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Interview

Konservativ, zerbrechlich und abhängig von den Eltern: Forscher erklärt die Generation Z

17.10.2022, 12:0817.10.2022, 13:50

Eine Generation, viele Namen: Z wie Zombie oder Generation Snowflake oder Greta. Die neue watson-Serie beleuchtet die Post-Millenials, die zwischen 1997 und 2012 Geborenen, was sie ausmacht und wo sie hin wollen. Für welche Zukunft steht das Z?

Sie gelten als angepasst, geradezu konservativ. Und doch haben sie mit "Fridays for Future" eine weltweite Protestbewegung in Gang gesetzt. Sie sind unselbstständig, aber prägen als Influencer Brands und werden zu Arbeitgebern, bevor sie volljährig sind.

Sie sind die Generation, die so sehr im Überfluss aufgewachsen ist, wie keine zuvor. Und doch müssen sie mit einem Krieg und einer Pandemie die größten gesellschaftlichen Herausforderungen seit dem Zweiten Weltkrieg meistern.

Zum Auftakt haben wir mit dem Generationenforscher Rüdiger Maas über die vielen Widersprüche der Gen Z gesprochen.

Rüdiger Maas ist Diplom-Psychologe und erforscht an seinem Institut für Generationenforschung nicht nur die Generation Z.
Rüdiger Maas ist Diplom-Psychologe und erforscht an seinem Institut für Generationenforschung nicht nur die Generation Z.bild: Maas Beratungsgesellschaft

Die Generation Z nutzt Social Media relativ exzessiv. Was macht das mit ihnen?

Nehmen wir mal einen Schnitt von fünf bis acht Stunden Social-Media-Nutzungszeit pro Tag, während der Pandemie sogar zehn Stunden. Ziehen wir von den 24 Stunden, die uns pro Tag zur Verfügung stehen, das und nochmal acht Stunden Schlaf ab, dann bleiben ja nur noch ein paar Stunden übrig. Dadurch ist die "analoge Welt" völlig untrainiert bei der Generation Z.

Die Generation Z wird auch Generation Zombie oder
Snowflake genannt. Warum?

Zombies werden die Zwölf- bis 27-Jährigen genannt, weil es heißt, die schauen die ganze Zeit nur auf ihr Handy. Die Bezeichnung Snowflake kommt aus dem englischsprachigen Raum. Das ist eigentlich auch eine Wertung, es bedeutet, dass mein Kind so individuell ist wie eine Schneeflocke, aber auch genauso zerbrechlich. Wenn es unten landet, geht es in der (Schnee-)Masse auf.

Klingt fast schon poetisch…

Das beschreibt eigentlich alles und ist auch Grund für den Neokonventionalismus, der die Werte, vor allem in der analogen Welt, von den Eltern einfach übernimmt. Deswegen wirkt diese Generation sehr konservativ oder konventionell: Weil die Generation Z, aus diesem Trainingsrückstand in der analogen Welt heraus, einfach alles, was die Eltern schlecht oder gut finden, auch so sieht.

Und die Eltern?

Die kommen ins Spiel, weil sie der Generation Z ja fast alles abnehmen, was in der analogen Welt Auswirkungen haben kann. Die Auswahl des Studiums, der Schule und so weiter. Sobald es schwierig wird, sind die Eltern da. Wie ein Push-Effekt verstärkt das, dass die analoge Welt untrainiert bleibt, da man sich unangenehmen Dingen oder Problemen gar nicht erst stellen muss. Deswegen wünscht sich die Generation Z in der analogen Welt sehr stark Regeln, Vorgaben und Leitplanken. Das nennt man Neokonventionalismus.

"Ein schlechtes Video bis zum Schluss zu schauen, und dann auch noch meinen Frust kund zu tun, das disqualifiziert mich ja selber."
Psychologe Rüdiger Maas

Gibt es auch Dinge, die sich generationsübergreifend nicht so schnell ändern?

Ja, wenn wir beispielsweise die Social Media-Nutzung ansehen. Alle Generationen nutzen Youtube – aber sie nutzen es unterschiedlich. Ein X-ler schaut sich in der Regel ein Youtube-Video, das er schlecht findet, bis zum Schluss an. Dann gab es dafür einen Dislike und einen negativen Kommentar. Das würde ein Z-Vertreter nie tun. Er ist groß geworden mit einer Welt, in der man alles aussuchen und eigentlich alles Unangenehme vermeiden kann. Ein schlechtes Video bis zum Schluss zu schauen, und dann auch noch meinen Frust kund zu tun, das disqualifiziert mich ja selber.

Und wie ist das mit anderen sozialen Medien?

