Beim Restaurantbesuch mit dem Kind landet das Essen nur selten da, wo es hingehört.
Beim Restaurantbesuch mit dem Kind landet das Essen nur selten da, wo es hingehört.
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watson-Kolumne

Warum Restaurantbesuche mit Kind reine Geldverschwendung sind

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17.05.2021, 11:15

Eine Sache, die ich sehr vermisse? Restaurantbesuche. Exotische Gerichte aus einer Menükarte wählen, die man sich selbst nie kochen würde. Eine Vorspeise bestellen. Irgendein fancy Getränk dazu nehmen. Nachspeise ja, nein, oder doch einen Espresso Macchiato? Bedient werden. Keine Geschirrspülmaschine einräumen. Nicht abwaschen. Keine Essensreste aus dem Kinderstuhl und dem darunterliegenden Teppich kratzen.

Scheinbar bringt mich diese Pandemie dazu, Situationen zu verklären. Denn Restaurantbesuche dieser Art, die ich ausschließlich mit Erwachsenen verbringe, waren – auch ohne Lockdown – äußerst selten geworden. Meistens sah das ganz anders aus. Nachdem unsere Gehirne nach einem gewissen Zeitraum den letzten stressigen Versuch, mit Kleinkind essen zu gehen, erfolgreich ausgeblendet hatten, wagten wir es wieder. Das Bedürfnis, auf Einkaufen, Kochen, Abwasch und Putzerei zu verzichten, war zu groß geworden. Also betraten wir zuversichtlich ein Restaurant.

Beim Essen wird auch der Salzstreuer ganz schnell zum Spielzeug

Schon geht es los: Mit Blick auf unser Kind bekommen wir einen Platz in der Ecke zugewiesen. Ich finde es ok, nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit zu sitzen, aber wenn es dann doch der letzte Tisch vor dem Toiletten-Zugang ist, obwohl noch einige frei zu sein scheinen, frage ich nach. Angeblich hat nur dieser Tisch Platz für einen Kinderstuhl. Bei den anderen wäre er im Weg. Da wir auch noch den zusammengeklappten Buggy verstauen müssen, gebe ich mich geschlagen.

Wir sitzen. Wir bestellen das Essen. Und in dem Moment, in dem wir darauf warten, fällt mir ein, dass ich natürlich wieder vergessen habe, das halbe Kinderspielzimmer einzupacken. Ich bewundere Mütter, die grundsätzlich einen Rucksack mit Malbuch, Stiften, Tierfiguren, Matchbox-Autos oder sonstigen Beschäftigungstherapien dabei haben. Also sucht sich unser Sohn sein Spielzeug selbst: Den Salz- oder Pfefferstreuer, der schneller auf dem Tisch entleert wird als ich danach greifen kann. Oder die Servietten, nur dass wir eben nicht beim Griechen sitzen, wo es möglicherweise keinen stören würde, wenn sie eine nach der anderen durch die Luft gewirbelt werden und auf dem Boden landen.

"Wir geben unserem Sohn ein paar unserer Beilagen. Er beißt zweimal rein und beschließt, dass es ihm nicht schmeckt."

Nachdem wir ihm alles weggenommen haben, langweilt er sich. Also runter vom Sitz und durchs Restaurant rennen, zum Beispiel in die Küche. Einer von uns muss mit. Und je nach Restaurantgröße ist schnell klar: Das wird nichts. Also raus mit dem Kind vor die Tür. Und ich? Bleibe zurück und greife automatisch zum Handy. Doch dann kommt das Essen und ich kann die beiden nicht sehen. Also fange ich schon mal an, das Fenster im Blick. Irgendwann entdecke ich meinen Mann, ich winke wie verrückt. Mache wilde Handbewegungen und Zeichen, dass er reinkommen soll.

Der Restaurantbesuch muss in Betreuungschichten eingeteilt werden

Wir geben unserem Sohn ein paar unserer Beilagen. Er beißt zweimal rein und beschließt, dass es ihm nicht schmeckt. Er fängt an, im Essen zu matschen, es auf dem Tisch zu verteilen. Wir unterbinden das, er wird wütend und laut. Der Klassiker passiert: Sein Glas fällt um. Alle schauen her, war ja zu erwarten. Wir wischen das Wasser mit den zerfetzten Servietten auf, die ich vom Boden retten konnte.

"Ich werfe einen Blick unter den Tisch und erschrecke. Die Hälfte der Beilagen liegt unter dem Kindersitz verteilt."

Ich schlinge schnell ein paar Löffel runter, um die nächste Betreuungsschicht zu übernehmen. Mein Mann isst alleine weiter und findet es ungemütlich. Ich komme später wieder rein und esse den kaltgewordenen Rest mit Kind auf dem Schoß. Mein Sohn langt in mein Essen, es nervt einfach nur.

Okay, wir geben auf. Hier ist das iPhone, Netflix Kids, und jetzt ciao. Ja, wir sind eine von den Familien, über die wir uns früher immer wunderten, weil die Kinder während des Essens mit Tablets und Smartphones ruhiggestellt wurden. Entschuldigung, aber wenn ich 70 Euro für ein Mittagessen zahle, möchte ich davon etwas haben.

Unsere Autorin berichtet über die unschönen Seiten des Mutterdaseins – schonungslos ehrlich.
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Unsere Autorin...
... wurde mit Anfang 30 Mutter. Und kommt noch immer nicht damit klar, dass ihr altes, schönes Leben seitdem vorbei ist. Sie ist wütend, dass Eltern nie den Mut hatten, zu erzählen, was es wirklich bedeutet, ein Kind zu haben. Aus diesem Grund legt sie alle zwei Wochen den Finger in die Wunde – und berichtet schonungslos. Und weil sie weiß, dass Mütter sehr giftig werden können, wenn es um ihr Heiligstes geht, bleibt sie lieber anonym. Die täglichen Entrüstungsstürme ihres Sohnes reichen ihr völlig aus.

Ich werfe einen Blick unter den Tisch und erschrecke. Die Hälfte der Beilagen liegt unter dem Kindersitz verteilt. Ich schäme mich dafür, möchte aber auch nicht nach Kehrblech und Besen fragen und unter dem Tisch rumkriechen. Mit einer der nassen Servietten versuche ich, die gröbsten Reste aufzulesen.

Das Restaurant verlasse ich auch manchmal, weil ich mich schäme

Nachtisch? Nein, danke! Wir sind wirklich totaaaal satt. Heißt übersetzt: Wir verschwinden mal lieber bevor es hier noch komplett eskaliert und wir für die Renovierung aufkommen müssen.

Ich gebe viel Trinkgeld, um mein schlechtes Gewissen zu besänftigen. Spätestens im Auto, das fünf Blocks weiter steht, weil man in dieser verdammten Stadt einfach keinen Parkplatz findet, sind wir uns einig: Das nächste Mal lassen wir wieder Essen liefern! Das Kind kann dann jederzeit in seiner Spielecke im Wohnzimmer verschwinden. Und wir genießen ungestört unser Essen – natürlich direkt aus den Pappschalen, damit bloß kein Geschirr anfällt.

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