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Kinderbetreuung trotz Homeoffice: Während der Corona-Krise sind es häufig die Frauen, die mehr Aufgaben übernehmen. (Symbolbild) Bild: E+ / svetikd

Meinung

Corona-Krise wirft uns zurück: Der Muttertag 2020 muss ein Wendepunkt für alle werden

Der Muttertag fällt dieses Jahr in die Corona-Krise, die ausgerechnet unsere Mütter besonders stark getroffen hat. Sie sind es, die häufig im Job stärker zurücktreten, sich mehr im Haushalt und Kinderbetreuung einbringen und den Familienalltag bewältigen. Aber: Die Corona-Krise sollte keine Zeit sein, in der wir in traditionelle Rollenmuster zurückfallen.

Als ich kürzlich durch den Prenzlauer Berg in Berlin spazierte und die Straße überquerte, kamen mir eine Mutter und ihre kleine Tochter auf ihren Fahrrädern entgegen. Die Mutter hielt an, um mich vorbeizulassen. Die Tochter allerdings erwischte die Bremse nicht mehr, fuhr seitlich in den Bordstein und kippte wie in Zeitlupe auf ihrem Rad sitzend zur Seite.

Die erste Reaktion der Mutter war ein genervtes: "Boah Mann ey!", während das arme Kind (zurecht) protestierte, weil es immerhin nicht absichtlich hingefallen sei.

Als kinderlose Frau ist mein erster Impuls ehrlicherweise, solche Mütter zu verurteilen. Ist ja nicht nett, ein weinendes, schmerzendes Kind auch noch anzufauchen. Und ohne ihr Verhalten schönreden zu wollen: Gleichzeitig weiß ich, ich stecke nicht in der Haut dieser Frau, die nun, während der Corona-Krise, wahrscheinlich wochenlang tagein, tagaus mit dem Mädchen in einer engen Berliner Wohnung eingesperrt hockte. Ohne Schule. Ohne Spielplatz. Ohne Freunde zu treffen.

Und möglicherweise auch ohne einsatzfähigen Partner, der sich großflächig in die Kinderbetreuung eingebracht hätte. Weil es vielleicht keinen gibt. Oder vielleicht ist Vati körperlich anwesend, geistig aber vollkommen in die Zoom-Konferenz mit den Kollegen vertieft, während Mutti im Hintergrund den Spagat zwischen Homeoffice und Homeschooling probt. Da können schon mal die Nerven blank liegen, wie vermutlich bei meiner Radfahrerin und ihrer Tochter.

Die Corona-Krise kostet vor allem Mütter den letzten Nerv

Auch wenn der moderne Vater sich deutlich aktiver ins Familienleben und den Haushalt einbringt als Vertreter vergangener Generationen: Es sind nach wie vor häufiger die Mütter, welche die Doppelbelastung von Kind und Karriere zu spüren bekommen oder Abstriche machen müssen. Während der Corona-Krise, in die ironischerweise der diesjährige Muttertag fällt, verstärkt sich dieser Effekt. Statistiken und Umfragen legen zumindest nahe, dass Männer und damit auch Väter von der Krise nicht so stark betroffen sind wie Frauen und vorrangig Mütter. Und obwohl es diese Mütter im Jahr 2020 wegen Corona umso mehr verdient haben, am Muttertag gefeiert zu werden, sind wir nach all den Strapazen wohl selten so müde, das auch tatsächlich zu tun.

Nichts gegen euch, ihr fleißigen Väter, die ihre Freundinnen, Frauen und eigenen Mütter heute wahrscheinlich dennoch, wie jedes Jahr, mit Blumen und Pralinen überhäufen. Ihr tut sicherlich, was ihr könnt und so gut ihr es könnt. Wenn ihr mit euren Partnerinnen allerdings schon vor der Corona-Krise eher nach traditionellem Muster gelebt habt, also eure Frauen sich trotz Arbeit vorrangig um Haushalt und Kinder gekümmert haben (und auch das legen die Zahlen nahe, wenn wir mal ehrlich sind) – dann wird sich das in den letzten Wochen wohl kaum verändert, sondern eher verstärkt haben. Das ändert auch ein besonders dickes Danke am Muttertag nicht.

Die Corona-Krise wirft uns in längst vergangene Zeiten zurück, was Geschlechterrollen betrifft

Vergangenen Sonntag sagte die Soziologin Jutta Allmendinger bei "Anne Will", dass sämtliche Fortschritte in der Geschlechterrollenverteilung nun in die Vergangenheit von vor 30 Jahren zurückgerückt seien. In eine Zeit also, in der es noch durchaus üblicher war, dass Frauen ihre Jobs ganz oder mindestens teilweise für die Familie aufgeben, in der es weniger Betreuungsangebote gab als heutzutage, in der es absolut unüblich war, dass Väter ihre Karriere für die Kinder aufgeben würden.

