Beim zehnten Wutanfall ist auch die Geduld der entspanntesten Mutter am Ende.
Beim zehnten Wutanfall ist auch die Geduld der entspanntesten Mutter am Ende. Bild: iStockphoto / Antonio_Diaz
Mama-Kolumne

Vom sanften Gemüt zur Wut-Mutter: Warum Aggressionen plötzlich Teil meines Alltags sind

12.11.2022, 10:17

"Schonungslos ehrlich" – die Mama-Kolumne ohne Insta-Filter

Vor Kurzem ist es mir klar geworden: Meine Kinder überschreiten täglich meine Grenze. Und genau deshalb ist alles so anstrengend. Körperliche Grenzen, wenn der Fünfjährige mich beim Essen belagert, während die Einjährige bereits auf meinem Schoß sitzt. Mit Lautstärken, wenn sie vor Müdigkeit brüllt und er die Paw-Patrol-Melodie schreit, um sie zu übertönen. Meine Belastungsgrenze interessiert meine Kinder nicht.

"Grenzen ziehen, Selfcare, Me-Time – am Arsch."

Wenn ich abends erschöpft bin, meine Tochter jedoch hellwach ist und eineinhalb Stunden lang auf mir herumklettert, um dabei akrobatisch an meiner Brust zu trinken, ist das sehr schmerzvoll – auf vielen Ebenen. Wenn mein Sohn beim Abholen im Kindergarten einen Meltdown bekommt und ich ihn mit schwerem Kind auf dem Arm und Rucksack in der Hand erst davon abhalten muss, sich mit seinem Freund zu prügeln und ihn dann beknie, aufzustehen und mit mir zum Auto zu kommen, geht das nicht nur auf den Rücken, sondern auch an die Substanz.

Grenzen ziehen, Selfcare, Me-Time – am Arsch. Klingt für mich nach blankem Hohn. Denn wo genau soll das im Alltag stattfinden? Tagsüber habe ich die Kinder, ab abends stille ich mich durch die Nacht. Und irgendwo dazwischen versuche ich noch ein bisschen zu arbeiten.

Unsere Autorin berichtet über die unschönen Seiten des Mutterdaseins – schonunglos ehrlich.
Unsere Autorin berichtet über die unschönen Seiten des Mutterdaseins – schonunglos ehrlich.emmy lupin studios
Unsere Autorin...
...wurde mit Anfang 30 Mutter. Und kommt noch immer nicht damit klar, dass ihr altes, schönes Leben seitdem vorbei ist. Sie ist wütend, dass Eltern nie den Mut hatten, zu erzählen, was es wirklich bedeutet, ein Kind zu haben. Aus diesem Grund legt sie alle zwei Wochen den Finger in die Wunde – und berichtet schonungslos. Und weil sie weiß, dass Mütter sehr giftig werden können, wenn es um ihr Heiligstes geht, bleibt sie lieber anonym. Die täglichen Entrüstungsstürme ihres Sohnes reichen ihr völlig aus.

Wenn Kinder die Grenzen ihrer Eltern nicht akzeptieren

Die schlimmsten Situationen sind jedoch die, wenn ich meinem Sohn eine Grenze aufzeige, die er übergeht und mich stattdessen noch provoziert. Dann passiert es seit einiger Zeit, dass diese Grenzüberschreitung zu einer unglaublichen Wut bei mir führt. Ich kann sagen, dass mich noch nie ein Mensch so aggressiv gemacht hat wie mein inzwischen fünfjähriger Sohn. Mir war bisher nicht klar, dass ich so laut schreien kann und zum ersten Mal verspüre ich das Bedürfnis, einem Menschen – Achtung, die Wahrheit – eine zu scheuern.

Weil ständig wütend sein unglaublich anstrengend ist und ich mich hinterher jedes Mal schlecht fühlte, habe ich mal wieder zig Texte von Psychologen, Erziehungswissenschaftlern und anderen Experten studiert. Drohen sei Erpressung und schädige die Bindung zum Kind. Bis drei zählen, zeige lediglich die Hilflosigkeit der Eltern. Fest Anpacken sei Machtdemonstration und zähle bereits zu körperlicher Gewalt. Kinder arbeiten angeblich nie gegen dich, sie sind immer auf deiner Seite. Kinder, die ärgern, seien in emotionaler Not.

"Bei meinem dritten Ausatmen hätte meine Tochter den letzten Atemzug gemacht."

Ich lese ständig von "auf Augenhöhe" und "liebevoll begleiten" und "aushalten". Weil ich aber nicht aushalten konnte, meinen Sohn liebevoll im Arm zu halten (wie genau soll das funktionieren?), während er schreiend um sich schlug, weil ich ihn davon abhielt, seine Schwester mit einem Kletterseil zu strangulieren, brauchte ich eine Lösung.

Ausrasten können Kinder in den unpassendsten Momenten.
Ausrasten können Kinder in den unpassendsten Momenten.Bild: iStockphoto / Antonio_Diaz

In meiner Verzweiflung buchte ich das kostenlose Webinar "Mamawut". Schrecklicher Titel, aber ich wollte glauben, was hier versprochen wurde: Die Wut würde sich nicht mit Strategien bekämpfen lassen, sondern es benötige eine Änderung der Haltung. Das klang zumindest schon mal gut, denn über Tipps wie dreimal tief durchatmen konnte ich nur noch lachen. Bei meinem dritten Ausatmen hätte meine Tochter den letzten Atemzug gemacht.

