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Eine Dosis soll beim Vakzin von Johnson & Johnson für den vollen Impfschutz reichen. Bild: iStockphoto / Sanja Radin

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EU lässt US-Impfstoff zu: Wie ein Experte das Johnson & Johnson-Vakzin bewertet

Astrazeneca, Moderna und Biontech/Pfizer – inzwischen sind die sperrigen Namen dieser Impfstoffhersteller wohl den meisten Menschen in Deutschland ein Begriff. Nun muss man sich einen vierten merken: Johnson & Johnson. Das Präparat des US-Herstellers Johnson & Johnson wurde heute durch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) als weiterer Covid-19-Impfstoff in der EU zugelassen.

Die EU-Kommission muss dieser Entscheidung noch zustimmen, was allerdings eher Formsache ist. Ebenjene Kommission hat bereits Impfdosen für 200 Millionen Menschen bestellt, davon würden 36,7 Millionen an Deutschland gehen. Auch wenn Kritiker noch daran zweifeln: Der Hersteller Johnson & Johnson sicherte zu, dass er dieses Auftragsvolumen erfüllen und ab April liefern könnte. Entwickelt wurde das Präparat übrigens in den Niederlanden vom Tochterunternehmen Janssen.

Aber was kann der neue Impfstoff? Und vor allem: Wird die Zulassung den Impfprozess in Deutschland nun merklich beschleunigen? Watson bat einen Epidemiologen um seine Einschätzung.

Wie funktioniert der Impfstoff von Johnson & Johnson?

Das Vakzin von Johnson & Johnson ist (wie das von Astrazeneca) ein sogenannter Vektorimpfstoff. Diese brauchen als Grundlage ein Virus, um Informationen in den Körper zu schleusen. Bei Johnson & Johnson ist es ein unschädlich gemachtes menschliches Schnupfenvirus. Das Virus enthält genetisches Material eines Oberflächenproteins, mit dem der Covid-19-Erreger Sars-CoV-2 an menschliche Zellen andockt. Die Körperzellen des Geimpften bilden mithilfe dieser "Bauanleitung" das Protein. Der Körper entwickelt daraufhin eine Immunantwort, bildet also Antikörper.

Die Präparate von Biontech/Pfizer und Moderna dagegen sind sogenannte mRNA-Impfstoffe. Hier gelangt die Bauanleitung für einen entschärften Covid-19-Erreger mithilfe winziger Fetttröpfchen in die Körperzellen. Diese stellen dann ebenfalls das Virusprotein her, gegen das der Körper seine Immunantwort entwickelt.

Was sind die Vorteile gegenüber Astrazeneca, Moderna und Biontech?

Das Vakzin von Johnson & Johnson ist den bislang in Deutschland zugelassenen Stoffen in einem Punkt deutlich überlegen, wie Epidemiologe Markus Scholz, Professor an der Universität Leipzig, gegenüber watson erklärt: "Der Vorteil des neuen Impfstoffes ist, dass er nur einmal verabreicht werden muss. Alle anderen in Deutschland zugelassenen Impfstoffe benötigen zwei Impfungen."

In vorherigen Studien experimentierte der Pharmariese Johnson & Johnson auch mit zwei Dosen im Abstand von 56 Tagen. In der Gruppe der 18- bis 55-Jährigen hatten jedoch etwa einen Monat nach der einmaligen Impfung laut Hersteller bereits über 90 Prozent der Teilnehmer neutralisierende Antikörper in höheren Konzentrationen im Blut. Der Konzern setzte daher auf eine Einmalgabe.

"Des Weiteren ist der Impfstoff in normalen Kühlschränken haltbar und somit einfacher verimpfbar", erklärt Scholz weiter, er lässt sich bei zwei bis acht Grad über Monate lagern. Andere Impfstoffe, wie die von Biontech und Moderna, müssen stark gekühlt gelagert werden, der von Biontech bei rund -70 Grad. Über entsprechende Gefrierschränke verfügen viele Hausärzte aber gar nicht, auch der Transport wird dadurch erschwert.

Und was sind die Nachteile?

