Viele Bewerber sorgen sich im Gespräch vor allem um Lücken im Lebenslauf.
Viele Bewerber sorgen sich im Gespräch vor allem um Lücken im Lebenslauf.Bild: iStockphoto / golubovy
Interview

Bewerbung: Zwei Profis geben Tipps, wie du deinem Traumjob näher kommst

01.08.2022, 13:1601.08.2022, 14:36

Es gibt gewissen Horror, der speziell Erwachsenen vorbehalten ist: Steuererklärungen, Heizkostenabrechnungen und Bewerbungsgespräche gehören dabei für die meisten ziemlich weit oben auf die Liste. Die Selbstzweifel beginnen beim Schreiben des Lebenslaufs ("Wie erkläre ich, dass ich nach der Ausbildung nicht übernommen wurde?") und ziehen sich bis ins Bewerbungsgespräch ("Bei meinem schlaffen Händedruck bin ich sofort aussortiert").

Geht das nicht auch irgendwie gelassener? watson sprach mit den Bewerbungscoaches Fiona Nuding und Michaela Ortega-Dax vom Bildungsanbieter GFN über typische Fehler, erfolgversprechende Anschreiben und was dahintersteckt, wenn es Absagen hagelt. Sie raten zu gesundem Selbstbewusstsein:

"Erklärt euch nicht, rechtfertigt euch nicht."
Bewerbungscoach Fiona Nuding

watson: Laut einer aktuellen Umfrage bekommt die Mehrheit der Schüler, Schülerinnen und Auszubildenden Tipps für Bewerbungen von ihren Eltern. Sind die eine gute Anlaufstelle?

Fiona: Eher nicht. Wer sich in den vergangenen zehn Jahren nicht selbst auf dem Arbeitsmarkt bewegt hat, weiß nicht, welche Schwerpunkte heute gefragt sind.

Michaela: Da stimme ich zu. Wir leben in einer schnelllebigen Zeit, die meisten Eltern sind nicht auf dem aktuellsten Stand und daher nicht die beste Hilfe.

Aber gerade zum Berufseinstieg ist man oft einfach ratlos. Was sind denn ganz typische Fehler, die Sie beobachten?

Fiona: Ganz wichtig ist es, dass man die Leute davon wegbewegt, Massen-Bewerbungen anzufertigen. Natürlich ist ein individualisiertes Bewerbungsschreiben anstrengend, aber Anschreiben, die allgemein gehalten sind und wo nur der Adresskopf geändert wird, werden direkt aussortiert. Das ist Zeitverschwendung.

Wie geht es denn besser?

Fiona: Es kommt gut an, wenn man der Bewerbung anmerkt, dass sich der Mensch dahinter mit dem Unternehmen beschäftigt hat. Auch die eigenen Fähigkeiten sollten individuell herausgestellt werden. Ich sage immer: "Erklärt euch nicht, rechtfertigt euch nicht." Der Personaler will nicht lesen, was ihr alles noch nicht könnt, sondern was ihr einbringt. Und übrigens: Der Satz "Hiermit bewerbe ich mich..." ist unnötig. Das ist in dem Moment klar, in dem die Mappe aufgeklappt wird.

Michaela: Viele Bewerbungen, die ich bekomme, sind mit Standardsätzen gepflastert. Wenn dann darunter eine pfiffige Bewerbung ist, die echtes Interesse am Unternehmen vermittelt, landet die sofort auf einem Extra-Stapel, selbst wenn der Absender nicht alle Voraussetzungen erfüllt. Da bekommt man Lust, diesen Menschen einzuladen und zu schauen, ob er ins Team passt und Potenzial da ist. In viele Aufgaben kann man ja hineinwachsen.

Nicht jeder mag Wettbewerbe, doch um den Traumjob zu ergattern, sind sie manchmal unvermeidlich.
Nicht jeder mag Wettbewerbe, doch um den Traumjob zu ergattern, sind sie manchmal unvermeidlich. Bild: iStockphoto / Jovanmandic

Wie ist eine Bewerbung korrekt aufgebaut?

Fiona: Welches Layout man verwendet, ob man ein Deckblatt nutzt und einen Letter of Motivation verfasst, ist Geschmackssache. Die Anrede, der Betreff und die Grußformel sollten schon stimmen, danach geht es aber vor allem darum, in wenigen Sätzen Interesse zu wecken und sich vorzustellen. Ich arbeite gern mit dem AIDA-Modell. Das bedeutet, dass eine gute Bewerbung Aufmerksamkeit erregen soll (attention), Interesse weckt (interest), ein Verlangen auslöst (desire) und eine Handlung provoziert (action). Was ist das Besondere an dir? Inwiefern wärst du eine Bereicherung für das Unternehmen? Wer das herausgefunden hat, dem fällt das Formulieren leichter.

Michaela: Genau. Der Bewerbungsprozess geht eigentlich mit einem Selbstfindungsprozess los.

Aber woher soll ein Mensch mit sehr wenig Berufserfahrung wissen, was ihm liegt?

Michaela: Das kann man in einem Coaching herausfinden. Oft erkennt der Coach schon an privaten Interessen, was für eine Person da vor einem sitzt: Tüfftelt jemand lieber im stillen Kämmerlein oder braucht er oder sie den Wettbewerb, zum Beispiel beim Sport? Im Berufsfeld Informatik gibt es zum Beispiel den Fachinformatiker Systemintegration, der muss kommunikative Fähigkeiten mitbringen. Und es gibt Programmierer, die sich in aller Ruhe konzentrieren müssen.

