Ein erstes Date im privaten Umfeld kann schnell zu Vertraulichkeiten einladen.
Ein erstes Date im privaten Umfeld kann schnell zu Vertraulichkeiten einladen.Bild: iStockphoto / Prostock-Studio
Interview

"Dunkelziffer sehr viel höher": Frauennotruf-Mitarbeiterin über sexuelle Belästigung beim Online-Dating

24.09.2022, 13:3030.09.2022, 16:15

Die Corona-Pandemie mit all ihren Lockdowns war eine einsame Zeit. Gerade Singles litten sehr unter den Kontaktbeschränkungen und dem mangelnden sozialen Leben. Keine Partys, kein Picknick mit Freunden oder ein gemeinsames Feierabendbier in der Bar. Dafür aber viel Zeit, um auf dem Handy Dating-Profile zu durchforsten. Teilweise mit fatalen Folgen, wie Etta Hallenga berichtet.

Die 60-Jährige arbeitet bereits seit seit 30 Jahren in der Frauenberatungsstelle Düsseldorf in der Fachstellte für vergewaltigte Frauen. Sie berät dort Frauen, die sexuelle Übergriffe oder sexualisierte Gewalt erlebt haben.

Einen so rasanten Anstieg an Meldungen von sexuellen Übergriffen wie seit Beginn der Corona-Krise hat sie allerdings noch nie erlebt. Gerade Treffen mit Fremden, die oft über Online-Dating-Plattformen vereinbart wurden, bergen Risiken.

Triggerwarnung: In diesem Text wird sexualisierte Gewalt thematisiert. Bitte sei achtsam, wenn dich das Thema betrifft oder lies den Text nicht allein. Solltest du selbst sexuelle Gewalt erfahren haben, findest du Unterstützung beim Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen". Unter der Nummer 08000 116 016 und via Online-Beratung 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr.

Watson hat mit Etta Hallenga darüber gesprochen, woran das liegt und wie man beim Treffen von Online-Dates sicherer sein kann.

Frau Hallenga, stimmt es, dass es seit der Corona-Pandemie einen Anstieg der Fälle von sexueller Belästigung beiOnline-Dates gab?

Etta Hallenga: Ja, das ist in der Tat so und ganz klar zu beobachten. Mit Beginn der Corona-Pandemie und des Lockdowns kam es vermehrt zu Anrufen von Frauen, die von sexuellen Übergriffen bei Treffen mit Online-Dates berichteten. Es gibt hierzu leider keine offiziellen Zahlen. Aber wir sind ja hier eine Landesstelle und dasselbe wurde mir auch von anderen Frauenberatungsstellen mitgeteilt.

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Ein Swipe nach rechts kann weitreichende Folgen haben.Bild: iStockphoto / Sergey Sidorov

Woran lag das?

Meist lag es daran, dass sich die Frauen schneller mit Männern in einem privaten Umfeld getroffen haben, da öffentliche Räume geschlossen waren. Wenn das erste Treffen bei ihm oder ihr zu Hause stattfindet, birgt das natürlich ein größeres Risiko. Man kennt diesen Menschen ja gar nicht.

"Die Dunkelziffer an Versuchen sexueller Übergriffe bei Dates ist vermutlich sehr viel höher."

Melden sich bei Ihnen auch Frauen, wenn es nur zum Versuch einer sexuellen Belästigung gekommen ist, oder sind es tatsächlich Fälle von sexuellem Missbrauch?

In den meisten Fällen melden sich die Frauen erst, wenn es zu einem konkreten Vorfall kam. Sexuelle Übergriffe haben viele Abstufungen. Wenn sie einen aufdringlichen Mann von seinem Vorhaben abhalten und abweisen konnten, ist ja alles gut gegangen. In dem Fall meldet sich kaum eine Frau. Das heißt aber auch: Die Dunkelziffer an Versuchen sexueller Übergriffe bei Dates ist vermutlich sehr viel höher.

Zu welcher Art von Übergriffen kommt es da so?

