Ricardo Lange Intensivpfleger
Ricardo Lange ist Intensivpfleger, Buchautor und Kritiker des überlasteten Gesundheitssystems.Bild: instagram/pfleger.ricardo
Gesundheit & Psyche

Pfleger Ricardo Lange enttäuscht von Karl Lauterbach: "Sitzt da und twittert was von Affenpocken"

02.06.2022, 14:5702.06.2022, 15:01

Überlastet, übermüdet, unterbezahlt – die Pflegekräfte in Deutschland sind es leid, den Sparkurs im Gesundheitswesen auszubaden. Tausende verlassen den Beruf vollständig, was den Personalnotstand in Kliniken und Heimen weiter verschärft, andere gehen nun zum Protest auf die Straße. Seit gut einem Monat kommt es in zahlreichen Bundesländern zu Streiks und Demonstrationen unter professionell Pflegenden. Doch richtig zuzuhören scheint ihnen keiner.

Die Pandemie hatte zwar für einen kurzen Moment das Scheinwerferlicht auf die Pflegekräfte gerichtet, aber: Was jetzt? Sind deren Probleme nun weg – oder nur die öffentliche Aufmerksamkeit? Letzteres, sagt Ricardo Lange. Der Intensivpfleger fordert seit Jahren einen Strukturwandel im Gesundheitswesen. Für watson sprachen wir mit dem Berliner über Karl Lauterbach (SPD), weit verbreitete "Krankenhaus-Keime" und Streikbrecher unter Pflegekräften.

Er sagt:

"Es herrscht extrem viel Frust unter den Pflegekräften, weil sich nach Corona gar nichts getan hat."

watson: Die Pandemie ist gefühlt für beendet erklärt worden, viele Deutsche wollen zum Thema nichts mehr hören. Aber: Wie ist die Stimmung unter den Pflegekräften?

Ricardo Lange: Die Stimmung unter den professionell Pflegenden ist weiter schlecht und wird immer schlechter. Selbst in den Zeitarbeits-Firmen merkt man, wie viele Leute mittlerweile den Job hinschmeißen und etwas komplett anderes machen, raus aufs Land ziehen. Es herrscht extrem viel Frust unter den Pflegekräften, weil sich nach Corona eben gar nichts getan hat.

Seit über vier Wochen wird an deutschen Kliniken gestreikt. Doch viele Pfleger bemängeln, dass ihr Protest zu wenig wahrgenommen wird. Sowohl von den Medien als auch von der Politik. Warum fehlt die Wucht?

Weil wir im Gesundheitswesen mit unserer Mehr-Arbeit verschleiern, wie es tatsächlich um die Kliniken steht und auch im Streik immer Kollegen zur Stelle sind, um die niedergelegte Arbeit aufzufangen, die sich emotional erpressen lassen, einzuspringen. Wir geben 200 Prozent und dadurch denken Außenstehende: "Na, so schlimm ist es ja gar nicht." Weil jeder Mitarbeiter sich wirklich den Arsch aufreißt, damit der Laden läuft und der Patient so wenig wie möglich darunter leidet. Wenn die Bahn streikt, kommen tausende Menschen morgens nicht zur Arbeit, das merkt die Bevölkerung, so setzt sich die Gewerkschaft durch. Aber niemand wird einen Patienten sterben lassen, um seinen Standpunkt klarzumachen. Ich sage trotzdem: Wir müssen die Arbeit niederlegen und Patienten zumindest auch mal alleine lassen. Wir dürfen diese Probleme, die sich sonst nur weiter verschlimmern, nicht mehr verschleiern.

Den Patienten einfach alleine lassen. Das klingt hart.

Natürlich, das hören die Leute auch nicht gerne. Aber Schuld daran, dass wir in dieser Lage stecken, sind nicht die Pfleger. Auch wir dürfen sagen: "Stopp! Ich bin Arbeitnehmer und habe heute frei." Es ist nicht unsere Aufgabe in unserer Freizeit dafür zu sorgen, dass alle Patienten versorgt werden können oder den Dienstplan abzudecken. Das ist Aufgabe der Klinik und letztlich auch der Politik. Und solange alles irgendwie doch noch läuft – und zwar auf unsere Kosten –, wird es so weiter gehen.

Zahlreiche Menschen nehmen an einer Demonstration von Pflegekräften teil. Einen Monat dauern die Streiks der Beschäftigten an sechs Unikliniken in Nordrhein-Westfalen im Kampf um einen Tarifvertrag En ...
In NRW streiken die Beschäftigten von sechs Unikliniken seit etwa einem Monat (Aufnahme vom 01. Juni 2022). Bild: dpa / Christian Knieps

Und die Kollegen, die streiken, stehen blöd da.

Zum Teil erhalten Streikende dumme Kommentare von Kollegen, weil sie nicht zur Arbeit gehen. Ihnen wird vorgeworfen, sie seien unkollegial. Dabei darf man nicht vergessen, dass viele der Mitarbeitenden, die jetzt auf die Straße gehen, nicht einmal in der Gewerkschaft sind und für diese Tage kein Geld bekommen. Sie opfern nicht nur ihre Kraft, sondern werden auch finanziell benachteiligt, um für ihren Berufsstand und die Patienten bessere Rahmenbedingungen in der Zukunft zu erkämpfen. Ich sage: Wer sich nicht daran beteiligt, der ist unkollegial. Wer immer wieder "Ja" sagt, sorgt dafür, dass sich nichts ändert und macht sich mitschuldig an der Verschleierung unseres Notstands.

"Wenn die Bahn streikt, kommen tausende Menschen morgens nicht zur Arbeit. (...) Aber niemand wird einen Patienten sterben lassen, um seinen Punkt durchzusetzen."

