Die 17-jährige Dilan S. wurde Opfer eines rassistisch motivierten Angriffs.
Die 17-jährige Dilan S. wurde Opfer eines rassistisch motivierten Angriffs. instagram/dilan sözeri
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Nach brutaler Attacke in Berlin: Junge Frau meldet sich selbst zu Wort

15.02.2022, 10:35

Die 17-jährige Berlinerin Dilan S. wurde am vergangenen Samstag an einer Berliner Straßenbahnhaltestelle von mehreren Erwachsenen so schwer zusammengeschlagen, dass sie ins Krankenhaus musste. Viele Medien zitierten zunächst bei der Berichterstattung über die Gewalttat die Pressemitteilung der Polizei, in der es es auch um ein mögliches Motiv ging: Die Täter hätten zugeschlagen, weil die Schülerin keine Maske getragen habe und ein Streit darüber eskaliert sei, hieß es da. Am Dienstag wendete sich das Opfer selbst an die Öffentlichkeit und postete aus dem Krankenhaus ein Video bei Instagram, in dem sie erklärte, sehr wohl eine Maske getragen zu haben. Der Angriff sei erfolgt, nachdem sie rassistisch beleidigt worden war.

Die Auswertung von Beweismaterial durch die Polizei betätigt ihre Aussagen. Die Polizei korrigierte am Mittwochabend den eigenen Bericht. In Videoaufnahmen aus den Kameras in der Trambahn ist die junge Frau eindeutig mit Maske zu erkennen. Es wird klar: Der Angriff, ohnehin in seiner Brutalität schon schwer zu fassen, war rassistisch motiviert.

In ihrem knapp 10-minütigen Video erzählt die gebürtige Berlinerin, wie sie von einer Gruppe von sechs Frauen und Männern zunächst rassistisch beleidigt und anschließend angegriffen wurde. Eine Solidaritätswelle rollte daraufhin durch Twitter und Instagram. Viele reichweitenstarke Accounts teilten Dilans Geschichte.

Watson hat mit Dilan über ihre Zeit seit dem Angriff und mangelnde Zivilcourage gesprochen.

watson: Dilan, wie hast du die letzten Tage wahrgenommen?

Dilan: Mein Video ist überraschend schnell viral gegangen und daher habe ich sehr viele Nachrichten in den sozialen Netzwerken erhalten. Die meisten sprechen mir Mut zu. Klar, es sind auch ein paar Hassnachrichten dabei, aber wirklich wenige und die ignoriere ich einfach. Der Clip wurde gestern Abend zwischenzeitig noch gelöscht. Kurz vorm Schlafengehen habe ich dann nochmal richtig Panik bekommen. Aber zum Glück ist er jetzt wieder online. Bis dahin hatten schon viele große Accounts mein Statement in ihren Instagram-Stories geteilt und das war dann alles weg.

Diese Falschmeldung aus dem ersten Polizeibericht wurde am Sonntag von mehreren Medienhäusern verbreitet. Der rbb hat mittlerweile eine Korrektur veröffentlicht.
Diese Falschmeldung aus dem ersten Polizeibericht wurde am Sonntag von mehreren Medienhäusern verbreitet. Der rbb hat mittlerweile eine Korrektur veröffentlicht.rbb

Warum hast du das Statement hochgeladen?

Ich wusste mir einfach nicht anders zu helfen. Deshalb war ich komplett am Boden, als das Video plötzlich weg war. Ich bin seit der Veröffentlichung nur am Handy, um alle Anfragen zu beantworten. Die ganze Aufmerksamkeit ist für mich nicht selbstverständlich und auf einmal war alles weg, die ganze Arbeit. Ich habe ja auch zwei Tage gebraucht, um das Video überhaupt zu drehen und zu schneiden, weil ich dauernd in Tränen ausgebrochen bin. Ich wollte nicht ein Video hochladen, in dem ich die ganze Zeit nicht reden kann und nur rumheule. Um mich abzulenken und nicht in Selbstmitleid zu verfallen, bin ich deshalb am Mittwoch wieder in die Schule gegangen. Das war aber keine gute Idee, weil mein Körper einfach noch extrem schwach ist. Es ist schwer für mich, auf den Beinen zu stehen. Ich kann wieder laufen, Gott sei dank. Im Krankenhaus bin ich auch nur im Rollstuhl herumgefahren worden.