Wir wissen, dass 35 Prozent der unter 15-Jährigen zwei Instagram-Accounts haben: Einen, von dem die Eltern wissen dürfen, und einen weiteren, der hochqualitativ ist aus Sicht der Kinder. Den ich schön pflege und wo die Eltern nicht irgendwelche peinlichen Sachen verlinken oder kommentieren können. Instagram nutzen tendenziell eher die Jüngeren. Das hat nicht jeder der Generation X, die sind in der Regel noch bei Facebook. Für die Generation X ist es auch ein wichtiges Qualitätsmerkmal, alle 500 Freunde auf Facebook persönlich zu kennen. Die Jüngeren sagen: "Das ist kein Qualitätsmerkmal, die folgen mir, weil ich so ein geiler Typ bin."

Eltern beschäftigen sich mit den Instagram-Accounts ihrer Kinder?

Klar, auch mit Tiktok. Die Eltern finden ihre Kinder super, unterstützen sie. Dennoch gehen viele Eltern davon aus, dass das, was sie im Netz sehen, auch das ist, was die Kinder machen. Aber dass es darüber hinaus viel mehr gibt, das ist vielen Eltern gar nicht so wirklich bewusst.

"Eltern sollten auch einen Wissensvorsprung im Digitalen haben, nicht nur im Analogen."

Was genau ist dieses "mehr"?

Es wird den Kindern jeden Tag ausgespielt: "Du bist gar nicht so viel wert wie der Influencer, der hat viel mehr Likes auf das ähnliche Bild." Das kann dann auch schambehaftet sein.

Bei den heutigen liberalen Eltern – muss man sich da als Jugendlicher überhaupt noch abgrenzen?

Für die Generation X, aufgewachsen im Kalten Krieg, war Individualität ganz wichtig. Für jede Kultur gab es eine Subkultur, für jeden gab's eine Nische, für jede Bewegung eine Gegenbewegung. Heute haben wir eher so ein Streben in den Mainstream.

Father and daughter standing while holding skateboard against brick wall model released Symbolfoto DLTSF01123
Deutlich seltener als früher ist das Bedürfnis, sich von den Eltern klar abzugrenzen. Bild: www.imago-images.de / Javier De La Torre Sebastian

Man will auch gar nicht mehr Eltern sein. Abgrenzung ist out, man will bester Freund und Berater sein. Das ist jetzt der Zeitgeist. Und da übernehmen die Kinder, wie bei den Freunden, einfach deren Werte. Eltern gehören zu ihren Peergroups (Anmerkung der Redaktion: Eine Peergroup ist eine soziale Gruppe mit großem Einfluss, der sich ein Individuum zugehörig fühlt.) Und das mündet dann in diesen Neokonventionalismus.

Ist das alles jetzt eher gut oder schlecht für die Generation Z?

Kinder haben meist genug beste Freunde, aber nur einen Vater oder eine Mutter. Nehmen wir ein 15-jähriges Mädchen: Ihre Mutter findet alles toll, was sie macht und sie darf den ganzen Tag entscheiden, wo's hin geht. Wer ist denn da noch der Navigator? Von wem kann sie noch was lernen? Es führt dazu, dass unsere Gesellschaft immer weniger Ambiguitätstoleranz entwickelt, also dass wir zwei verschiedene Meinungen zulassen.

"Irgendwann blicken diese Kinder zurück und haben eigentlich gar nichts, auf das sie stolz sein können."

Auf der einen Seite finde ich es super, dass Kinder mit allen Belangen zu ihren Eltern kommen können und dass die Eltern dafür immer ein offenes Ohr haben. Aber wieso dürfen die Kinder nicht auch mal Kinder sein? So wie es jetzt ist, dürfen Eltern nicht mal "Nein" sagen und das Kind darf nicht dran wachsen. Das heißt, es konnte nie richtig der Held sein, weil es ja nie etwas richtig alleine geschafft hat. Irgendwann blicken diese Kinder zurück und haben eigentlich gar nichts, auf das sie stolz sein können.

Was bedeutet das für die Zukunft dieser Kinder?

Es gibt die einen, denen macht es gar nicht aus. Es gibt jene, die scheitern, weil sie jede Kleinigkeit, die sie alleine meistern müssen, nie gelernt haben. Und es gibt welche, die tatsächlich aus diesem Grund eine tiefe innere Leere oder Unzufriedenheit entwickeln. Zudem können Eltern nicht mehr loslassen. Das führt dann heute so weit, dass mir Professoren sagen: "Wie kriege ich die Eltern aus den Hörsälen?" Die sitzen mit den Kindern zusammen drin, lernen mit, sind bei Vorstellungsgesprächen mit dabei und so weiter.

Das klingt ja total absurd…

Wir haben Eltern befragt, warum sie im Hörsaal sitzen. Da sagte eine Mutter: "Mein Sohn, war gestern Feiern. Der hat mir eine WhatsApp geschrieben, dass er nicht kann und das ist aber eine wichtige Vorlesung." Ob sie für ihn mitschreiben und es ihm dann erklären könne.

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