Wie marode ist die deutsche Windbranche aktuell? Ein Experte gibt watson einen Überblick zum aktuellen Stand der Energiesparte.
Wie marode ist die deutsche Windbranche aktuell? Ein Experte gibt watson einen Überblick zum aktuellen Stand der Energiesparte.Bild: dpa / Bernd Thissen
Analyse

Geht Deutschland die Puste aus? Wie es aktuell um die deutsche Windbranche steht

22.06.2022, 17:4222.06.2022, 17:50

Ausgelöst durch die inzwischen eskalierende Energiekrise wegen russischem Gas und Öl hat die Bundesregierung sich nun zum Ziel gesetzt, den Ausbau von Windkraftanlagen deutschlandweit maßgeblich voranzutreiben: Spätestens bis 2032 sollen in Deutschland zwei Prozent der Gesamtfläche der Bundesrepublik für Windkraft zur Verfügung stehen – bisher sind es lediglich 0,5 Prozent auf denen rund 30.000 Windenergieanlagen stehen. Laut Vorhaben der Bundesregierung soll sich die Zahl der Windräder bis 2030 verdoppeln bis verdreifachen.

Damit schlägt die Stunde der Windenergie in Deutschland – aber wie steht es überhaupt um die Windenergiebranche? Um das herauszufinden, hat watson mit Andreas Reuter, Institutsleiter am Fraunhofer-Institut für Windenergiesysteme (IWES), und mit Frank Grüneisen, Sprecher beim Bundesverband WindEnergie, sprechen können.

Wie steht es aktuell um die deutsche Windindustrie?

Windenergie gilt als einer der wichtigsten Pfeiler der Bundesregierung, um das Ziel der Klimaneutralität zu erreichen. Trotzdem schreiben große Anbieter wie Siemens Gamesa, Vestas und GE Renewable derzeit tiefrote Zahlen; der deutsche Windkraftanlagen-Entwickler Nordex musste Anfang dieser Woche bei Vorstellung der Geschäftszahlen einen Umsatzeinbruch und hohe Verluste ausweisen.

Mitunter Teil der Herausforderungen am deutschen Windmarkt sei, dass sich in der deutschen Windenergiebranche viele unterschiedliche Marktteilnehmer versammeln würden – mit jeweils unterschiedlichen Problemen: "Einerseits gibt es die Zulieferer, die die Lager, Betriebe, Generatoren und Umrichter bauen. Dann gibt es die Windenergieanlagen-Hersteller, die komplette Turbinen anfertigen. Dann haben sie Projektierer, die Windparks bauen, und dann auch viele unterschiedliche Serviceunternehmen", zählt Andreas Reuter vom Fraunhofer-Institut für watson auf. Ihnen allen ginge es gerade unterschiedlich gut.

"In der Zulieferer-Branche zeigt sich ein gemischtes Bild, weil sie weltweit Materialien liefern und international die Nachfrage auch hoch ist, aber gleichzeitig haben Zulieferer Lieferketten-Schwierigkeiten mit explodierenden Preisen für Stahl, da aus der Ukraine Rohstoffe fehlen oder die Exporte aus China momentan abnehmen."
Andreas ReuterExperte für Windenergiesysteme

In Deutschland gebe es nur wenige ansässige Hersteller von Windeenergieanlagen, viele Windtechnologie-Unternehmen kämen eher aus dem europäischen Ausland wie Spanien, Dänemark oder den USA.

Vestas Wind Systems ist der weltgrößte Hersteller von Windkraftanlagen mit Sitz in Aarhus, Dänemark.
Vestas Wind Systems ist der weltgrößte Hersteller von Windkraftanlagen mit Sitz in Aarhus, Dänemark.Bild: BELGA / Pool Philip Reynaers

"Windenergieanlagen-Hersteller haben grundsätzlich oft Margen-Probleme in Deutschland: Sie verdienen nicht genug an ihren Projekten und das hat damit zu tun, dass es hierzulande schon etwas Überkapazitäten gibt mit einem gleichzeitig starken internationalen Wettbewerb." Auch gebe es hier wieder die Problematik mit den explodierenden Preisen für die Bau-Materialien von Windrädern und -anlagen, aber auch ein Fachkräftemangel erschwere die Geschäftslage in Deutschland.

