Viele Menschen in systemrelevanten Berufen müssen an Weihnachten arbeiten, statt bei ihren Angehörigen zu sein.
Viele Menschen in systemrelevanten Berufen müssen an Weihnachten arbeiten, statt bei ihren Angehörigen zu sein. Bild: iStockphoto / Ivan-balvan
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Weihnachten im Dienst: So verbringen Menschen in systemrelevanten Berufen die Feiertage

25.12.2021, 15:1625.12.2021, 16:01

An Weihnachten arbeiten müssen? Was für die meisten wie eine Horrornachricht klingt, ist für bestimmte Berufsgruppen normal. Denn auch an Weihnachten gibt es Verbrechen, Unfälle, Brände und auch die Nachrichten schlafen nie. Menschen in Pflege-, Obdachlosen- oder Kinderheimen müssen betreut werden.

Nicht nur, aber gerade auch wegen der Omikron-Variante des Coronavirus, sind systemrelevante Menschen dieses Jahr an Weihnachten besonders stark eingespannt. Watson hat nachgefragt, wie diese systemrelevanten Menschen die Schicht an Heiligabend verbringen und versuchen, sich trotzdem ein wenig in Weihnachtsstimmung zu versetzen.

Polizist Erwin muss dieses Jahr auf Weihnachts-Streiche verzichten

Erwin ist Streifenpolizist in Nordrhein-Westfalen. Seine Kollegen und Kolleginnen und er versuchen meist, sich an Weihnachten mit kleinen Späßen während der Arbeit aufzumuntern. Seit Beginn der Corona-Pandemie ist das allerdings schwierig geworden.

"Theoretisch machen wir manchmal Blödsinn, zum Beispiel harmlose Einsätze wie die Aufnahme eines Verkehrsunfalls konsequent mit Weihnachtsmütze aufzunehmen. Und sich dabei nichts anmerken zu lassen, wenn Bürger draufstarren. Außerdem habe ich eine Discokugel, die ich bei Sonderrechte-Fahrten zusätzlich in die Frontscheibe stelle. Eine Schicht haben eine Kollegin und ich versucht, alle Einsätze an Heiligabend so zu beenden, dass sich alle Beteiligten am Ende die Hand geben und schöne Feiertage zu wünschen. Das war allerdings extrem herausfordernd.

Vor Corona haben wir auch immer ein kleines Weihnachtsessen auf der Wache veranstaltet und wir haben natürlich einen Weihnachtsbaum im Büro. Aber der Spaß ist inzwischen verboten. Grundsätzlich ist alles nicht erlaubt, was irgendwie soziale Kontakte beinhaltet.

"Theoretisch machen wir manchmal Blödsinn, zum Beispiel harmlose Einsätze, wie die Aufnahme eines Verkehrsunfalls, konsequent mit Weihnachtsmütze aufzunehmen."
Polizist Erwin über Weihnachten im Dienst

Das heißt, wenn die Leute, die gerade acht Stunden zusammen gearbeitet haben, nach der Schicht den Sozialraum aufsuchen und dort zum Beispiel ein Feierabend-Bier trinken wollen, ist das ein Riesenproblem und strengstens verboten. Wenn sich bei sowas jemand bei Corona ansteckt, ist das ein außerdienstliches Fehlverhalten. Eine Ansteckung in den acht Stunden davor ist laut Dienstherr nicht möglich. Das ist etwas frustrierend."

Intensivpfleger Paul ist dieses Jahr zu gestresst für Besinnlichkeit

Paul (Name v.d.Red. geändert) ist 31 Jahre alt und Fachpfleger für Intensivpflege. Er arbeitet deutschlandweit in der Leiharbeit auf Intensivstationen, derzeit im Süden Baden-Württembergs. Er sagt: "Wir versuchen schon durch besonderes Essen und ein wenig Deko, Weihnachtsstimmung aufkommen zu lassen. Seit Corona ist das aber in den Hintergrund gerückt, da im Dezember leider immer sehr viel zu tun ist. Wirkliche Weihnachtslaune hat momentan niemand bei uns. Dafür ist die Arbeitsbelastung viel zu hoch."

