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Interview

Schönheits-Wahn, Botox, Essstörungen: Autorin Saralisa Volm über ihren Körper

Saralisa Volm beim ARTE Empfang im Rahmen der Berlinale 2023 / 73. Internationale Filmfestspiele Berlin in der Akademie der Künste am Pariser Platz. Berlin, 20.02.2023 *** Saralisa Volm at the ARTE re ...
Autorin, Schauspielerin und Regisseurin Saralisa Volm hat ein Buch geschrieben über das immer wieder schwierige Verhältnis zu ihrem eigenen Körper.Bild: imago / future image
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Saralisa Volm über Schönheitsideale: "Warum sollte eine Person weniger glaubwürdig sein, wenn sie sich Hyaluron spritzt?"

05.05.2023, 08:09
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Sie ist Schauspielerin, Regisseurin und Filmproduzentin. Und das alles ist sie wirklich erfolgreich. Zuletzt feierte ihr Film "Schweigend steht der Wald" aus dem Jahr 2022 Premiere auf der Berlinale. Es gibt also eigentlich wenig Gründe für Saralisa Volm, nicht zufrieden mit sich zu sein.

Aber irgendwas ist ja immer. Und umso mehr gilt das wohl für den weiblichen Körper.

Dieses Hadern mit dem eigenen Äußeren kennt auch Saralisa Volm nur zu gut. Es wurde in ihrem Fall so groß, dass es sogar mehrfach zu Essstörungen führte. Deshalb hat sie sich jetzt dazu entschlossen, ein Buch über das ambivalente Verhältnis zu ihrem eigenen Körper zu schreiben. "Das ewige Ungenügend" heißt es und ist gerade erschienen. Im watson-Interview spricht sie extrem offen über Schönheitswahn, Botox und Bulimie.

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watson: Mit welchem Teil deines Körpers haderst du am meisten – und warum?

Saralisa Volm: Mit meinem Gehirn, weil es mich immerzu auf falsche Fährten lockt.

Warum schreibst du darüber ein Buch, machst Makel also öffentlich – statt sie wie die meisten möglichst zu verstecken?

Weil ich hinter meinen vermeintlichen Makeln mehr sehe als meine persönlichen Erlebnisse. Ich erzähle nicht meine Geschichte, sondern die Geschichte sehr vieler. Ich denke, es ist wichtig, dass wir ins Gespräch kommen.

Cover Das Ewige Ungenügend, Saralisa Volm
"Das ewige Ungenügend" von Saralisa Volm ist im Ullstein-Verlag erschienen und kostet 21,99 Euro.Bild: Ullstein

Du schreibst ganz offen auch über Magersucht und Bulimie. Wie hast du es da rausgeschafft – und wie blickst du heute auf diese Zeit?

Es war bei mir ein langwieriger Prozess, wie bei vielen Menschen mit psychischen Erkrankungen. Ich brauchte viel Literatur zum Thema, Therapeutinnen und Therapeuten und ein verlässliches soziales Umfeld.

Was ist noch normal und was schon Schönheitswahn? Verschwimmen da die Grenzen?

Was ist schon normal? In einer Welt, die den Schönheitsdruck diktiert, ist es jedenfalls normal schön sein zu wollen. Ich sehe keinen Grund, das einer Einzelperson vorzuwerfen. Die Frage ist nur: Wie können wir nachjustieren, um insgesamt wieder ein entspannteres und neutraleres Verhältnis zu unseren Körpern zu bekommen? Wie werden wir unabhängiger von Bewertungen?

"Ich finde, eine intelligente Frau darf alles, wozu sie sich entscheidet."
Autorin Saralisa Volm

Du sagst, du hast heute ein ambivalentes Verhältnis zum eigenen Körper. Worin besteht das genau?

Das ist ganz simpel: Ich will nicht mehr das Gefühl haben, bestimmten Normen genügen zu müssen. Trotzdem wäre ich gerne die schönste Frau der Welt.