Die vektorbasierten Modelle müssen sich den neuartigen mRNA-Impfstoffen in Hinsicht auf die Schutzwirkung leicht geschlagen geben: Der Impfstoff von Johnson & Johnson bietet laut US-Arzneimittelbehörde (FDA) einen 85-prozentigen Schutz vor schweren bis lebensbedrohlichen Covid-19-Verläufen – gemessen 28 Tage nach Verabreichung. Höher liegen die Ergebnisse bei den mRNA-Präparaten: So zeigte der Impfstoff von Biontech laut Studien der Unternehmen sieben Tage nach der zweiten Dosis eine Wirksamkeit von 95 Prozent.

Diese Zahlen sind allerdings mit Vorsicht zu genießen, so Scholz. "Ich gehe von einer ähnlichen Wirksamkeit der in Deutschland zugelassenen Impfstoffe aus", sagt er. "Bei allen Impfstoffen bestehen noch gewisse Unsicherheiten bezüglich der Wirksamkeit gegen die neuen Varianten sowie bezüglich der Dauer der Schutzwirkung."

"Aus den aktuell vorliegenden Daten lässt sich nicht ableiten, dass einer der Impfstoffe überlegen ist."

Epidemiologe Scholz

Einen qualitativen Nachteil sieht der Wissenschaftler nicht. So müsse keiner Johnson & Johnson ablehnen, nur weil sie oder er auf eine Biontech-Dosis hofft. Scholz sagt klar: "Aus den aktuell vorliegenden Daten lässt sich nicht ableiten, dass einer der Impfstoffe überlegen ist."

Auch die Nebenwirkungen aller Impfstoffe sind offenbar ähnlich: Dem RKI zufolge wurden Schmerzen an der Einstichstelle, Abgeschlagenheit, Kopf- und Gelenkschmerzen sowie Schüttelfrost am häufigsten beobachtet. Im Allgemeinen waren diese Nebenwirkungen aber schwach bis mäßig und klangen nach kurzer Zeit wieder ab.

Eine Vakzin-Dosis reicht bei Johnson & Johnson. Wie stark beschleunigt das die Durchimpfung?

Prinzipiell hilft der Johnson & Johnson-Impfstoff Deutschland so oder so weiter, sagt Scholz: "Aufgrund der aktuellen Knappheit an Impfstoffen verbessert jeder neu zugelassene die Situation." Besonders hilfreich wird aber sein, dass bei Johnson & Johnson nur eine Impfdosis verabreicht werden muss. "So können in gleicher Zeit mehr Menschen geschützt werden", erläutert Scholz den Zeitgewinn.

"Aufgrund der aktuellen Knappheit an Impfstoffen verbessert jeder neu zugelassene die Situation."

Epidemiologe Scholz

Seiner Meinung nach muss man sich aber gar nicht auf das Johnson & Johnson-Präparat versteifen, auch andere Vakzine helfen schon bei der Erstimpfung. "Es gibt Überlegungen, auch die anderen Impfstoffe zunächst nur einmal zu verimpfen, wie in Großbritannien, da dadurch schon ein gewisser Schutz besteht. Das könnte durchaus sinnvoll sein", so seine Einschätzung, "da der Zeitaspekt im Wettlauf mit der sich aufbauenden dritten Welle schon sehr wichtig ist."

Der neue Impfstoff lässt sich im normalen Kühlschrank lagern. Hilft das bei der flächendeckenden Impfung?

Wie schon erwähnt kann das Mittel von Johnson & Johnson im Kühlschrank lagern. "Das hat natürlich logistische Vorteile", erläutert Scholz. Auch hier geht es wieder um den Zeitfaktor, das Wettrennen der Impfungen gegen die Virus-Verbreitung. "Zum Beispiel ist eine Verimpfung beim Hausarzt dann leichter organisierbar als bei den Wirkstoffen, die eine -80 °C Lagerung erfordern", so der Epidemiologe.

Noch werden die Impfungen zumeist über die Zentren organisiert. Doch die Regierung plant, Impfungen nun ab Mitte bis Ende April auch über die deutschen Hausarztpraxen laufen zu lassen. "Dieser logistische Vorteil kann zu einer Beschleunigung der Durchimpfung beitragen, vorausgesetzt, dass genügend Impfstoff geliefert wird", so Scholz abschließend.

(jd mit Material der dpa)

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