Keiner will eine unnötige Spritze haben, aber lohnt sich der zweite Booster dennoch?
Keiner will eine unnötige Spritze haben, aber lohnt sich der zweite Booster dennoch? Bild: iStockphoto / AndreyPopov
watson antwortet

Die Sommerwelle ist da: Brauche ich eine vierte Impfung?

15.06.2022, 15:3315.06.2022, 15:36

Die meisten Deutschen haben ihren Corona-Booster rund um den Jahreswechsel erhalten und viele fragen sich nun: Sollte ich mich, in Anbetracht der derzeit wieder steigenden Corona-Zahlen, um eine vierte Spritze bemühen? Oder ist das unnötig, am Ende sogar schädlich?

Wie die aktuelle Corona-Lage aussieht

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) erklärte erst am Dienstag gegenüber der "Rheinischen Post", dass ein Doppel-Booster jetzt sinnvoll wäre, da die angekündigte Sommerwelle "leider Realität" geworden sei. Am Mittwoch registrierte das RKI 92.344 neue Corona-Fälle innerhalb von 24 Stunden. Die Behandlungen Corona-Infizierter auf Intensivstationen (3,09 % am Dienstag) steigen seit Anfang Juni wieder an, wenn auch noch auf deutlich niedrigerem Niveau als zu Beginn des Jahres.

Treiber des Infektionsgeschehens scheint dabei zunehmend die neue BA.5-Mutante zu sein: Sie macht laut dem deutschen Laborverband inzwischen etwa 40 bis 50 Prozent der Corona-Fälle aus, die Omikron-Sublinie BA.4 etwa 15 Prozent, Tendenz steigend. Der Vorsitzende des Verbands Akkreditierte Labore in der Medizin (ALM), Michael Müller, erklärte am Dienstag, er rechne mit einer weiteren Ausbreitung und hoch bleibenden Infektionszahlen bis etwa Mitte Juli.

Der Immunologe Carsten Watzl ist sicher: Einstellige Inzidenzen wie etwa im letzten Sommer wird es dieses Jahr nicht geben. "Die Inzidenzen werden – wie aktuell zu sehen – bei einigen Hundert liegen. Dafür ist Omikron zu ansteckend." Er geht davon aus, dass sich rund die Hälfte der Bevölkerung noch nicht mit Omikron infiziert hat. "Da die Impfung nicht so gut vor der reinen Ansteckung schützt, hat das Virus also noch ausreichend Potenzial, Menschen zu infizieren."

Ließe sich die Sommerwelle noch bremsen?

Nur mit raschen, strikten Maßnahmen, sagen die Experten. "Aus meiner Sicht ist es kaum möglich, außer mit sehr drastischen Maßnahmen aktuell steuernd einzugreifen", befindet Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen. Insbesondere die Risikogruppen wie ältere Menschen sollten deshalb aktiv zur Booster-Impfung aufgerufen werden, um ihren Schutz zu optimieren. Der Epidemiologe Timo Ulrichs von der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin sieht konkret in der Wiedereinführung von Schutz-Maßnahmen wie dem flächendeckenden Maskentragen die einzige Möglichkeit, den aktuellen Trend zu bremsen. Immunologe Watzl verweist vor dem Hintergrund aber darauf, dass derzeit die rechtlichen Möglichkeiten fehlten, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen.

"Weil die aktuelle Virusvariante sehr leicht übertragbar ist und weil fast alle Vorsichtsmaßnahmen ausgelaufen sind, verpufft in diesem Jahr der Sommereffekt in der Pandemie", sagt auch Gesundheitsminister Lauterbach im Interview. Der Minister weiter: "Älteren und Vorerkrankten empfehle ich daher dringend, sich nochmal impfen zu lassen. Das verhindert nicht unbedingt eine Infektion, aber es verhindert schwere Krankheitsverläufe."

