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Die Corona-Krise könnte Klinken und medizinisches Personal auf eine Zerreißprobe stellen. Kann unser Gesundheitssystem die Krise stemmen? (Symbolbild) Bild: Getty Images

Interview

Mediziner macht Politik Vorwürfe: "Wissentlich in die Krise geführt"

Geschäfte, Restaurants und Bars geschlossen, Veranstaltungen abgesagt: Die Welt ist eigentümlich ruhig während der Corona-Krise. Der Stillstand allerdings hat seinen Preis. Während sich die Regierung einerseits bemüht, mit den Maßnahmen gegen die Pandemie einen gesundheitlichen Notstand zu verhindern, schlittern wir andererseits in die womöglich größte finanzielle Krise seit der Großen Depression der 30er Jahre.

Allein in Deutschland sind zehntausende Existenzen finanziell von der Corona-Pandemie bedroht. Verlieren nun zahlreiche Menschen aufgrund der Schließungen und verlorener Aufträge ihre Jobs, droht nicht nur die Wirtschaft, sondern auf lange Sicht auch unser Gesundheitssystem aus den Fugen zu geraten. Davor warnte zumindest Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), jüngst bei "Markus Lanz."

Droht das Gesundheitswesen wegen Corona zu kollabieren?

Wie es um das Gesundheitswesen hierzulande steht, ob unsere Ressourcen ausreichen, um die Pandemie zu stemmen und welche Fehler die Gesundheitspolitik in den vergangenen Jahren begangen hat: Darüber hat watson mit dem Mediziner, Psychotherapeuten und Soziologen Karl-Heinz Wehkamp gesprochen. Der Professor lehrte zuletzt an der Uni Bremen und forscht zu den Schwerpunkten Ethik und Ökonomie in Medizin und Gesundheitswesen.

watson: Herr Wehkamp, sind Sie überrascht, dass uns die Corona-Pandemie mit so einer Härte trifft?

Karl-Heinz Wehkamp: Ich bin ehrlicherweise nicht überrascht. Am Beispiel der Schweinegrippe, Sars oder Aids haben wir gesehen, dass Krisen dieser Art sehr plötzlich und doch in gewisser Regelmäßigkeit auftreten und sich dann durch den raschen Flugverkehr schnell für die gesamte Welt zur Gefahr ausweiten. Wer die pandemische Geschichte des 20. Jahrhunderts oder auch davor kennt, weiß, dass die nächste Welle rechnerisch längst überfällig war.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte darauf hingewiesen. Der Deutsche Bundestag hatte 2012 eine Risikoanalyse durchführen lassen, dessen Ergebnis erschreckend genau die heutigen Ereignisse vorwegnimmt. Aber weder die politischen noch die wirtschaftlichen Entscheider haben ernsthafte Vorbereitungen getroffen. Stattdessen wurden das öffentliche Gesundheitssystem, die Krankenhäuser und der Pflegebereich wissentlich in die Krise geführt.

"Eine Gesundheitspolitik, die ihren Namen verdient, haben wir in den vergangenen Jahrzehnten vermisst."

Heißt das, wir haben den Anfang dieser Krise schlichtweg verschlafen?

Nein, in Deutschland wurde relativ früh reagiert, auch weil andere Länder uns in der Entwicklung der Pandemie voraus waren. Aber die Pandemie hat schlagartig grundlegende Schwächen unseres Gesundheitssystems aufgedeckt, insbesondere die Unterfinanzierung mancher Bereiche und eine falsche Grundausrichtung. Aktuell werden große Bereiche unseres Gesundheitswesens nicht primär von gesundheitlichen, sondern von marktwirtschaftlichen Interessen gesteuert.

Argumentiert wurde zwar konsequent mit der Gesundheit der Bevölkerung, eigentlich geht es jedoch seit Jahren vorrangig um Kostensenkung für Staat und Krankenkassen sowie um Wachstumsförderung der Gesundheitswirtschaft. Eine Gesundheitspolitik, die ihren Namen verdient, haben wir in den vergangenen Jahrzehnten vermisst.

Glauben Sie, unser Gesundheitssystem kann der aktuellen Krise dennoch standhalten?

