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Analyse

Workout für die Psyche: Einfache Übungen für die mentale Gesundheit der Generation Z

24.10.2022, 16:1726.10.2022, 14:31

Um fit zu bleiben, geht man joggen. Für eine gute Note lernt man fleißig. Und für eine gesunde, starke Psyche? Tja – um unsere Mental Health kümmern sich viele leider erst, wenn es schon zu spät ist, das jedenfalls hat Miriam Hoff beobachtet.

Wie ein Fitnessstudio für den Kopf

Sie ist Kinder- und Jugendtherapeutin in Frankfurt am Main. Die jungen Jahre im Leben eines Menschen, weiß sie, sind immer eine Phase extremer Selbstfindung, doch obendrauf kam für die Generation Z: Klimakrise, Pandemie, Krieg, Inflation und die allgegenwärtigen sozialen Netzwerke. Das belastet die Psyche. Und an vielen Stellen ist das ambulante Therapieangebot schon an seine Grenzen gekommen, wie die Hessin warnt. So kam Miriam auf die Idee, ein praxisorientiertes Trainingsprogramm aufzustellen, dass alltägliche Ängste mindert und einen stärker durchs Leben gehen lassen soll.

"Das ist kein 'Setz dich hin und horch in dich hinein'-Wischiwaschi, sondern ganz konkrete Hilfe."
Kinder- und Jugendtherapeutin Miriam Hoff

"Diese Tools sind kein Ersatz für Therapie", mahnt sie deutlich im Gespräch mit watson. "Wer ein psychisches Krankheitsbild hat, braucht professionelle Hilfe. Aber die Übungen nützen jedem, der sich mal unsicher oder ängstlich fühlt, optimistischer und selbstbewusster sein möchte. Sie sind ein gutes Gerüst, um in Zukunft mit schwierigen Momenten besser umzugehen."

Die Gen Z – Wer sie sind, was sie antreibt
Eine Generation, viele Namen: Z wie Zombie oder Generation Snowflake oder Greta. Die neue watson-Serie beleuchtet die Post-Millenials, die zwischen 1997 und 2012 Geborenen, was sie ausmacht und wo sie hin wollen. Für welche Zukunft steht das Z?

Sie gelten als angepasst, geradezu konservativ. Und doch haben sie mit "Fridays for Future" eine weltweite Protestbewegung in Gang gesetzt. Sie sind unselbstständig, aber prägen als Influencer Brands und werden zu Arbeitgebern, bevor sie volljährig sind.

Sie sind die Generation, die so sehr im Überfluss aufgewachsen ist, wie keine zuvor. Und doch müssen sie mit einem Krieg und einer Pandemie die größten gesellschaftlichen Herausforderungen seit dem Zweiten Weltkrieg meistern.

In der watson-Serie sprechen wir mit Experten und Post-Millenials über eine neue Generation.

Serienteil 1: Konservativ, zerbrechlich und abhängig von den Eltern: Forscher erklärt die Generation Z

Serienteil 2: Generation Z: Influencerin Leoobalys zu Kritik an ihrem Beruf – "mach's doch einfach selbst"

Serienteil 3: Workout für die Psyche: Einfache Übungen für die mentale Gesundheit der Generation Z

Die Tools, um die Psyche zu stärken, stellt sie in ihrem Buch "Mind is Magic" vor. Alles praxiserprobt, sagt Miriam. "Ich mache diese Sachen ganz genauso mit meinen Patienten", erzählt sie. "Das ist kein 'Setz dich hin und horch in dich hinein'-Wischiwaschi, sondern ganz konkrete Hilfe."

Miriam Hoff, Therapeutin
Miriam Hoff mit ihrem Buch "Mind is Magic".Bild: mvg Verlag

watson ließ sich das Prinzip dahinter erklären und stellt drei Übungen vor.

1. Übung bei akuter Panik

"Meine Lieblingsübung ist die Schmetterlingsumarmung. Hierbei setzt du dich bequem hin und überkreuzt deine Arme vor der Brust, sodass deine beiden Hände jeweils rechts und links auf deinen Schultern (...) ruhen. (...) Dann fängst du an, abwechselnd rechts und links langsam und gleichmäßig mit den Händen zu tappen. (...) Es beruhigt unmittelbar, denn durch das gleichmäßige Rechts-links-Tappen geschieht Erwartbares – nach rechts kommt links, nach links kommt rechts –, und das schafft in Momenten des Chaos wieder Ordnung."

In ihrer Arbeit erlebt Miriam, welche Themen bei Jugendlichen und jungen Menschen immer wieder eine Rolle spielen. Darunter besonders häufig: Motivationsschwierigkeiten und Depressionen, Essstörungen, Panikattacken, Mobbing und Soziale Unsicherheiten.

Young Woman Standing on a Street with Closed Eyes in Sunset Light. Selective Focus, Lens Flare.
Wer geistig gestärkt ins Leben geht, den hauen auch schwierige Situationen nicht so schnell um.Bild: iStockphoto / DariaZu

Tiktok und Instagram sind omnipräsent

"Das sind Themen, mit denen fast jeder mal zu kämpfen hat", sagt Miriam. In jungen Jahren sei es typisch, dass solche Unsicherheiten aufkämen, da es sich um eine Zeit der Orientierung handelt. Man muss sich selbst finden und vergleicht sich dabei auch mit anderen. Doch anders als früher gibt es heute Smartphones.

