Von wegen Ende der pandemischen Lage – Familien stecken weiterhin im Corona-Ausnahmezustand fest.
Von wegen Ende der pandemischen Lage – Familien stecken weiterhin im Corona-Ausnahmezustand fest.Bild: iStockphoto / Sasha_Suzi
Meinung

Mutter in der Pandemie: "Für uns Eltern ändert sich erst mal gar nichts, nur weil die Politik beschließt, dass die Pandemie bald vorbei ist"

27.10.2021, 09:0327.10.2021, 16:07

Das Ende der pandemischen Lage scheint für Deutschland, der aktuellen Inzidenzwerte zum Trotz, nun wirklich bald Realität zu werden – und das offizielle Ende der Corona-Pandemie winkt im folgenden Frühjahr. Schön für alle Geimpften, Genesenen und mancherorts auch Getesteten, die nun wieder unbeschwert feiern, reisen und arbeiten gehen dürfen, vielleicht sogar ohne lästige Maske. Aber von der Frage mal ganz abgesehen, wie sinnvoll die Aufhebung der pandemischen Lage bei einer Inzidenz von über 100, Tendenz steigend, ist: Es gibt eine gesellschaftliche Gruppe, für die noch längst nicht alles vorbei ist und so schnell auch keine Besserung in Sicht. Denn der kommende Corona-Winter könnte für Eltern lang werden

"Viren aller Art feiern in der Kita gerade eine wilde Party mit Open End. Sie haben leichtes Spiel mit dem durch Dauerquarantäne geschwächten Immunsystem unserer Kinder."

Für uns Eltern ändert sich erst mal gar nichts, nur weil die Politik beschließt, dass die Pandemie vorbei ist. Nicht nur dank strenger Krankheitsregeln in Betreuungseinrichtungen, auch wegen einer aktuell heftigen und andauernden Infektionswelle: Viren aller Art feiern in der Kita gerade eine wilde Party mit Open End. Sie haben leichtes Spiel mit dem durch Dauerquarantäne geschwächten Immunsystem unserer Kinder. Denn, kurzer Immunologie-Exkurs, das Immunsystem von Kindern benötigt Infekte, um sich auszubilden. Diese erfolgen, wie bei Erwachsenen auch, hauptsächlich in der kalten Jahreszeit. Bleiben derartige "Anreize" für das Immunsystem, wie durch den letzten, von Kita-Schließungen geprägten Winter aus, hat das Immunsystem eine "Lernlücke", die sich jetzt durch umso mehr Infektionen bemerkbar macht.

Wir geben unsere Kinder also in der "Seuchenfalle" namens Kita ab und zittern uns bis zum Feierabend durch den Tag. Die Angst vor dem gefürchteten Anruf der Erzieherinnen und Erzieher, der Sprössling müsse abgeholt werden, weil er oder sie gelben Rotz habe oder einmal zu doll gehustet hat, stets im Nacken. Die strengen Regeln der Kitas zum Schutz vor Corona sind notwendig und verständlich – trotzdem leben wir Eltern dadurch weiterhin in einer Art dauerhaften Alarmmodus und am Rande der Erschöpfung. Denn der Spagat zwischen Berufstätigkeit und Kinderbetreuung ist ohnehin für die meisten Familien schon sehr anstrengend.

Während das gesellschaftliche Leben wieder Fahrt aufnimmt, werden wir Familien an der Raststätte zurückgelassen: ohne Plan, ohne Hilfe und ohne Hoffnung in Sichtweite. Nicht mal während des Bundestagswahlkampfs wurde uns Familien Unterstützung versprochen – dann sind wir jetzt sowieso komplett vergessen. Das Alltagstempo mit all seinen Verpflichtungen und Herausforderungen zieht wieder an, aber wir Eltern stecken weiterhin fest im Dilemma zwischen Doppelbelastung durch Arbeit und Kinderbetreuung und der Angst vor einer Corona-Erkrankung unserer Kinder. Eine Mutter schrieb sich letztens in meinem Instagram-Feed ihre Verzweiflung von der Seele: in den sechs Wochen nach Schulbeginn habe es schon zweimal eine zweiwöchige Quarantäne wegen Corona-Vorfällen gegeben. Vier Wochen Quarantäne, zwei Wochen Schule, alles klar.

"Die Angst vor dem gefürchteten Anruf der Erzieherinnen und Erzieher, der Sprössling müsse abgeholt werden, weil er gelben Rotz habe oder einmal zu doll gehustet hat, stets im Nacken"

Wenn man sich mit seinem hustenden Kind aber, angesichts beunruhigender Medienberichte zum Lungenvirus RS, doch aufrafft, zum Arzt zu gehen, findet man den nächsten Ausnahmezustand vor: ein aus allen Nähten platzendes Wartezimmer, aus dem es so lautstark weint, hustet und schnieft, dass man sich kaum reintraut. Abgesehen davon, dass man dann sowieso auf dem Boden sitzen müsste. Und so sieht es derzeit in den meisten Arztpraxen aus: ein einziger Ausnahmezustand.