Im internationalen Vergleich schlägt sich unser Gesundheitssystem trotz erheblicher Probleme relativ gut, weil wir einige sehr gute Forschungs- und Überwachungseinrichtungen (wie das Robert-Koch-institut) haben. Vor allem aber, weil wir auf engagierte und motivierte Ärzte sowie Pflegende zurückgreifen können. Als ein Vorteil erweist sich jetzt, dass manche Ziele der Politik und mancher Gesundheitsökonomen noch nicht erreicht wurden. Dass wir zum Beispiel relativ viele Krankenhäuser mit Intensivabteilungen haben, galt bis vor der Krise als ein Übel.

Jetzt akzeptieren auch führende Politiker, dass weder die Finanzmittel noch das Finanzierungssystem oder das gesamte Strukturmodell ausreichen, um mit Situationen wie der aktuellen fertig zu werden. Mit Blick auf die akuten Stützmaßnahmen der Politik bin ich jedenfalls verhalten optimistisch, dass unser Gesundheitssystem die Krise schafft. Aus eigener Kraft hätte unser Gesundheitssystem ihr nicht standgehalten.

"Ich hoffe, dass die jetzige Krise uns bewusstmacht, dass die Ökonomisierung der Krankenhäuser gescheitert ist."

Welche Probleme sind es, die in den vergangenen Jahren aufgetreten sind?

Krankenhäuser kamen in wirtschaftliche Not und mussten ihre Personaldecke so knapp wie möglich halten. Die Mitarbeiter in Pflege und Medizin wurden über die Maße belastet, die Arbeit ungemein verdichtet. Die angestrebten Qualitätsziele wurden nicht erreicht, Risiken für Patienten und Mitarbeiter wurden eher mehr als weniger. Die Krankenhausmedizin wurde durch erzwungene Gewinnziele zum Nachteil von Patienten korrumpiert. Kurz, das System wurde kaputtgespart und auf falsche Anreize ausgerichtet.

Die Politik dachte viel zu lange, sie könne das Kostenproblem der medizinischen Versorgung durch eine schrittweise Umwandlung des Gesundheitssystems in eine Gesundheitswirtschaft lösen. Ich hoffe, dass die jetzige Krise uns bewusstmacht, dass die Ökonomisierung der Krankenhäuser gescheitert ist. Dass Kliniken nicht gewinnorientiert arbeiten sollten. Und dass nicht an medizinischen Fachkräften gespart werden darf, die die Qualität der gesundheitlichen Versorgung sichern.

Welche Möglichkeiten haben wir nun, auf die Schnelle qualifizierte Pfleger zu gewinnen?

Das ist schwierig. Pflegekräfte lassen sich schließlich nicht im 3-D-Drucker herstellen. Gleichzeitig ist es nicht so, dass es diese Kräfte nicht geben würde – wir haben sie in den letzten Jahrzehnten allerdings vergrault. Um sie jetzt mobilisieren zu können, muss vonseiten der Politik eine Menge passieren. Wir können unter den aktuellen Bedingungen eigentlich nur auf die intrinsische Motivation des medizinischen Personals hoffen. Mit einer Prämie allein kommen wir jedenfalls nicht allzu weit. Anerkennung muss dadurch erfolgen, dass man die Stimme der Pflege hören will und auch wirklich hört.

"Eine gute Nachricht ist, dass die große Armee aus medizinischem Personal, das in den letzten 20 Jahren geradezu gerupft und gedemütigt wurde, jetzt in der Krise voll da ist."

DIW-Präsident Fratzscher sagte neulich: Wenn wegen der Corona-Maßnahmen die Wirtschaft kollabiert, sei auf lange Sicht auch das Gesundheitssystem bedroht. Wie sehen Sie das?

Im Moment sieht es noch so aus, als würde unser Gesundheitswesen auch angesichts einer schweren Rezession stabil bleiben. Zum einen deshalb, weil es durch Krankenkassen und nicht wie in Großbritannien oder den skandinavischen Ländern durch Steuern und damit über das Staatsbudget finanziert wird. Insofern ist unser Gesundheitssystem sogar eher ein Stabilisator der Wirtschaftsentwicklung, unter anderem, weil der Bedarf nach medizinischer und pflegerischer Versorgung auch in Krisenzeiten vorhanden ist.