Bezieht sich deine Wut auch auf die Politik?

Also wer mich echt enttäuscht, ist unser Gesundheitsminister Karl Lauterbach. Erst letztens hat er getwittert, dass er mal in einer Uniklinik war, um sich zur Lage der Pflegekräften zu informieren. Also wenn Herr Lauterbach heute – nach zwei Jahren Pandemie – noch nicht genau weiß, was das Problem ist und sich erstmal ein Bild machen muss, weiß ich auch nicht mehr. Anstatt sich um die dringenden Fragen zu kümmern, sitzt er da und twittert was über Affenpocken, bei denen wir zweistellige Infektionszahlen in Deutschland haben. Über den wahren Endgegner in unserem Gesundheitswesen redet er nicht.

Welcher wäre das?

Multiresistente Keime. Die Regierung redet immer davon, dass sie für die nächsten Pandemien gewappnet sein will. Aber da läuft eine Infektion im Hintergrund, die jährlich tausende Menschen das Leben kostet (Anm. d. Red. Laut RKI jährlich 10.000 bis 20.000 Todesfälle in Deutschland).

Wie äußern sich diese "Krankenhaus-Keime"?

Ein guter Freund von mir zum Beispiel wurde vor kurzem am Bein operiert, weil es gebrochen war. Normalerweise braucht das drei Tage, dann bist du wieder zu Hause. Bei ihm wurden daraus zwei Monate, in denen er mehrere Male operiert werden musste, weil seine Wunde sich mit einem Keim infiziert hat. Man musste ihm immer mehr befallenes Gewebe am Bein wegschneiden. Letztlich wurde ein Muskelstrang aus dem Oberschenkel in den Fuß verpflanzt, um den überhaupt noch zu retten. Der ist Mitte 30, sportlich, raucht nicht, hat keinerlei Vorerkrankung. Es gibt aber genug Leute, die nicht so ein gutes Immunsystem haben und das nicht wegstecken. Es gibt Menschen, die daran sterben.

Wie verbreitet sind diese Keime?

Ich kenne eigentlich keine einzige Station, wo nicht irgendjemand gerade in Isolation ist, weil ein Patient dort multiresistente Keime hat. Es ist auch keine Seltenheit, dass Menschen einen Keim abbekommen, während sie ein künstliches Knie oder eine künstliche Hüfte bekommen und dann muss es ihnen später wieder herausgenommen werden, bis die Infektion ausgeheilt ist. Dann liegen sie im Anschluss wochenlang immobil im Krankenhaus, das belastet ihren Körper und übrigens auch die Krankenkassen.

"Die Regierung redet immer davon, dass sie für die nächsten Pandemien gewappnet sein will. Aber da läuft eine Infektion im Hintergrund, die jährlich tausende Menschen das Leben kostet."

Woher weiß man denn, ob jemand einen multiresistenten Keim hat?

Wenn ein Patient auf die Intensivstation kommt, wird einmal ein Nase-, Rachen- und Rektalabstrich zur Prüfung gemacht, ob dieser Mensch irgendwelche Keime, vor allem multiresistente mitbringt. Bis das Ergebnis aus dem Labor da ist, dauert es zwei bis vier Tage.

Vier Tage. Das ist spät.

Exakt. Dann heißt es: "Oh Scheiße, der Patient muss isoliert werden." Allerdings hat er in diesen Tagen zumeist mit einem anderen Patienten in einem Zwei-Bettzimmer gelegen, wurde von Ärzten behandelt, von Pflegekräften gewaschen und Physiotherapeuten betreut. Jeder, der mit ihm in Kontakt war, hat den Keim unter Umständen bereits weitergetragen, das Gesundheitspersonal wird aber nicht isoliert. Wir reden immer nur von der nächsten Corona-Welle im Herbst und neuen Infektionen, dabei hat sich diese schon längst im Krankenhaus breitgemacht. Trotzdem forscht die Pharmaindustrie kaum an neuen Antibiotika. Warum thematisiert Lauterbach das nicht?

Du klingst wirklich enttäuscht vom Gesundheitsminister.

Karl Lauterbach springt von jedem medienwirksamen Thema zum nächsten. Letztens hat er in einem Tweet über Spürhunde geredet, die an Flughäfen Corona-Infizierte erkennen können. Da habe ich mich echt gefragt: Ist der Typ noch zu retten? Da macht er sich um Spürhunde einen Kopf! Der soll sich einen Kopf um gesundheitspolitisch relevante Themen machen, die uns hier jeden Tag betreffen. Warum redet er bei Lanz nicht mal darüber, wie viele Menschen am Personalmangel zugrunde gehen? Er präsentiert sich doch als einen Mann der Zahl, einen Mann der Wissenschaft – warum spricht er nicht aus, wie tödlich Personalmangel in Kliniken sein kann?

"Der Personalmangel ist tödlich." Kannst du das ausführen?

Es gibt zahlreiche Untersuchungen, die belegen, dass ein hoher Pflegeschlüssel das Sterberisiko der Patienten senkt (Anm.d.Red. zum Beispiel hier, hier und hier). Unterm Strich wird deutlich: Je weniger Pflegekräfte pro Schicht zur Verfügung stehen, desto höher ist die Gefahr für "Krankenhaus-Keime", für Blutvergiftungen, für kritische Zwischenfälle, die nicht rechtzeitig erkannt werden. Die Aufmerksamkeit der Pfleger verteilt sich auf zu viele Patienten. Darüber sollte Herr Lauterbach endlich reden und dann vor allem entsprechend handeln.

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