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Prostitution ist in Deutschland im Gegensatz zu vielen anderen Ländern legal. Bild: iStockphoto / Unaihuiziphotography
Liebe & Sex

29 Fragen: Was du von einer BDSM-Sexworkerin immer schon wissen wolltest

16.11.2022, 08:43

Wir alle haben unsere Vorstellungen von Sexarbeit, doch wie ist es wirklich? Die meisten von uns haben kaum Kontakt mit den Menschen, die in dieser Branche arbeiten. Watson hat sich aus diesem Grund mit der BDSM-Sexarbeiterin Annabel Schöngott getroffen und sie die Details gefragt, die ihr schon immer über diesen ungewöhnlichen Beruf wissen wolltet.

Was bietest du an?

Ich biete BDSM-Sessions und erotische Massagen an. Im BDSM-Bereich biete ich auch Rollenspiele an. In vielen Rollenspielen bin ich die Lehrerin, das ist mein meist gebuchtes Rollenspiel. Vielleicht, weil ich der Typ dafür bin.

Warum hast du mit Sexwork angefangen?

Es begann mit einem Tantra-Workshop. Von diesem Moment hat meine Leidenschaft dafür immer weiter zugenommen. Ich hatte auch eine gute Freundin, die einen Puff geleitet hat, deshalb hatte ich keine Distanz zur Branche. Für mich war das alles ganz normal. Eine weitere Freundin hat erotische Massagen angeboten und ich dachte: Das kann ich doch auch machen!

Wie ging es dann weiter?

Mit erotischer Massage habe ich mich dann selbstständig gemacht. Durch die Sexarbeit habe ich erst richtig meine Sexualität entdeckt. Während einer Massage hat ein Gast mich darum gebeten, ihn zu beleidigen. So habe ich meine Liebe zum BDSM gefunden. Es war ein totaler Zufall.

Welchen Beruf hattest du vorher?

Ich habe Workshops für Führungskräfte im Handel gegeben.

Was ist das Lustigste, das du als Sexworkerin je erlebt hast?

Ich finde es unheimlich cool, wenn die Gäste mit ihren ungewöhnlichen Fetischen zu mir kommen. Einer meiner Gäste hat einen Holzschuhfetisch, der hat mir dafür dann auch extra rosa Holzschuhe gekauft. Die Farbe durfte ich mir aussuchen.

Welche schrägen Fetische hast du noch erlebt?

Einer liebt es, sich als Hase zu verkleiden und dann einen Tanz aufzuführen. Ein anderer möchte gern ein Schlachtschwein sein.

Was ist das Traurigste, das du im Job erlebt hast?

Ein Stammgast von mir hat Krebs bekommen. Generell spüre ich bei manchen Gästen eine enorme Belastung aufgrund ihrer Unsicherheit. Bei vielen Gästen, die dick sind, spüre ich einen großen Schmerz, der nicht verarbeitet ist. Den verdrängen sie meistens.

Hast du das Gefühl, du hilfst deinen Kunden mit deiner Arbeit?

Ich versuche es zumindest: Indem ich sie so akzeptiere, wie sie sind. In der kurzen Zeit, in der ich mit ihnen zusammen bin, versuche ich, ihnen zu zeigen, dass sie genauso liebenswert sind, wie sie sind.

Gibt es Sachen, die dich ekeln?

Glücklicherweise habe ich fast keinen Ekel vor Körperflüssigkeiten. Das habe ich erst während meiner Domina-Ausbildung gemerkt, dass andere Menschen sich oft viel mehr ekeln.

Hast du eine erotische Dienstleistung schon mal abgebrochen?

Ich würde abbrechen, wenn ich mich nicht gut fühle. Zum Beispiel, wenn die Chemie wahnsinnig schlecht ist, dass ein Konflikt entsteht. Erotik und Konflikt passen nicht zusammen. Habe ich auch schon gemacht.

Gab es mal Situationen, in denen du Angst hattest?

Bei einer erotischen Massage kam es vor, dass jemand übergriffig wurde. Übergriffigkeit fängt ja bereits im Kleinen an. Derjenige hat mich ständig angefasst, was ich nicht wollte. Man darf mich zwar berühren, aber nicht überall. Und das auch nur auf eine respektvolle Art und Weise. Und dann hat er gesagt, und das ist eigentlich der Klassiker: "Ich kann doch nicht anders, du bist so sexy". Das ist eine typische toxische Reaktion.

Gibt es Dinge, die du niemals tun würdest?

Ja, ich würde zum Beispiel nie jemandem etwas abschneiden.

Was wünschen sich Gäste von dir?

