Jeden Tag als Punching-Ball der Corona-Wütenden herzuhalten sei "beängstigend", sagt Kassierer Aras R. (Symbolbild)
Jeden Tag als Punching-Ball der Corona-Wütenden herzuhalten sei "beängstigend", sagt Kassierer Aras R. (Symbolbild)
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watson-Story

"Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht beleidigt oder bedroht werde": Kassierer über aggressive Kunden und die Maskenpflicht

22.09.2021, 16:2823.09.2021, 10:02
Amir R.

Ein 49-Jähriger betritt ohne Maske den Verkaufsraum einer Tankstelle, um Bier zu kaufen – woraufhin ihn der Kassierer auf die Maskenpflicht hinweist. Der Mann verschwindet, holt eine Waffe, kehrt zurück und erschießt den 20-jährigen Studenten, "ohne zu zögern". Um "ein Zeichen zu setzen", wie die Staatsanwaltschaft gestern in einer Pressekonferenz aus der Vernehmung wiedergab. Der Mann sei in den Theorien der Corona-Leugner "bewandert".

Viele Menschen gedachten dem Opfer am Mittwoch mit Blumen und Kerzen am Tatort.
Viele Menschen gedachten dem Opfer am Mittwoch mit Blumen und Kerzen am Tatort.
Bild: dpa / Thomas Frey

Der Fall von Idar-Oberstein ist extrem, eine neue Stufe der Gewalt, früher unvorstellbar – obwohl Experten schon länger davor warnten, dass die "Querdenker"-Bewegung sich radikalisiert.

Dass aber Kassierer, Busfahrer oder Sprechstundenhilfen seit Beginn der Pandemie persönlich für die Wut herhalten müssen, die einige Menschen offenbar gegenüber den Corona-Maßnahmen empfinden, ist nicht neu. Aras R. (Name geändert) ist einer von denen, die damit umgehen müssen. Der 30-Jährige arbeitet als Kassierer und sagt, dass er täglich bedroht und beschimpft werde, sobald es um Maskenpflicht und Abstand geht.

Für watson berichtet er, was ihm an der Kasse entgegengeschleudert wird: Rechte Hetze und Corona-Kritik vermischen sich dabei nur allzu oft. Er erzählt, warum es ihn nicht einmal überrascht hat, dass diese Aggression sogar bis zum Mord führen kann.

Ich arbeite seit der Pandemie in einem Second-Hand-Geschäft als Verkäufer und Kassierer. Als ich von dem Mord gelesen habe, wurde mir schon unwohl, ich war jedoch nicht überrascht. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht beleidigt oder bedroht werde von Kunden und Kundinnen. Die Stimmung ist durchgehend gereizt.

Es fühlt sich beängstigend an, jeden Tag in einem Geschäft arbeiten zu müssen, in dem man der Öffentlichkeit so ausgeliefert ist. Klar kann man sich ein dickes Fell anschaffen, aber sich jeden Tag mit Leuten auseinandersetzen zu müssen, die bereit sind, ihren Frust an mir auszulassen und mich auch noch aufgrund meiner Merkmale persönlich angreifen, ist sehr belastend. Meine Eltern stammen aus dem Iran, ich bin nicht binär und wenn ich Kunden und Kundinnen auf Corona-Maßnahmen ansprechen muss, ist mir unwohl dabei, weil ich immer damit rechnen muss, angefeindet zu werden.

"Als ich von dem Mord gelesen habe, wurde mir schon unwohl, ich war jedoch nicht überrascht. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht beleidigt oder bedroht werde von Kunden und Kundinnen."

Mir wird gesagt, ich gehörte "hier" nicht her und hätte daher niemandem etwas vorzuschreiben. Ich werde als "Schwuchtel" oder "Dreckskanacke" beschimpft und mir wird vorgeworfen, mit der "Merkeldiktatur" unter einer Decke zu stecken. Mir wird damit gedroht, dass man ja wisse, wo ich arbeite. Mir wird vorgeworfen, eine Diktatur unterstützen zu wollen, da ich das aus meinem "islamischen Land" ja so kennen würde. Die Maskenpflicht wird des Öfteren mit den Judensternen im Dritten Reich verglichen.

Den meisten Menschen sieht man schon an, dass sie Streit provozieren wollen. Sie beschweren sich lautstark über alle möglichen Maßnahmen und reden davon, dass Corona doch schon "längst vorbei" sei.

