Gelebte Gleichberechtigung – für die meisten Mütter immer noch eher ein Wunschtraum.
Gelebte Gleichberechtigung – für die meisten Mütter immer noch eher ein Wunschtraum.Bild: www.imago-images.de / Maskot
watson-Kolumne

Warum alle Paare dieses Buch gelesen haben sollten – noch bevor sie über ein Kind nachdenken

15.05.2022, 13:5415.05.2022, 13:55

"Schonungslos ehrlich" – die Mama-Kolumne ohne Insta-Filter

Manchmal passiert es, dass ich etwas vor den Latz geknallt bekomme, woraufhin ich so perplex bin, dass ich nicht widerspreche. Ein Beispiel wäre: "Kinder stehen der Mutter halt mal näher als dem Vater." Das kommt bei Familientreffen genauso wie bei Gesprächen mit Kindergarteneltern vor.

Die Autorin Alexandra Zykunov hat das Buch "Wir sind doch alle längst gleichberechtigt!" geschrieben, in dem sie 25 solcher typischen Bullshitsätze zerlegt und so analysiert, wie uns das Patriarchat bis heute beeinflusst.

Sie zitiert Studien, Theorien und jede Menge Alltagsbeispiele. Perfekt informiert, könnte ich jetzt souverän kontern. Nicht auszubleibender Nebeneffekt: Die Lektüre führt dazu, Problematiken im eigenen Familienleben zu erkennen – und sich heftig darüber aufzuregen.

Weil es nie zu spät ist, etwas zu ändern, möchte ich drei der Bullshitsätze, die vor allem Mütter betreffen, vorstellen und spannende Gedanken daraus an meiner persönlichen Situation veranschaulichen.

Unsere Autorin berichtet über die unschönen Seiten des Mutterdaseins – schonunglos ehrlich.
Unsere Autorin berichtet über die unschönen Seiten des Mutterdaseins – schonunglos ehrlich. bild: emmy lupin studios
Unsere Autorin...
...wurde mit Anfang 30 Mutter. Und kommt noch immer nicht damit klar, dass ihr altes, schönes Leben seitdem vorbei ist. Sie ist wütend, dass Eltern nie den Mut hatten, zu erzählen, was es wirklich bedeutet, ein Kind zu haben. Aus diesem Grund legt sie alle zwei Wochen den Finger in die Wunde – und berichtet schonungslos. Und weil sie weiß, dass Mütter sehr giftig werden können, wenn es um ihr Heiligstes geht, bleibt sie lieber anonym. Die täglichen Entrüstungsstürme ihres Sohnes reichen ihr völlig aus.

"Mein Mann würde so gerne in Elternzeit gehen aber bei ihm geht das leider nicht"

Der Satz kommt mir sehr bekannt vor, nämlich aus dem Mund meines Mannes, als wir – ich bereits schwanger – zum ersten Mal über Elternzeit sprachen: "Ich würde total gerne in Elternzeit gehen aber das ist mit der Firma leider nicht machbar." Er ist selbstständig und für mehrere Mitarbeiter verantwortlich. Den gleichen Satz habe ich aber auch schon von angestellten Vätern gehört, zum Beispiel von Ärzten. Im Falle einer Elternzeit würden sie direkt auf dem Abstellgleis landen, also undenkbar. Bedauerlicherweise korrekt, aber gilt das etwa für die Karrieren der Frauen nicht exakt genauso?

Ich lese: 58 Prozent aller Väter nehmen keine Elternzeit und 51 Prozent dieser Väter geben an, dass sie es aufgrund finanzieller Nachteile nicht getan haben. Leider ist es so, dass Männer häufig mehr verdienen als ihre Frauen. Dazu ein interessanter Gedanke von Zykunov:

"Wenn er sowieso mehr verdient als sie, sollte da nicht das Ziel sein, dass sie irgendwann auch bei höheren Gehaltsstufen ankommt? Wie aber soll sie jemals dort ankommen, wenn die Haltung unserer Gesellschaft dazu immer noch ist: 'Aha, sie verdient weniger, dann soll sie doch auch gleich in Elternzeit gehen und danach lebenslang ihre Stunden reduzieren und noch weniger verdienen, auf dass sich der Gender-Pay-Gap niemals schließe.' Sollte es also eigentlich nicht anders herum sein? Dass derjenige, der viel mehr verdient hat, in dieser Situation zurücktritt?"

