A monk seal is seen resting on the ice blocks floating in Jökulsárlón. october 19, 2022. Jökulsárlón is a lake with an area of 20 km2 and a depth of more than 200 meters. Until less than 100 years ago ...
Die Gletscher- und Eismassen schmelzen linear zum Anstieg der globalen Temperaturen, zeigt eine neue Studie.Bild: NurPhoto / NurPhoto
Klima & Umwelt

Klimakrise: Hälfte der Gletscher könnte bis 2100 schmelzen – was uns droht

06.01.2023, 15:45

Die globale Temperatur steigt, die Gletscher schmelzen. Und das immer schneller. Eine neue im Fachjournal "Science" veröffentlichte Studie zeigt nun, dass selbst im günstigsten Falle – nämlich wenn der Temperaturanstieg auf 1,5 Grad begrenzt wird – ein großer Teil der Gletscher verschwinden wird.

Rund die Hälfte der rund 215.000 in der Studie berücksichtigten Gletscher dürften demnach bis zum Jahr 2100 schmelzen. Besonders davon betroffen sind Gletscher in den mittleren Breiten und den europäischen Alpen.

This picture taken on September 13, 2022 at the Glacier 3000 resort above Les Diablerets shows tourists walking on the Tsanfleuron pass free of the ice that covered it for at least 2,000 years. - The  ...
Der Zanfleuronpass in den Schweizer Alpen war über 2000 Jahre mit Schnee und Eis bedeckt, jetzt liegt die Erde frei. Bild: AFP / FABRICE COFFRINI

Gletscherschmelze hängt linear mit globaler Temperaturerhöhung zusammen

Der Studie zufolge steht das Schmelzen der Gletscher in linearem Zusammenhang mit dem Anstieg der globalen Temperaturen.

Bei einem Anstieg um zwei Grad, dem im Pariser Abkommen vereinbarten Ziel für die maximale Erwärmung, könnten gar bis zu 70 Prozent der Gletscher bis zu einer Größe von einem Quadratkilometer verschwinden. Von den Gletschern zwischen einem und zehn Quadratkilometern Größe würden knapp 20 Prozent komplett abschmelzen.

Nach derzeitigem Stand der Klimazusagen steuert die Welt allerdings auf eine globale Durchschnittstemperatur von 2,7 Grad zu. In vielen Regionen würden die Gletscher dann nahezu ganz verschwinden. Denn bei Gletschern handelt es sich um große Massen aus Schnee und Eis, die, wenn sie schmelzen, in Sturzbächen in Richtung Tal strömen.

"Jedes Zehntelgrad weniger Erwärmung zählt, um das weitere Abschmelzen einzudämmen."
Glaziologe und Co-Autor der Studie Fabien Maussion

"Die Wahrscheinlichkeit, dass wir eine Erwärmung von über 1,5 Grad erreichen, ist hoch. Aber es ist immer noch Zeit für einen Kurswechsel", sagt Fabien Maussion gegenüber watson. Er ist Glaziologe am Institut für Atmosphären- und Kryosphärenwissenschaften an der Universität Innsbruck und Co-Autor der Studie. Denn: "Jedes Zehntelgrad weniger Erwärmung zählt, um das weitere Abschmelzen der Gletscher einzudämmen."

Wasserknappheit, steigende Meeresspiegel, veränderte Flora und Fauna

Die Folgen der Gletscherschmelze sind zahlreich – und dramatisch: Zunächst kommt es zu einem Meeresspiegelanstieg, weil das Wasser aus den schmelzenden Gletschern in die Ozeane läuft. Das ist auch deshalb problematisch, weil Gletscher natürliche Süßwasserspeicher sind. "Sie sind vor allem in trockenen, heißen Sommermonaten nützlich, wenn es keine andere Wasserquelle gibt", erklärt Glaziologe Maussion.

Eine Gletscherschmelze bedeutet zwar nicht, dass es kein Süßwasser mehr gibt, wohl aber, dass das Wasser nicht kommt, wenn es gebraucht wird: Nämlich in Phasen der Dürre und extremen Trockenheit.

"Jedes Zehntelgrad weniger verringert die Wahrscheinlichkeit, Kipppunkte im Erdsystem zu erreichen."
Glaziologe und Co-Autor der Studie Fabien Maussion

Die schmelzenden Gletscher aber bringen auch weitere Gefahren mit sich. In Peru etwa, wo sich 71 Prozent der tropischen Gletscher weltweit befanden, ist das mächtige Eis in vielen Hochgebirgsgipfeln bereits geschmolzen. Die Überbleibsel: Wasser und Geröll. Durch die steigenden Temperaturen lösen sich Eisbrocken, ganze Lawinen brechen in die Dörfer herein – und zerstören diese.

Cattle is seen near the Palcaraju mountain at the Huascaran National Park, in Huaraz, northeastern Peru, on May 23, 2022. - Saul Luciano Lliuya, a farmer and tourist guide of the Cordillera Blanca of  ...
Einst war dies ein mit Eis und Schnee bedeckter Gletscher, jetzt grasen hier Tiere. Bild: AFP / LUKA GONZALES

Doch der Verlust der Andengletscher birgt nicht nur schwerwiegende Folgen für die Region selbst mit sich, sondern auch weit darüber hinaus: Die Klimabedingungen in Peru und den Anden beeinflussen großräumige Luftströmungen und Wetterlagen, die bis ins Amazonasgebiet reichen. Schmelzen sie, könnte eine kritische Grenze überschritten werden.

Die Folge: Das System organisiert sich um, kippt – und zwar unumkehrbar. Im schlimmsten Falle könnte dies gefährliche Dominoeffekte auslösen.

Maussion betont daher immer und immer wieder die Haupterkenntnis ihrer Studie: "Jedes Zehntelgrad weniger verringert die Wahrscheinlichkeit, Kipppunkte im Erdsystem zu erreichen."

Ein Ziel, für das es sich zu kämpfen lohnt.

Folgen der Gletscherschmelze in Deutschland und Europa

Doch nicht nur in beispielsweise Südamerika oder Hochasien drohen Naturkatastrophen aufgrund der Gletscherschmelze, auch Deutschland und viele weitere Regionen Europas sind davon betroffen. "Der Tourismus in den Alpen ist davon etwa betroffen – Gletscherskigebiete und Tourismusorte müssen sich heute schon an den Gletscherrückzug anpassen", erklärt Glaziologe Maussion.

Und auch Überschwemmungen aufgrund des steigenden Meeresspiegels sind längst ein Thema, auf das sich auch die Studie bezieht. Maussion ergänzt:

"Küstengebiete verschwinden schon jetzt durch Erosionen. Allerdings sind die EU-Länder gut gerüstet und reich genug, um Schutznahmen wie etwa Deiche zu errichten. Aber das bedeutet nicht, dass Deutschland die Folgen nicht zu spüren bekommen wird: Die globale Erwärmung und der Meeresspiegelanstieg führen zu einem Anstieg von Armut, zu Hungersnöten und Konfliktpotenzial mit globalen Auswirkungen."

Die Forschenden unterstreichen in der Studie dennoch, dass umfassende Klimaschutzmaßnahmen auf globaler Skala mittelfristig dazu beitragen könnten, die Gletscherschmelze zumindest zu verlangsamen. Retten könne man die Gletscher zwar nicht mehr, aber zumindest die negativen Folgen würden sich verringern.

Maussion ergänzt daher: "Wir brauchen einen kompletten Wechselkurs, was unsere Emissionen angeht, wir müssen die globalen Emissionen wirklich deutlich stärker reduzieren."

(Mit Material der dpa)

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