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Sick woman buying in supermarket and coughing into elbow during COVID-19 pandemic.

Kann ein Corona-Impfstoff bei den neuen Varianten des Virus überhaupt noch schützen? Bild: Getty Image

Interview

Corona-Zweitinfektion: Wie wahrscheinlich sie ist – und welche Gefahren sie birgt

Kürzlich starb ein 73-jähriger Mann nach einer zweiten Corona-Infektion in Baden-Württemberg. Es war nicht das erste Mal. Dass jemand einer zweiten Ansteckung mit Sars-Cov-2 erlag, ist dennoch ein Schock. Denn so selten eine Zweitansteckung bisher auch vorkommt: Dass sie tödlich verlaufen kann, wird durch den Fall umso deutlicher. Trotzdem bleibt es ein Ausnahmefall, der laut dem Immunologen Carsten Watzl die Alarmglocken erstmal nicht ertönen lassen sollte.

Trotzdem lohnt es sich, genauer hinzuschauen, ob die Lage durch den Fall ernster wird. Immerhin sind bereits neue Sars-Cov-2-Formen in England und Brasilien aufgetreten. Könnten sie eine Zweitinfektion begünstigen? Und wie verhält sich das mit den Impfstoffen? War die ganze Entwicklung, die monatelange Forschung vergeblich? Über diese Fragen haben wir mit der Virologin Lydia Schäfer (Name von der Redaktion geändert) gesprochen. Sie klärt unter anderem via Instagram über neue Entwicklungen zum Coronavirus auf.

"Wir stehen im Prinzip am Anfang unserer Erfahrungen."

watson: Seit Monaten tauchen immer wieder Meldungen zu Wiederinfektionen auf, wenn auch nur vereinzelt. Wie hoch würden Sie die Wahrscheinlichkeit schätzen, sich nach einer überstandenen Infektion erneut mit Sars-Cov-2 anzustecken?

Yvonne Beck: Leider gibt es dazu noch nicht viele Erkenntnisse, aber generell schätze ich die Wahrscheinlichkeit, sich erneut anzustecken, als gering ein. Möglicherweise könnte der Krankheitsverlauf – leicht, schwer, asymptomatisch – mit dem Aufbau der Immunantwort zusammenhängen. Je effizienter sie ist, desto besser können Erreger bekämpft werden – auch nach einer überstandenen Infektion.

In Großbritannien gab es dazu eine interessante Studie. Die Autoren prüften dabei, wie wahrscheinlich es ist, dass sich medizinisches Personal nach einer Corona-Infektion nochmal infiziert. Im Vergleich zu Personal, dass sich bisher nicht ansteckte, war das Infektionsrisiko um 83 Prozent geringer. Eine weitere Studie aus Qatar schätzt ebenfalls das Risiko einer Zweitinfektion ein. Dabei haben sich von über 130.000 Probanden nur 54 erneut angesteckt, was einer Wahrscheinlichkeit von 0,02 Prozent entspricht.

Wie lange bleibt man nach einer Infektion immun?

Schwer zu sagen. Wichtig ist, dass wir im Vergleich zu Frühjahr 2020 mittlerweile deutlich mehr über Sars-Cov-2 wissen, aber bei weitem nicht genug. Wir stehen im Prinzip am Anfang unserer Erfahrungen. Eine Studie aus den USA zeigte, dass 95 Prozent der Patienten mindestens drei Komponenten des Immungedächtnisses gegen Covid-19 auch noch sechs Monate nach einer Sars-Cov-2-Infektion besaßen. Ein Zeichen dafür, dass Menschen in dieser Zeit und wahrscheinlich darüber hinaus geschützt sind, zumindest gegen schwere Verläufe von Covid-19.

Kürzlich verstarb ein Mann infolge einer zweiten Corona-Infektion. Warum kann eine Zweitinfektion überhaupt schwer verlaufen – immerhin müssten sich doch eigentlich bereits Antikörper gebildet haben?

Wenn die Antikörper nach einer Infektion niederschwellig noch vorhanden sind, aber nicht mehr ausreichend schützen, kann es möglicherweise zu infektionsverstärkenden Antikörpern kommen. Ein seltenes Phänomen, bei dem Antikörper sich an die Oberfläche von Viren binden, ohne diese zu neutralisieren. Dadurch können die Viren wiederum leichter in Zellen eindringen. Aufgetreten ist das bereits bei Virusinfektionen wie Dengue, Sars und Mers. Es wäre möglich, dass das auch bei dem Verstorbenen in Baden-Württemberg der Fall war.

"Eine erneute Infektion könnte durch die neuen Varianten wahrscheinlicher sein."

Machen Mutationen wie die aus Großbritannien eine Zweitinfektion wahrscheinlicher?

Eine erneute Infektion könnte durch die neuen Varianten wahrscheinlicher sein. Vor allem bei der Mutation aus Brasilien ist das gut vorstellbar, da diese sich in einigen Punkten von der ursprünglichen Form unterscheidet – 17 Aminosäurenunterschiede weist sie auf. Gut möglich, dass diese Version vom Immunsystem nicht sofort erkannt wird, wodurch sie einen Körper trotz überstandener Infektion erneut befallen kann.

Was bedeutet das alles für eine Impfung?

Grundsätzlich kommen uns hier die mRNA-Impfstoffe zugute, weil sie sich relativ schnell an die neuen Typen anpassen lassen. Ebenfalls positiv: Biontech konnte bereits zeigen, dass die Seren (Anm. d. Red.: aufgereinigtes Blut Geimpfter, welches Antikörper gegen ein spezifisches Virus enthält) der Impfprobanden auch die neue erstmals in England entdeckte Form B.1.1.7 neutralisieren konnten. Sehr wahrscheinlich werden noch weitere Studien, beispielsweise von Moderna, folgen.

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