Zum anderen verfügt unser Land durch die Politik der "Schwarzen Null" derzeit über erstaunlich viele finanzielle Reserven. Kurzfristig sind offenbar genügend Polster da. Langfristig wirkt sich aber jede Talfahrt negativ auf die Gesundheit der Menschen und die Möglichkeiten der Gesundheitssysteme aus. Schon heute sind wirtschaftlich schwache Länder in beiderlei Hinsicht durch die Corona-Krise sehr stark betroffen.

Für Deutschland sind das dennoch erst einmal gute Nachrichten, oder?

Gut ist, dass die wirtschaftliche und finanzpolitische Stärke Deutschlands für die hiesige Bevölkerung von Vorteil ist. Ob die Schäden durch Corona geringer wären, wenn Politik und Wirtschaft besser vorbereitet gewesen wären, lässt sich nicht sicher sagen. Eine gute Nachricht ist jedenfalls, dass die große Armee aus medizinischem Personal, das in den letzten 20 Jahren geradezu gerupft und gedemütigt wurde, jetzt in der Krise voll da ist. Diese Menschen setzen sich aufgrund ihrer mitmenschlichen Motivation und eigener Willenskraft ein, nicht wegen der guten Arbeitsbedingungen, an denen es schlichtweg fehlt.

Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise lassen sich noch nicht genau bemessen, Experten gehen allerdings davon aus, dass sie verheerend sein könnten. Auch wenn unsere medizinische Versorgung jetzt noch nicht leidet: Wird das noch lange so bleiben?

Zum Zeitpunkt der Pandemie selbst sind die wirtschaftlichen Schäden noch wenig real, allerdings klar absehbar. Jede stärkere und länger andauernde Wirtschaftskrise wird irgendwann auch das Gesundheitswesen treffen: Wenn die Einnahmen sinken und gleichzeitig die Zahl der Arbeitslosen steigt, wie es sich jetzt schon abzeichnet, werden auf Dauer die Sozialkassen geschwächt. Dennoch werden wir hier in Deutschland von den Ausmaßen einer solchen Krise nicht so sehr betroffen sein, wie die Menschen in anderen, vor allem Schwellenländern: Dort gibt es keinerlei finanzielle Reserven für Notsituationen.

"Ab einem bestimmten Punkt können wir uns dann der ethischen Frage nicht verschließen, ob wir eine gewisse Opferzahl durch die unmittelbare Erkrankung akzeptieren müssen, um die Opfer durch die Folgen der Erkrankung möglichst gering zu halten."

Wie wird es nun weitergehen in der Corona-Krise?

Das Virus wird sich weiter ausbreiten, es wird uns nicht verlassen. Ob es saisonale Zyklen zeigen wird wie die Influenza, ist noch nicht bekannt. Im Vordergrund werden wohl weiterhin die Quarantäne und die Kontaktvermeidung stehen, um die pandemische Welle abzuflachen. Möglicherweise könnte auch eine Maskenpflicht kommen, sofern genügend Masken vorhanden sind, dann könnten die strengen Maßnahmen wieder schrittweise gelockert werden.

Würde bald ein Medikament gegen das Coronavirus gefunden werden, könnte genügend Potenzial seitens der Lungenfachärzte genutzt werden. So könnten die intensivmedizinischen Notwendigkeiten reduziert werden, weil Patienten stabilisiert oder geheilt würden, bevor es zu schweren Verläufen der Krankheit kommt.

Ein Medikament gegen das Coronavirus wurde bisher noch nicht gefunden, Impfstoffe wurden zwar schon getestet, sind der Öffentlichkeit allerdings noch nicht zugänglich. Was geschieht, wenn wir nicht zeitnah eine pharmazeutische Lösung finden?

Dann muss weiter auf soziale Präventionsmaßnahmen gesetzt werden. Ab einem bestimmten Punkt können wir uns dann der ethischen Frage nicht verschließen, ob wir eine gewisse Opferzahl durch die unmittelbare Erkrankung akzeptieren müssen, um die Opfer durch die Folgen der Erkrankung möglichst gering zu halten. Das ist eine Abwägungsfrage und ein Konflikt zwischen zwei ethischen Konzepten. Soziale und politische Konflikte sind dann unvermeidbar, sollten aber nach Möglichkeit in zivilisierten Diskursen ausgetragen werden.

