Bundeskanzler Olaf Scholz und Tesla-Chef Elon Musk beim kurzen Rundgang durch die Fertigungsanlage der neuen Gigafactory des Elektroautobauers.
Bundeskanzler Olaf Scholz und Tesla-Chef Elon Musk beim kurzen Rundgang durch die Fertigungsanlage der neuen Gigafactory des Elektroautobauers.Bild: Flashpic / Jens Krick
Analyse

Start der Tesla Gigafactory in Grünheide: Wie grün sind eigentlich Elektrobatterien?

23.03.2022, 07:46

Elon Musk hat am Dienstagnachmittag zusammen mit Bundeskanzler Olaf Scholz und Wirtschaftsminister Robert Habeck das neue Tesla-Werk in Grünheide bei Berlin eröffnet. Angesichts gestiegener Energiepreise bezeichnete Habeck die Inbetriebnahme der Gigafactory, wie sie von Musk gennant wird, dabei als "schönes Symbol" beim Versuch, weniger Ölprodukte zu verbrauchen und sich damit unabhängiger von Russlands fossilen Energien zu machen. "Wir können nicht nur Öl durch Öl ersetzen, sondern wir können auch elektrisch", sagte er dazu gegenüber der dpa. Der Weg hin zur Elektromobilität sei "ein weiterer Schritt weg von Ölimporten".

Der Start der Gigafactory in dieser Woche begründet damit mindestens einen neuen Größenmaßstab für die deutsche Autoindustrie: Noch in diesem Jahr plant Tesla mit einer Produktion von bis zu 500.000 E-Autos, für die rund 12.000 Beschäftigte zuständig sein werden. Die Elektroautos haben ein grünes Image und stehen sinnbildlich für die Verkehrswende in Deutschland. Sie tanken Strom statt Benzin oder Diesel und stoßen während der Fahrt keine schädlichen Abgase aus.

Die Allround-Lösung für einen umweltfreundlichen Verkehr? Nur bedingt. Denn E-Autos sind zweifelsohne umweltfreundlicher als die klassischen Verbrenner. Doch auch ihre Produktion kann zu Problemen führen.

Grund #1: Nicht nur grüner Strom statt Sprit

E-Autos sind emissionsfrei. Allerdings nur dann, wenn sie gerade fahren. Statt Sprit benötigen sie aber vor allen Dingen viel Strom. Wie viel genau und vor allem aus welcher Quelle dieser Strom stammt, hängt vom Strommix in dem Land ab, in dem ein E-Auto tankt. Der deutsche Strommix setzt sich 2021 nach Angaben des Strom-Reports zu 46 Prozent aus erneuerbaren Energien und zu 54 Prozent aus konventionellen Energieträgern zusammen, Allerdings verschiebt sich der Strommix seit Jahren zugunsten der Erneuerbaren.

Grund #2: Riesiger Wasserbedarf verknappt Wassermengen

Der Eröffnungstermin der Gigafactory als erster Fabrikstandort in Europa fällt paradoxerweise genau auf den internationalen Weltwassertag. Rund zwei Drittel des über 227.000 Quadratmeter großen Tesla-Areals liegen in einem Wasserschutzgebiet. Gleichzeitig ist für Teslas E-Autoproduktion ein jährlicher Spitzenverbrauch von 1,4 Millionen Kubikmetern Wasser geplant; das entspricht etwa dem Jahresbedarf einer Stadt mit 40.000 Einwohnern.

