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Viele Verlobte warten schon seit 2020 darauf, endlich groß feiern zu können. (Symbolbild) Bild: Cultura RF / Chev Wilkinson

Wedding-Planner berichtet: Brautpaare "verschieben gerade ein zweites Mal" ihre Hochzeit

Doreen winking

Verliebt, verlobt, in Warteschleife – so fühlen sich viele Brautpaare, die 2020 eine Hochzeitsfeier geplant hatten, aber bis heute nicht verheiratet sind. Die Corona-Pandemie setzte den großen Familienfeiern mit einem Schlag ein Ende und wann es wieder losgehen kann, scheint unsicher.

Private Feste sind trotz sinkender Inzidenzen mit Einschränkungen verbunden, die sich mit den romantischen Ideen eines Brautpaares kaum vereinbaren lassen. In einigen Bundesländern, wie zum Beispiel Hessen, sind Hochzeitsfeiern inzwischen zwar wieder erlaubt, allerdings nur mit begrenzter Gästezahl und Testpflicht. Zusätzlich können nächtliche Alkohol-Ausschankverbote (Berlin) oder Tanzverbote (Baden-Württemberg) bestehen. Kurz gesagt: Ein rauschendes Fest ist in vielen Regionen Deutschlands noch nicht möglich.

Doreen Winking ist seit 14 Jahren Wedding-Planner und organisiert Hochzeitsfeiern in Deutschland, Österreich und Italien. Bei watson berichtet die 48-jährige Münchnerin, wie die Coronakrise nun schon zum zweiten Mal die Pläne der Verliebten durchkreuzt und warum dadurch nicht nur die Nerven der Brautpaare, sondern auch die der Dienstleister blank liegen.

Doreen Winking (48), Wedding Plannerin aus München

Doreen Winking ist Wedding-Planner. Bild: privat / Barbara Gandenheimer

"Ich setze auf 2021" – das habe ich vergangenes Jahr immer gesagt. Leider wurde ich eines Besseren belehrt: Etwa 80 Prozent der Brautpaare, die 2020 bei mir ihre Feier verschoben haben, verschieben gerade ein zweites Mal, weil das Fest immer noch nicht so stattfinden kann, wie sie es sich vorstellen.

Einige Paare haben sich damit abgefunden, im kleinen Kreis zu feiern oder gingen nur ins Standesamt, aber die meisten warten weiter. Im Sommer 2021 ist unter meiner Betreuung bislang keine einzige Feier in Planung, erst im Herbst warten ein paar Feste, die dann hoffentlich auch stattfinden.

Natürlich steht das Telefon trotzdem nicht still. Die meisten Kunden treibt die berechtigte Frage um, wie viele Gäste sie perspektivisch einladen dürfen und ob bereits gebuchte Leistungen wieder storniert werden können, wenn es doch wieder zu einem Lockdown kommt. Ich berate also auch unter Corona weiter – nur eben ohne Ertrag.

Viele Brautpaare verschieben ihre Hochzeit 2021 erneut

Dieses Jahr zu heiraten, ist für viele Brautpaare keine Option, da sie ausgiebig feiern möchten, und zwar mit allen Gästen, die ihnen wichtig sind. Das ist momentan aber nur mit Einschränkungen möglich. Die Regelungen sind von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich und an die Inzidenzen der Region gekoppelt, das macht die Planung im Grunde unmöglich.

In Bayern kann beispielsweise bei einer Inzidenz unter 50 mit hundert Menschen im Freien gefeiert werden, drinnen sind nur 50 Menschen erlaubt. Aber selbst wenn man nun im Hochsommer eine Outdoor-Feier plant – was, wenn es regnet? Darf dann eine Hälfte der Gesellschaft ins überdachte Zelt und die andere muss nach Hause fahren? Im Prinzip müssten Brautpaare momentan jeden ihrer Gäste im Vorfeld fragen, ob sie geimpft sind und wenn nicht, einen Corona-Test verlangen, um in größerer Gesellschaft feiern zu können.

"Zwei Jahre lang eine Hochzeit planen zu müssen, zerrt ganz schön an den Nerven und bei einigen kommen sogar Zweifel auf, ob sie das alles überhaupt noch wollen."

Doch selbst dann bliebe offen, ob sich die Gäste damit wohlfühlen, unter Corona zu feiern. Auf Hochzeiten kommen heterogene Gesellschaften mit einem Publikum von 0 bis 100 Jahren zusammen – da macht sich der eine oder andere schon Sorge, ob er sich mit Covid-19 ansteckt. Wenn nun aber die Gäste noch sehr zurückhaltend sind, sich nicht umarmen mögen, mit Abstand tanzen oder schon im Vorfeld absagen, ist das nur noch verkrampft. Auch deshalb nehmen viele Paare von einem Fest in 2021 Abstand.