So ähnlich sieht es gerade in den meisten Kinderarztpraxen der Republik aus.
So ähnlich sieht es gerade in den meisten Kinderarztpraxen der Republik aus.Bild: privat / Evelyn Pohl

Wenn ein Ausnahmezustand dauerhaft ist, ist er dann nicht die neue Normalität?

Da wartet man lieber draußen, wo sich ohnehin schon eine Riesenschlange an Eltern gebildet hat – und das bei Temperaturen unter zehn Grad. Viele werden vergeblich warten, denn ich weiß aus eigener Erfahrung: Akutfälle ohne Anmeldungen werden in vielen Praxen aus Kapazitätsgründen wieder weggeschickt. Da erklärt die erschöpft aussehende Krankenpflegerin einer erzürnten Mutter, sie könnten nicht noch mehr Kinder dazwischen schieben, die Ärztin arbeite bereits seit dem frühen Morgen ohne Pause durch und könne nicht mehr.

Die Diagnose des Arztes nach zwei Stunden Wartezeit mit dem Kind, immerhin: der Husten ist nicht chronisch, kein RS-Virus. Was aussehe wie eine Dauerkrankheit, seien nur mehrere aufeinanderfolgende Infekte. Das sei derzeit ganz normal: Kaum ist die eine Krankheit überstanden, folge schon die nächste. Den Normalzustand eines gesunden Kindes kennen wir Eltern gerade schon gar nicht mehr. Und ich frage mich: Wenn ein Ausnahmezustand dauerhaft ist, ist er dann nicht die neue Normalität?

"Denn während das gesellschaftliche Leben wieder Fahrt aufnimmt, werden wir Familie an der Raststätte zurückgelassen: ohne Plan, ohne Hilfe und ohne Hoffnung in Sichtweite."

Trotzdem müssen das Kind und ich erstmal ein paar Tage zu Hause bleiben, denn es gibt die Frist einer infektionsfreien Zeit vor der Rückkehr in die Kita. Viele Eltern können sich das aber nicht leisten und versuchen trotzdem, mit einem kranken Kind von zu Hause aus zu arbeiten. Wie sie das schaffen, ist mir übrigens ein Rätsel.

Dann, am letzten Tag vor dem heiß ersehnten Kitabesuch, merkt man dann plötzlich, dass der Hals so komisch kratzt und man friert... zack, bumm, hat man sich beim Kind angesteckt. Nun müsste man eigentlich ebenfalls zum Arzt und zum Auskurieren zu Hause bleiben. Geht aber nicht, weil man gerade erst wegen dem Kind gefehlt hat. Doch Home Office sei Dank, kann man krank zu Hause im Bett vor dem Computer dahinvegetieren, um doch noch gerade so sein Pensum abzuarbeiten. Gegen Ende der ganzen Geschichte folgt meist noch der Partner, der sich ansteckt. Wir fallen um wie die Fliegen, in Endlosschleife. Wann genau bitteschön soll da Zeit sein, zur Normalität zurück finden?

Neulich wurden wir in der U-Bahn doof angeguckt, weil das Kind hustete. Ja klar, hätte ich früher vielleicht auch gemacht. Schließlich tragen Kleinkinder keine Masken und sind nicht geimpft. Aber was soll ich tun, mein Kind hustet seit zwei Monaten ohne Unterlass. Zwei, drei Tage Kita und der Krankheitszyklus geht wieder von vorne los. Man hat das Gefühl, am liebsten würde die Gesellschaft unsere Kinder zu Hause wegsperren, bis das Coronavirus ausgestorben ist. Was übrigens nie der Fall sein wird. Wir müssen lernen, damit zu leben. Das gilt auch für uns Eltern, denn inzwischen weiß ich: Von der Politik wird keine Hilfe kommen.

"'Soll ich dich anzünden?', sagte er zu mir. So langsam begreife ich, dass er neben dem Provozieren dabei ist zu lernen, was richtig oder falsch ist"

Es gibt einige Themen, die meinen vierjährigen Sohn beschäftigen, mich aber leider nicht die Bohne interessieren: Los ging es mit Baustellenfahrzeugen, es folgten Feuerwehr und Polizei, irgendwann kam die Schatzsuche auf, weiter ging es mit Angeln, dann Piraten, inzwischen sind wir bei Dinosauriern angelangt. Die einzige "schreckliche Echse" (jaja, das heißt Dinosaurier übersetzt. Was, wussten Sie nicht? Ich auch nicht. Und ich hätte kein Problem gehabt, es nie zu erfahren), die ich vom Hören kannte, war der Tyrannosaurus Rex. Inzwischen kann ich zu viele dieser Ekel buchstabieren.

Zur Story