Leben
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und die Werbung von watson und Werbepartnern zu personalisieren. Weitere Infos: Datenschutzerklärung.
Bild

Bild: steffen jähnicke

Warum die Liebe nicht existiert

Es gibt diese Wahrheiten, an die wir uns immer mal wieder erinnern müssen, obwohl sie uns eigentlich klar sein sollten. Eine dieser Wahrheiten wurde mir kürzlich wieder bewusst. Ich verstand, dass die Liebe nicht existiert.

michael nast

"Puh", werden jetzt einige mit hochgezogener Augenbraue einwenden, "kühne These, lieber Michael." Warten wir ab.

Ich bin ja auch so einer einer. Ich idealisiere zu sehr, wenn ich mir die Frau vorstelle, mit der ich mein Leben teilen will – genauso wie die Beziehung mit ihr. Meine Erwartungen an die Liebe sind hoch. Ich bin auf der Suche nach Intensität, gewissermaßen dem Ideal von Romeo und Julia – ohne den schnellen Tod natürlich. In meiner Vorstellung werden wir zu den Hauptfiguren einer romantischen Komödie, deren Drehbuch nur für uns geschrieben worden ist. Wir müssen uns nur noch fallen lassen, in ein verdichtetes Leben, das trotz aller Hindernisse und dramatischer Wendungen auf ein Happy End zusteuert. Praktisch ein Leben am Rande des Herzinfarkts, wir müssen nur aufpassen, dass der Blutdruck stabil bleibt und wir bis zum Happy End überleben.

Vor einigen Wochen ist mir genau das passiert.

Ich befand mich auf einer Party in der Wohnung eines Bekannten. Als ich aus dem Wohnzimmer in den Flur trat, um in die Küche zu gehen, stand plötzlich eine Unbekannte vor mir. Ihr Haar war aus irgendeinem Grund voller Konfetti. Unsere Blicke trafen sich, wir mussten unvermittelt lächeln. Da war plötzlich dieser Zauber, der eine zufällige Begegnung mit so viel Bedeutung auflädt, dass sie als Schicksal empfunden wird. Es war wie im Film, was vielleicht auch am Alkohol lag. Wir unterhielten uns, als wären die anderen Gäste gar nicht vorhanden. Ich stand einem Menschen gegenüber, durch den das Alltägliche zu strahlen begann.

Michael Nast

... ist deutscher Schriftsteller und Kolumnist. Er lebt derzeit in Berlin. Den Durchbruch schaffte er mit "Generation Beziehungsunfähig", das sich über 46 Wochen in der Spiegel-Bestsellerliste hielt. Sein aktuelles Buch #Egoland erschien im April 2018.

Ich erfuhr, warum ihr Haar voller Konfetti war. Kurz darauf erfuhr ich allerdings noch etwas wesentlich Relevanteres. Als ich ihr sagte, dass sie die coolste Frau auf dieser Party wäre, sagte sie: "Tut mir leid, aber ich bin seit einem Monat in einer Beziehung."

"Seit einem Monat? Zählt nicht. Das könnt ihr unter Schicksal abbuchen", sagte Stephan, als ich Lukas und ihm einige Tage darauf euphorisch von der Frau erzählte.

"Ja", rief ich. "Das ist Liebe! Ich werde um sie kämpfen."

"Moment", unterbrach uns Lukas, "bevor wir hier von Schicksal und Liebe reden, überleg dir bitte ganz genau, was du von der Frau willst. Sieh dir doch dein Liebesleben der letzten Jahre an. Das bestand im Grunde genommen nur aus der Aneinanderreihung einmonatiger Liebschaften. Am Anfang bist du immer total euphorisch, und dann verlierst du schnell das Interesse. Hast du dich mal gefragt, warum das so ist?"

"Es hat eben nicht gepasst“, rief ich wie ein bockiges Kind. "Weil der Mensch hinter dem Idealbild, das du von der Frau entworfen hast, sichtbar geworden ist", sagte Lukas. "Das empfindest du dann als Fehler, und entfernst dich von ihr."

"Aber so geht’s doch vielen", sagte Stephan. "Das idealisierte Denken all dieser Kinofilme produziert Menschen, die eigentlich gar keine Beziehung wollen. Die meisten wünschen sich eine ewige Verliebtheitsphase – und halten das für Liebe. Doch sobald der Rausch beginnt, sich im Alltäglichen aufzulösen, verlieren sie das Interesse."

