Ab dem Sommer nimmt der Weltkonzern Nestlé das vielfach umstrittene Vittel-Wasser aus dem Sortiment deutscher und österreichischer Supermärkte. Welche Folgen hat das für die französische Region?
Ab dem Sommer nimmt der Weltkonzern Nestlé das vielfach umstrittene Vittel-Wasser aus dem Sortiment deutscher und österreichischer Supermärkte. Welche Folgen hat das für die französische Region?Bild: dpa / Ingo Wagner
Analyse

Nestlé nimmt Vittel-Wasser aus deutschem Sortiment – das sind die Folgen

09.02.2022, 13:36

Die Wassermarke Vittel verschwindet aus dem Sortiment deutscher und österreichischer Supermärkte. Noch vor dem Sommer will der weltgrößte Lebensmittelkonzern Nestlé sein Geschäft in den beiden Ländern beenden. In dem französischen Kurort Vittel, in dem Nestlé jahrelang das gleichnamige Wasser abgepumpt hat, dürfte das für Aufatmen sorgen – auch wenn der Konzern die umstrittene Wassergewinnung vor Ort nicht gänzlich einstellen wird.

Seit 1990 hat Nestlé mit Erlaubnis lokaler und staatlicher Ämter jährlich eine Million Kubikmeter Wasser abgepumpt. Das hatte gravierende Folgen für die Ortschaft: Der Grundwasserspiegel sank jährlich um etwa 30 Zentimeter. Die Region in den Vogesen trocknete zunehmend aus. Anwohner mussten mit ihrem Wasser haushalten, sich zum Teil mithilfe von Wassertanks aus der Nachbargemeinde versorgen. Nichtsdestotrotz wurde das Wasser aus Vittel millionenfach, vor allem nach Deutschland, verkauft.

Während Nestlé jährlich eine Million Kubikmeter Wasser abpumpte, war für die Einwohner Vittels Wassersparen angesagt. Höchstens sechs Flaschen durften sie sich am öffentlichen Brunnen abfüllen.
Während Nestlé jährlich eine Million Kubikmeter Wasser abpumpte, war für die Einwohner Vittels Wassersparen angesagt. Höchstens sechs Flaschen durften sie sich am öffentlichen Brunnen abfüllen. Bild: picture alliance / Rolf Haid

"Massiv abfallende" Grundwasserstände vermutlich auf Nestlés Entnahme zurückzuführen

Dass das Vittel-Wasser künftig aus dem deutschen Sortiment verschwindet, hält Bastian Henrichs, Sprecher gemeinnützigen Organisation "Viva con Agua", grundsätzlich für eine "gute Nachricht". Denn: "Wasser in der Größenordnung zu entnehmen ist immer ein Eingriff in die natürlichen Abläufe und bewirkt Veränderungen", erläutert er gegenüber watson.

Das bestätigt auch Harald Kunstmann, Wasser- und Klimaforscher von der Universität Augsburg im Gespräch mit watson: "Wenn die Grundwasserstände so schnell und massiv abfallen, ist es sehr wahrscheinlich, dass dies von der umfangreichen Grundwasserentnahme kommt." Eine leichte, stetige Abnahme hingegen könne, je nach Region, auch auf die Klimaänderungen zurückzuführen sein, "also auf abnehmende Niederschläge und höhere Verdunstungen bei höheren Temperaturen". In Bayern komme es großflächig schon seit 2003 zu abnehmenden Grundwasserneubildungsraten. Der Unterschied zur Region Vittel sei folgender:

"In Bayern ist schon eher die Klimaänderung der Grund [für den abnehmenden Grundwasserstand], weil es langsam, leicht und kontinuierlich passiert. Im Gegensatz zu Vittel, wo die Grundwasserhöhen jährlich um 30 Zentimeter sinken."
Harald Kunstmannwasser- und klimaforscher von der universität augsburg

Es darf nicht mehr Wasser gepumpt werden, als die Natur nachbilden kann

Kunstmann pocht daher auf einen nachhaltigeren Umgang mit der Ressource Wasser. So dürfe nicht mehr Grundwasser entnommen werden, als langfristig von der Natur nachgebildet wird. Das bedeute nicht, dass die Entnahmemenge die natürlich stattfindende Grundwasserneubildung nicht auch mal übersteigen dürfe.

