"Wir fanden natürlich, dass wir mit Abstand die Coolsten waren. Viel cooler als die Schüler von anderen Schulen", erinnert sich Hanna Fecht heute. (Symbolbild)
"Wir fanden natürlich, dass wir mit Abstand die Coolsten waren. Viel cooler als die Schüler von anderen Schulen", erinnert sich Hanna Fecht heute. (Symbolbild)
Bild: iStockphoto / Finn Hafemann
Interview

"Mit Abstand die Coolsten": 26-Jährige will den Ruf von "Problemschulen" aufpolieren

18.09.2021, 13:4319.09.2021, 10:39

In jeder größeren Stadt gibt es sie, die sogenannten "Problemschulen" oder "Brennpunktschulen", die es regelmäßig in die Lokalblätter schaffen, weil der Umgangston auf dem Schulhof rauer und die Kinder ärmer sind als der Durchschnitt. Besorgte Eltern nehmen lange Schulwege in Kauf, nur um ihre Kinder dort nicht hinbringen zu müssen, Angstmacher nutzen sie gern, um zu zeigen wie eine vermeintlich verrohte Parallelgesellschaft heranwächst.

Nur selten kommen in diesen Debatten die Schüler zu Wort, sagt Hanna Fecht. Schüler wie sie. Hanna ging auf eine dieser "berüchtigten" Schulen, in Bielefeld. 2013 machte sie dort ihr Abitur. Heute ist sie 26 Jahre alt, arbeitet als Textchefin in München und hat gerade ein Buch "Was für Ghetto Schule?!" über ihre Jugend geschrieben.

Sie sagt:

"Nicht für die besten Lehrer und das beste Abi der Welt würde ich diese acht Jahre in meinem Leben hergeben."

Für watson erklärt Hanna, welche Lebenslektionen sie an ihrer Schule gelernt hat und warum sich die Gesellschaft – gerade in Integrationsdebatten – viel öfter ein Beispiel an den Jugendlichen auf dem Pausenhof nehmen sollten.

Hanna Fecht, 26, Autorin von "Was für Ghetto Schule?!"
Hanna Fecht, 26, Autorin von "Was für Ghetto Schule?!"
Bild: privat / Mona Fecht

watson: Woher kam das Bedürfnis, ein Buch über deine Schulzeit zu schreiben?

Hanna Fecht: Je älter ich wurde, desto häufiger habe ich über das Thema nachgedacht, auch weil die Medien ein so dramatisches Bild von Problemschulen wie meiner zeichnen. Es fühlte sich zunehmend seltsam an, denn immer wenn ich mit meinen Freunden von damals sprach, war unsere Erinnerung nur positiv. Wir sind uns einig: Es war die beste Zeit, die wir je hatten und bis heute halten wir die Schulzeit in Ehren. Die öffentliche Debatte dazu widerspricht unserem Empfinden total.

Was stimmt nicht an der Debatte um Problemschulen?

Sie wird von Menschen geführt, die selbst nie auf einer solchen Schule waren und es auch vermeiden, ihre Kinder dorthin zu schicken. Das ist schade, weil ich aus eigener Erfahrung weiß, wie sehr diese Schulen Menschen bereichern können, wie lustig und liebevoll es dort zugeht. Das weiß man aber nur, wenn man einen direkten Einblick hat. Mein Buch ist also wie ein kleiner "Tag der offenen Tür".

Und was gibt es dazu sehen?

Jugendliche, die jede Menge Spaß haben und voneinander lernen. Natürlich war es nicht immer harmonisch und oft haben wir uns heftig gestritten, zum Beispiel über die wahren Erfinder von Köfte oder die politischen Konflikte in den Heimatländern unserer Eltern, von denen wir eigentlich keine Ahnung hatten. Klar waren wir vorlaut und altklug, aber eben auch großzügig und tolerant. Selbst wenn wir uns ein, zwei harte Wörter an den Kopf geworfen haben, endeten auch die heikelsten Themen mit Kompromissen oder zumindest Akzeptanz. Eine so gesunde Streitkultur wie damals auf dem Schulhof habe ich selten wieder erlebt. Wir haben dort große gesellschaftliche Fragen im ganz kleinen Rahmen miteinander verhandelt, ohne dass es uns damals klar war.

"Hä, willst du mich verarschen, Mädchen? Köfte ist doch nicht serbisch", ruft Sevgi, die Türkin. "Hö, was laberst du? Normal ist Köfte serbisch. Ćufte heißt das bei uns", sagt Dana, die Serbin. "Guck mal, die sind seit drei Minuten ein Land und ganz plötzlich wollen die Köfte erfunden haben", schreit Sevgi. "Ja, ok Junge, vor Jugoslawien und dem Osmanischen Reich gab's uns auch schon. Ihr Türken denkt auch bisschen, ihr habt die Welt erfunden, ne?", antwortet Dana angepisst. Dann kommen die beiden darauf zu sprechen, wie Köfte bei ihnen zuhause zubereitet und serviert wird. (...) "Ja, tamam, vielleicht ist bei euch einfach anders", sagt Sevgi einsichtig. "Ja isso, die Zutaten sind ja bei allen fast die gleichen", antwortet Dana.
Auszug aus Hannas Buch

Micro-Integrationsdebatten also.

