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Bild: steffen jähnicke

Niemand ist perfekt – bis man sich in ihn verliebt

michael nast

Es erstaunt mich immer wieder, wie sehr die Selbstverbesserungskultur, in der wir leben, auch mein Denken durchdringt. Wie sehr mich die allgegenwärtige Selbstoptimierungsbesessenheit vereinnahmt hat. Wie sehr ich mich nach Perfektion sehne. 

Wie so viele arbeite ich seit Jahren daran, die scheinbar perfekte Version meiner selbst zu modellieren. Ich sehnte mich nach dem perfekten Job, der perfekten Wohnung und arbeitete an dem perfekten Körper. Auf Urlauben, Parties oder Konzerten wünschte ich mir die perfekten Erlebnisse und vor allem sehnte ich mich natürlich nach der perfekten Partnerin, die dieses perfekte Leben vervollkommnen würde. Ich lebe mein Leben in dem Bewusstsein, auf dem Weg zu sein – bis endlich alles perfekt sein würde. Bis ich zu dem Menschen wurde, der auf den Fotos zu sehen war, die ich in den Sozialen Medien postete.

Michael Nast 

... ist deutscher Schriftsteller und Kolumnist. Er lebt derzeit in Berlin. Den Durchbruch schaffte er mit "Generation Beziehungsunfähig", das sich über 46 Wochen in der Spiegel-Bestsellerliste hielt. Sein aktuelles Buch #Egoland erschien im April 2018. 

Ich bin jetzt seit mehr drei Jahren Single.

Drei Jahre, die aus eine Aneinanderreihung einmonatiger Liebschaften bestanden. Eine Beziehung entstand nie. In einem Artikel habe ich mal gelesen, dass ein harmonische Beziehung funktionierende Haushaltsgeräte braucht. Es wäre schön, wenn das so einfach wäre, aber ich fürchte, es hängt nicht nur von der Technik ab. Meine Probleme liegen jedenfalls woanders. Sie entstehen vor der Beziehung. Meine Gefühle überleben häufig nicht einmal die Kennenlernphase. Sie sterben, bevor aus ihnen Verliebtheit entstehen kann. Die Todesursachen können verschieden sein.

Weil man sich ja meistens zu nah ist, um sich selbst klar zu sehen, ist es hilfreich, Freunde nach ihrer ehrlichen Meinung zum eigenem Liebesleben zu befragen. Vor einigen Wochen traf ich mich mit Lukas und Stephan im Supersonico, einem italienischen Restaurant in der Nähe des Berliner Mauerparks. Beim dritten Glas Wein berührte unser Gespräch dann das Thema, das immer berührt wird, wenn ich mich mit Menschen treffe, denen ich etwas bedeute. Das Thema, warum ich immer noch Single bin.

"Ganz ehrlich?", sagte Stephan. "Du findest doch immer was, was dich stört."

"Stimmt", fügte Lukas hinzu. "Bei dir entscheiden doch schon Kleinigkeiten, die gegen eine Frau sprechen. Deine Ansprüche sind einfach zu hoch."

Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, haben die beiden schon recht. Ich denke oft an einen Satz, den eine Frau namens Lea mal zu mir gesagt hat. Sie sagte: "In der Liebe bin ich ein Alles-oder nichts-Typ." Dieser Satz ist mir sehr nah, auch ich habe ihn oft gesagt, denn auch mich hindert das fade Gefühl des Kompromisses, Gefühle zuzulassen, wenn ich in mir spüre, dass es nicht so passt, wie ich es mir vorstelle. Ich will einfach keine Kompromisse machen. In der Serie "Stranger Things" wird der Begriff mit dem Satz beschrieben: "Ein Kompromiss ist eine Lösung, die in der Mitte liegt und halbwegs glücklich macht." Und zu etwas, was halbwegs glücklich macht, sind in der Liebe nur die Verzweifelten bereit – die, die eigentlich aufgegeben haben.

Ich habe die Idee einer Stimmung im Kopf, die die Frau beschreibt, mit der ich gern zusammen wäre: Ein milder Sommerabend auf dem Balkon einer Altbauwohnung, wir trinken Wein, scherzen, lachen und führen Gespräche, die in mir etwas auslösen. Die Stimmung ist da, und auch die Kulisse, nur die Frau ist in dieser Vorstellung verschwommen. Wenn ich Frauen begegne, versuche ich, sie mir in dieser Szene vorzustellen. Ich frage mich, ob sie die Szene mit Leben füllen könnten. Das war in den letzten Jahren nur einmal der Fall, was sicherlich auch daran liegt, dass ich ein Perfektionist bin, wenn es um die Frau geht, mit der ich mir eine Zukunft wünsche. Ich weiß natürlich, dass Perfektion nicht in die Wirklichkeit übersetzt werden kann, vor allem in der Liebe. 