Ich habe schon einige Erfahrungen im Kundenkontakt, deshalb versuche ich als Erstes, immer nett zu reagieren. Ich weise Kunden und Kundinnen ein bis zwei Mal freundlich auf die Regeln hin. Wenn ich aber merke, dass man mich respektlos behandelt, sage ich den Leuten auch, dass Sie den Laden verlassen können, aber dann bitte auch nicht wieder im nächsten Lockdown weinend Zuhause sitzen sollen.

Meine Kolleginnen wurden zwar auch beleidigt und bedroht, aber da wurde es meist nicht persönlich. Sie werden nicht migrantisch oder queer gelesen. Nach der fünften Diskussion an einem Tag haben aber auch sie keine Lust mehr und die Arbeitsmotivation hält sich in Grenzen. Ich kann verstehen, wenn Beschäftigte aus Angst vor Diskussionen oder Beschimpfungen und Bedrohungen, Kunden und Kundinnen lieber nicht mehr auf Corona-Regeln ansprechen.

"Uns wurde in dieser Pandemie nichts geschenkt. Wir wurden in Kurzarbeit geschickt mit 60 Prozent des Mindestlohns und den wütenden Menschen danach einfach zum Fraß vorgeworfen."

Auch ich muss mich manchmal überwinden, sichtlich aggressive Menschen zu bitten, ihre Maske aufzusetzen. Man setzt jedes Mal seine eigene Sicherheit aufs Spiel, da man nicht weiß, wie das Gegenüber reagiert. Es ist ein konstanter Kampf zwischen dem Willen, die eigene Gesundheit und die der übrigen Kunden und Kundinnen zu schützen und der Tatsache, dass man jeden Moment in einer verbalen oder körperlichen Auseinandersetzung landen könnte. Ich habe trotzdem beschlossen, jeden Menschen auf die Maßnahmen anzusprechen, da das Allgemeinwohl überwiegt.

Einige Supermarktketten oder größere Geschäfte haben zur Unterstützung Security-Leute bekommen. Das hätte uns in unserem kleinen Laden schon mal sehr weitergeholfen, weil wir lange Zeit neben unserer regulären Tätigkeiten zusätzlich noch die Kundenregistrierung an der Tür durchführen mussten, was dazu führte, dass einige Personen sich durchmogelten und wir Bußgelder auferlegt bekamen. Außerdem sind Menschen von Security-Firmen physisch einfach kräftiger gebaut als wir. Das hätte mir schon ein wenig mehr Sicherheit gegeben.

"Ich muss mich manchmal überwinden, sichtlich aggressive Menschen zu bitten, ihre Maske aufzusetzen."

Ich hätte mir von der Politik mehr Rückhalt und Wertschätzung gewünscht. Uns wurde in dieser Pandemie nichts geschenkt. Wir wurden in Kurzarbeit geschickt mit 60 Prozent des Mindestlohns und den wütenden Menschen danach einfach zum Fraß vorgeworfen.

Ich würde diesen Personen gerne sagen, dass wir alle von dieser Situation betroffen sind. Auch wir Kassierer müssen mit der Pandemie umgehen und tragen acht Stunden am Tag eine Maske. Also sollten wir uns gegenseitig mit mehr Respekt und Verständnis begegnen. Wem diese Maßnahmen zu viel sind, der sollte sich vielleicht überlegen, ob sein Einkauf es wirklich wert ist, fremde Leute auf das Übelste zu beschimpfen und im Zweifelsfall doch einfach Zuhause bleiben.

Die Stimmung hat sich seit März 2020 deutlich verschärft. Als migrantisch gelesener Mensch bin ich Anfeindungen in diesem Land gewohnt. Seit 2020 werde ich aber immer häufiger angefeindet. Auch wenn die Coronapolitik mit meinem Geschlecht oder meiner Herkunft nichts zu tun hat, werden diese Merkmale dazu genutzt, mich immer übler zu beleidigen.

"Auch wir Kassierer müssen mit der Pandemie umgehen und tragen acht Stunden am Tag eine Maske. Also sollten wir uns gegenseitig mit mehr Respekt und Verständnis begegnen."

Dass es aus den entsprechenden Kreisen nun auch noch Hohn gab nach dem Tod eines Menschen, des Kassierers aus Idar-Oberstein, ist abartig. Das Milieu, dass sich über den Tod eines Menschen lustig macht, der nur versucht hat, geltende Gesetze durchzusetzen, ist das gleiche Milieu, das mir sagt, ich solle doch das Land verlassen, wenn es mir hier nicht passt. Wir haben monatelange Hetze von Politikern und Politikerinnen und auch gewissen Zeitungen mitbekommen und wundern uns nun, wo der ganze Hass herkommt?! Es wird immer weiter gehetzt – bis jemand zur Waffe greift.

Protokoll: Julia Dombrowsky

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