Das Statement-Video von Dilan hat am Donnerstagmorgen über 7 Millionen Klicks und wurde dann gelöscht. Auch ihr Instagram-Account ist derzeit gesperrt.

Welche Verletzungen hast du von dem Angriff davon getragen?

Ich hatte ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma, ein Bauch-Trauma, eine Gehirnerschütterung, Prellungen und viele blaue Flecke auf dem gesamten Körper verteilt. Aber ich bin auch mental und psychisch angegriffen worden: Diese Gesichter sehe ich jedes Mal vor mir, wenn ich meine Augen schließe. Vor allem das Lachen des einen Mannes kann ich einfach nicht vergessen. Wenn ich alleine bin, dann weine ich, weil ich mir nicht anders zu helfen weiß.

Kannst du schildern, wie sich der eigentliche Angriff abgespielt hat?

Ich war ja mit drei Personen bereits in der Bahn in Konflikt geraten. Als sie mir nach dem Aussteigen hinterher rannten, um mich anzugreifen, sind auf einmal noch mehrere Personen dazu gekommen. Ob die nun alle zusammen gehörten, kann ich gar nicht sagen. Ich kann mich nicht daran erinnern, woher sie kamen. Ich habe nur mitbekommen, dass auf einmal aus drei Leuten sechs wurden, die einen Kreis um mich herum gebildet haben und von jeder Seite auf mich eingeredet wurde.

Und dann ist diese eine Frau mit einer extrem aggressiven Haltung auf mich zugekommen und fängt an, nach mir zu treten und mit dem Finger auf mein Gesicht zu zeigen. Sie sagte, ich sei ein 'Dreckiges Miststück' und dass ich 'Drecksausländerin' erstmal meine Maske anziehen solle. Dabei waren wir zu dem Zeitpunkt bereits draußen am Bahnsteig an der frischen Luft, weshalb ich meine Maske unter das Kinn gelegt hatte. Dann hat mir die Frau aus dem Nichts ins Gesicht gefasst und wollte mir wohl die Maske hochziehen. Stattdessen hat sie sie zerrissen. Kurz danach kam eine der anderen danebenstehenden Frauen und fing an, mich zu treten.

Auch Lesenswert: Warum es im Fall Dilan S. wieder einmal an Zivilcourage mangelte

Warum glaubst du, hat die Polizei die Situation mit der Maske falsch in den Bericht geschrieben?

Das kann ich mir wirklich nicht erklären und war total schockiert, wie das verdreht wurde. Selbst wenn ich keine Maske in der Bahn getragen hätte, wäre das keine Entschuldigung, mich zu verprügeln. Mittlerweile gibt es einen neuen Pressebericht der Polizei, der eindeutig bestätigt, dass ich in der Tram eine Maske trug. Die Videoüberwachung zeigt das eindeutig.

Sieht man auch den Angriff auf den Kameras?

Das weiß ich leider nicht. Es ist draußen an der Haltestelle passiert, aber die Straßenbahn stand noch daneben. Es kann sein, dass die Kameras aus den fenstern heraus gefilmt haben. Ich befürchte aber eher nicht. Leider.

Die Täterinnen und Täter ziehen dann zügig ab, wie in dem Video zu sehen ist. Wer hat die Polizei gerufen?

Obwohl die Station voll war und auch auf der gegenüberliegenden Seite viele Menschen standen, hat niemand geholfen. Es waren so viele Leute da. Das Video war ursprünglich 20 Minuten lang, aber weil ich wusste, niemand wird sich das lange Video anschauen, habe ich das versucht zu kürzen und den kompletten Teil mit der Suche nach Zeugen rausgenommen. Es war schlussendlich so, dass ich selbst die Polizei gerufen habe. Ich hatte ja kurz vor der Attacke meine Mutter am Telefon, die einen Teil mitbekommen hat. Kurz darauf hatte ich meinen Vater dran, der hat geschrien: Wo bist du, ruf die Polizei! Ich habe daran gar nicht gedacht.