Bislang empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) den sogenannten "Doppel-Booster" nur für Menschen ab 70 Jahren, Vorerkrankte, Heimbewohner und bestimmte Berufsgruppen. Doch da Deutschland derzeit nicht unter Impfstoff-Mangel leidet, erhalten auch andere Bürger durchaus eine vierte Impfung – in Absprache mit ihrem Arzt.

Und: Es gibt Fälle, in denen auch für junge, gesunde Menschen ein zweiter Booster auch sinnvoll sein kann, sagt Immunologin Prof. Martina Prelog von der Universitätsklinik Würzburg. Watson sprach mit ihr über die wichtigsten Fragen.

Für wen empfiehlt die Stiko die 4. Impfung?

Die Empfehlung der Stiko bezieht sich derzeit auf:

  • Menschen ab dem Alter von 70 Jahren
  • BewohnerInnen in Einrichtungen der Pflege sowie Personen mit einem erhöhten Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf in Einrichtungen der Eingliederungshilfe, also Menschen mit einer Behinderung oder die von Behinderung bedroht sind
  • Menschen mit Immundefiziten ab dem Alter von fünf Jahren
  • Personal in medizinischen Einrichtungen und Pflegeeinrichtungen, insbesondere solchen mit direktem Patienten- bzw. Bewohnerkontakt

Ziel der zweiten Auffrischungsimpfung sei "zum einen die Verhinderung von schweren Covid-19-Erkrankungen und Tod", zum anderen auch "die Reduktion der Transmission von SARS-CoV-2 auf vulnerable Personen" und Aufrechterhaltung der medizinischen Versorgung, erläutert die Stiko ihre Entscheidung.

Die von der Stiko genannten Gruppen nachzuimpfen, sei "sinnvoll", bestätigt auch Prof. Prelog: "Bei Menschen über 70 Jahren und immungeschwächten Personen ist der Antikörperschutz generell niedriger und nimmt rasch wieder ab. Personen im Gesundheitssystem sind einem höheren Expositionsrisiko ausgesetzt." Zudem können sie den Erreger an Immungeschwächte und Ältere weitergeben und könnten durch einen aufgefrischten Immunschutz ihr Überträger-Risiko senken.

Ich bin jung und gesund. Brauche ich trotzdem einen Doppel-Booster?

Jein. "Dies ist sinnvoll bei Menschen, die engen Kontakt zu Personen mit Immunschwäche oder einem erhöhten Risiko für schwere Corona-Erkrankungen haben", so Prof. Prelog.

Heißt: Vorerkrankte sollten im Einzelfall abwägen, ob eine Auffrischung für sie persönlich Sinn ergeben kann. Vor allem aber spielt es auch bei ganz gesunden Menschen eine Rolle, ob man viel mit Risikogruppen in Kontakt ist. Denn sie würden durch einen zweiten Booster indirekt geschützt, wie die Immunologin erklärt: "Es zeigte sich in einigen Studien, dass Geimpfte, selbst wenn sie sich infizieren, das Coronavirus in geringeren Mengen und kürzer ausscheiden."

Im gut durchgeimpften Portugal traf die Sommerwelle bereits auf die Mutante: Mehr als 80 Prozent der Infektionen gehen dort auf die BA.5-Variante zurück.
Im gut durchgeimpften Portugal traf die Sommerwelle bereits auf die Mutante: Mehr als 80 Prozent der Infektionen gehen dort auf die BA.5-Variante zurück. Bild: dpa / Ágata Xavier

Bereits am Dienstag hatte Lauterbach alle Deutschen zudem dazu aufgerufen, wegen der sprunghaft steigenden Corona-Zahlen in Innenräumen auch wieder Schutzmasken zu tragen. Dies und eine vierte Impfung seien die wirksamsten Gegenmittel, um die Sommerwelle zu bremsen. In Deutschland erhielten laut Bundesgesundheitsministerium bisher allerdings nur 5,2 Millionen Menschen eine zweite Auffrischungsimpfung. Dies sind 6,3 Prozent der Bevölkerung.