Mit diesem Abschnitt trifft sie bei mir direkt einen Nerv. Als ich mit Anfang 30 mein erstes Kind bekam, war ich nach Studium, Praktika, Volontariat und ein paar Jahren Selbstständigkeit gerade dabei, mir eine berufliche Karriere aufzubauen. Ich hatte gute Kontakte gewonnen und sicherte mir nach und nach Auftraggeber. Nebenbei entwickelte ich Ideen für eigene Projekte. Ein paar Jahre mehr und mein Gehalt hätte sich dem meines Mannes sicher angenähert. Vielleicht wäre mein eigenes Projekt auch so erfolgreich geworden, dass ich ihn überholt hätte.

"Ein paar Jahre mehr und mein Gehalt hätte sich dem meines Mannes sicher angenähert. Vielleicht wäre mein eigenes Projekt auch so erfolgreich geworden, dass ich ihn überholt hätte."

Stattdessen saß ich zwölf Monate lang alleine zuhause in Elternzeit. Es folgte ein weiteres Jahr, weil wir keinen Betreuungsplatz bekamen. Danach arbeitete ich stundenweise von zuhause aus, eben so, wie es die mittägliche Abholzeit zuließ – bis Kind Nummer zwei kam. Jetzt wieder Elternzeit.

Eine berechtigte Frage, die beim Lesen weh tut: "Wer will schon hören, dass er eventuell unwissentlich (oder noch schlimmer: wissentlich) auf dem Rücken seiner Partnerin gearbeitet hat (…)?" Dazu zitiert Zykunov den Autor Jochen König: "Zu einem Mann, der wenige Wochen nach der Geburt seines Kindes wieder voll arbeiten geht, sollten die Kolleg:innen sagen: 'Hey, du nutzt da gerade jemanden aus.'"

Und deshalb beinhaltet der oben genannte Bullshitsatz einen solchen Bullshit: Weil er offenlegt, dass eine Partnerschaft dadurch aus dem Gleichgewicht gerät. Indem Männer sich durch entsprechende Aussagen über die Frau erheben und ihre eigene Karriere oder das Gehalt höher ansiedeln als die Verantwortung für ein gemeinsames Kind.

"Frauen wollen doch zu Hause die Verantwortung gar nicht abgeben!"

Alexandra Zykunov schreibt darüber, dass sie lange Zeit davon überzeugt war, dass die Theorie des "Maternal Gatekeeping" an der Retraditionalisierung der Geschlechterrollen schuld sei. Sie beschreibt das Phänomen, dass Mütter enorme Probleme damit hätten, ihre mütterlichen Pflichten und Verantwortlichkeiten abzugeben und dass sie Väter sogar aktiv davon abhalten würden, ihnen gewisse Care-Arbeitsaufgaben abzunehmen.

"Mir fallen sofort jede Menge Beispiele aus unserem Familienalltag ein, die belegen, dass ich Dinge lieber selbst in die Hand nehme."

Mir fallen sofort jede Menge Beispiele aus unserem Familienalltag ein, die belegen, dass ich Dinge lieber selbst in die Hand nehme. Der Grund? Weil ich weiß, dass mein Mann gewisse Themen nicht so ernst nimmt wie ich. Manches anders sieht. Sich nicht eingehend damit beschäftigt. Und weil er vieles einfach nicht weiß, weil er davon ausgeht, dass ich es sowieso mache.

Konkret heißt das: Er weiß nicht, welche Hose der Vierjährige bei welcher Witterung für den Waldkindergarten anzuziehen hat. "Die sind halt beide schwarz", meinte er letztens, als ich ihn darauf hinwies, dass dies nicht die Regenhose sei, die heute dringend benötigt wurde. Zufälligerweise sind sie gleichfarbig aber die Regenhose ist völlig anders beschichtet, von einer anderen Marke, hat einen anderen Schnitt und einen dickeren Stoff.

"Aus Panik vor dem, was mich erwarten könnte, kontrolliere ich lieber das Outfit des Sohnes vor Verlassen des Hauses."

Also wieso kann er sich das nach einer einmaligen Erklärung nicht merken? Natürlich könnte er, aber er gibt sich erst gar keine Mühe, weil – und hier kommt im Buch der Begriff "Paternal Underperforming" ins Spiel – so die Möglichkeit besteht, dass ich das nächste Mal den Sohn morgens lieber gleich selbst anziehe und er diese nervenaufreibende Aufgabe wieder los ist.

Weshalb ich in die Situation eingreife, statt mich mal locker zu machen und darauf zu verzichten zu kontrollieren, wie das Kind das Haus verlässt, nachdem ich die Wetter-App gecheckt habe? Könnte das Kind bei den kalten Temperaturen nass werden, ist das für mich keine Option. Denn im schlimmsten Fall ist es am nächsten Tag erkältet, schlecht gelaunt weil angeschlagen, kann möglicherweise nicht in den Kindergarten, muss drei Mal täglich inhalieren, muss zum Kinderarzt.

