Manjuh lebt heute in Leipzig. Zu ihrer Mutter pflegt sie keinen Kontakt mehr.
Manjuh lebt heute in Leipzig. Zu ihrer Mutter pflegt sie keinen Kontakt mehr. null / Hans Scherhaufer
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Aufwachsen unter Anhängern von Verschwörungsmythen: "Meine Mutter erzählte eine Lügengeschichte nach der anderen"

06.11.2021, 10:3006.11.2021, 14:11

Manjuh Vössing ist erst 26 Jahre alt, aber es scheint, als habe sie schon mehrere Leben hinter sich, denn ihre Mutter zog mit ihr und ihren Geschwistern durch halb Europa und zahlreiche Wohnstätten – jedes Mal mit einer neuen Geschichte im Gepäck. Mal waren sie eine muslimische Familie auf der Flucht vor dem bösen Vater der Kinder, mal eine linksradikale Familie auf der Flucht vor der CIA.

Die Kinder machte sie dabei zu ihren Komplizen. Manjuh sollte sich "Sarah" nennen, als sie Hilfe von einer jüdischen Gemeinde brauchten, ihre Schwester beim Arzt über Schmerzen lügen, um Medikamente zu ergattern. Auch Manjuhs Mutter präsentierte sich in immer wieder neuem Licht.

"Sie war enorm wandelbar. Ich kenne sehr viele Facetten von ihr", so Manjuh im Gespräch mit watson. "Deshalb kann ich sie bis heute nicht einmal richtig beschreiben. Sie war einfach immer wieder anders, sie sprach dann sogar anders, sah anders aus – ich wusste nie, wer sie gerade war."

Sie stamme von einer Holocaust-Überlebenden ab, sagte ihre Mutter. Und sie habe geheimes Wissen, dass man ihr in einer Psychiatrie gewaltsam entfernen wolle. Dann wieder war ihr Vater lybischer Doppelagent gewesen. In Wirklichkeit war die Familie vor allem auf der Flucht vor den Ämtern, die wegen Kindeswohlgefährdung einschreiten wollten.

Eine Kindheit in ewiger Aufbruchstimmung

Die vielen Umzüge, oft in Nacht- und Nebel-Aktionen, waren "für mich einfach normal", sagt Manjuh. "Ich wusste immer schon, wenn wir irgendwo ankamen, dass wir nicht lange bleiben würden und habe versucht, das Beste draus zu machen. Ich wurde sehr schnell gut darin, neue Freundschaften zu schließen."

Kompliziert sei viel eher das Zusammenleben mit Manjuhs Mutter gewesen, denn viele elterliche Aufgaben wurden an die Kinder übertragen. "Mehr als einmal wurde ich deshalb auch für die Mutter meiner Geschwister gehalten", erzählt Manjuh, "zum Beispiel bei Einschulungen." Oft waren die Kinder sich selbst überlassen, doch wenn jemand nachfragte, gab Manjuh immer an, alles sei in bester Ordnung.

"Meine Mutter hat mit ihren Geschichten die Theorien dieser Leute bedient und wurde im Gegenzug mit Schlafplätzen und Essen unterstützt."

"Es war seltsam, dass ich meinen Schulfreundinnen viele Details von Zuhause verschweigen musste", ist ihr inzwischen klar. "Damals akzeptierte ich dieses Lügen. Heute würde ich immer sagen: Wenn ein Kind das Gefühl hat, Geheimnisse der Familie hüten zu müssen, ist das an sich schon ein Alarmsignal."

Aufwachsen unter Verschwörungstheoretikern

Beherbergt wird die Familie zumeist von Menschen, die ihre Mutter als Opfer des Systems sehen. "Wir wurden nicht gerade von Durchschnittsfamilien aufgenommen, sondern von Verschwörungstheoretikern", berichtet Manjuh. "Meine Mutter hat mit ihren Geschichten die Theorien dieser Leute bedient und wurde im Gegenzug mit Schlafplätzen und Essen unterstützt."

In England gibt ihre Mutter so zum Beispiel einem Verschwörungs-Blogger namens Brian ein Interview, in dem sie behauptet, Teil der linken anarchistischen Szene in Deutschland mit Verbindungen zum Baader-Meinhof-Komplex zu sein. Zionisten wären hinter ihr her. Sichtlich beeindruckt von der Geschichte, vermittelt Brian eine Zuflucht in einer Hippie-Kommune, auch in einem besetzten Haus kommt die Familie zeitweise unter.

"Die Außenwelt hielt meine Mutter für psychisch krank und machte sich Sorgen um uns Kinder. Doch in diesen eingeschworenen Kreisen misstraute man dem Staat – und war sehr bereit, meiner Mutter zu glauben. Dabei erzählte sie eine Lügengeschichte nach der Anderen", so Manjuh.

Sie selbst habe sich als Kind die permanent wechselnden Erzählungen und Widersprüche so erklärt, dass es wohl eine Erwachsenenwelt gäbe, die sie noch nicht verstehen würde. "Die Geschichten meiner Mutter waren nicht ohne, manchmal sogar sehr angsteinflößend", sagt sie. "Aber wenn mir Zweifel kamen, dachte ich immer, ich wäre wohl einfach noch zu jung und es würde sich mir als Erwachsene noch erschließen. Davon abgesehen habe ich meiner Mutter vertraut."

Die Familie wird auf der Flucht festgenommen

2008 beschließt Manjuhs Mutter, mit den Kindern in den Iran umzusiedeln. Doch während der Reise werden sie am Münchner Busbahnhof aufgrund gefälschter Pässe von der Polizei festgehalten. Manjuh und ihre Geschwister werden in ein Kinderheim gebracht, endlich findet die Odyssee einen Halt. Erleichtert war Manjuh allerdings nicht. "Ich hatte die schlimmste Angst meines Lebens", erinnert sie. "Meine Mutter hatte uns Horrorgeschichten vom Kinderheim erzählt und ich wollte nicht von ihr getrennt werden."