Der zusätzliche Wasserbedarf durch die Gigafactory hatte bereits zu gerichtlichen Auseinandersetzungen über zulässige Fördermengen geführt. Aus Sicht des Ökohydrologen Tobias Goldhammer vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie werden sich diese in Zukunft weiterhin verschärfen, da im Klimawandel alle Szenarien darauf hindeuten, dass die Wasserknappheit in Brandenburg weiter zunehmen wird. Gegebenenfalls bedeutet das steigende Trinkwasserpreise für gewerbliche und private Nutzer, im Extremfall sogar eine regionale Limitierung von Wassermengen. Gegenüber watson sagt Goldhammer:

"Die Region Berlin-Brandenburg gehört zu den niederschlagsärmsten in Deutschland. Zwar gibt es relativ viele sichtbare Seen und Flüsse, vor allem letztere führen aber nur wenig Wasser und unterliegen daher schon seit langem einem hohen Nutzungsdruck. Der Wasserbedarf der Fabrik steht also direkt in Konkurrenz zur Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser, mit der Nutzung von Wasser für andere industrielle und landwirtschaftliche Anwendungen, und nicht zuletzt mit der Funktion von Gewässern als wertvolle Ökosysteme für die Fischerei und die Freizeitnutzung."
Tobias Goldhammer, Ökohydrologeleibniz-institut für Gewässerökologie

Außerdem existierten über den Wasserbedarf hinaus noch weitere Risiken, die durch eine industrielle Ansiedlung der Fabrik im Wasserschutzgebiet auftreten würden – "beispielsweise, dass bei Unfällen unerwünschte Stoffe ins Grundwasser gelangen könnten".

Grund #3: Nachfrage nach anderen fossilen Rohstoffen steigt

Mit einem immer größer werdenden Fokus auf Elektromobilität wird sich auch die Nachfrage nach anderen fossilen Rohstoffe erhöhen. Allen voran Lithium, das für den Lithium-Ionen-Akku der Elektroautos essenziell wichtig ist.

Umweltschädlicher Lithium-Abbau
Lithium wird meistens in Minen mit Baggern abgebaut oder über die Verdunstung von Sole gewonnen. Bei der Sole handelt es sich laut Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) um extrem salzhaltiges Wasser aus sogenannten Salaren – Salzseen, die es vor allem in Chile, Argentinien und Bolivien gibt. Dafür wird unterirdisches Wasser an die Oberfläche gepumpt und in großen Becken verdunstet. Aus der dabei übrig gebliebenen Salzlösung wird dann das Metall Lithium gewonnen, das für die Herstellung der Batterie benötigt wird. Wenn Lithium über die Verdunstung salzhaltiger Sole gewonnen wird, benötigt eine E-Auto-Batterie zwischen 2.000 und 10.000 Liter Wasser.

Bei einem Anstieg der Elektromobilität würden also Lithium und weitere kritische Rohstoffe wie Nickel, Kupfer und Kobalt immer stärker nachgefragt und abgebaut.

Es stellt sich also die Frage der Verfügbarkeit. Das Problem: Diese Rohstoffe sind weltweit nur in wenigen Ländern verfügbar. Die größten Anbieter von Lithiumerz sind aktuell Australien und Brasilien. Dort wird das Erz in Minen abgebaut. Argentinien, Bolivien und Chile wiederum sind Produzenten für Lithiumsalze. Sie werden dann vor allem in Fabriken in China und jetzt mit Tesla auch in Deutschland für die Batteriezellenproduktion verarbeitet.

Akkuproduktion soll in Deutschland CO2-neutral ablaufen

Professor Ralf Wehrspohn vom Deutschen Lithiuminstitut erklärt den Unterschied folgendermaßen: Während die chemischen Fabriken in China bei der Produktion der Akkus keine Anstalten machten, würden europäische Projekte sich als Bedingung setzen, die Akkus CO2-neutral herzustellen und eine Kreislaufwirtschaft zu etablieren. Ziel wäre hier, ab 2030 recycelte Lithium-Ionen-Akkus einzusetzen, sagt Wehrsporn.

Der Start der Gigafactory bietet also Chancen zu einer notwendigen, umweltfreundlicheren Alternative zum aktuellen Automarkt der Verbrennermotoren. Wie nachhaltig sich eine bald deutlich gesteigerte E-Autoproduktion auf die direkte Umgebung in Brandenburg auswirken wird, bleibt dabei noch offen.

Was dagegen fortbesteht, ist eine anhaltende Abhängigkeit. Denn Ressourcen werden auch für E-Autos benötigt. Wenn auch andere als Benzin und Gas.

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