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Etwa 600 Mitarbeiter in der Fleischindustrie sollen sich mit dem Coronavirus infiziert haben. Das liegt vor allem an den prekären Arbeitsbedingungen. (Symbolbild) Bild: iStockphoto / industryview

Meinung

Wir wollen billiges Fleisch – das hat Folgen: Wie unser Fleischkonsum Corona begünstigt

Es gibt zwei Dinge, die wir Deutschen lieben: Fleisch. Und günstiges Fleisch. Letzteres besonders. Deswegen konsumieren wir auch so viel davon: Etwa 60 Kilo Fleisch essen wir pro Kopf und pro Jahr. Hierzulande definieren wir Fleischeslust eben etwas anders.

Wie verheerend diese Liebe ist, zeigen die jüngsten Coronavirus-Ausbrüche in deutschen Schlachtbetrieben: Landesweit sollen sich bis zu 600 Mitarbeiter mit Sars-CoV-2 angesteckt haben. Besonders schwer getroffen hat es zwei Betriebe in Nordrhein-Westfalen, in Coesfeld wurden bisher 195 Ansteckungen bestätigt, in Oer-Erkenschwick immerhin einige Dutzend.

Schlachtbetriebe scheinen die neuen Hotspots für Corona zu sein

Dass Schlachtereien nun offenbar nach Karnevals-Kulissen und Après-Ski-Discos die neuen Corona-Hotspots sind, hängt nicht notgedrungen mit mangelnden Hygienebedingungen in den Betrieben zusammen. Sondern eher mit den Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter: Oftmals werden sie aus dem Ausland eingefahren, leben gemeinsam in Sammelunterkünften und werden in Kleinbussen zu ihren Arbeitsplätzen in den Schlachthöfen gefahren.

Selbst wenn im Betrieb ein Abstand von zwei Metern zwischen den Mitarbeitern eingehalten werden kann: Im Bus oder spätestens zu viert im Zimmer einer Sammelunterkunft ist das nicht mehr möglich. Solche Wohnräume funktionieren wie große Haushalte, in denen das Coronavirus besonders leicht übertragen werden kann. Prekäre Arbeits- und Lebensbedingungen steigern das Risiko einer Erkrankung schlichtweg. Wer wenig Geld hat, kann sich einen eigenen Raum zur Isolation nicht leisten.

In der Fleischindustrie stehen solche Arbeitsverhältnisse schon seit Jahren in der Kritik. Freddy Adjan, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), verkündet in einem Statement beispielsweise:

"Die Corona-Fälle sind trauriges Resultat des extremen Preisdrucks beim Fleisch."

Er fordert strengere Kontrollen für Schlachtbetriebe sowie Regeln für die Unterbringung der Beschäftigten. Denn allzu häufig komme es vor, dass Schlachtereien Werkverträge mit dubiosen Subunternehmen schlossen, die ihre Beschäftigten ausnutzten. "Das System ist krank", sagt Adjan und fordert: "Werkverträge für die Kernaufgabe eines Unternehmens zu vergeben, muss verboten werden."

Das billige Fleisch schmeckt uns einfach zu gut

Die Unternehmer zur Rechenschaft zu ziehen, faire Arbeitsbedingungen zu schaffen, die auch den notwendigen hygienischen Maßnahmen während einer Pandemie standhalten – all das ist allerdings nur die eine Seite der Medaille.

Die andere Seite ist die der Verbraucher: Uns schmecken die Currywurst für einen Euro, die Hähnchenpfanne für 2,99 Euro oder das Hackfleisch für fünf Euro pro Kilo halt so gut.

Dass nun reihenweise Schlachterei-Mitarbeiter erkranken, ist nicht der erste Skandal in der Lebensmittelbranche, der im Zeichen von Corona steht: Erst vor wenigen Wochen wurden 40.000 Gastarbeiter aus Osteuropa eingeflogen, um die Spargelernte zu retten. Auch unter diesen Arbeitern könnte das Coronavirus ungehindert grassieren, da sie häufig unter ähnlichen Bedingungen leben wie die Kollegen aus der Fleischindustrie.

Genauso, wie die Würde des Menschen unantastbar ist, ist die Bockwurst des Deutschen unantastbar.

Und obwohl wir uns selbst zu Hause isoliert, Abstand gehalten und Schutzmasken getragen haben, wollten wir unseren Spargel haben. So wie wir unseren Schinken auf dem Frühstücksbrot oder unser Schnitzel zu Mittag haben möchten. Und zwar für wenig Geld. Denn genauso, wie die Würde des Menschen unantastbar ist, ist die Bockwurst des Deutschen unantastbar, so scheint es.

Für das günstige Fleisch nehmen wir, Verbraucher und Unternehmer, offenbar die miesen Arbeitsbedingungen in den Schlachtereien in Kauf. Was außerhalb der Corona-Krise schon schlimm genug ist, kann jetzt, während der Pandemie, mitunter lebensgefährlich werden.

Corona lehrt uns, uns zu zügeln – auch beim Fleischkonsum

Jetzt erleben wir in der Corona-Krise schon genügend Regeln und Verbote. Erst dürfen wir nicht mehr feiern gehen, dann nur noch unter strikten Vorsichtsmaßnahmen überhaupt raus, Freunde bestenfalls mit zwei Armlängen Abstand treffen – und jetzt sollen wir uns auch noch die Wurst auf dem Brötchen verbieten. Ja, es ist viel verlangt, in jeglicher Hinsicht.

Es geht auch nicht um kompletten Fleischverzicht. Aber wenn uns diese Pandemie eines lehrt, dann Maßregelung: weniger Fleisch, dafür gutes für etwas mehr Geld. Denn möglicherweise ist das Problem eben nicht nur, dass Schlachtereien im jetzigen Zustand für Covid-19-Ausbrüche prädestiniert sind. Sondern eher, dass wir sie mit unserer Lust auf günstiges Fleisch in den vergangenen Jahrzehnten dazu getrieben haben, sich zu Brutstätten für leicht übertragbare Krankheiten zu entwickeln.

Die Corona-Krise verlangt uns viel ab. Wir dürfen es allerdings nicht hinnehmen, dass Arbeitnehmer in bestimmten Branchen, wie auch der Fleischindustrie, sich wegen unserer Sucht nach günstigsten Produkten einem gesundheitlichen Risiko aussetzen. Jetzt nicht – und auch in Zukunft nicht.

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Skandale in der Fleischindustrie gibt es immer wieder: Ob Gammelfleisch in Imbissbuden, Pferdefleisch in der Lasagne oder gar tödliche Listerien in der Wurst – schockiert haben uns die Vorfälle schon. Unser Essverhalten nachhaltig beeinflusst allerdings wohl kaum.

Viele von uns werden momentan überlegen, wie wir unseren Fleischkonsum zumindest reduzieren können. Gleichzeitig lässt die Aussicht auf Tofu-Nuggets und Gemüseburger nicht bei jedem das Wasser im Mund zusammenlaufen.

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