"Es gibt ja feuchte und trockene Jahre – da darf man schon mal in den trockenen Jahren, wo weniger Grundwasser neu gebildet wird, ein Stück weit mehr entnehmen und wasserwirtschaftlich ein bisschen über seine Verhältnisse leben. So wie man sein Konto vielleicht mal überzieht. Aber nur, wenn man weiß, dass dann am Ende des Monats wieder was draufkommt."
Harald Kunstmannwasser- und klimaforscher von der universität augsburg
Drei aufeinanderfolgende trockene Jahre haben auch in Deutschland Spuren hinterlassen.
Drei aufeinanderfolgende trockene Jahre haben auch in Deutschland Spuren hinterlassen. Bild: Geisler-Fotopress / Christoph Hardt/Geisler-Fotopres

Wird sich der Grundwasserspiegel in Vittel wieder auffüllen?

Beim Grundwasser sei das ganz ähnlich. Nur, dass man dort zwischen zwei Arten von Grundwasser unterscheiden müsse: Dem weiter oben liegenden Grundwasser, das sich mit der Zeit wieder auffüllt. Und dem tiefer liegenden Grundwasser, dem sogenannten fossilen Grundwasser, das in anderen Klimaperioden gebildet wurde und sich nicht wieder auffüllt. "Dieses Wasser muss man behandeln wie Erdöl", betont Kunstmann. "Man kann es entnehmen, man muss sich aber bewusst machen, dass es danach weg ist. Da darf man nicht groß eine Infrastruktur drum rum aufbauen, da muss man sich wirklich klar machen, dass es endlich ist."

"Und wenn das Grundwasser in Vittel kein fossiles Wasser ist, dann kann man davon ausgehen, dass sich die Lage nach dem Abpumpstopp von Nestlé wieder erholen wird, dass sich der Speicher also langsam wieder auffüllt."
Harald Kunstmannwasser- und klimaforscher an der universität augsburg

Auch wenn Kunstmann kein Experte für die Region Vittel ist, geht er davon aus, dass es sich bei dem von Nestlé gepumpten Grundwasser nicht um fossiles handelt. "Und wenn das Grundwasser in Vittel kein fossiles Wasser ist, dann kann man davon ausgehen, dass sich die Lage nach dem Abpumpstopp von Nestlé wieder erholen wird, dass sich der Speicher also langsam wieder auffüllt." Bis sich die Speicher aber wieder füllen, würden laut Kunstmann noch "etliche Jahre ins Land gehen".

Steht Nestlé zu Unrecht in der Kritik?

Dass internationale Konzerne wie Nestlé durch ihre Wasserentnahme einen schlechten Ruf haben, sehen aber nicht alle als gerechtfertigt an. Nico Goldscheider, Hydrogeologe und Professor am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), gibt gegenüber watson zu bedenken: "Tatsächlich bemühen sich diese Konzerne oftmals – auch im eigenen Interesse – die Wasserressourcen zu schützen und nachhaltig zu bewirtschaften, hinsichtlich Menge und Qualität."

Auf seiner Website schreibt der Nestlé-Konzern davon, die Mineralwasserquellen in Vittel seit über 25 Jahren zu schützen. "Wenn die Böden unserer Quellregion sprechen könnten, dann würden sie viel erzählen – von Marienkäfern und Regenwürmern", steht dort geschrieben. Damit dies auch so bleibe, "schützen wir unsere Quellen – die 'Grande Source' und die 'Bonne Source' – und bewahren das üppige Ökosystem der Region". Auch die Artenvielfalt und die Zukunft der Natur würde der Konzern dabei stets im Blick behalten.

Kritik der Umweltschützer hat laut Nestlé nichts mit Vittel-Aus für Deutschland zu tun

Auf eine Anfrage von watson erklärt ein Nestlé-Sprecher, dass der Konzern die Entnahmen aus dem Gebiet Vittel seit 2010 "freiwillig" um die Hälfte reduziert habe. Er ergänzt wörtlich:

Die gemeinsam genutzte Wasserquelle und seine Erhaltung war schon immer ein gemeinschaftlicher Prozess, der mit allen Nutzern der Quelle erreicht wurde. Nestlé Waters wird seine Entnahmen weiter reduzieren, um in Übereinstimmung mit den zwischen allen lokalen Interessengruppen getroffenen Vereinbarungen zu seiner Wiederherstellung beizutragen."