Ich schwieg, sah die beiden an und plötzlich passierte es. Ich begriff, dass die Liebe nicht existiert.

Die meisten Menschen nehmen an, dass einem Liebe – genauso wie die Verliebtheit – einfach passiert. Wir sind auf der Suche nach einem Menschen, der sie bei uns auslöst. Mir geht es ja genau so. Ich warte darauf, dass mich die Liebe wie ein Schlag trifft. Wir begegnen einem Menschen, es funkt, und schon ist die Liebe da. Wenn einem die Liebe passiert, muss man nichts dafür tun – das ist das große Missverständnis.

Denn zu lieben ist etwas Aktives. Wer Liebe als Substantiv versteht, macht einen Denkfehler. Liebe muss man als Verb verstehen. Liebe ist Handeln, eine Tätigkeit, die gepflegt und kultiviert werden muss. Zu lieben ist Arbeit und Wollen und Ausdauer. Sie verwirklicht sich in der Dauer, sie entfaltet sich in der Zeit. Es ist wie bei einem einem Kunstwerk. Es braucht Zeit und Hingabe, um etwas besonders Schönes herzustellen. Verliebtheit ist der Auslöser, aber Liebe verwirklicht und entfaltet sich in der Dauer.

Manchmal stelle ich mir vor, Romeo und Julia wären nicht gestorben, und ihre großen Gefühle wären dem Alltag ausgesetzt worden. Die großen Gefühle hätten wahrscheinlich gar nicht so lange überlebt. Die beiden haben keine Liebe empfunden, sondern eine starke Verliebtheit. Sie brannte leuchtend, bis sie starben. Nur durch den schnellen Tod, durch die Verdichtung ihrer intensiven Verliebtheit auf einen sehr begrenzten Zeitraum, wurden sie zu einem der größten Liebespaare aller Zeiten. Aber eigentlich haben sie sich nie kennen gelernt. Sie hatten gar nicht die Chance, den Menschen hinter der Projektion wahrzunehmen. Sie hatten nie die Chance, Freunde zu werden.

Ich dachte noch einmal an die Frau mit dem Konfetti im Haar.

 An diesen Zauber, den ich spürte, der aus unserer Begegnung ein Ereignis machte, das in ein Leben strahlt. Genau das war mein großer Denkfehler. Ich kannte diese Frau nicht, wusste nichts über sie und sie nichts über mich. Ob dieser Abend mich nachhaltig inspirieren würde, ob ich sogar bereit war, mein Leben neu dafür auszurichten, kurz: ob daraus Liebe entstehen könnte, konnte ein solcher Moment niemals zeigen.

Was mir passiert war, war eine spontane Verliebtheit – keine Liebe. Ein großes Missverständnis unserer Zeit. Liebe ist nicht die Voraussetzung für eine gelingende Beziehung, sie ist das Ergebnis einer gelungenen Beziehung. Wer das verinnerlicht hat, dem stehen alle Türen offen.

Der erste Teil der Kolumne von Michael Nast: 

Mehr für's Herz:

Niemand ist perfekt – bis man sich in ihn verliebt

Link zum Artikel

Warum die Liebe nicht existiert

Link zum Artikel

Ein ganz normaler Beziehungsalltag – in 23 charmanten Comics

Link zum Artikel

Tinder ist gut 

Link zum Artikel

Das könnte dich auch interessieren:

Warum Frauen an der Gitarre unterschätzt werden – Spoiler: Es hat mit Männern zu tun

Link zum Artikel

"Halt die Fresse, du erbärmliche Frau": Flugzeug-Crew droht 22-Jähriger mit Rausschmiss

Link zum Artikel

Zyklon "Idai": Zahl der Toten in Simbabwe auf 70 gestiegen

Link zum Artikel

Klimaschützerin Luise Neubauer: Anführerin einer wachsenden Bewegung

Link zum Artikel

19 Bilder, die dir zeigen: Es ist nicht alles, wie es scheint

Link zum Artikel

Tesla enthüllt das Model Y – so sieht es aus, und so viel kostet es

Link zum Artikel

Umstrittene Netflix-Doku zum Fall "Maddie" sorgt für Aufregung

Link zum Artikel

"Schulschwänzen nicht heilig sprechen" – Lindner schießt wieder gegen #FridaysForFuture

Link zum Artikel

Wie peinlich kann ein Sex-Date sein? Ja, lest mal dieses Jodlers Reim!