Kann eine Impfung "zu viel" schaden?

"Richtig schaden eher nicht", sagt die Wissenschaftlerin dazu. Es sei jedoch "immunologisch gesehen" sinnvoll, bestimmte Abstände zwischen den Impfungen einzuhalten – bei gesunden Menschen sind das etwa sechs Monate – "damit die Immunantwort ausreifen kann."

Die Stiko geht davon aus, dass bei immungesunden Personen der Impfschutz nach der ersten Auffrischimpfung besser und ein längerer Impfabstand für den Langzeitschutz immunologisch günstiger ist. "In begründeten Einzelfällen kann die zweite Auffrischimpfung nach frühestens drei Monaten erwogen werden", meldet die Stiko ergänzend.

"Im Durchschnitt nehmen die Antikörper nach etwa sechs Monaten deutlich ab", erklärt Prelog dazu. Bedeutet auch: Wer zum Jahreswechsel geboostert wurde, ist im Sommer nicht mehr so geschützt, wie zu Beginn. Wie stark dieser Abfall des Immunschutzes ist, könne man jedoch "generell nicht sagen, da dir Antikörperwerte individuell sehr unterschiedlich sind".

Ich hatte eine Corona-Infektion. Ersetzt das den zweiten Booster?

Ein Gutes hat es, wenn man sich mit Corona infiziert hat: Der zweite Booster wird für die Betroffenen offenbar obsolet. "Jeder Kontakt, durch die Impfung oder durch die Infektion, 'erinnert' unser Immunsystem, wie das Corona-Virus aussieht und 'boostert' unsere Immunantwort", bestätigt Prof. Prelog. Es sei "wahrscheinlich so", dass eine Infektion eine vierte Spritze damit überflüssig macht.

"Jeder Kontakt, durch die Impfung oder durch die Infektion, 'erinnert' unser Immunsystem, wie das Corona-Virus aussieht und 'boostert' unsere Immunantwort."
Prof. Martina Prelog

Auch die Stiko sagt, Personen "die nach erfolgter COVID-19-Grundimmunisierung und erster Auffrischimpfung eine SARS-CoV-2-Infektion durchgemacht haben, wird vorerst keine weitere Impfung mit den aktuell verfügbaren COVID-19-Impfstoffen empfohlen."

Wird mein Körper je genug Antikörper haben, um vor Covid-19 geschützt zu sein?

Nein. "Die Antikörper schützen vor allem vor schweren Covid-Verläufen, aber nicht immer ausreichend gegen eine Infektion", so Prof. Prelog. Es gibt also auch in Zukunft keinen 100-prozentigen Schutz vor einer Infektion, auch nicht mit dem Doppel-Booster.

"Die zweite Säule der Immunabwehr, die zelluläre Immunantwort, scheint allerdings relativ stabil zu sein und schützt zusätzlich gegen schwere Verläufe", erläutert die Klinikärztin weiter. Daher hat die Impfung und auch die Auffrischung dennoch einen hohen Nutzen: Wer ausreichend Antikörper hat, erkrankt nicht mehr schwer an Corona.

Brauchen wir spätestens im Herbst alle eine Impf-Auffrischung?

"Das ist gut möglich", so die Wissenschaftlerin und nimmt Impfzögerern damit die Hoffnung, dass die Spritzerei ein Ende hat. "Die Antikörperwerte nehmen nach dem derzeitigen Wissensstand über sechs bis neun Monate wieder deutlich ab, auch wenn die zelluläre Immunantwort stabiler ist und bestehen bleibt", sagt sie. Angesichts dessen sei eine Auffrischung vor dem Winter, der ja bekanntermaßen mit mehr Infektionen einhergeht, durchaus sinnvoll, um das Immunsystem zu rüsten.

(mit Material der dpa)

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