Aber ich verdränge das immer wieder auffallend erfolgreich.

Einmal war ich in einer Talkshow zu Gast, um etwas über die Liebe in unserer Gegenwart zu erzählen. Viele wären einfach gefangen in ihrer Sehnsucht nach Perfektion, sagte ich. Dass sie ihre Unzufriedenheit pflegten, dem verführerischen Gedanken ausgeliefert, dass es da draußen noch einen Partner gibt, der besser zu ihnen passt, und ihr Leben sinnvoller ergänzen könnte. Eine Schauspielerin, die ebenfalls zu den Gästen gehörte, stellte betrübt fest, wie schade es wäre, dass die Romantiker ja offenbar ausstarben. Ich sah sie einen Moment lang an, bevor ich entschieden entgegnete: "Nein. Das sind alles Romantiker."

Es entstand eine kurzes, atemloses Schweigen, das von einem bekannten Fernsehkoch, der ursprünglich einmal Philosophie studiert hat, gebrochen wurde.

"Romantiker?", er lachte ungläubig. "Die Konzepte von Perfektion und Romantik schließen sich in der Philosophie eigentlich aus."

Ich sah ihn einen Moment lang an, bevor ich erwiderte: "In ihrer Sehnsucht nach dem Unerfüllbaren sind sie Romantiker."

Der Fernsehkoch schwieg mit einem nachsichtigen Lächeln.

Offensichtlich erinnerte ich ihn einen Pubertierenden in einem kritischen Entwicklungsstadium. Das ist jetzt ungefähr zwei Jahre her, inzwischen habe ich die große Vermutung, dass er mit diesem Lächeln recht hatte.

Wir wollen die Hauptdarsteller eines Films sein. Filme hatten ja eigentlich den Anspruch, die Wirklichkeit abbilden. Inzwischen ist es umgekehrt – wir versuchen, unser Leben den Filmen anzupassen, die wir im Kino sehen. Vor einigen Wochen habe ich den Film "Ein gutes Jahr" gesehen, in dem es eine der schönsten Dating-Szenen gibt, die ich kenne.

"Es gibt da etwas, was du wissen solltest", sagte Marion Cotillard zu Russell Crowe mit einem Lächeln. "Ich bin sehr, sehr misstrauisch, sehr, sehr irrational und ich kann sehr, sehr wütend werden. Dann bin ich noch extrem eifersüchtig und wahnsinnig nachtragend."

Crowe gibt erst am Ende des Films eine Antwort. Er sagt, dass er sich ein Leben mit einer irrationalen, misstrauischen Frau wünscht, die schnell wütend und außerordentlich eifersüchtig werden kann. Darin ist eigentlich alles enthalten, worauf es ankommt. Crowe ist an dem ganzen Menschen interessiert. Wirkliche Gefühle erkennt man daran, dass es einem um den ganzen Menschen geht, mit all seinen Fehlern, Schwächen und Neurosen.

Ich stoppte den Film und sah mir die Szene noch einmal an, bevor ich sie mir noch zwei Mal ansah. Und jetzt begriff ich, dass wir auf die falsche Art von Perfektion achten. Natürlich wissen wir alle, dass Perfektion ein Zustand ist, den man nie erreicht. Aber darum geht es eigentlich gar nicht. Es geht darum, dass wir auf die falsche Art von Perfektion achten. Wir kultivieren die äußere Perfektion, wir modellieren die Fassade. 

Wir wollen eine perfekte Oberfläche.

Aber die Perfektion, nach der wir uns sehnen, ist nichts einzigartiges. Sie ist etwas von der Gesellschaft oder momentan herrschenden Idealvorstellungen vorgegebenes. Sie hat nichts mit uns und oder unserem individuellen Glück zu tun. Perfektion ist nicht mit Leben gefüllt. In unserer Sehnsucht nach Makellosigkeit vergessen wir schnell, dass uns gerade unsere Fehler Einzigartigkeit geben. Dass es gerade die Eigenheiten sind, die einen Menschen liebenswert machen. Die kleinen Mängel erzählen mehr über einen Menschen als der makellose Rest.

Es geht nicht darum, einen perfekten Partner zu finden – sondern den richtigen. Den Partner, der zu einem passt. Wenn man mit dem Partner zusammen ist, der zu einem passt, wird der Kompromiss zu einem Gewinn. Man sagt ja: Niemand ist perfekt – bis man sich in ihn verliebt. Es ist dieses Gefühl, das alles perfekt werden lässt, das uns die Schönheit in den Makeln erkennen lässt, die Schönheit des Menschlichen.

Und genau das ist die Perfektion, um die es geht.

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Warum die Liebe nicht existiert

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"Puh", werden jetzt einige mit hochgezogener Augenbraue einwenden, "kühne These, lieber Michael." Warten wir ab.

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