Als Mutter ist man besonders empfänglich für das Leid anderer Menschen (Symbolbild).
Als Mutter ist man besonders empfänglich für das Leid anderer Menschen (Symbolbild).Bild: imago stock&people / Westend61
watson-Kolumne

Tod, Verbrechen und Krieg: Wieso ich noch stärker leide seit ich Mutter bin

10.04.2022, 12:50

"Schonungslos ehrlich" – die Mama-Kolumne ohne Insta-Filter

Ich erinnere noch gut daran, wie meine Hebamme vor über vier Jahren nach meiner Geburt zu mir sagte, mein Herz sei jetzt besonders offen und weich, das sei ganz normal. Wäre mir jemand vor der Schwangerschaft mit solch einer Aussage gekommen, hätte ich innerlich die Augen verdreht. Doch stattdessen füllten sich diese direkt mit Tränen.

"Das Herz hatte sich nach meiner ersten Geburt geöffnet und nie wieder komplett verschlossen."
Unsere Autorin berichtet über die unschönen Seiten des Mutterdaseins – schonunglos ehrlich.
Unsere Autorin berichtet über die unschönen Seiten des Mutterdaseins – schonunglos ehrlich.bild: emmy lupin studios
Unsere Autorin...
...wurde mit Anfang 30 Mutter. Und kommt noch immer nicht damit klar, dass ihr altes, schönes Leben seitdem vorbei ist. Sie ist wütend, dass Eltern nie den Mut hatten, zu erzählen, was es wirklich bedeutet, ein Kind zu haben. Aus diesem Grund legt sie alle zwei Wochen den Finger in die Wunde – und berichtet schonungslos. Und weil sie weiß, dass Mütter sehr giftig werden können, wenn es um ihr Heiligstes geht, bleibt sie lieber anonym. Die täglichen Entrüstungsstürme ihres Sohnes reichen ihr völlig aus.

Das Schlimme? Ich habe das Gefühl, bis heute hat sich nichts daran geändert. Das Herz hatte sich nach meiner ersten Geburt geöffnet und nie wieder komplett verschlossen. Seitdem bin ich weicher, verletzlicher, gefühliger und empfindsamer geworden. Das merke ich an Kleinigkeiten, zum Beispiel an traurigen Filmszenen. Aktuell spüre ich es am stärksten an etwas ganz Großem: einem Krieg. Die Berichterstattung aus der Ukraine trifft mich direkt in diese Öffnung.

Jedes Mal wenn ich Instagram öffne, werde ich mit grausamen Bildern überrollt. Es begann mit einem Video, in dem der Keller eines Krankenhauses gezeigt wurde, in dem die neugeborenen Babys einer Intensivstation nebeneinander in Decken gehüllt lagen und notdürftig zwischen Regalen eines Lagerraums versorgt wurden.

"Bilder wie diese erschüttern mich nicht nur für einen kurzen Moment, sie belasten mich Tage lang."

Ich erinnere mich weiter an das Bild einer vierköpfigen Familie, die in einer U-Bahn-Station Schutz gesucht hatte. Die Art und Weise, wie sich der Vater zu seinem kleinen Sohn herabgebeugt hatte und mit ihm sprach, bewegte mich. Später, vielleicht das ergreifendste Bild, als eine verletzte Hochschwangere aus einer Entbindungsklinik getragen wurde, die gerade bombardiert worden war. Später las ich, dass die Schwangere und das Kind nicht überlebten.

Wenn der Krieg den Alltag überschattet

Bilder und Nachrichten wie diese erschüttern mich nicht nur für einen kurzen Moment, sie belasten mich Tage lang. Sie entwickeln sich weiter zu Gedanken, die mich in alltäglichen Situationen aufsuchen.

Als wir vor kurzem mit COVID-19 infiziert waren und ich das Fieber meiner fünf Monate alten Tochter beobachtete, die erst erbrochen hatte und jetzt mit 39,3 glühte, stellte ich mir vor, wie es sich anfühlen würde, ohne fiebersenkende Medikamente mit meinen beiden Kindern in einem Zug oder noch schlimmer, auf einer Landstraße in eisiger Kälte auf der Flucht zu sein? Kein Bett um sich auszuruhen und zu gesunden, keine Medikamente, lediglich Angst und Panik.

"Ich sehe meinen eigenen Sohn in diesem Jungen, der nicht versteht, was um ihn herum in dieser U-Bahn-Station passiert."

Natürlich sehe ich mich in den unzähligen erschöpften Müttern, die tagelang ihre Kinder bis über die Grenze trugen. Ich sehe meinen eigenen Sohn in diesem Jungen, der nicht versteht, was um ihn herum in dieser U-Bahn-Station passiert. Und ich erinnere mich, in welchem Ausnahmezustand ich mich befand, als ich selbst in den Wehen lag.

Als Mutter ist es mit der Coolness leider vorbei

Es sind jedoch nicht nur Themen, in die ich mich besonders als Mutter hineinversetzen kann. Ich bin genauso ergriffen, wenn mir Freunde von dem Tod ihrer Oma erzählen, die ich nie gekannt habe. Wenn ich über Schicksalsschläge Unbekannter auf Instagram lese oder über Recherche-Videos stolpere, in denen schutzlose Tiere auf brutalste Weise gequält werden. Es geht also nicht nur um Eltern-Kind-Szenarien sondern um Lebewesen aller Art, die mit Angst, Trauer, Schmerzen oder Unrecht konfrontiert werden.

"Contenance, möchte ich mir manchmal selbst zurufen."

Contenance, möchte ich mir manchmal selbst zurufen. Doch ich kann nichts dagegen tun. Ich leide schneller, intensiver und länger. Nun lese ich immer häufiger, wie wichtig es sei, Emotionen zuzulassen. Alles schön und gut aber mein Alltag ist anstrengend und oft belastend genug.

Da wäre ein dickes Fell manchmal nützlich, um emotional stabil zu bleiben. Ich tippe jedoch darauf, dass es sich hier ähnlich wie in anderen Bereichen verhält: Als Mutter ist es mit der Coolness leider vorbei.

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Ich gucke. Sie schaut mich auch an. Ich gucke schnell weg. Ein paar Minuten vergehen. Ich gucke wieder hin. Sie hat ein hübsches Lächeln, aber schaut nicht in meine Richtung. Wieder ein paar Minuten später weist mich mein Kumpel darauf hin, dass sie in meine Richtung schaut. Ich drehe mich um, unsere Blicke treffen sich. Wir lachen uns beide kurz an.

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