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Spotify, Apple, Youtube: Wie Nazis über Streaming-Dienste Musik-Fans erreichen

Spotify gehört zu den größten Audio-Streaming-Anbietern. Wie auf jeder Plattformen herrscht aber auch hier ein Problem mit rechter Musik.
Spotify gehört zu den größten Audio-Streaming-Anbietern. Wie auf jeder Plattformen herrscht aber auch hier ein Problem mit rechter Musik.Bild: www.imago-images.de / imago images
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Spotify-Jahresrückblick: Wie Nazis über Streaming-Dienste Musik-Fans erreichen

29.11.2023, 17:1929.11.2023, 17:21
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Es ist wieder diese Zeit im Jahr: Auf Instagram füllen sich die Stories mit dem berühmten Spotify-Jahresrückblick. All die Lieblings-Songs, die ihr 2023 entdeckt habt, könnt ihr noch einmal aufleben lassen. Und in welchen Genres habt ihr euch dieses Jahr aufgehalten: Nu Jazz, Neo-Industrial, oder doch lieber Rechtsrock?

Letzteres bietet die App natürlich nicht als Genre an. Dennoch ist es weniger abwegig als man meinen könnte, die Musik dort zu hören. Es gibt Playlists auf Spotify, in denen sich gängige Rock-Bands mit rechter Musik vermischen. So kann man von Bands wie In Extremo oder ASP, die beide nichts mit rechten Ideologien zu tun haben, zu einem Musiker wie Sacha Korn geraten.

Auf dessen Profil findet sich unter anderem seine Interpretation der deutschen Nationalhymne – samt erster und zweiter Strophe.

Zuletzt ist etwa vor einem Jahr durch die Medien gegangen, dass rechte Musik auf Streaming-Diensten frei verfügbar ist. Neben Spotify betrifft das auch Deezer, Tidal, Soundcloud, Amazon Music oder Youtube Music.

Watson will wissen: Was hat sich inzwischen geändert?

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Spotify, Deezer, Soundcloud, Youtube: Bühne für rechte Musiker

Ist der Weg auf das Künstlerprofil von Sacha Korn erstmal gefunden, macht der Spotify-Algorithmus die nächsten Vorschläge: Frontalkraft oder Germanium, Stahlfaust oder Holsteiner Jungs. Den Beigeschmack, den die Namen hinterlassen, bestätigt die weitere Recherche:

Hinter den Holsteiner Jungs etwa verbirgt sich Kai Stüwe, früher Sänger von Freikorps – die wohl bekannteste Band der mittlerweile verbotenen Hammerskins-Bewegung. Stüwe gilt selbst als Mitgründer der Hammerskins in Schleswig-Holstein. Er ist 1999 aus der rechtsextremen Szene ausgestiegen, die Musik der Holsteiner Jungs von 1997 ist dennoch verfügbar.

Nicht nur Live-Events dienen der Verbreitung: Die rechte Szene ist längst digital.
Nicht nur Live-Events dienen der Verbreitung: Die rechte Szene ist längst digital.Bild: dpa / arifoto UG

Ohne großen Aufwand und teils allein durch die Vorschläge der App ließen sich diverse weitere Beispiele finden. Das Spektrum reicht von Deutschrock bis hin zu Black-Metal-Projekten wie Burzum, dessen Gründer Varg Vikernes den Nationalsozialismus gutheißt, aber auch Genres wie Hip-Hop sind betroffen.

Nach etwa 25 Treffern haben wir die Suche gestoppt, weil dies als erster Eindruck reichen sollte. Viele davon sind auf allen gängigen Plattformen zu finden. Handelt es sich in all diesen Fällen um rechtsradikale Musik?

Einstieg in den Extremismus: die Grauzone

An dieser Stelle muss man fair sein: Als das Thema zuletzt hochgekocht ist, sah die Situation drastischer aus. Dutzende extreme Bands, die in früheren Medienberichten als frei verfügbar genannt wurden, sind inzwischen gesperrt. Darunter Namen wie Hassgesang, Division Germania oder Sturmtruppen Skinheads. Die Musik hält, was die Namen versprechen.

Rechtsextremismus findet sich in der frei verfügbaren Musik mittlerweile weniger deutlich. Bei den verbliebenen Bands handelt es sich meist um solche, deren Ideologie zwar bekannt ist oder mitschwingt, deren Texte aber nicht explizit werden.

Dass die Band Frontalkraft etwa Verbindungen zur neonazistischen Szene hat, ist kein Geheimnis. Ihr Album "Nackte Nation" ist aber offenbar harmlos genug, um nicht von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert zu werden – dann müssten die Plattformen handeln.

Verfassungsschutz warnt: auch Graubereich gefährlich

Watson wollte vom Verfassungsschutz daher wissen, ob rechte Musik auch dann gefährlich ist, wenn entsprechendes Gedankengut nur durchschimmert.

Die Antwort:

"Sowohl offen als auch unterschwellig werden in Liedtexten rechtsextremistische Feindbilder und Ideologiefragmente verbreitet, Denkmuster geformt sowie ein Identitätsgefühl hervorgerufen." Besonders heikel sei dabei die Tatsache, dass die "Plattformen vor allem für Jugendliche und junge Erwachsene die am häufigsten genutzte Form des Musikkonsums darstellen."

