Young woman smoking marijuana joint - medical marijuana use and legalization of cannabis concepts - closeup-of lighting a weed cigarette in Amsterdam (Holland - Netherlands)
Cannabis soll in Deutschland laut Plänen der Ampel-Regierung bald legalisiert werden.Bild: iStockphoto / Alina Rosanova
Klima & Umwelt

Nach Plan zur Legalisierung von Cannabis: Wie umweltschädlich ist der Hanfanbau?

29.01.2022, 10:0029.01.2022, 12:00

Die Entscheidung der Ampelkoalition, Cannabis zu legalisieren, bringt Aufwind in die Branche. Ein Unternehmen, das davon profitiert, ist SynBiotic – das erste börsengelistete Cannabis-Unternehmen in Deutschland. In weniger als einer Woche nach der Vorstellung des Koalitionsvertrags hat sich der Wert der Aktie fast verdoppelt. Die kontrollierte Abgabe von Cannabis gilt als wichtiger Meilenstein für den Konzern.

Doch was bedeutet das für die Umwelt? Seit 1990 hat sich der Konsum illegaler Drogen, zu denen auch Cannabis zählte, in Deutschland verdoppelt. Mit der Legalisierung könnte der Konsum weiter ansteigen. Das Problem: Kaum jemand denkt dabei an die Umwelt. Doch die trägt durch den Anbau und Konsum von Drogen große Schäden davon. Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie der Colorado State University sorgen der Indoor-, aber auch Outdoor-Anbau von Hanfplantagen, für eine massive Produktion von Treibhausgasen.

Wie umweltschädlich ist der Cannabis-Anbau?

Allein in Colorado würden durch den Anbau und die Produktion von rund 530 Tonnen Cannabis jährlich rund 2,6 Megatonnen CO2-Äquivalente ausgestoßen. Zum Vergleich: Durch die Kohleindustrie werden, ebenfalls in Colorado, etwa 1,8 Megatonnen CO2-Äquivalente im Jahr verursacht. Der Grund: Weil der Anbau im Freien in vielen US-Bundesstaaten nicht erlaubt ist oder die Erzeuger ihn aus Angst vor Diebstählen in Gewächshäuser oder Lagerhallen verlegen, steigen die Strom- und Energiekosten durch den Einsatz spezieller leuchtstarker Pflanzenlampen rapide an. Dabei könne die Produktion deutlich umweltfreundlicher ausfallen, wie Hailey Summers von der Colorado State University und ihr Team in "Nature Sustainability" darlegen – mithilfe von LED-Lampen sowie einigen weiteren Anpassungen im Verarbeitungsprozess, wodurch sich allein in Colorado 2,1 Megatonnen CO2-Äquivalente einsparen ließen.

Ist der Hanfanbau also doch nicht so umweltschädlich, wie es auf den ersten Blick scheint? Und was bedeutet eine Legalisierung von Cannabis hierzulande für die Umwelt?

Um das herauszufinden, hat watson mit Lars Müller, CEO von SynBiotic, gesprochen. Begonnen hat für Müller alles mit einem Ausweis vom Arzt, mit dem er in der Apotheke Cannabis kaufen sollte. Sein Asthma machte ihm zu schaffen. "Die Pflanze hat mir wirklich sehr geholfen", sagt er heute gegenüber watson. "Spätestens seitdem brenne ich für das Thema und möchte durch meine Arbeit noch vielen anderen Menschen helfen."

Lars Müller, CEO von SynBiotic freut sich über die Legalisierung von Cannabis in Deutschland.
Lars Müller, CEO von SynBiotic freut sich über die Legalisierung von Cannabis in Deutschland. bild: Synbiotic

watson: Als die Ampelparteien mit der Verkündung ihres Koalitionsvertrags eröffnet haben, Cannabis zu legalisieren – haben Sie da erstmal einen Joint geraucht oder wie haben Sie das gefeiert?

Lars Müller: Für uns kam das total überraschend. Wir sind seit ein paar Jahren mit der SynBiotic SE im Cannabinoid-Markt aktiv. In unserer Zusammenarbeit mit Lobbyverbänden haben wir lange daran gearbeitet, das Thema nach vorne zu bringen. Deshalb haben wir natürlich gebührend, aber legal, gefeiert.

Also haben Sie keinen Joint geraucht?

Nein, das heben wir uns für den Zeitpunkt auf, wenn es für uns alle legal ist.

Was genau bedeutet die Legalisierung denn für Sie und Ihr Unternehmen?

Wir sind mit der SynBiotic SE die größte Unternehmensgruppe in Europa für das ganze Thema Cannabinoide. Wir haben mittlerweile zwölf Unternehmen in unserer Gruppe und man munkelt, dass künftig noch ein paar hinzukommen werden. Bei CBD und THC sind wir schon gut aufgestellt. Wir verfügen da über einen funktionierenden Vertrieb und Lizenzen.

Das ist SynBiotic
An der Frankfurter Börse gestartet ist SynBiotic im November 2019. Mittlerweile zählen acht Firmen zu der am Markt mit rund 150 Millionen Euro bewerteten Gruppe – neben der Pharmafirma Greenlight und Solidmind auch die Hanfmilch-Marke Hemi.
Lars Müller zufolge sollen schon bald weitere Unternehmen zu der Gruppe hinzustoßen. ​

Und wie sieht es mit Hinblick auf die Legalisierung von Cannabis aus?