Fiona: Es gibt wirklich für alle Fähigkeiten eine geeignete Aufgabe und es ist schön zu sehen, wenn Bewerber durch diese Selbsterkenntnis richtig Lust kriegen, loszulegen.

"Selbst wenn die ersten Bewerbungen Fehlschläge waren, ist das Abschicken schon der erste Schritt auf dem Weg zum Job. Das ist ein Fort- und kein Rückschritt."
Bewerbungscoach Michaela Ortega-Dax

Wie schützt man sich vor Frust, wenn es länger dauert?

Michaela: Womit wir gute Erfolge haben, ist eine Art "Buddy-Program": Man sucht sich ein, zwei Leute in der Familie oder dem Freundeskreis, denen man die eigenen Ziele und auch die Timeline mitteilt und regelmäßig berichtet, wie der Stand ist. Das motiviert, dranzubleiben. Und nie vergessen: Selbst, wenn die ersten Bewerbungen Fehlschläge waren, ist das Abschicken schon der erste Schritt auf dem Weg zum Job. Das ist ein Fort- und kein Rückschritt.

Trotzdem fällt es manchmal schwer, Absagen nicht persönlich zu nehmen.

Michaela: Absagen sind nie Kritik an der Person, sondern zeigen nur auf, dass es nicht gepasst hat. Ich sage oft: "Seien Sie froh, dass das nichts wurde, sonst säßen Sie jetzt Tag für Tag in der falschen Firma. Die richtige Stelle kommt noch."

Sagen wir mal, die Bewerbung hat sich durchgesetzt und man wurde zum Gespräch geladen. Nun steht man vor der Tür des Betriebs. Was jetzt?

Michaela: Durchatmen! Sich klar machen, dass man auf diesen Moment gehofft hat, als man die Bewerbung abschickte und dass auf der anderen Seite der Tür nur Menschen sitzen. Es ist völlig in Ordnung, offen zu sagen: "Tut mir leid, ich bin noch etwas aufgeregt". Ehrlichkeit ist immer gut. Manche Bewerber fangen plötzlich an zu schauspielern, das geht immer nach hinten los. Da kommen die ganzen Symptome zum Vorschein, die bei Menschen unter Stress ausbrechen. Einer bekommt kein Wort mehr heraus, der nächste entwickelt Flucht-Tendenzen und fühlt sich plötzlich krank und der Dritte geht zum Angriff über.

So schrecklich es sich auch anfühlen mag: dass man überhaupt zum Gespräch geladen wird, ist ein gutes Zeichen.
So schrecklich es sich auch anfühlen mag: dass man überhaupt zum Gespräch geladen wird, ist ein gutes Zeichen.Bild: iStock / Getty Images Plus / Motortion

Ein Beispiel?

Michaela: Wir haben vor Kurzem jemanden betreut, der war extrem qualifiziert, aber er hat so sehr versucht, damit zu beeindrucken, dass er den Personaler komplett an die Wand gespielt hat. Da fühlte sich keiner mehr wohl. Ist ein Vorstellungsgespräch wichtig? Ja. Aber es geht nicht um Leben und Tod. Niemand will einen Kollegen, der sein Gegenüber überrollt.

Aber wie findet man die richtige Balance, um weder als Bittsteller noch unverschämter Mensch rüberzukommen?

Michaela: Es hilft, gut informiert ins Gespräch zu gehen. Welche Gehälter sind im Unternehmen üblich? Was sind die Bedürfnisse der Branche? Das schützt davor, sich kleiner zu machen, als man ist oder zu hoch zu pokern. Wenn dann ein niedriges Gehalt angeboten wird, ist man gut vorbereitet, um zu sagen: "Für unsere Region und meinen Aufgabenbereich ist das ja recht weit unten angesetzt. Können Sie einmal erklären, wie das kommt und wohin sich das entwickelt?" Oft gibt es zusätzliche Leistungen oder Möglichkeiten der Weiterentwicklung, die langfristig wertvoll sind.

Was, wenn das Vorstellungsgespräch digital stattfindet? Gibt es typische Fehler?

Fiona: Ich sehe oft schon beim Coaching Fehler, auf die ich hinweise. Da sieht man nur die Hälfte des Kopfes oder das Licht kommt von hinten. Mein Tipp: Schau dir immer erst in der Vorschau an, was man in der Kamera sieht. Wenn du dir nebenbei Notizen machst, dann sage dem Gegenüber Bescheid, sonst fragt der sich, warum du ständig auf den Schreibtisch starrst. Suche einen ruhigen Raum, leg dein privates Handy beiseite und sitze vor einem Hintergrund ohne irritierende Gegenstände und Bilder. Starke Muster und kleinkarierte Hemden können übrigens auch vor der Kamera flirren.

"Oft glauben die Leute, all ihre Mitmenschen seien einem stringenten Masterplan gefolgt, nur sie selbst seien orientierungslos – das täuscht."
Bewerbungscoach Fiona Nuding

Für viele ist der Weg zum Traumjob ein verworrener. Ist das eigentlich normal?

Fiona: Biografien sind nicht rund und das ist absolut okay. Oft glauben die Leute, all ihre Mitmenschen seien einem stringenten Masterplan gefolgt, nur sie selbst seien orientierungslos – das täuscht aber. Selbst berühmte Persönlichkeiten haben Umwege und Lücken auf ihrem Berufsweg, wenn man sich deren Biografien anhört. Erst im Nachhinein sieht das wie eine reine Erfolgsstory aus. Aus Rückschlägen zu lernen, dranzubleiben und auch mal neue Wege zu wagen: Das ist daher eigentlich der Bewerbungstipp Nummer eins.

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