Lässt du denn auch nachhelfen mit Schönheits-OPs oder Botox – oder darf man das als intelligente Frau tatsächlich nicht, wie angedeutet im Klappentext zu deinem Buch?

Ich finde, eine intelligente Frau darf alles, wozu sie sich entscheidet und was niemand anderem schadet. Immer. Ich bin für die Auflösung von Schubladen. Warum sollte die politische Haltung einer Person weniger glaubwürdig und begeisternd sein, wenn sie sich Hyaluron spritzt? Und gilt das dann auch, wenn sie sich die Haare färbt? Meiner Meinung nach müssen wir raus aus dieser Bewertung und dem Kleinmachen anderer Lebensmodelle. Ich selbst hatte bislang weder Zeit noch Geld dafür übrig, was machen zu lassen. Aber das ist nur eine Frage der Zeit, denke ich. Und ich wünsche mir sehr, mich dann nicht schon wieder für irgendetwas schämen zu müssen.

Wie verändern Kinder dieses Verhältnis zum eigenen Körper?

Elternschaft ist sehr unterschiedlich. Sie passiert in unterschiedlichen Lebensphasen, kann verschiedenste Komplikationen mit sich bringen und Veränderungen in unseren Beziehungen verursachen. Ich weiß auch bei mir nicht immer: Hat die Mutterschaft mich verändert oder bin ich einfach zehn Jahre älter geworden?

Geht es Männern da anders als Frauen? Und wenn ja: warum?

Der größte Teil der Machtpositionen ist noch immer von Männern besetzt. Sie sind also öfter Entscheider, geben die Regeln vor und Menschen blicken zu Ihnen auf. Das macht sie in gewisser Hinsicht noch freier. Allerdings hat die Industrie sie bereits ins Visier genommen. Wir sollten uns überlegen, ob wir alle zusammen im Ungenügend-Gefängnis sitzen wollen.

Was kann man denn tun für ein gesundes Verhältnis zum eigenen Körper?

Unabhängigkeit ist meiner Meinung nach erster großer Schlüssel, damit kann sich auch die Gefallsucht reduzieren. Außerdem schadet es nicht, sich zu überlegen, mit welchen Bildern man sich umgibt. Ich empfehle mehr variantenreiche Kunst, weniger Werbung.

Welche Rolle spielt Sex dabei, wie zufrieden oder unzufrieden wir mit unserem eigenen Körper sind?

Sex kann durchaus eine Rolle spielen. Die richtigen Hormone, Nähe, Vertrauen: Das sind alles Dinge, die unserem Wohlbefinden zuträglich sind und die Sex uns geben kann. Aber auch die Qualität des Sex hat nicht selten etwas damit zu tun, ob wir uns annehmen.

"Und dann muss man sehen, ob man sich noch anziehend findet."
Autorin Saralisa Volm über Sex in Langzeit-Beziehungen

Kann man es lernen, guten Sex nicht zu verlernen in einer Partnerschaft, wenn man länger zusammen ist?

Jede Beziehung ist Arbeit, braucht Einfühlungsvermögen, echtes Interesse und Hingabe. Teile davon kann man gewiss trainieren. Ob eine Person in fünf Jahren aber noch die gleiche ist, die wir heute lieben, ist schwer zu sagen. Vielleicht verändern auch wir selbst uns? Und dann muss man sehen, ob man sich noch anziehend findet. Jedenfalls hilft es in jeder Beziehung ein Vokabular zu finden und über Sex, Sehnsüchte und Wünsche offen zu sprechen.

Was weißt du jetzt über dich und deinen Körper, was du gerne mit 20 schon gewusst hättest?

Dass ich nicht schuld bin, wenn ich meinen Körper nicht mag, sondern dass das ein Muster ist, unter dem viele leiden und aus dem wir nur gemeinsam ausbrechen können. Und ausbrechen kann verdammt viel Spaß machen!

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