"Zudem machen auch deutsche Hersteller wie Enercon – der größte deutsche Hersteller von Windenergieanlagen – viele Projekte im Ausland. Das heißt, dass hier der deutsche Windmarkt nicht alleine steht, sondern alles mitunter auch vom weltweiten Windenergie-Markt abhängt, der eben unter den steigenden Rohstoffpreisen leidet und unter den ganzen Verwerfungen, die wir international haben."
Andreas ReuterInstitutsleiter am Fraunhofer-Institut IWES

Zuletzt profitierten nur die Projektierer – also Planer von Windkraftanlagen –, die eine hohe Auftragslage hätten, "da Wind-Energie und grüner Strom gerade sehr gefragt sind und auch die Strompreise gestiegen sind – denen geht es gerade ganz gut".

Warum sind in den letzten Jahren so viele Betriebe in der Windbranche pleite gegangen?

In den letzten Jahren sind einige Unternehmen wie zum Beispiel die Windreich GmbH pleite gegangen. Das läge vor allem am starken internationalen Wettbewerb, wie Windkraftexperte Reuter einordnet: "Viele Unternehmen waren einfach zu klein um gegen die großen Akteure international zu gewinnen. Und überall weltweit wurden Bauprojekte zunehmend in Ausschreibungen vergeben, bei denen sich dann der kostengünstigste Anbieter durchgesetzt hat.

Große Windenergie-Hersteller wie der Marktführer Vestas, Siemens Gamesa oder GE Wind Energy seien so groß, dass sie mengenmäßig viel mehr Windenergie-Anlagen bauen könnten, und daher wettbewerbsfähiger als kleinere sind. Außerdem agierten alle auf internationalen Märkten im Wettbewerb zueinander – "die Großen sind dann einfach bei den meisten Projekten kostengünstiger im Bau der Windkraftanlagen", so Reuter.

"Die deutsche Windindustrie hatte in den vergangenen Jahren mit den Folgen politischer Fehlsteuerungen zu kämpfen."
Frank Grüneisen
Bundesverband WindEnergie

"Die deutsche Windindustrie hatte in den vergangenen Jahren mit den Folgen politischer Fehlsteuerungen zu kämpfen", kritisiert Frank Grüneisen, Sprecher vom Bundesverband WindEnergie, gegenüber watson. "Die Umstellung auf das Ausschreibungssystem ab 2017 führte aufgrund der niedrigen Ausschreibungsmenge von jährlich 2.800 MW zu einem deutlichen Einbruch des Zubaus." In den vergangenen Jahren hätte die Branche sich Grüneisen zufolge aus eigener Kraft aus dem Tief herausgearbeitet, sodass der Zubau jetzt in kleinen Schritten langsam wieder ansteigen würde.

In den Niederlanden wird schon seit Längerem stark auf Windenergie gesetzt (Symbolbild Windpark in Zeeland, Niederlande).
In den Niederlanden wird schon seit Längerem stark auf Windenergie gesetzt (Symbolbild Windpark in Zeeland, Niederlande).Bild: Goldmann / Goldmann
"Auf einen Schlag wurden nur noch 20 Prozent der bisherigen Menge an Windenergieanlagen verkauft oder einfach abgestellt."
Andreas Reuter

"In Deutschland gibt es dann noch solche 'Spezialeffekte', dass beispielsweise die Anzahl der Genehmigungen für Windkraftanlagen in den letzten Jahren massiv eingebrochen ist, als auch, dass das Ausschreibungsverfahren umgestellt wurde", berichtet Reuter gegenüber watson. "Das hat dazu geführt, dass auf einen Schlag nur noch 20 Prozent der bisherigen Menge an Windenergieanlagen verkauft oder abgestellt wurde." Das habe dann eine Kettenreaktion ausgelöst: von Kran-Firmen über Turmhersteller seien alle möglichen Firmen pleitegegangen, die sich auf den Ausbau und Wartung von Windanlagen spezialisiert hätten. "Das hat mit der staatlichen Regulatorik und einer fehlenden finanziellen Unterstützung zu tun, weltweit hat es da keinen Zusammenhang gegeben."

Vor welchen Herausforderungen steht die Energiewende in Deutschland?

