"Don't hate the heat": Man muss sich schon schämen, dass man die heißen Temperaturen feiert. Aber was spricht eigentlich dagegen?
"Don't hate the heat": Man muss sich schon schämen, dass man die heißen Temperaturen feiert. Aber was spricht eigentlich dagegen?Bild: getty images / Finn Hafemann
Meinung

Trotz aller Hitze-Warnungen: Hochsommer bedeutet für mich Wahnsinn, Langsamkeit, Eskalation – und Lust

20.07.2022, 06:47

Ab und an passiert es, dass sich die gelesene Realität nicht mit der gelebten deckt. Aktuelles Beispiel: Die Hitzewelle. Von niederschmetternder "Sunpression" (Depression durch Sonne) und steigenden Aggressionen bei Temperaturen über 35 Grad ist die Rede, wenn ich durch mein Smartphone scrolle.

"Ich sehe Kinder mit Eis-Schnuten in bunten Sandalen und Menschen, die mit grenzdebiler Gelassenheit von der Arbeit nach Hause radeln."

Schaue ich aus dem Fenster, zeigt sich allerdings ein anderes Bild: pure Freude über den Hochsommer!

Ich sehe Schüler, die bei Musik und Mate im Park zusammensitzen, Verliebte, die den verschwitzten Nacken des anderen an einer roten Ampel küssen, Kinder mit Eis-Schnuten in bunten Sandalen und Menschen, die kurzbehost und mit grenzdebiler Gelassenheit von der Arbeit nach Hause radeln.

Darf man sich über die Hitzewelle freuen?

Diese bis tief ins Mark empfundene Freude vibriert über die fieberwarme Luft, laut ausgesprochen wird sie aber kaum. Klein kommt sie dieses Jahr daher, ganz verschämt.

Denn auch wenn man sich Urlaubstemperaturen im eigenen Land herbeigesehnt hat, will man doch (verständlicherweise) nicht in einen Topf geworfen werden mit Klimakrisen-Leugnern und Populisten auf Twitter, die tönen, viel Sonne im Juli sei nun "echt kein überraschendes" Wetterphänomen.

"Die Hitzewelle diese Woche ist wirklich schlimm. Aber insgeheim habe ich mich doch gefreut, als ich die Wettervorhersage gesehen habe...", gesteht eine Freundin daher entsetzt über sich selbst. Ich lache. "Ist doch okay", sage ich.

"Hitze bedeutet Wahnsinn und Eskalation, Langsamkeit und Lust."

Auch ich liebe den Sommer. Ich finde es schön, wenn es richtig heiß ist. Wann wurde eine derart profane Aussage eigentlich zur "unpopular opinion"?

Lange Zeit galten Menschen, die als Lieblingsjahreszeit den Sommer angaben, als lebensbejahend und freundlich (wie Bravo-Selbsttests bestimmt heute noch bestätigen). Doch jetzt heißt den hitzigen Sommer zu mögen, vor allem ignorant zu sein und auf dem Leid der Welt mit einem Cuba Libre eine Salsa-Party zu feiern. So eine widerliche Person kann sich auch direkt ein Kreuzfahrtticket kaufen. Oder einen SUV.

Sommerkinder vs. Hitzehasser

Ich habe genauso ein Kritiker-Exemplar zu Hause. Der findet, man solle sich mal nicht zu laut über die Hitze freuen, die doch nur den ersten Schritt in die Apokalypse aufzeigt. Auf den Hinweis, der Klimawandel passiere das ganze Jahr über, gab es ein unentschlossenes "Pfff". Wobei wir beide wissen, dass es hier um etwas anderes geht als Ideologie.

"Nachts stören ihn Feiernde vor dem Fenster und Mücken, tagsüber meine gute Laune."

Es ist eher Hitzeempfinden als Haltung, die ihn zum Sommer-Grinch macht. Jedes Mal, wenn die Temperatur über 23 Grad klettert, springt sein ganz persönlicher Alarmradar an. "Diese Sonne", jammert er und windet sich wie Nosferatu anno 1922. "So grell, wie sie in den Augen schmerzt." Nachts stören ihn Feiernde vor dem Fenster und Mücken, tagsüber meine gute Laune.

Nosferatu: Das Gejammer über die Hitze gleicht einer wahren "Symphonie des Grauens".
Nosferatu: Das Gejammer über die Hitze gleicht einer wahren "Symphonie des Grauens".Bild: picture alliance / Courtesy Everett Collection

Er könnte einem richtig leidtun, würde nicht früher oder später doch noch etwas von meiner Euphorie auf ihn abfärben. Die Freude über eine Wohnung, deren Heizung und Lichtschalter ich den ganzen Tag auslassen kann. Urlaubskleidung auf der Arbeit zu tragen, Straßenfeste mit lauten Bands und thailändischen Snacks, die angenehm-erschöpfende Trägheit in der Mittagspause, der duftende Schweiß des Partners, der einen unvermittelt geil macht. Hitze bedeutet Wahnsinn und Eskalation, Langsamkeit und Lust.

Der Hochsommer ist brutal und tödlich, darüber haben wir mehr als genug geschrieben. Aber er macht auch irre Gedankenwege frei und setzt positive Energien ab, die wir derzeit mehr denn je brauchen. Der Winter wird kommen, da bin ich mir sicher. Und mit ihm die Grippeviren, Matsch-Pfützen im Flur und immense Heiz-Kosten, die direkt in Putins Tasche fließen (obwohl warte mal – da war doch was...).

Man nennt es Lebensfreude

Die hoch erhitzten Wochen bis dahin dürfen und sollten wir aus vollem Herzen genießen und uns nicht in einer weiteren ermüdenden Gesinnungsdebatte verfangen, die uns auseinandertreibt. Nein, niemand ist ein schlechter Mensch, weil er sich nach vielen beschissenen Monaten voller Hiobs-Botschaften über hohe Temperaturen im Hochsommer freut. Gerade jetzt, inmitten von Corona, Ukraine-Krieg und Inflation braucht die Seele – besonders die besorgte – eine heilsame Siesta.

Die Depression der vergangenen Jahre hat uns kaum einen Schritt weitergebracht. Das heißt nicht, dass man deshalb aufgeben sollte. Aber vielleicht bringt uns etwas weniger Fingerzeig und etwas mehr anpackender Optimismus schneller gemeinsam nach vorne. Ich habe mir sagen lassen, Balkon-Gespräche in heißen Sommernächten seien ideal, um wahrhaft gute Pläne zu schmieden.

"Was spricht denn dagegen, die Hitzewelle mit Sorge zu betrachten und trotzdem den Sommer zu genießen?"

Ich darf den Klimawandel ernst nehmen und trotzdem feiern, dass die Sonne unser Herz für ein paar Tage leichter macht. Was spricht denn dagegen, die Hitzewelle mit Sorge zu betrachten und trotzdem den Sommer zu genießen? Warum nicht zwei Seelen in einer Brust? Ist der Mensch in sich stringent? Schlechte Laune kühlt die Luft nicht ab, noch macht sie moralisch überlegen.

Also trefft euch in Parks, Gärten, auf Balkonen, lacht und feiert ohne schlechtes Gewissen. Radelt nachts im T-Shirt nach Hause und genießt klirrende Eiswürfel im Glas und den Geruch von Sonnencreme. Man nennt dieses ungewohnte Gefühl Lebensfreude und es sei uns allen sowas von gegönnt.

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