"Sowohl offen als auch unterschwellig werden in Liedtexten rechtsextreme Feindbilder und Ideologiefragmente verbreitet."
Bundesamt für Verfassungsschutz

Dem würde wohl auch Rechtsrock-Experte Dr. Thorsten Hindrichs zustimmen, der bereits bei watson erklärte, dass dadurch nicht nur "Menschen mit Rechtsrock konfrontiert werden, die das gar nicht wollen und womöglich bereits von Rechtsextremismus betroffen sind." Rechte Musik könne dadurch zudem enttabuisiert werden. Hindrichs sieht die Plattformen deshalb in der Verantwortung für die Inhalte, die sie bieten.

Musik gehört zu den wichtigsten Einnahmequellen der rechten Szene.
Musik gehört zu den wichtigsten Einnahmequellen der rechten Szene.Bild: dpa / Sebastian Gollnow

Spotify versteht sich hingegen als unparteiische Plattform. Jedenfalls, solange die Musik nicht gegen die Richtlinien verstößt, die etwa gewalttätigen Extremismus verneinen. Aber wo ist die Grenze dorthin? Der Verfassungsschutz spricht sich gegenüber watson dafür aus, dass Melde-Optionen solcher Musik möglichst unkompliziert gestaltet sein sollten.

Was uns zur nächsten Frage führt: Wie leicht lässt sich die Musik melden?

Offen rechtsextreme Musik noch immer zu finden

Wie erwähnt, bewegen sich die meisten rechten Bands auf Streaming-Diensten in einer Grauzone. Ausnahmen gibt es dennoch: Schon 2020 hat der Verfassungsschutz für eine Sperrung der Band Übermensch plädiert. Die Gruppe ist jedoch bis heute auf den meisten Plattformen zu hören.

Der Bandname ist ein von Friedrich Nietzsche stammender Begriff, der jedoch von den Nazis im Dritten Reich instrumentalisiert wurde und dort auf die "Überlegenheit der deutschen Rasse" hindeuten sollte. Ein gutes Beispiel also, um einmal kurz die Melde-Option zu testen.

Musik melden auf Streaming-Diensten: Wie einfach ist es?

In ihrem Song "Heil dir!" rufen Übermensch die Bundesländer dazu auf, "treu zum Vaterlande" in den Kampf zu ziehen – mit Fahnen, "die uns alle zur Reinheit mahnen". Die Zeilen "Heil euch, ihr guten Kameraden, heil euch, weil ihr zur Heimat steht", sind frei zugänglich auf Youtube Music zu hören.

Das Video, das wir melden, wird innerhalb von zwei Wochen gesperrt. Die Melde-Option funktioniert, allerdings: Unter allen Plattformen scheint Youtube Music diejenige zu sein, auf der die meiste grenzüberschreitende Musik zu finden ist. Der Song bleibt über andere Kanäle weiterhin verfügbar. Hier müsste man fleißig melden, um gegen extremistische Musik vorzugehen.

iTunes, Spotify, Amazon Music: Wie leicht lässt sich Musik melden?
iTunes, Spotify, Amazon Music: Wie leicht lässt sich Musik melden?Bild: www.imago-images.de / Thomas Trutschel/photothek.net

Auf Spotify war das Lied vor mehreren Jahren ebenfalls noch zu finden. Inzwischen ist es gesperrt. Stattdessen ist watson auf den Übermensch-Song "Deutsches Herz" gestoßen. Mehr als eine halbe Million Mal wurden hier folgende Zeilen angehört:

"Es wurd' gelegt in deine Wiege,
es wurd' gelegt in deinen Schoß,
und du kannst es nicht beklagen,
weil es in deinem Herzen wohnt.
Das Gefühl, wieder zu werden,
was du einst gewesen bist:
ein nationaler Sozialist!"​

Einen Button, um Musik direkt zu melden, gibt es auf Spotify nicht. Stattdessen muss der Kunden-Service via Chat benachrichtigt werden. Auch hier mit Erfolg: Der Account "ÜBMNSH" mit über 10.000 monatlichen Hörer:innen ist gesperrt.

Anders sieht es wiederum auf Soundcloud aus: Auch hier ist der Song "Deutsches Herz" zu finden. Während diesmal zwar ein direkter Melde-Button vorhanden ist und der Anbieter schnell reagiert, sieht die Antwort folgendermaßen aus:

"Nachdem wir diesen Inhalt überprüft haben, teilen wir Ihnen mit, dass er nicht gegen unsere Nutzungsbedingungen verstößt."

Nazi-Musik auf Streaming-Diensten: Eine Bilanz

Was hat sich im Laufe eines Jahres geändert? Extremfälle wie die Band Übermensch, die ihre rechtsradikale Haltung klar vermitteln, waren vor einiger Zeit noch häufiger zu finden und bilden inzwischen die Ausnahme. Dennoch tauchen sie auf. Diese zu melden, führt teils zur Sperrung, teils ist der Vorgang mit Hürden verbunden.

Frei verfügbar bleiben auf jeder Plattform diverse Bands, die der rechten Szene angehören, sich aber in einer textlichen Grauzone bewegen. Hieran wird sich nichts ändern, solange die Dienste sich als unparteiisch verstehen und nicht weiter einschreiten.

Als Unternehmen haben sie das Recht dazu. Genauso legitim ist es, anzumerken, dass im herkömmlichen Musikgeschäft oder Radio Rechtsrock nie etwas zu suchen hatte.

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