Wenn die Weltwirtschaft tatsächlich in die Knie geht, dann könnten die Kollateralschäden größer werden als die akute Bedrohung durch das Virus. Das betrifft vor allem viele Länder außerhalb Deutschlands, ein Blick außerhalb der eigenen Grenzen wird dann wichtig sein.

Der Epidemiologe Martin Eichner von der Uni Tübingen meint, die aktuellen Maßnahmen würden die pandemische Welle nur verschieben und plädiert dafür, schneller eine Herdenimmunität zu erlangen. Dafür sollte man die Kontakte wieder zulassen, bis die Krankenhäuser an die Grenze des Erträglichen stoßen. Was halten Sie von diesem Vorschlag?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass man die pandemische Welle so präzise steuern kann, ohne dass Menschen in erheblichem Maße vermeidbar sterben. Die Idee, eine Pandemie steuern zu können, ist zwar in der Theorie faszinierend, in der Praxis riskieren wir allerdings zu viele Opfer. Wer will dafür die Verantwortung übernehmen?

"In der Medizin kann es immer zu Situationen kommen, wo das Leben der einen Person in Konkurrenz tritt mit dem Leben einer anderen."

Was wird passieren, wenn eine Ressourcen-Knappheit in den Krankenhäusern entsteht, ähnlich wie es gerade der Fall in Italien ist?

Wenn sich die Lage weiter zuspitzt, wird das intensivmedizinische Potenzial logischerweise an seine Grenzen stoßen. Dann wird den Ärzten nichts anderes übrigbleiben, als nach Triage-artigen Systemen zu entscheiden, also abzuwägen, welcher Patient nun bei der medizinischen Hilfeleistung priorisiert werden soll. Die Zahl vermeidbarer Todesfälle wird steigen.

Wäre es das erste Mal in Deutschland, dass nach einem Triage-Modell über die Behandlung von Patienten entschieden werden muss?

Nein, Triage-Situationen hat es im Krieg sowie bei Katastrophen gegeben, beispielsweise bei einem Eisenbahnunfall mit gleichzeitig sehr vielen Verletzten und nicht ausreichenden Hilfskräften. In der Medizin kann es immer zu Situationen kommen, wo das Leben der einen Person in Konkurrenz tritt mit dem Leben einer anderen.

Durch gesundheitspolitische Entscheidungen der letzten Jahre kam es durch die vorgeschriebenen Personaluntergrenzen oder die Reduzierung von Intensivbetten in Einzelfällen zu Triage-Situationen. Betriebswirtschaftliche Entscheidungen zur Gewinnoptimierung im Krankenhaus haben solche Knappheiten verstärkt. Mangelsituationen an Beatmungsplätzen oder Dialyseplätzen sind immer wieder entstanden. Wenn das aber durch wirtschaftliche Ziele entsteht, so belastet das die Moral der Kliniker.

Was können wir aus der aktuellen Krise für die Zukunft lernen?

Das Gute an dieser schlechten Situation ist, dass deutlich wird: Wir sind eben doch nicht nur eine Gesellschaft von Individualisten und Narzissten, sondern wir haben ein erhebliches Solidaritätspotenzial. Diese Krise, die wahrscheinlich nicht die letzte ihrer Art ist, zeigt uns, dass unsere Gesellschaft und jedes einzelne Leben viel fragiler sind, als es im Alltag erscheint. Außerdem sehen wir, dass im Falle einer akuten Bedrohung, wenn tatsächlich Menschenleben auf dem Spiel stehen, wirtschaftliche Interessen zurückgefahren werden können. Das ist eine wichtige Lektion.

Wir können sehen, dass wir eine grundlegend neue Ausrichtung und Ausrüstung des Gesundheitssystems brauchen. Dieses soll mit einer innovativen Gesundheitswirtschaft verzahnt, aber nicht mit ihr identisch sein. Ein Gesundheitswesen an sozialethischen Werten und einem definierten Gesundheitsbegriff auszurichten, Wettbewerb, Wachstum und Gewinnziele gehören ins Feld der Wirtschaft. Aber auch sie muss sich an ethische Grundsätze halten.

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