Dario Schramm ist Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz und damit die oberste Schülervertretung in Deutschland.
Dario Schramm ist Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz und damit die oberste Schülervertretung in Deutschland.
Bild: Dario Schramm / Torben Krauß
Interview

Schüler fühlen sich als "Spielball der Politik": Dario Schramm über das anlaufende Corona-Schuljahr

06.09.2021, 17:2213.09.2021, 15:41

Sechs Wochen lang waren Deutschlands Schüler und Schülerinnen in den Sommerferien und dennoch sieht es so aus, als ob die Politik es nicht geschafft habe, in dieser Zeit ihre Hausaufgaben zu machen. Das Ergebnis: Die Schulen sind fast überall wieder auf, die 7-Tage-Inzidenz unter den 5- bis 19-Jährigen liegt weit über dem Bundesdurchschnitt (laut RKI im Schnitt bei 167) und ganze Klassenverbände mussten schon nach wenigen Tagen Unterricht wieder in Quarantäne.

Immerhin: Die Gesundheitsminister der Länder einigten sich am Montag auf einheitliche Quarantäne-Maßnahmen an Schulen. Bei Kontaktpersonen von infizierten Kindern kann die Quarantäne nun demnach nach fünf Tagen mit einem negativen PCR-Test oder Antigenschnelltest aufgehoben werden. Geimpfte und genesene Schülerinnen und Schüler würden von Test- und Quarantänepflichten komplett ausgenommen.

Gleichzeitig sind vielerorts immer noch keine Luftfilter in den Klassenräumen installiert und flächendeckende Corona-Tests, wie beispielsweise PCR-Lollis, werden ebenfalls oft nicht angeboten. Die Schüler und Schülerinnen sorgen sich, dass der durch die Kultusminister versprochene "dauerhafte Regelbetrieb" unter diesen Voraussetzungen doch nicht stattfinden kann und sie erneut ein Corona-Schuljahr im Kinderzimmer erwartet.

Watson sprach mit Dario Schramm aus Bergisch Gladbach über den holprigen Schulstart. Der 20-jährige Sozialdemokrat machte selbst dieses Jahr sein Abitur und ist seit Oktober 2020 Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz. Er sagt:

"Die Stimmung ist frustrierend. Nach anderthalb Jahren debattiert man schon wieder über dieselben Dinge, wie Schulschließungen, beispielsweise."

watson: Das Schuljahr hat wieder gestartet. Welche Probleme konntet ihr schon jetzt ausmachen?

Dario Schramm: In vielen Schulen müssen die Schüler wieder reihenweise in Quarantäne. Das bedeutet dann wieder: Vierzehn Tage lernen von zu Hause mit all den Problemen, die das mit sich bringt. Viele haben noch immer nicht die Ausstattung, die sie dafür benötigen oder haben eben nicht die Eltern, die sie hierbei unterstützen können. Das ist für die Bildungsschere wieder enorm gefährlich.

Ist die Sommerpause genutzt worden, um Lösungen zum Schutz der Schüler zu finden?

Nein, wir haben immer noch unzählige Klassenräume, die nicht mit entsprechenden Luftfiltern ausgestattet sind. Wir haben dafür auch deutlich zu wenig Geld vom Bund erhalten. Daher fordert die Bundesschülerkonferenz eine weitere unbürokratische Milliarde für weitere Luftfilter. Luftfilter sind zwar nicht das Allheilmittel, sie könnten aber einen erheblichen Beitrag leisten.

Was hättet ihr euch von der Politik in Bezug auf die kommenden Monate mehr gewünscht?

Man hätte die Sommerferien nutzen müssen, beispielsweise für das Installieren von Luftfiltern, aber auch für das Erarbeiten von Konzepten für mehr Busse und Bahnen auf dem Schulweg oder die Verteilung von Gruppen. Das oberste Gebot: Umso kleiner die Gruppen umso besser. Die Politik hätte sich an dieser Stelle Gedanken machen müssen, anstelle zu hoffen es "wird schon gut gehen".

Es heißt, die Schulen sollen offen bleiben. Ist ein Regelbetrieb in eurem Sinn?

Präsenzunterricht ist die einzig funktionierende Form von Unterricht, daher wollen wir diesen natürlich auch so lange wie es nur geht. Mit dem Wunsch ist es nur leider nicht getan, wir brauchen mehr Maßnahmen wie Tests, damit der Regelbetrieb auch gelingen kann.

"Wir haben immer noch unzählige Klassenräume, die nicht mit entsprechenden Luftfiltern ausgestattet sind. Wir haben dafür auch deutlich zu wenig Geld vom Bund erhalten."

Wie stehen die Schüler zur Maskenpflicht in den Schulen?

Natürlich ist die Maske gerade jetzt, wo es noch ab und zu warm ist, sehr lästig. Aber sie schützt uns alle, das ist mittlerweile auch deutlich geworden. Von daher unterstütze ich die Maskenpflicht, zumindest, solange die Infektionszahlen bei jungen Menschen weiterhin so hoch sind.

Gibt es unter den Schülern diesbezüglich Ängste?

Es besteht natürlich Sorge vor der Infektion unter den Schülern und Schülerinnen, von daher ist es enorm wichtig, dass wir den über 12-Jährigen jetzt ein Impfangebot machen. Geimpfte Schüler sollten dann im Gegenzug auch von der Testpflicht befreit werden.

Wie laufen die Corona-Aufholprogramme bislang an?

Wir alle haben uns damals über die vollmundigen Ankündigungen gefreut. Ich habe aber leider wenig Resonanz zu dem Thema bekommen. Wirklich etwas angekommen ist von diesem Programm bislang nichts.

"Man hätte die Sommerferien nutzen müssen, beispielsweise für das Installieren von Luftfiltern, aber auch für das Erarbeiten von Konzepten für mehr Busse und Bahnen auf dem Schulweg."

Wie ist die Stimmung der Schüler nach 1,5 Jahren Corona-Politik?

Die Stimmung ist frustrierend. Nach anderthalb Jahren debattiert man schon wieder über dieselben Dinge, wie Schulschließungen, beispielsweise. Man fühlt sich – mal wieder – als Spielball der Politik.

Was müsste jetzt schulpolitisch angegangen werden?

Wir müssen dringend die Schulen digitalisieren. Dass wir im Jahre 2021 immer noch darüber reden, dass es flächendeckendes WLAN an Schulen geben muss, ist ein Armutszeugnis. Zudem sollten alle Schüler entsprechend mit Endgeräten ausgestattet werden.

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