Die Kritik von Umweltschützern und Menschen aus der Region Vittel hätten dem Sprecher zufolge jedoch nichts mit der Entscheidung, das Vittel-Wasser aus dem Sortiment deutscher und österreichischer Supermärkte zu nehmen, zu tun. Vielmehr sei die Entscheidung getroffen worden, "um uns für zukünftiges Wachstum bestmöglich zu positionieren" – und zwar vorwiegend mit dem Out-of-Home-Geschäft rund um die Marken S. Pellegrino und Acqua Panna.

Wasserknappheit – und woher die eigentlichen Probleme rühren

Der Hydrogeologe Nico Goldscheider verordnet die Wasser-Problematik nicht bei der Wasserentnahme Nestlés, sondern ganz woanders: in der Landwirtschaft. "Bei uns in Deutschland ist die hohe Belastung des Grundwassers mit Nitrat aus Gülle und Düngemittel ein riesiges Problem." Als "besonders kritisch" sieht er den großflächigen Anbau von Mais als Futtermittel und Energiepflanze. "In trockenen Regionen führt die massive Wasserentnahme für die landwirtschaftliche Bewässerung zu weitverbreiteten und dramatischen Absenkungen des Grundwasserspiegels."

Insbesondere der großflächige Anbau von Futtermais führt in trockenen Regionen zu massiven Wasserentnahmen für die landwirtschaftliche Bewässerung.
Insbesondere der großflächige Anbau von Futtermais führt in trockenen Regionen zu massiven Wasserentnahmen für die landwirtschaftliche Bewässerung.Bild: dpa / Stefan Jaitner

Auch Bastian Henrichs, Sprecher von "Viva con Agua", stimmt dem zu: "Den Fleischkonsum zu senken, ist immer eine gute Idee, vor allem aus Gründen des Klimaschutzes." So benötige die Produktion von Rindfleisch enorm viel Wasser – je Kilo rund 15.000 Liter. "Auch die Produktion anderer Konsumgüter wie Baumwolle, Avocados, Kaffee oder Tomaten ist sehr wasserintensiv." Das hätte aber vor allem Auswirkungen auf die Länder, in denen die Produkte auch hergestellt würden.

Es braucht mehr Klima- und Wasserschutz – sofort

Und weil insbesondere am Wasser und seiner Verfügbarkeit deutlich werde, "wie vulnerabel wir eigentlich sind", so der Wasser- und Klimaforscher Harald Kunstmann, müsse man diesem deutlich mehr Aufmerksamkeit widmen. Erst in den letzten paar Jahren sei dies vermehrt geschehen. Die drei aufeinanderfolgenden trockenen Jahre hätten Ministerien und Landesbehörden überzeugt, Maßnahmen zu initiieren, um mehr Niederschlagswasser in den Boden und ins Grundwasser zu bekommen und so besser mit Dürren umgehen zu können.

An den zahlreichen Ereignissen, die aus der Klimakrise resultieren würden, zeige sich laut Kunstmann, dass jetzt etwas in puncto Klimaschutz geschehen müsse. Er sagt wörtlich:

"Wir müssen etwas machen. Die Schäden und Kosten zum Wiederaufbau sind so enorm – überlegen Sie, wie viel Geld allein in die Bewältigung der Schäden und den Wiederaufbau zum Beispiel des Ahrtals fließt – über 40 Milliarden Euro – was man da an Klimaschutzmaßnahmen hätte umsetzen können. Das muss man sich bewusst machen. Es wird gern lautstark überlegt, dass wir uns Klima- und Wasserschutzmaßnahmen gar nicht leisten können, und doch erst andere Länder erstmal aktiv werden sollen. Aber wenn wir uns diese Maßnahmen nicht leisten, können die Kosten eben noch viel höher sein."
Harald Kunstmannwasser- und klimaforscher an der universität augsburg

Als besonders irreführend empfindet Kunstmann, dass immer wieder gerne suggeriert werde, das in den Klimaschutz investierte Geld würde "in den Ofen gelegt und verbrannt" werden. "Das ist ja aber falsch, man investiert dann ja – in Infrastruktur, in Schutz, in Gebäude, in Warnsysteme. Es wird teurer, nichts zu tun, als wenn wir jetzt etwas tun."

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