Feuerwehrmann Johannes plant ein Festessen mit den Kollegen

Deutlich entspannter läuft der Heiligabend bei Johannes auf der Hauptfeuerwache 1 München ab: Trotz ihrer Rufbereitschaft machen er und sein Team es sich am Heiligabend in der Wache "fast so wie Zuhause" gemütlich: "Wir schmücken die Wache sogar mit einem kleinen Christbaum und decken auch die Tische schön und bei uns gibt's auch etwas Besonderes zu Essen – nur schenken tun wir uns nichts. Man kocht in der Regel miteinander und da entsteht auch immer gute Stimmung. Wenn dann plötzlich doch ein Notruf reinkommt, dann muss das Essen aber natürlich warten. Dann stehen wir auf und lassen alles stehen und liegen – wie sonst auch unterm Jahr – und fahren dann zum Einsatzort."

Pfleger Tobias betreut Notfälle auf der Drogenentzugsstation

Tobias, 30 Jahre alt, arbeitet über die Feiertage in der Patientenaufnahme der Drogenentzugsstation im Kbo-Isar-Amper-Klinikum bei München. "Bei uns kommen die Leute zwischen den Jahren stark alkoholisiert rein, sind selbstmordgefährdet oder höchst aggressiv. Da ist die Notfallsituation viel zu akut, als dass schöne Stimmung aufkommen kann." Er und sein Team geben sich trotzdem Mühe, vor allem die Eingangstür und Gänge mit Schneeflocken und Lametta freundlicher wirken zu lassen. Selbst einen kleinen Plastiktannenbaum haben sie aufgestellt und auch das Essen für die Patienten ist "fast was für Feinschmecker".

Das wird jedoch geliefert werden, denn gemeinsames Kochen und Essen mit den Patienten ist aufgrund der strengen Corona-Regeln dieses Jahr nicht möglich: "Wir haben einfach nicht den Platz dazu, dass alle gleichzeitig im Essensraum mit dem nötigen Abstand Platz hätten." Nach seiner Schicht setzt sich Tobias oft noch mit ein paar Kollegen zusammen, um die zum Teil auch traurigen Eindrücke besser verarbeiten zu können. "Viele aus unserem Team brauchen diese Art der Psychohygiene, sonst würde man die ganzen Emotionen nur in sich hineinfressen."

Erzieherin Sabrina feiert im Kinderheim mit viel Limo und Geschenken

Sabrina ist Erzieherin ein einem Kinderheim in Bayern und erklärt zu den Festtagen: "Wohngruppen feiern in der Regel Weihnachten. Oft sogar zweimal, also einmal vor und dann noch einmal an Weihnachten. Weil man immer Kinder und Jugendliche hat, die Zuhause überhaupt kein Weihnachten feiern oder wo es einfach nicht so wirklich gemacht wird. Wir schließen damit auch zyklisch das Jahr als Gemeinschaft ab. Das sind dann oft die Erfahrungen, die einen emotional zusammenbringen und schöne Erinnerungen schaffen. Wir versuchen, es so 'familiär' wie möglich zu machen: Das Haus wird geschmückt, es gibt einen Weihnachtsbaum und es wird richtig großzügig und schick aufgekocht. Die Kinder dürfen dann auch als Besonderheit viel Limo trinken.

"Es ist oft eine sehr persönliche Zeit, weil die Kinder, die nicht zu ihren Familien wollen oder dürfen, natürlich traurig sind – für sie ist das nicht einfach."
Erzieherin Sabrina über Weihnachten im Kinderheim

Für die Kids gibt es dann auch Geschenke, für die sie ganz klassisch vorher Wunschzettel schreiben. Wenn wir als Gruppe feiern, dann kommen auch alle Kollegen. Wir machen an dem Tag immer etwas Besonderes, gehen zum Beispiel in ein größeres Erlebnis- und Familienbad, in den Zoo oder ins Kino. Das sind so Dinge, die wir uns unter dem Jahr schwer leisten können und die Weihnachtszeit nochmal zu etwas Besonderen machen. Über Weihnachten fahren die Kids, die es können und deren Situation es zulässt, nach Hause zu ihren Familien. Heißt: Man hat oft nicht die volle Gruppe zu betreuen. So ist es an Weihnachten entspannter.

Dann versuchen wir, es uns mit gutem Essen schön zu machen und feiern mit den Kids. Es ist oft eine sehr persönliche Zeit, weil die Kinder, die nicht zu ihren Familien wollen oder dürfen, natürlich traurig sind – für sie ist das nicht einfach. Oft macht man dann einen Spieleabend und sieht sich Weihnachtsfilme an. Durch die aktuelle Situation und die Hygienemaßnahmen ist vieles nicht so möglich, was sonst Tradition ist. Zum Beispiel ist Essen mit Abstand angesagt, während der Feier müssen Masken getragen werden und alles findet im sehr kleinen Rahmen statt. Aber wir versuchen, es uns schön zu machen."

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