In gewisser Weise hat uns die Corona-Krise also in die 90er zurückkatapultiert. In eine Zeit, in der die Frauenerwerbsquote bei lediglich 57 Prozent lag, im Gegensatz zu 72 Prozent im Jahr 2018.

Auch im Jahr 2018 war übrigens jede zweite Frau in Teilzeit, aber nur jeder neunte Mann. 46 Prozent der Frauen gaben an, wegen der familiären Verpflichtungen ihre Arbeitszeit zu reduzieren. Zudem leisten Frauen im Schnitt 2,4 Mal so viel unbezahlte Arbeit wie Männer und bringen sich 1,6 Mal so häufig im Haushalt ein, Stand 2017. Und das sind, wohlgemerkt, schon die Ergebnisse einer positiven Entwicklung bei den Geschlechterrollen seit den 90ern.

Jeder Fortschritt sollte auch als solcher wahrgenommen werden, keine Frage. Neueste Umfragen zeigen allerdings, dass die Corona-Krise Frauen nun umso stärker fordert: Laut der Hans-Böckler-Stiftung zum Beispiel haben in den vergangenen Wochen 24 Prozent der Frauen ihre Arbeitszeit reduziert. Auch das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) kommt zu dem Schluss, dass Mütter während der Pandemie häufiger ihre Arbeitszeiten reduzieren als Väter, um sich für die Kinderbetreuung einzusetzen.

Warum ist es so selbstverständlich, dass Mütter mehr leisten als Väter?

Ich frage mich: Nach all den Diskussionen, Kämpfen und Neuregelungen der letzten Jahrzehnte – wie kann es sein, dass Frauen und Männer offenbar so selbstverständlich in traditionelle Rollenmuster zurückrutschen? Müssen wir uns da nicht fragen: Sind wir so fortschrittlich, wie wir immer geglaubt haben? Mal abgesehen davon, dass die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern auch außerhalb der Krise nicht ganz gelungen war: Ist die zumindest größere Gleichstellung außerhalb von Corona lediglich ein "nice to have", das wir, wenn es ernst wird, aussetzen, um zu dem zurückzugehen, was wir seit Generationen kennen – Papa besorgt die Brötchen, Mama schmiert sie?

Nun können wir einerseits sagen: Eine Krise ist nicht die Zeit, um stark emotional besetzte Themen wie die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern zu diskutieren. Wir müssen jetzt erst einmal dafür sorgen, uns und unsere Mitmenschen nicht mit dem Virus anzustecken, die wirtschaftlichen Folgen abzufangen und generell um unsere Existenz zu kämpfen. Jeder, wie er oder sie kann.

Andererseits: Diese Krise hat uns bewiesen, dass genau das möglich ist – innerhalb von kürzester Zeit große gesellschaftliche Wandel durchzumachen. Es war nicht immer schön, wenn wir auf Treffen mit unseren Freunden, Arbeitskollegen oder Kinderbetreuung verzichten mussten. Aber ist es nicht Wahnsinn, dass wir das bis jetzt so gut geschafft haben? Wenn wir schon unsere gesellschaftlichen Werte wie Solidarität oder unser Konsumverhalten hinterfragen: Warum dann nicht auch noch mal in die eigene Familie schauen und überlegen, ob da alles so gerecht zugeht – in guten wie in schlechten Zeiten?

Nehmt den Muttertag während der Corona-Krise zum Anlass, eure Mütter besonders zu feiern

Es geht nicht darum, nun während der Krise auch noch den Vätern ein schlechtes Gewissen einzureden. Sondern mehr, das Beste aus sowieso schon angespannten Situation zu machen und zu fragen: Wollen wir das jetzt so weitermachen? Können wir jetzt, wo wir gemeinsam daheim sind, nicht überlegen, wie wir uns den Alltag, die Kinderbetreuung, den Haushalt neu einteilen können? Wie wir uns in einer Krise verhalten können, ohne, dass der Großteil automatisch auf die Mutter abgewälzt wird?

Die Corona-Krise schönzureden wäre nun makaber. Den Muttertag nun so unbeschwert wie in den vergangenen Jahren zu feiern, wahrscheinlich auch. Den Tag und vielleicht auch die Krise allerdings dieses Jahr als Anlass zu nehmen, zu überlegen, wie wir unsere Leben zukünftig gestalten und uns für künftige Ausnahmezustände wappnen wollen, wäre sinnvoll. Dass es nun oftmals die Mütter sind, die diese Krise tragen, sollte weder ein Dauerzustand noch der Plan B für die nächste Katastrophe werden. Egal, wie toll die Geschenke und Überraschungen sind, die sie am heutigen Tag erwarten.

Und dennoch: Vergesst heute nicht, eure Mütter zu feiern. Sie haben ein paar besonders stressige Wochen hinter sich und haben dennoch alles getan, um den Laden zusammenzuhalten. Auch wenn sie bestimmt manchmal genervt dabei waren.

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