Und wer übernimmt all diese Aufgaben, weil er mit dem Baby aktuell zuhause ist? Ich! Aus Panik vor dem, was mich erwarten könnte, kontrolliere ich lieber das Outfit des Sohnes vor Verlassen des Hauses. Obwohl ich diesen Punkt gerne aus meinem Mental-Overload streichen würde.

"Vermisst du dein Kind nicht, wenn du ein Wochenende lang alleine weg bist?"

Zugegeben, bei den meisten meiner engen Mütter-Freundinnen zählt das Solo-Verreisen zu den Highlights des Jahres. Und mit alleine wegfahren meine ich kein Paar-Wochenende sondern wirklich alleine – Freunde besuchen oder mit Freunden unterwegs sein. Auch ich fiebere dem Abstillen und somit meiner Unabhängigkeit entgegen.

Ich bin absolut überzeugt, dass es wichtig ist, regelmäßig etwas ohne Kinder zu unternehmen. Doch ich erinnere mich, als eine befreundete Mutter bei einem gemeinsamen Freundinnen-Wochenende vor drei Jahren zu mir sagte, sie würde ihr Kind ja schon vermissen. Ich hatte das Gefühl, ihr zustimmen zu müssen, aber ich konnte nicht, weil es nicht stimmte. Ich wusste, dass mein Sohn zuhause bestens versorgt war und bekam regelmäßig Bilder, die das bewiesen.

Ich genoss diese Auszeit gerade so sehr, nachdem ich über ein Jahr nichts alleine gemacht hatte, also nein, ich vermisste niemanden. Und trotzdem hinterließ der Satz meiner Freundin ein schlechtes Gefühl, weil mir – egoistische Mutter – mein Kind scheinbar egal oder unsere Bindung nicht stark genug war. Getoppt wird dieses Beispiel, wenn andere Mütter sagen: "Ich finde ja super, dass du das machst. Aber ich könnte das nicht." Message angekommen.

"Es fehlt an Vätern, die sich selbstverständlich um Klamottenkäufe kümmern, Elternabende besuchen, sich auf Spielplätzen langweilen und mit zur Musikstunde gehen."

Alexandra Zykunov stellt zu ihrem Bullshitsatz folgende kluge Frage: Warum kriegen Väter diese Fragen nie gestellt? Ihre Antwort: Das Patriarchat und der Kapitalismus sind daran schuld. Denn wenn das "Eine Mutter gehört zum Kind"-Narrativ (Patriarchat) nicht greift, weil die Mutter ein Wochenende alleine verbringt, muss sich der Vater mehr kümmern und kann in dieser Zeit keine Güter produzieren, also kein Geld verdienen (Kapitalismus).

Sie belegt erschreckend, wie sehr wir auch im Jahr 2022 in tradierten Rollenbildern hängen, geprägt durch Erziehung, Schule, Bücher, Werbung und unsere Umwelt. Sie zeigt Beispiele an beliebten Kinderfiguren wie Conni, Bobo oder Leo Lausemaus auf, die alle das gleiche Schema verfolgen: Papa geht arbeiten, Mama kümmert sich zuhause ums Kind.

Und nun mein Lieblingsgedanke nach dem ganzen Dilemma: "Für Jungen bedeutet das im Umkehrschluss, dass sie immer noch nicht dahingehend erzogen werden, sich zu kümmern. (…) Es fehlt ihnen an Vorbildern." Es fehlt an Vätern, die sich selbstverständlich um Klamottenkäufe kümmern, Elternabende besuchen, sich auf Spielplätzen langweilen und mit zur Musikstunde gehen.

Interessanterweise hat mein Mann schon oft erzählt, wie schade er es als Kind fand, dass sein Vater fast nie zuhause war. Jetzt arbeitet er selbst zwar weniger, aber immer noch mindestens 40 Stunden die Woche. Und unser Sohn? Kennt es aktuell nicht anders und könnte, wenn wir nichts ändern, es irgendwann genauso machen.

Zurück zu der Mutter, die mir ein komisches Gefühl gab. Zykunov plädiert dafür, dass sie es nicht böse meint. Es sei die natürliche Reaktion basierend auf ihrer Sozialisation. Sie sei seit Generationen "gebrainwashed" weil sie es von Großmüttern, Müttern, Tanten und Freundinnen eben nicht anders kenne. Das Aufbrechen dieser Sozialisation sei eine Mammutaufgabe. Und hier kommt der wichtigste und schönste Schlusssatz, versehen mit einem Ausrufezeichen: "Der wir uns aber unbedingt stellen müssen!"

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