Link zum Artikel

Optische Täuschung: Künstlerin verschwindet dank Make-up in ihrer Umgebung

Link zum Artikel

Greta Thunberg in Schweden "Frau des Jahres"

Link zum Artikel

Katarina Barley: "Rabenmutter gibt's nur auf Deutsch"

Link zum Artikel

"Frauen der Mauer" von strengreligiösen Juden in Jerusalem bespuckt und beschimpft

Link zum Artikel

Wir waren mit Deutschlands bester Skaterin unterwegs. Sie ist 11 Jahre alt.

Link zum Artikel

9 Stars, denen völlig egal war, was Männer und Frauen tragen "sollten"

Link zum Artikel

In diesen Ländern haben die Frauen das Sagen (es sind immer noch zu wenige)

Link zum Artikel

Einen Tampon einzuführen erregt uns nicht und 32 weitere Wahrheiten über Frauen

Link zum Artikel

Der Tod des Patriarchats! Daenerys auf den Thron #TeamDaenerys

Link zum Artikel

"Pink Tax" für Frauen: Gleiches Produkt, gleicher Inhalt, aber teurer

Link zum Artikel

Ich habe mich mit Mama & Oma über Emanzipation unterhalten – es lief anders, als erwartet

Link zum Artikel

watson wird zur Frau! Ja, du hast richtig gelesen

Link zum Artikel

Virgin Atlantic hebt Make-up-Vorgaben auf – aber wieso gibt es die überhaupt noch?

Link zum Artikel

Sie hat alle überlebt, alleine dafür gebührt ihr der Thron #TeamSansa

Link zum Artikel

Chinesische "Harry Potter"-Fans reisten nach Sydney – sie dachten, dass dort Hogwarts sei

Link zum Artikel

#VansChallenge – Warum jetzt überall Sneaker durch die Luft fliegen

Link zum Artikel

Trumps Twitter-Feed ist verrückt? Dann schau dir mal den von Brasiliens Präsidenten an

Link zum Artikel

Die beliebtesten Länder-Slogans – erkennt ihr den Spruch eures Bundeslandes?

Link zum Artikel

Trump nennt den Apple-CEO "Tim Apple" – und die Reaktionen sind großartig

Link zum Artikel

Der Hundewurf von Straubing – und was die AfD daraus macht

Link zum Artikel

Diese Russin ist ein Insta-Star – weil sie ihr Wald-Leben inszeniert wie eine Stadt-Ikone

Link zum Artikel

So romantisch wie Fußnägelschneiden – Erster Heiratsantrag bei Jauch via Telefonjoker

Link zum Artikel

Wenn die Sonne stirbt, ist das wie ein leiser Pups

Link zum Artikel

Zitterpartie Brexit – Geht Mays Strategie schief? Und 5 weitere Fragen

Link zum Artikel

Die Oscars werden zum Queengasmus – unser Protokoll der Nacht

Link zum Artikel

Forscher stehen vor Rätsel: Was macht ein toter Wal im Dschungel?

Link zum Artikel

Darf er das? Chelsea-Torwart verweigert Auswechslung – sein Trainer tobt

Link zum Artikel

Es ist so warm in Deutschland, dass auch schon die Mücken unterwegs sind

Link zum Artikel

Grimassen und getretene Kleider – 13 Dinge, die du in der Oscar-Nacht verpasst hast

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Einen Tampon einzuführen erregt uns nicht und 32 weitere Wahrheiten über Frauen

Am 8. März wird watson zur Frau. Und das 24 Stunden lang. Am Internationalen Frauentag werden wir ausnahmslos Frauenabbilden, thematisieren und porträtieren. Trump, Hoeneß oder Kollegah haben dann Pause. Und ja, das wird auch Zeit. Auch auf watson.de sind Frauen in der Regel unterrepräsentiert. Und das liegt nicht nur an der Welt, in der wir leben, sondern auch an uns. Aber wir wollen besser werden. Heute ist ein guter Tag, um dafür ein Zeichen zu setzen.

Sie stieg aus dem Wasser und ihre Haare …

Artikel lesen
Link zum Artikel