"In diesen eingeschworenen Kreisen misstraute man dem Staat – und war sehr bereit, meiner Mutter zu glauben."

Im Nachhinein, sagt sie heute, war der Eingriff durch die Polizei ihre Rettung. "Ich konnte sogar wieder zur Schule gehen und hatte die Chance, mein Abitur zu machen. Ich hatte mir einen Abschluss schon fast abgeschminkt", so Manjuh. Je mehr Zeit verging, desto leichter sei ihr auch die Distanzierung zu den Geschichten ihrer Mutter gefallen, "weil die sich einfach nicht bewahrheiteten", sagt sie. "Keiner der Sozialarbeiter oder Lehrer wollte mir etwas Böses."

Manjuh und ihre Geschwister beginnen im Waisenhaus ein neues Leben. Ihre Mutter hingegen tritt nach einer kurzen Haftzeit neben dem islamistischen Prediger Pierre Vogel auf Veranstaltungen der Salafisten auf und verbreitet dort die Geschichte, wie ihr die Kinder entrissen wurden, weil sie zum Islam konvertiert sei. Außerdem heiratet sie erneut, bekommt zwei weitere Babys. "Sie machte weiter wie bisher und hat unsere Geschichte einfach wieder neu erfunden, so dass sie zur Ideologie ihrer neuen Unterstützer passte", so Manjuh, die etwa zur selben Zeit in ihre erste eigene Wohnung zog.

Dass Manjuhs Mutter den Islamischen Staat unterstützt, holt den Verfassungsschutz auf den Plan. Erneut flüchtet sie – zusammen mit ihren jüngsten Kindern – taucht zunächst in Kommunen in Portugal, dann in Spanien unter.

Wie Manjuh gegen ihre eigene Mutter aussagen musste

Als Manjuhs Mutter dort verhaftet wird, wird es ernst: Bei einem Gerichtsprozess in Deutschland 2019 muss sie sich wegen Kindesentziehung verantworten. Zahlreiche Zeugen aus der Vergangenheit legen Zeugnis ab über ihr Verhalten als Mutter. Auch Manjuh sagt aus. Und gibt damit all ihren Geschwistern eine Stimme. "Ich habe sehr lange darüber nachgedacht, ob ich das könnte", erinnert sie sich. "Aber einer musste aussagen. Meine Geschwister standen hinter mir und ich war ihr Sprachrohr."

"Endlich konnte ich ihrer Version der Geschichte öffentlich widersprechen."
Manjuh

Es sei beängstigend gewesen, ihrer Mutter gegenüberzutreten. Erschreckend, sie nach so vielen Jahren ohne Kontakt wieder zu sehen. "Ich lebte damals schon lange ohne sie, war bereits erwachsen. Trotz allem hat man das unangenehme Gefühl, ihr in den Rücken zu fallen", gibt Manjuh zu Bedenken. "Ich hatte große Angst. Doch es war auch befreiend, sich nicht mehr vor ihr weg zu ducken. Endlich konnte ich ihrer Version der Geschichte öffentlich widersprechen."

Dennoch fällt das Urteil der Richter mild aus: Eine Haftstrafe von 18 Monaten wird wegen des Kindesentzugs verhängt, die Hälfte auf Bewährung. Da Manjuhs Mutter bereits neun Monate in Untersuchungshaft war, kam sie noch am selben Tag auf Bewährung frei. "Ich habe danach nie wieder mit ihr gesprochen", sagt Manjuh. "Um ehrlich zu sein, spielt sie heute keine große Rolle mehr in unseren Leben."

Heute sind Manjuhs Geschwister ihre Familie, ihre Mutter ist verschollen

Momentan befindet sich Manjuh in den letzten Zügen ihres Juraexamens. Sie lebt seit 2015 in Leipzig und genießt vor allem, einen geregelten Alltag zu haben. "Für mich hat es etwas Heilendes, einfach ein normales Leben zu führen", sagt sie. Ihre Mutter ist, soweit sie weiß, "gerade wieder verschwunden. Die Behörden wissen jedenfalls nicht, wo sie sich aufhält."

Ihre insgesamt acht Geschwister seien jetzt ihre Familie. Mit ihnen steht sie zum Teil in täglichem Kontakt. "Wir haben viel zusammen durchgemacht", so Manjuh. Die Dinge, die sie erlebt hätten, seien so verworren, dass sie sich manchmal eben nur miteinander teilen ließen: "Ich muss ihnen meine komplizierte Geschichte nicht mehr erklären, jeder weiß genau, wovon ich spreche. Das schweißt uns zusammen."

"Für mich hat es etwas Heilendes, einfach ein normales Leben zu führen."

Um mit ihrer Mutter und ihrer Kindheit abzuschließen, habe es ihr auch geholfen, ein Buch über ihr Leben zu schreiben (Sag kein Wort!, Ullstein Verlag). Denn obwohl es über ihre Berichte zahlreiche Zeitungsartikel, YouTube-Videos und Gerichtsprotokolle gäbe, sei sie selbst darin nur selten zu Wort gekommen.

"Unsere Geschichte wurde von so vielen unterschiedlichen Menschen erzählt: Von Salafisten, Verschwörungstheoretikern und natürlich von meiner Mutter. Aber es war sehr befreiend, sie mir mit meinen eigenen Worten wieder anzueignen" sagt sie, "Damit bin ich endlich nicht mehr die Randfigur einer Ideologie. Sondern einfach: Manjuh."

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