Ja. Heute finde ich es interessant, dass wir als Kinder auf dieser Schule schon begriffen haben, dass man einander offen zuhören muss, wenn man miteinander auskommen will. Es ist etwas ganz anderes, ob Politiker theoretisch und selbstgefällig über Integration reden, oder ob man es tatsächlich lebt, wie wir damals. Integration ist auf Schulen wie unserer jeden Tag neu miteinander verhandelt worden, an Praxis-Beispielen. Das ist kein Problem, das ist ein Potenzial!

Was macht eine Schule überhaupt zur Problemschule?

Wenn in Deutschland über Problemschulen geredet wird, ist eigentlich immer eine Schule mit vielen Migranten gemeint. Und wenn über Migranten geredet wird, geht es auch nicht um Holländer, sondern Araber und Türken. Dieser Rassismus wird nicht offen formuliert, aber das steht dahinter. Ich sage mal ganz überspitzt: Im Kern geht es um die Angst vor dem 13-jährigen Muslim, dessen Eltern nicht arbeiten gehen und das Steuergeld verprassen, während er in seiner Freizeit randaliert und so streng religiös erzogen wurde, dass er hier in Deutschland die Scharia einführen will. DAS ist es, was die Leute fürchten.

Sie fürchten Parallelgesellschaften.

Ich frage mich nur, wer diese Parallelgesellschaften eigentlich schafft. Parallelgesellschaften entwickeln sich ja erst, weil viele Deutsche ihre Kinder nicht auf solche Schulen schicken. Wie soll sich die Gesellschaft dann mischen? Wie soll man zusammenwachsen, wenn man einander meidet?

Als Thilo Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab" 2010 erschien, bekamen wir natürlich auch mit, was für eklige Dinge er da über Türken und Araber im Allgemeinen, aber auch speziell über uns als Schüler erzählte und wie intensiv ganz Deutschland seine rassistischen Thesen diskutierte. Wir regten uns darüber auf, aber wir setzten immer etwas dagegen, um uns selbst klarzumachen, dass das nicht normal ist. "Du Sarrazin" wurde schulintern zur neuen Beleidigung erklärt.
Auszug aus Hannas Buch

War euch als Jugendliche klar, welchen Ruf ihr hattet?

Wir fanden natürlich, dass wir mit Abstand die Coolsten waren. Viel cooler als die Schüler von anderen Schulen. Für uns war es damals ein Schock, als 2010 in der Lokalzeitung ein Artikel über unser Gymnasium als "Sorgenkind" verfasst wurde. Darin hieß es, die Anmeldezahlen seien rückläufig und wir hätten aufgrund des hohen Migrantenanteils ein Imageproblem. Meine Freunde und ich waren damals in der neunten Klasse und persönlich verletzt darüber. Es tat weh zu hören, dass viele Menschen offenbar nichts mit uns zu tun haben wollen.

Wie seid ihr damit umgegangen?

Viele meiner Freunde haben bis heute das Gefühl, sich besonders beweisen zu müssen, um so angesehen zu werden wie Deutsche. Das sieht man allein daran, wie abwertend die Jungs damals im Bus angeschaut wurden, wenn sie untereinander auf Türkisch gesprochen haben. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Franzosen nicht passiert. Die Jungs haben sich damals auch oft als Latinos ausgegeben, um ihre schwarzen Haare in ein sexy Licht zu rücken. Denen war völlig klar, dass die Gesellschaft Vorbehalte gegen muslimische Kulturen hat.

Hat der Migrationshintergrund unter den Schülern selbst denn eine Rolle gespielt?

Klar, wir haben permanent über unsere Identität verhandelt. Meine Mutter ist Deutsche, mein Vater Palästinenser und vielen ging es wie mir – wir wussten nicht, wo wir hingehören. So haben wir in der Schule eigene Kategorien gefunden, die sich nach der Mentalität, nicht der DNA richtete: Für uns war ein großzügiger, lustiger Schüler, der oft zu spät kam ein "Kanack" und zuverlässige, aber auch spießige Geizhälse waren "Almans". Wir haben uns über unseren Lebensstil definiert, nicht unsere Herkunft.