"Das Lachen dieses Mannes und das hasserfüllte Gesicht kann ich einfach nicht vergessen. Ich habe Alpträume, wie er mich angesehen hat."

Das Telefonat mit der Wache dauerte auch nur wenige Sekunden. Ich konnte erst gar nichts sagen, ich stand so unter Schock. Ich habe dann geschildert, dass ich an der Greifswalder Straße stehe und angegriffen wurde. Ich habe geweint und bin zusammengebrochen. Dann habe ich gesehen, dass eine sehr, sehr liebe und ruhige Dame von der anderen Straßenseite zu mir gekommen ist und mich gefragt hat, ob ich eine Zeugin brauche. Und da ist mir eingefallen: Ich brauche dringend Zeugen! Die Frau hat der Polizei am Telefon dann erklärt, wo sie hinkommen sollen und was passiert ist.

Der Ablauf der Ereignisse zusammengefasstinstagram/funk

Hast du Zeugen gefunden?

Auf meiner Seite der Straßenschienen war gerade eine Tram abgefahren, weshalb alle Leute weg waren. Deshalb bin ich schnell zur anderen Seite gelaufen, weil dort auch gerade die Bahn einfuhr und habe laut geschrien: "Wer kann mir eine Zeugenaussage machen? Wer kann mir helfen?" Aber niemand, wirklich niemand hat irgendwie was gesagt. Ich musste mir anhören, man habe nichts gesehen. Menschen, die man auf dem Video sieht, sagten das zu mir! Einer meinte, er hätte Probleme mit dem Knie und deswegen nicht geholfen. Auf die Frage, warum er nicht die Polizei gerufen habe, zuckte er nur mit den Schultern.

Ein weiterer Mann hat mich ausgelacht und als billiges Miststück beleidigt wurde ich auch. Einen habe ich wirklich angebettelt, habe meine Hände zusammengedrückt und wäre fast auf die Knie gegangen. Ich habe geweint und ihn um Hilfe gebeten, dass er mir seine Personalien gibt. Er murmelte was von Datenschutz, woraufhin ich erwiderte, dass ich die Angaben nicht an die Polizei weitergeben würde. Als er erneut abwinkte, sagte ich aus der Verzweiflung heraus, dass unterlassene Hilfeleistung auch eine Straftat sei und was er machen würde, wenn das seiner Tochter passieren würde. Er ging trotzdem weg. Irgendwann hat er seine Daten dann trotzdem der Polizei gegeben, die mittlerweile angekommen war.

Was hat die Polizei vor Ort gemacht?

Die war recht schnell da und tatsächlich ermitteln die wohl auch wegen unterlassener Hilfeleistung gegen den Mann. Ich verstehe total, dass Leute Angst hatten, einzugreifen. Aber das mindeste, was man tun kann, ist doch eine Zeugenaussage im Nachhinein. Das Lachen dieses Mannes und das hasserfüllte Gesicht kann ich einfach nicht vergessen. Ich habe Alpträume, wie er mich angesehen hat. ( Dilan stockt) Wenn ich darüber rede, kommen mir die Tränen in die Augen.

Konnten die Täter schon gefasst werden?

Sie werden auf jeden Fall gesucht, soweit ich weiß. Ich habe die Videos vom Tatort den Beamten gezeigt und ein Polizist hat einen der Männer wiedererkannt. Und dann stand in der Presse, dass danach drei oder vier Verdächtige in einer Kneipe festgenommen wurden. Sie waren wohl alkoholisiert und passten auf die Beschreibung. Sie stritten die Tat allerdings ab und wurden wieder gehen gelassen. Wie das mit den ganzen Ermittlungen ist, weiß ich nicht, weil die Polizei mir erstmal nichts sagen darf oder kann.

"Du musst dir vorstellen, ich habe die Menschen anflehen müssen, mir zu helfen. Wenn ich darüber nachdenke, komme ich mir echt dumm vor. Ich schäme mich dafür, obwohl ich mich dafür gar nicht schämen muss."

