Virologe Alexander Kekulé warnt vor leichtfertiger Lockerung ohne Schutzmaßrahmenkonzept. (Symbolbild)
Virologe Alexander Kekulé warnt vor leichtfertiger Lockerung ohne Schutzmaßrahmenkonzept. (Symbolbild)Bild: Eventpress Stauffenberg / Eventpress Stauffenberg

"Brandgefährlich": Virologe Kekulé warnt vor Corona-Strategie der Bundesregierung

07.05.2020, 16:15

Deutschland macht auf. Immer mehr Länder werden Geschäfte, Kneipen (wahlweise Biergärten), Schulen und Kitas, Hotels, kurz weite Teile des öffentlichen Lebens, öffnen wieder. Sinkende Infektionszahlen und niedrige Reproduktionszahl, dazu Druck aus Wirtschaft und Gesellschaft öffnen Türen, die für sieben Wochen verschlossen waren.

Bei Bedarf, sprich, wenn die Zahlen steigen, sollen selbige wieder zugehen, heißt es aus der Politik. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) nannte das am Dienstag eine "atmende Strategie", andere sprechen von Eingriffen in Intervallen oder "Beschleunigen und Bremsen".

Der Virologe Alexander Kekulé hält diese Strategie für gefährlich. In einem Gastbeitrag für "Zeit Online" schreibt der Forscher am Mittwoch: "Das Konzept der Eingriffe in Intervallen ist brandgefährlich."

So begründet Kekulé sein Urteil:

  • Sars-CoV-2 werde "noch über Monate oder Jahre" auf der Erde umgehen, wobei die Infektionszahlen je nach Jahreszeit entweder steigen oder sinken werden. Im Moment wird auf der Nordhalbkugel das Wetter warm, dafür geht die Südhalbkugel dem Winter entgegen. Heißt für Kekulé: Bei uns sinken die Zahlen, im Süden werden sie steigen.
  • Einen Impfstoff oder gar Herdenimmunität werde es bis zum Herbst nicht geben, auch kein Medikament. Aussichtsreiche Kandidaten wie Remdesivir helfen nur bei frühzeitigem Einsatz und ob sie Schwerkranken helfen, sei "völlig offen". Impfstoffe, sollten sie zur Verfügung stehen, müssten zudem hergestellt werden. Hier geht Kekulé davon aus, dass die produzierenden Länder erst "eigenen Bedarf decken" werden. Sollten etwa die USA etwa einen Impfstoff finden, werden sie ihn demnach nicht gleich an Europa verkaufen.
  • Und auch dann müssten erst aufwendige Impfkampagnen anlaufen. Das dauert Jahre, wie der Virologe schreibt. Zu lange, um zugleich bei Bedarf zu beschleunigen (Lockerungen) oder zu bremsen (Lockdown). Der Zeitraum lasse sich angesichts wirtschaftlicher, sozialer, politischer und gesundheitlicher Kollateralschäden nicht überbrücken.

Im nächsten Schritt geht der Virologe weiter und nennt das Konzept der Eingriffe in Intervallen "im Hinblick auf die unmittelbaren Gesundheitsfolgen hochriskant". Gerade die Öffnung von Kitas und Schulen sei "zwangsläufig" mit einer erneuten Ausbreitung des Virus verbunden, denn:

  • Erkenntnisse über die Spanischen Grippe von 1918 und chinesische Untersuchungen von Covid-19 bestätigten diese Annahme.
  • Kinder im entsprechenden Alter mit "Mundschutz und Hygieneerziehung vor Infektionen zu schützen", sei zudem illusorisch und könnte eine ganze Generation traumatisieren.
Kehrt bald wieder Normalität ein? Die Bundesregierung will Lockerungen in Intervallen.
Kehrt bald wieder Normalität ein? Die Bundesregierung will Lockerungen in Intervallen. Bild: getty/ E+ / alvarez

Das ist Kekulés Alternative

Kekulé warnt außerdem davor, Deutschlands (unbestrittene) Fortschritte zu hoch einzuschätzen, beziehungsweise die deutschen Bemühungen zu überschätzen. Das Land habe "großes Glück" gehabt. Statt über Italien hätte Covid-19 auch über den rheinischen Karneval oder das Oktoberfest nach Europa einfallen können.

So schlägt Kekulé in einem letzten Schritt vor, statt auf Eingriffe in Intervallen auf "Smart Distancing" zu setzen. Das englische Wort "smart" (dt.: klug, clever) ist in dem Fall als Akronym zu lesen und steht für:

  • Schutz der Risikogruppen
  • Masken
  • Aufklärung des Infektionsgeschehens
  • Reaktionsschnelle Nachverfolgung und
  • Tests

Zwar herrsche gerade bei MART bundesweit "im Prinzip Einigkeit". Das S sieht der Experte aber gefährdet. "Der Vorschlag, Risikogruppen und vor allem Ältere gezielt vor Covid-19 zu schützen", erfahre "den größten Widerstand". Von Betroffenen, Wissenschaftlern wie Verfassungsrechtlern gleichermaßen.

Kekulé meint an dieser Stelle, der Schutz von Risikogruppen sei möglich, ohne ihre Grundrechte zu beschränken, etwa über spezielle Maßnahmen in Alten- und Pflegeheimen und dem Ausstatten der Risikogruppen mit FFP2-Masken. Dann könnten "ältere Menschen das Haus verlassen und unter Leute gehen, ohne ihr Leben durch Covid-19 zu riskieren". Jüngere Risikogruppenangehörige, also etwa Teenager mit Krebserkrankungen, könnten individuell mit ihrem Arzt beraten, ob und welche Schutzmaßnahmen sinnvoll seien.

Ein weiterer Vorteil von "Smart Distancing" sei, dass die Strategie nicht auf eine ethisch schiefe Bahn führe. Zwar steige die Durchseuchung der Gesamtbevölkerung an (etwas Gutes, denn so wird langsam Herdenimmunität aufgebaut), gleichzeitig würden Risikogruppen geschützt.

Die aktuelle Strategie sei hingegen "ethisch nicht unproblematisch". Lockerungen setzten die Menschen einem hohen Infektionsrisiko aus, was die Politik verschweige. Ein konsequenter Schutz der Risikogruppen finde nicht statt, die jüngere Bevölkerung profitiere "überproportional von den Freiheiten".

So kommt Kekulé zu seinem Fazit:

"Eine bundesweit gleichzeitige Lockerung der Kontaktbeschränkungen, insbesondere die Öffnung von Kindertagesstätten und Grundschulen, ohne zuvor S.M.A.R.T. oder ein anderes Schutzkonzept zu installieren, würde die Bevölkerung einem unbekannten Risiko aussetzen und insbesondere alte Menschen gefährden."

(pcl)

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