"Natürlich ist die Zündschnur kürzer, wenn ich sowieso schon ausgelaugt bin."

Auf der Suche nach professioneller Hilfe

Leider machte das Webinar nur Andeutungen. Ab da, wo es interessant wurde, setzte ein Kurs an, der für 900 Euro zu buchen war. Verraten wurde jedoch, dass unsere eigene Geschichte oft zu einem wütenden Verhalten führt, wo wir wieder bei der berühmten Kindheit wären. Weil ich dieses Kindheitsthema für mich zu 100 Prozent ausschließen kann, überlegte ich weiter, wieso das provozierende Verhalten meines Sohnes mich häufig so triggerte.

Natürlich ist die Zündschnur kürzer, wenn ich sowieso schon ausgelaugt bin. Aber wieso endet bald jede Aktion von ihm in Geschrei von mir? Die Webinar-Leiterin erzählte, dass es häufig zu Explosionen des Erwachsenen käme, weil man sich nicht ernst genommen fühle. Kann sein, dass es mich nervt, dass mein Sohn nicht hört, wenn ich ihm zuerst in freundlichem Ton erkläre, warum es gefährlich ist, ein Seil um den Hals seiner Schwester zu binden und warum er das bitteschön unterlassen soll. Wenn er dann grinst und es wiederholt, sage ich es energischer und lauter.

Beim dritten Mal packe ich ihn, stoße ihn zur Seite und schreie, wenn das jetzt noch einmal passiere, dann … Es gab sicher Situationen, in denen ich mich zum Beispiel beruflich nicht ernst genommen gefühlt habe, was an meinem zurückhaltenden, harmoniebedürftigen Gemüt liegt. Mich beschweren, lautstark meine Meinung kundtun, gar etwas einfordern? Nicht mein Fall. Aber okay, muss ich dieses Thema jetzt therapeutisch auflösen und plötzlich hört mein Sohn aufs Wort?

Der erste Ratgeber, der mir kein schlechtes Gewissen macht, indem er mein Verhalten verpönt, ist das neue Buch von Nora Imlau: "Meine Grenze ist dein Halt". Es tut gut zu lesen, dass die erfahrene Autorin selbst immer mal wieder in das Wenn-dann-Muster verfällt oder droht, Dinge zu verbieten.

Mit vernünftigen Argumenten kommt man meist bei Kindern nicht sehr weit.
Mit vernünftigen Argumenten kommt man meist bei Kindern nicht sehr weit.Bild: iStockphoto / Antonio_Diaz

Die eigenen Bedürfnisse von Müttern spielen oft keine Rolle

Sie stellt fest, dass wir in all dem Bedürfnisse der Kinder stillen vergessen haben, unsere eigenen zu stillen. Sie plädiert dafür, rechtzeitig unsere Grenzen zu wahren, bevor es zur Explosion, zur Genervtheit, zur Wut kommt. Dafür ist manchmal ein "zugewandtes Durchsetzen" sowie "ein klares Nein" wichtig. Einiges könnte davon funktionieren, anderes nicht. Weil ich ein gefühlsstarkes Kind habe, dass sich – danke Nora! – nicht immer kooperativ regeln lässt.

Vielleicht mein Lieblingssatz von Nora Imlau:

"Es ist sehr viel angenehmer, davon zu erzählen, wie schön es ist, gemeinsam mit Kindern kooperative Lösungen zu finden als darüber zu sprechen, dass es im Familienlieben auch zu Situationen kommen kann, in denen ich als Elternteil gefühlt mit dem Rücken an der Wand stehe, weil mein Kind sich einfach verweigert."

"Zugewandtes Durchsetzen" nennt Nora Imlau das, was dann folgt: Ein schreiendes, um sich schlagendes Kind vom Spielplatz nach Hause tragen, wenn alle Angebote und Erklärungen gescheitert sind. Doch selbst das klingt für mich anstrengend. Denn ich könnte meinen fünfjährigen Sohn gar nicht tragen, während ich die Kleine im Kinderwagen schiebe.

"Ich als Mutter habe persönliche Grenzen, die ich dringend wahren muss. Denn nur so kann ich für meine Kinder da sein."

Auch wenn es für mein Problem, dass er mich oder seine Schwester manchmal körperlich angeht, leider kein Fallbeispiel gab, habe ich die Message mitgenommen: Ich als Mutter habe persönliche Grenzen, die ich dringend wahren muss. Denn nur so kann ich für meine Kinder da sein. Nur so gelange ich erst gar nicht in die Abwärtsspirale, in der ich bei jeder Kleinigkeit herumbrülle.

Und ich glaube: Diese Grenze wurde bereits überschritten, weil ich zu viel Zeit allein mit den Kindern verbracht habe. Ich bin zu erschöpft und überlastet, um Konflikte ausgeruht und mit "wohltuender Klarheit" gar nicht erst eskalieren zu lassen. Genau aus diesem Grund haben wir seit zwei Wochen ein Au-Pair!

Social-Media-Detox: Warum ich Instagram gelöscht habe

Um es schon einmal vorwegzunehmen: Eigentlich habe ich mein Instagram-Konto gar nicht gelöscht. Ich habe es nur deaktiviert. Das macht insofern einen Unterschied, als dass ich es zu jedem beliebigen Zeitpunkt reaktivieren kann. Wenn ich meinen Account gelöscht hätte, wären all meine Fotos und Highlights weg – für immer. Das konnte ich dann doch noch nicht übers Herz bringen.

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