger hart sind als in anderen Ländern.

So soll die Diagnostik gezielt darauf eingesetzt werden, Cluster zu identifizieren. Also Situationen, in denen es zu vielen Fällen kommen kann. Dadurch sei ein voller Lockdown nicht nötig, sondern nur kleine Beschränkungen. "Das müssen wir uns als Beispiel für die Zukunft nehmen", sagt Drosten.

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