Manche wünschen sich blutige Dinge. Ich hatte auch mal eine Anfrage von jemandem, der in eine Mülltonne gesteckt werden und dann über Nacht dort gelassen werden wollte. Alles, was sehr gewalttätig wird, mache ich nicht, damit kann ich mich nicht identifizieren. Für mich ist das eben noch ein Spiel. Ich kann sadistisch sein, aber ich bin nicht krankhaft sadistisch. Ich will niemanden gegen seinen Willen quälen. Wenn es demjenigen gefällt, tue ich ihm aber auch mal weh.

Wie viel Geld kostet eine Stunde bei dir?

250 Euro.

Was ist schlechter Sex für dich?

Wenn jemand sich nicht fallen lassen kann. Das ist sowohl privat als auch beruflich so.

Hast du einen Partner?

Ja, ich habe einen Freund. Der geht total cool damit um. Ich denke, er freut sich sehr, dass ich keinen Geschlechtsverkehr oder Oralverkehr anbiete. Das macht für ihn einen großen Unterschied.

Sexy brunette woman in latex catsuit holding handcuffs, bdsm
BDSM steht für "Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism".Bild: iStockphoto / sakkmesterke

Weiß deine Familie von deinem Beruf?

Ja, ich bin total geoutet.

Was sagen die dazu?

Meine Familie hat gesagt: "Es wäre uns lieber, wenn du was Normales machen würdest. Aber es ist dein Leben." Sie hätten aber auch keine andere Wahl gehabt, als es zu akzeptieren, denn ich würde niemals wegen meiner Familie meinen Beruf aufgeben.

Gab es schon Kunden, die sich in dich verliebt haben?

Ja, das ist schon vorgekommen.

Wie gehst du damit um?

Es fängt damit an, dass sie mich privat treffen möchten. Dann sage ich einfach nein. Mit einer Gästin hat sich aber auch schon eine Freundschaft daraus entwickelt. Wir gehen zusammen ins Museum und laden uns gegenseitig zum Geburtstag ein. Wir haben beides: Eine Freundschaft und eine bezahlte Beziehung.

Was ist der Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Gästen?

Frauen brauchen oft etwas länger, um sich hinzugeben. Das ist aber auch schon alles. Es gibt auch ganz perverse Frauen.

Findest du manche Gäste auch sexy?

Ja, auf jeden Fall.

Wem würdest du deinen Job weiterempfehlen?

Nur Menschen, die gut in sich hineinspüren und Grenzen setzen können. Und gut reflektiert sollten sie sein.

Hast du Gäste, die vergeben sind und es ihren Partner:innen nicht sagen, dass sie zu dir kommen?

Ja. Ich würde sagen, zehn Prozent meiner Gäste sind Single, zehn Prozent sind vergeben und sagen es ihren Partnern. Und der Rest ist in Beziehungen und verheimlicht das.

Was hältst du davon?

Ich finde es nicht so toll. Meine Gäste kennen auch meine Meinung dazu, aber es ist deren Ding.

Was hältst du von einem Prostitutionsverbot?

Menschen, die zur Prostitution gezwungen werden, wird ein Verbot nicht schützen. Das Nordische Modell, also das Sexkaufverbot wird so verpackt, dass Menschen gerettet werden sollen, die es unter Zwang machen. Ich denke, es bringt uns nicht weiter. Es ist ähnlich wie Cannabis zu verbieten. Das, was hilft, ist Aufklärung. Ich finde meinen Berufszweig super wichtig, und ich möchte nichts Illegales machen.

Gab es schon mal eine gefährliche Situation?

Ich biete Sessions nur in einem Studio an und das ist für mich ein Safe Space. Dort ist es geschützt, ich habe Notfallknöpfe in jedem Raum und mir kann nichts passieren. Ich glaube, in so einem Safe Space würde es kein Gast wagen, mich zu vergewaltigen. Durch das Sexkaufverbot würden die sicheren Orte verschwinden, denn es sind Prostitutionsstätten. Das wäre ganz schlimm. Die, die es dann illegal machen, tun dies an Orten, die nicht geschützt sind.

Was sollen Leute unbedingt noch über deine Branche wissen?

Ich habe noch nie so eine große Community erlebt wie in der Prostitution, dass wir uns gegenseitig helfen, kommunizieren und uns unterstützen. Wir sind sehr fürsorglich miteinander, das habe ich noch in keinem Berufszweig so erlebt. Nicht die Klischees glauben, sondern sich selbst ein Bild machen: Wir sind nämlich ganz liebe Menschen.

Hast du Tipps, die für jede Frau wertvoll sind?

Ja: Entdecke deine Sexualität. Das ist für mich das allerwichtigste. Ich bin jetzt 45 und habe selbst erst mit 40 meine sexuelle Dominanz entdeckt. Zweiter Tipp: Habe keine Angst vor gesellschaftlichen Verurteilungen. Ich bin in einem eher konservativen Elternhaus groß geworden. Bei mir gab es eine große Blockade: Die Menschen sollten bloß nicht denken, dass ich eine Schlampe bin. Daran musste ich arbeiten. Das habe ich aber ganz gut geschafft.

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