"Die psychischen Störungen sind bei Jugendlichen in den vergangenen zwei Jahren explosionsartig gestiegen."
Kinder- und Jugendtherapeutin Miriam Hoff

"Die sozialen Netzwerke sind ja immer präsent, das bedeutet, man vergleicht sich nicht mehr nur während der Schulzeit, sondern auch zu Hause auf dem Sofa mit anderen", sagt Miriam. "Und auch das Thema Mobbing erfährt im Internet natürlich eine andere Dimension. Hass verbreitet sich dort schnell und ist permanent aufrufbar." Unter diesen besonderen Herausforderungen sei es umso wichtiger, mental gut aufgestellt zu sein und Tricks zu kennen, um Negatives nicht lähmend nah an sich heranzulassen.

2. Übung gegen Depri-Phasen

"Morgens packst du dir fünf Knöpfe in deine linke Hosentasche. Immer wenn dir im Laufe des Tages was Schönes passiert, nimmst du einen Knopf von deiner linken Hosentasche und packst ihn in deine rechte Hosentasche. Merke: Es muss nichts Weltbewegendes sein, eine aufgehaltene Tür, ein Lob, (...) ein gutes TikTok-Video, das dich zum Schmunzeln bringt – all das reicht schon für jeweils einen Knopf. Abends schaust du, wie viele Knöpfe es in deine rechte Hosentasche 'geschafft' haben. (...) Das potenziert sich, da wir dank der selektiven Wahrnehmung letztlich dann nur noch das suchen, was schön ist."

"Die psychischen Störungen sind bei Jugendlichen in den vergangenen zwei Jahren explosionsartig gestiegen" stellt Miriam fest. Die Coronapandemie habe da natürlich eine Rolle gespielt, wie unter anderem eine aktuelle Studie der DAK aufzeigt. "Angststörungen und Depressionen haben sich verstärkt, was zu großen Teilen auch daran liegt, dass sich die Jugendlichen immer mehr in ihre Zimmer zurückziehen mussten oder konnten und die Außenwelt nur noch digital zu ihnen hineinkam." Das Problem ist nur: Therapieplätze sind rar.

Auch in Hoffs ambulanter Praxis stapeln sich die Anfragen. "Wir können nur einen Bruchteil behandeln", berichtet sie, "auch deshalb hielt ich es für wichtig, den Menschen Techniken an die Hand zu geben, mit denen sie zumindest ausbremsen können, dass aus einer gängigen Alltagsangst eine manifeste Störung entsteht."

Alltagsängsten entgegentreten, damit sie gar nicht erst groß werden

Wie in den meisten Lebensbereichen gelte nämlich auch hier: Am besten wehrt man den Anfängen, bevor eine kleine "Macke" zum Krankheitsbild wird. Psychisch gesund oder psychisch krank, so schwarz-weiß sei es oft nicht, sagt Miriam. Viele Patient:innen hätten zum Beispiel keine ausgewachsene Essstörung, aber ein negatives Körperbild, würden sich permanent mit anderen vergleichen und dabei Lebensfreude einbüßen. "Es gibt eine große Grauzone", sagt Miriam, "und auch in dieser ist der Leidensdruck für die Teenager ziemlich hoch."

3. Übung vor einem wichtigen Treffen

"Stell dir eine Sinnes-Kiste zusammen mit für dich angenehmen Düften. Das kann die Urlaubs-Sonnencreme, dein Lieblingsparfum, Zimt (...) sein oder was immer dir einfällt und dich an eine schöne Situation erinnert. (...) Inhaliere dann den Duft und tauch ganz bewusst mit geschlossenen Augen gedanklich in die schöne Erinnerung ein. Du wirst sehen, es fühlt sich an, als würdest du den Moment grade noch mal erleben. Dein Gehirn unterscheidet nicht und sendet direkt Glücksbotenstoffe aus. So kannst du dich (...) auch auf Situationen vorbereiten, bei denen du eine gute Ausstrahlung brauchst."

Den eigenen Gefühlen ist man nicht ausgeliefert, sagt Miriam. Es gibt Wege sie zu kanalisieren und aufzufangen, umzuleiten und zu sortieren. Das Ziel ist es, gestärkt in die Zukunft zu gehen, sich nicht vom eigenen Kopf stoppen zu lassen. Das kann sogar Spaß machen, glaubt sie.

Wer simple Techniken verinnerlicht und anwendet, um mentalen Herausforderungen entgegenzutreten, soll langfristig davon profitieren. Es kann dabei helfen, Resilienz zu entwickeln, zukünftige Herausforderungen auch als Chancen zu begreifen und sich auf das zu freuen, was kommt.

Es sei nicht ungewöhnlich, Ängste mit sich herumzutragen, sagt Miriam, aber man kann sie loswerden: "Es gibt Wege, sich bei Alltagsproblemen mental selbstständig, unmittelbar und effektiv helfen zu können." Man muss sie eben nur kennen.

Social-Media-Detox: Warum ich Instagram gelöscht habe

Um es schon einmal vorwegzunehmen: Eigentlich habe ich mein Instagram-Konto gar nicht gelöscht. Ich habe es nur deaktiviert. Das macht insofern einen Unterschied, als dass ich es zu jedem beliebigen Zeitpunkt reaktivieren kann. Wenn ich meinen Account gelöscht hätte, wären all meine Fotos und Highlights weg – für immer. Das konnte ich dann doch noch nicht übers Herz bringen.

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