Oft werden tatsächlich K.O.-Tropfen verwendet und die Frauen dann missbraucht oder belästigt. In Düsseldorf gab es gerade eine Gerichtsverhandlung, in der ein junger Mann gezielt Dates mit Frauen über Internetplattformen wie Tinder und Bumble hatte. Diese lockte er in seine Wohnung und machte sie mit Alkohol und K.O.-Tropfen gefügig.

"Was die Opfer auch oft von einer Anzeige abhält, ist der Gedanke, dass sie keine Beweise haben."

Passieren diese Übergriffe immer nur beim ersten Date, oder auch später?

Die überwiegende Zahl von Vorfällen passiert beim ersten Date. Es kann natürlich auch noch später vorfallen. Aber natürlich gibt es auch schöne Fälle, wo Menschen übers Online-Dating ihre:n Traumpartner:in finden. Online-Dating ist nicht nur schlecht und gefährlich. Aber man sollte vorsichtig sein.

Wie viele der Opfer zeigen die Tat denn tatsächlich an?

Sehr, sehr wenige leider. Oft aus Scham und weil sie denken, sie hätten etwas falsch gemacht. Was die Opfer auch oft von einer Anzeige abhält, ist der Gedanke, dass sie keine Beweise haben. Viele Frauen haben außerdem Angst vor Racheaktionen. Sie befürchten, dass der angezeigte Mann plötzlich vor ihrer Tür steht.

Unterstützen Sie die Frauen bei einer Anzeige?

Wir haben keine juristische Abteilung, aber sind hier sehr gut vernetzt. Wir unterstützen aber hauptsächlich emotional und psychologisch.

Bis hierhin und nicht weiter: Frauen sollten bei Dates mehr auf ihr Bauchgefühl hören.
Bis hierhin und nicht weiter: Frauen sollten bei Dates mehr auf ihr Bauchgefühl hören. Bild: iStockphoto / DMEPhotography

Melden sich denn die Frauen bei Ihnen aus eigenem Antrieb oder weil Freund:innen dazu drängen, das Verhalten anzuzeigen?

Das variiert eigentlich. Beides kommt vor, da gibt es keine klare Tendenz.

Wie funktionieren denn die Beschwerdeplattformen der Dating-Apps?

Meistens passiert da gar nichts, wenn eine Nutzer:in einen Vorfall anzeigt. Es wäre wünschenswert, wenn auf Online-Datingplattformen ebenfalls auf das Problem hingewiesen würde. Es würde schon helfen, wenn es dort Warnungen gäbe und Tipps, wie Frauen sich schützen können. Und natürlich, wenn Anzeigen von Personen, die sich bei Dates daneben benehmen, ernst genommen und auch Konsequenzen nach sich ziehen würden.

Haben Sie Tipps, wie sich Frauen verhalten können, um das Risiko zu minimieren?

Das wären eigentlich klassische Sachen, wie sich am Anfang nur in öffentlichen Räumen zu treffen, statt zu Hause. Man sollte sein Getränk nie unbeaufsichtigt lassen und auch vor dem Treffen einer anderen Person mitteilen, mit wem oder wo man sich trifft. Es kann auch hilfreich sein, ein Codewort per SMS oder eine Kurzwahltaste einzurichten. Jemand, der schnell vor Ort sein und aus unangenehmen Situationen befreien kann. Sehr wichtig ist es auch, dass Frauen beim Dating mehr auf ihr Bauchgefühl hören: Was will ich? Wie weit will ich gehen? Und ab wann wird es unangenehm? Das fehlt leider bei vielen Frauen.

Schade, dass es solche Tipps überhaupt noch braucht...

Ja, das stimmt. Und das ist gerade auch so wichtig: Frauen sind nie selbst dafür verantwortlich, wenn ihnen sexuelle Gewalt passiert, auch, wenn sie das selbst oft denken. Auch wenn ich jetzt Tipps dafür gegeben habe, was für mehr Sicherheit beim Dating über Online-Plattformen sorgen kann, soll das nicht bedeuten, dass sie verantwortlich dafür wären, so einen Vorfall zu verhindern.

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