"Was bewegt euch denn?", hakte Frau Jansen neugierig nach. "Ja Deutschrap, ne" antwortete Yasin. "Aber das nimmt ja nie jemand ernst als Musikrichtung." "Ist das so?", fragte Frau Jansen mit hochgezogener Augenbraue. "Ja, weil diese ganzen Heuchler bei dem Wort 'Hurensohn' schon zusammenzucken und das alles lächerlich finden. Aber asoziale Ballerfilme aus Hollywood feiern die ab, als würde da nicht Scheiße über Frauen geredet und Geld und Gewalt idealisiert, Alter." "Isso", "Ja man, Bruder", riefen ein paar Leute in die Klasse. "Was gefällt euch denn so an der Musikrichtung?", wollte Frau Jansen wissen. "Man alles. Das ist unsere Realität einfach", argumentierte Yasin, der jetzt richtig in Fahrt kam. "Die erzählen das, was wir leben. Multikulti, Ausländer, Deutsche, da sind alle eins."
Auszug aus Hannas Buch

Meinst du, dass das so auch an anderen Schulen läuft?

Sicher. Das ist nichts, was nur an unserer Schule passiert. Ganz ähnlich wie die vielen türkischen Begriffe, die wir ganz selbstverständlich in die Sprache eingebaut haben und die ja auch im Rap vorkommen. Es gibt ein neues Verständnis vom Deutschsein und das ist cool. Diese Integrationsdebatten sind so bierernst in Deutschland, das ist völlig unnötig. Es kann auch Spaß machen, zusammenzuwachsen.

Was hast du denn aus deiner Schulzeit mitgenommen, das dir noch heute nützt?

Offenheit für verschiedene Lebensentwürfe. Ich höre mir grundsätzlich erst einmal an, wie mein Gegenüber die Welt sieht, dann versuche ich, Gemeinsamkeiten zu finden. Mit 15 Jahren hatte ich einen Freund, der mich seinen Eltern nicht vorstellen wollte, weil sie es nicht gutgeheißen hätten, dass er seine Freundin nach Hause bringt. Anfangs hat mich das so wütend gemacht; aber wir waren sehr glücklich miteinander und das hätte ich verpasst, wenn ich mich beleidigt zurück gezogen hätte. Manche Situationen sind kompliziert und manche Leben passen nicht auf den ersten Blick zusammen, aber man versäumt zu viel, wenn man beim ersten Unterschied dichtmacht.

Wir setzen uns auf die Bank. Er hat zwei Red Bull geholt, reicht mir eine Dose rüber, stützt sich mit seinen Ellenbogen auf den Knien ab und guckt mich nachdenklich von der Seite an. "Frierst du nicht", fragt er skeptisch. "Doch", lache ich. "Aber Outfit ist wichtiger, ne?", grinst er. "Ja man", sage ich schüchtern. "War bei mir auch so", lacht er und verweist auf seinen dünnen Pulli. "Aber ich schwöre, wenn ich ne Jacke hätte, ich würde direkt geben."
Auszug aus Hannas Buch

Deine Mitschüler hatten zumeist wenig Geld. Was hatte das zur Folge?

Es ist sehr typisch für Leute, die nicht so viel haben, dass sie gerne und großzügig mit anderen teilen und es umgekehrt auch zu schätzen wissen, wenn man mit ihnen teilt. Ich liebe es bis heute, wenn ich beim Besuch einer Freundin erstmal von der Mama in die Küche gezerrt werde, um ordentlich zu essen, während sie auf mich einredet. Diese liebevolle Großzügigkeit hat mich geprägt. Die Schule und meine Mitschüler haben mich auch eine gewisse Bodenständigkeit gelehrt. Es ist nicht selbstverständlich, viel Besitz zu haben – und meist ist es auch gar nicht nötig.

Bist du mit deinen Schulfreunden noch in Kontakt?

Ja, sie sind immer noch meine engsten Freunde, mein innerster Kreis. Die Schulzeit bis zu unserem Abitur 2013 hat uns zusammengeschweißt und wir feiern sie bis heute ab. Meine Freunde sind großzügig und locker. Keinen von denen würde ich missen wollen.

Du sagst, du bist deiner Mutter dankbar, dass sie dich auf eine sogenannte Problemschule steckte. Hatte sie keine Bedenken?

Sie war Hauptschullehrerin und damit Vertreterin einer Schulform, über die es ebenfalls jede Menge Vorurteile gibt. Sie weiß daher aus erster Hand, wie ungerechtfertigt diese oft sind und hat bis heute großen Respekt vor ihren Schülern, die sich häufig sehr bemüht haben, Deutsch zu lernen und dazuzugehören. Ich denke, sie hatte einfach keinerlei Angst. Gott sei Dank!

Das heißt, du selbst würdest dein Kind auch auf eine Problemschule schicken?

Auf jeden Fall. Während der Schulzeit geht es ja nicht nur um Bildung, sondern auch um soziale Begegnung und die ist an Problemschulen vielschichtiger als irgendwo sonst. Hier lernt man, neben den normalen Unterrichtsinhalten, Kompromisse einzugehen und kann Freunde fürs Leben finden, die unterschiedlichste Biografien haben – ich würde das meinen Kindern nur gönnen.

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