Durch mein Video bei Social Media habe ich allerdings so viel Neues erfahren. Mir haben Leute aus der Bar geschrieben, in der die Täter aufgegriffen wurden. Ich kenne jetzt einige Namen. Ich habe einfach selbst mehr herausgefunden als die Polizei. Echt traurig, wie lange das dauert.

Hast du den Krankenwagen auch selbst gerufen?

Das war etwas komisch und zwar haben die Beamten gesehen, dass es mir nicht gut geht. Aber sie haben mich erst gefragt, ob ich einen Krankenwagen brauche. Als ich schon am Umkippen war, habe ich das noch mit 'Ja' beatwortet. Zu dem Zeitpunkt war schon mein Vater da, der direkt hergeeilt war.

Hast du vor dieser Tat schon einmal ähnliche Erfahrungen gemacht?

Leider ja. Natürlich nicht in diesem Ausmaß, aber ich bin schon oft frauenfeindlich und rassistisch angegangen worden. Ich habe schon bei Projekten mitgemacht, bei denen wir Filme gedreht und Plakate aufgehängt haben zum Thema Rassismus und Frauenhass. Also ich habe mich schon ganz oft eingesetzt, weil es immer noch für viele Menschen zum Alltag gehört. Bei Freunden bekomme ich solche Sachen auch regelmäßig mit. Für mich war es das erste Mal, dass ich angegriffen worden bin und dass es wirklich so ausgeartet ist. Sonst war das immer nur eine kurze Auseinandersetzung.

Hat die Tat deine Sicht auf unsere Gesellschaft verändert?

Auf jeden Fall! Ich habe auch zur Polizei gesagt, dass ich den Glauben an die Menschheit verloren habe. Ich kann mir so vieles einfach nicht erklären, was an diesem Tag passiert ist. Erst einmal, dass diese Menschen mich grundlos angegriffen haben. Das schockiert mich noch immer. Aber was ich noch viel schlimmer finde, ist, dass mir niemand geholfen hat. Du musst dir vorstellen, ich habe die Menschen anflehen müssen, mir zu helfen. Wenn ich darüber nachdenke, komme ich mir echt dumm vor. Ich schäme mich dafür, obwohl ich mich dafür gar nicht schämen muss. Ich habe diesen Kreis, der sich um mich gebildet hat, als Helfer wahrgenommen, habe diese Leute angesprochen. Stattdessen wurde ich beleidigt und ausgelacht. Und das finde ich viel schlimmer.

"Wenn du in Deutschland wohnst, bist du kein Ausländer, weil du dich entschieden hast, hier zu leben. Ich würde mir wünschen, dass dieses Wort generell aus unserem Sprachgebrauch verschwindet."

Zu meiner Familie habe ich gesagt: Mir geht es gut und den Krankenhausaufenthalt überstehe ich auch ohne Folgeschäden. Ich bin jetzt eine Weile krank und kann nicht gut lernen für die Schule. Das überstehe ich schon. Aber viel schlimmer finde ich, dass ich jetzt mit diesem Gefühl der Hilflosigkeit leben muss. Ich war wie ein kleiner Wurm, der gerade von einer Schar Vögel aufgefressen wird.

Du bist in Deutschland geboren und hast einen deutschen Pass. Trotzdem bezeichnest du dich als "Ausländerin" in der Bildunterschrift deines Videos. Woher kommt das?

Mein Vater ist Kurde und meine Mutter ist Deutsche. Ich bin bei meinem Vater aufgewachsen und in unserer Kultur ist es so: Das, was mein Vater ist, das bin ich. Sprich: Ich sehe mich nicht als Deutsche und sage auch nicht, dass ich Deutsche bin. Ich sage eher, ich bin Kurdin. Klar, auf dem Papier bin ich Deutsche, aber zur Hälfte eben auch Kurdin. Und es besteht kein Zweifel, dass ich deswegen angegriffen wurde, weil sie mich aufgrund meines Aussehens für eine Ausländerin hielten. Meiner Meinung nach ist es so: Wenn du in Deutschland wohnst, bist du kein Ausländer, weil du dich entschieden hast, hier zu leben. Ich würde mir wünschen, dass dieses Wort generell aus unserem Sprachgebrauch verschwindet.

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