Der Hochzeitskalender für 2022 ist inzwischen voll

Diese Verschieberei ist für die Brautpaare emotional aufreibend. Ich habe schon einige Nervenzusammenbrüche und Tränen erlebt, weil selbst kurzfristige Pläne gekippt werden mussten. Einige Bräute passen nicht mehr in das Traumkleid, das sie sich vor zwei Jahren ausgesucht haben, andere haben in der Zwischenzeit Kinder bekommen oder wollen mit dem Baby-Machen warten, bis sie verheiratet sind und geraten mit der Familienplanung jetzt in Verzug.

Was die Hochzeit den Brautpaaren bedeutet, ist sehr individuell und hochemotional. Zwei Jahre lang eine Hochzeit planen zu müssen, zerrt ganz schön an den Nerven und bei einigen kommen sogar Zweifel auf, ob sie das alles überhaupt noch wollen.

Andererseits erhalte ich weiter neue Anfragen, also haben sich die Menschen auch unter Corona verlobt. Vielleicht ist der Wunsch, sich zu binden, durch die Krise sogar noch stärker als zuvor. Die Menschen wünschen sich Nähe und Planungssicherheit. Ich denke, die Sehnsucht nach einer Ehe ist durch die Pandemie nicht angetastet worden, ganz im Gegenteil.

"Die Hochzeitspause trifft so viele Menschen: Musiker, Fotografen, Caterer, Brautausstatter und Floristen zum Beispiel. Da hängt ein Rattenschwanz an Gewerbe dran, der gerade wirklich unter Existenzängsten leidet."

Bei mir und meinen Kollegen ist der Hochzeitskalender für 2022 inzwischen jedenfalls ganz schön voll. Es staut sich auf, weil man versucht, die Paare, die schon zwei Jahre warten, endlich unterzubekommen. Gleichzeitig melden sich Neukunden. Alle ausgefallenen Feiern wird man trotzdem nicht aufholen können, selbst wenn jedes Sommer-Wochenende genutzt wird. Für mich wird die Saison 2022 vermutlich kein freies Wochenende und keinen Urlaub bereithalten, aber das ist natürlich alles besser als der momentane Stillstand.

Von der Politik bekam unsere Branche kaum Unterstützung

Denn in der Hochzeitsbranche herrscht seit dem Corona-Ausbruch eine anhaltende Krise. Ich arbeite seit 14 Jahren als Wedding-Planner und habe meinen Beruf für krisensicher gehalten, aber so kann man sich eben täuschen. Ich habe noch Glück, dass ich schon so lange im Geschäft bin und Reserven hatte, auf die ich nun zurückgreifen konnte, denn staatliche Hilfen erhalten wir kaum. Auf meine Dezemberhilfe warte ich bis heute – und es ist Juni!

Jüngere Kollegen können sich kaum noch über Wasser halten. Die Hochzeitspause trifft so viele Menschen: Musiker, Fotografen, Caterer, Brautausstatter und Floristen zum Beispiel. Da hängt ein Rattenschwanz an Gewerbe dran, der gerade wirklich unter Existenzängsten leidet. Viele haben inzwischen Nebenjobs finden müssen oder gehen an ihr Erspartes.

Die Branche besteht zu großen Teilen aus Selbstständigen und ich habe das Gefühl, dass die Politik unsere Arbeit überhaupt nicht versteht. Wir arbeiten zum Beispiel vor allem saisonal, zwischen April und Oktober – da müssen wir den Umsatz machen, der uns über den Winter trägt. Wenn ich die Formulare zu Corona-Hilfen anschaue, wird das überhaupt nicht berücksichtigt.

Man hat das Gefühl, dass Hochzeiten politisch als überflüssiger Luxus angesehen werden, was ich sehr ernüchternd und auch respektlos finde. Wir sind ebenfalls Steuerzahler mit echten Jobs und Existenzen, werden aber überhaupt nicht gesehen, uns fehlt leider die Lobby. Daher kann ich nur hoffen, dass die Auftragsbücher 2022 voll sind und es wieder losgeht.

Ich versuche natürlich, den Optimismus zu wahren. Grundsätzlich sieht es ja momentan so aus, als ob sich die Corona-Krise etwas entspannt. Die Impfquote macht mir zumindest Hoffnung, dass wir nächstes Jahr wieder zur Normalität zurückkehren können. Ich setze jetzt auf 2022.

Protokoll: Julia Dombrowsky

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