"Die aktuell größte Herausforderung für die deutsche Windindustrie ist die nicht ausreichende Flächenkulisse", argumentiert Grüneisen vom Bundesverband WindEnergie (BWE) auf Anfrage von watson. Der BWE fordere seit Jahren mindestens zwei Prozent der Bundesfläche als bebaubare Vorrangflächen für die Windenergie auszuweisen – worauf der Entwurf zum vergangene Woche vorgelegten Wind-an-Land-Gesetz nun mit einem Fahrplan eingehen würde. "Aus unserer Sicht ist dieser jedoch nicht hinreichend: Der Entwurf sieht ein Teilziel von 1,4 Prozent bis 2026 vor, 2 Prozent sollen dann ab 2032 erreicht werden."

Damit bleibe der Entwurf deutlich hinter den Regelungsmöglichkeiten zurück: Die Ausweisung von Flächen und der damit verbundene Ausbau der Windenergie würden so um mehrere Jahre verzögert. "Gerade in der jetzigen angespannten Energielage ist dies falsch", so Grüneisen.

"Zwischen der Beantragung und Bewilligung eines Windanlagen-Projektes vergehen teilweise fünf oder sechs Jahre."
Andreas Reuter

Zudem würden lange Verfahren die Branche belasten: "Der Genehmigungsprozess ist kosten- sowie zeitaufwendig, zutiefst bürokratisiert und birgt darüber hinaus die Gefahr, auch noch an einem weit fortgeschrittenen Zeitpunkt zu scheitern", erläutert Grüneisen weiter. Dadurch entstünden für die Unternehmen große Unwägbarkeiten und Unsicherheiten hinsichtlich der Planbarkeit neuer Projekte. "Die deutliche Schwäche des deutschen Heimatmarktes hat bei global aktiven Unternehmen zu unternehmerischen Entscheidungen geführt, die nachwirken."

Windexperte Reuter betont: "Wir haben einfach zu wenig Windenergieanlagen und der Ausbau geht zu langsam voran." Grund dafür seien "ganz klar" regulatorische Herausforderungen, wie beispielsweise, dass die Genehmigungen zu lange dauern – zwischen Beantragung und Bewilligung eines Projektes würden teilweise fünf oder sechs Jahre vergehen. "Das passt alles nicht zusammen, da kann man nicht wirtschaftlich arbeiten", schlussfolgert Reuter.

Geht der jetzt angestoßene Ausbau schnell genug?

Letztendlich gehe der Ausbau der Windenergieanlagen damit nicht schnell genug voran, die Politik müsse spätestens jetzt daran arbeiten, die Vorlaufzeit beim Bauen bürokratisch zu verkürzen. "Das würde dann auch die Planungssicherheit bei den Unternehmen stärken, die dann wieder mehr Bauprojekte starten würden", vermutet Reuter. Teileweise mangele es insbesondere auf lokaler Ebene an Personal in den Bauämtern, die die neuen Aufträge nicht zeitnah umsetzen könnten.

Nach Niedersachsen liefert das Land Brandenburg Platz für die größte installierte Leistung bei Windenergieanlagen. So wird gut ein Drittel des Strombedarfs aus Wind gewonnen.
Nach Niedersachsen liefert das Land Brandenburg Platz für die größte installierte Leistung bei Windenergieanlagen. So wird gut ein Drittel des Strombedarfs aus Wind gewonnen.Bild: dpa / Patrick Pleul

"Diese vielen Anforderungen können nicht nur mit dem dann bald erlassenen Wind-an-Land-Gesetz umgesetzt werden, sondern es bildet eher einen ersten Baustein von Maßnahmen, auf den noch viele folgen müssen, nicht nur auf Bundeseben, sondern auch auf Länderebene und kommunaler Ebene", erklärt Reuter. Grundsätzlich sei die deutsche Industrie und damit auch die Windenergie deutlich abhängig von Importen; vor allem bei seltenen Erden und Kupfer seien die Preise Reuter zufolge zurzeit stark angestiegen.

Im Vergleich zu anderen Energie-Branchen sei die Windbranche jedoch robust: "Man kann relativ schnell auch eine europäische Resilienz aufbauen, also eine europäische Versorgung mit den meisten Dingen, sodass mittel- und langfristig die Abhängigkeit von China zum Beispiel keine große Rolle spielt", erklärt Reuter. Damit bleibe Windkraft auch in den kommenden Jahren eine Freiheitsenergie.

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