Unser Geschäftsmodell ist tatsächlich nicht von der Legalisierung abhängig, aber dieser Schritt wird natürlich einen massiven positiven Effekt auf unsere Zahlen haben.

SynBiotic deckt die gesamte Wertschöpfungskette in der Cannabis-Branche ab: Import von Cannabis-Blüten und Extrakten, Forschungsunternehmen, Produktionsstätten und Hanfanbaubetrieb. Jetzt kommt auch noch das sogenannte "Recreational Cannabis" – also Marihuana für den Freizeitkonsum dazu. Was ist Ihre Strategie?

Die SynBiotic SE wird sich jetzt auf jeden Fall stark auf Marken fokussieren, denn sie bringen am Ende das Produkt zum Kunden. Wenn wir wissen, wie Vertrieb und Abgabestellen aussehen, wollen wir so etwas wie ein Starbucks für die Abgabe von Cannabis-Produkten aufbauen – oder halt dazukaufen.

Ein Starbucks für Cannabis-Produkte? Das müssen Sie erklären.

Starbucks ist eine Premium-Marke, die gleichzeitig mit ihrem Franchise-System Ketten wie McDonald's Konkurrenz macht. Ein Hybrid aus Klasse und Masse sozusagen. Beim Recreational Cannabis wollen wir genau dahin: Produktqualität trifft ein Premium-Image mit Shops in jeder Stadt. Dafür verfolgen wir eine Buy & Build-Strategie, das heißt: Wir sprechen mit Unternehmen und fragen sie, ob sie sich in unsere Gruppe aufnehmen lassen und sich unserer Version anschließen wollen.

Und wenn Sie nichts Passendes finden?

Dann machen wir es halt selbst. Wir sind da flexibel. Unser großer Vorteil zu anderen deutschen Unternehmen ist, dass wir an der Börse sind und auch unsere Unternehmensanteile als Währung einsetzen können. Wer sich uns anschließt, ist voll investiert und profitiert auch von allen anderen Bereichen. Wir werden also überall dabei sein. Das ist unsere Strategie.

Kulturhanf Hanffeld
Je nachdem, ob Cannabis drinnen oder draußen angepflanzt wird, unterscheidet sich die Größe des CO2-Fußabdrucks. Bild: CHROMORANGE / Ernst Weingartner

Wer einen Joint raucht oder andere Produkte aus der Cannabinoid-Industrie nutzt, beschäftigt sich meist nicht so wirklich mit der Herkunft des Cannabis. Woher kommt das Marihuana, das in der Freizeit geraucht wird?

Da es sich gerade noch um einen Schwarzmarkt handelt, sind die Quellen nicht bekannt. Genau das ist ja auch Teil des Problems der Cannabis-Prohibition. Der mündige Verbraucher braucht einen kontrollierten Markt mit Rohstoffen aus bekannten Quellen. Hier muss der Staat Kontrollmechanismen herausarbeiten. Unsere Hoffnung ist, dass diese Frage bald obsolet wird, weil die Info zur Herkunft transparent auf jedem Produkt zu finden ist. Genauso wie bei anderen Produkten eben auch. Wo die Wolle für mein T-Shirt herkommt, sehe ich ja auch auf einem Etikett.

Also wird mit der Legalisierung auch klarer, was genau man da eigentlich raucht?

Das ist die Hoffnung und der Plan. Ein freier und regulierter Markt wird das schon allein deshalb mit sich bringen, weil unterschiedliche Produkte Herstellern eine Differenzierung gegenüber den Marktteilnehmern ermöglichen und ich als Verbraucher genau das Produkt mit dem THC- und Wirkstoff-Gehalt kaufen kann, das ich mir wünsche.

Bedeutet legales Cannabis also auch, dass das Produkt damit sauber und besser ist?

Exakt. Natürlich wird auch Cannabis ähnlich wie andere Genussmittel wie Alkohol oder Tabak deshalb nicht komplett risikofrei oder gar gesund. Aber als Verbraucher weiß ich dann eben, was ich rauche. Wir brauchen so etwas wie ein Reinheitsgebot für Cannabis, damit jeder weiß, was er bekommt.

Nachhaltigkeit und Klimaschutz sind mit die wichtigsten Themen unserer Zeit. Nun hat Cannabis nicht gerade den Ruf, besonders gut für die Umwelt zu sein. Ist Ihnen das bewusst? Durch die Legalisierung werden Ihr Unternehmen und der Konsum ja stark anwachsen, was sich jetzt schon in der Aktie widerspiegelt.

Die Hanfpflanze hat gegenüber anderen Gewächsen sogar große Vorteile beim Anbau. So kann das Hanfprotein, das natürlicherweise in der Pflanze vorhanden ist, mit Fluor-Verbindungen belastetes Grundwasser reinigen. Zudem bindet die Pflanze Schwermetalle wie Cadmium, Chrom und Nickel und gedeiht zur Renaturierung auch in belasteten Böden.

Aber?

Aber klar, so wie bei allen Konsumprodukten gibt es natürlich auch Belastungen für die Umwelt, die wir erforschen und im Blick behalten müssen. Aber genau das ist ja das Schöne an einem neu entstehenden Markt: Wir können die Regeln dafür jetzt festlegen. Dabei muss auch Nachhaltigkeit eine bedeutende Rolle spielen.

Sie betreiben den größten Hanfanbaubetrieb Europas. Wie wachsen Ihre Pflanzen?

Unsere Pflanzen wachsen alle draußen und kümmern sich dabei sozusagen sogar um die Umwelt.

Wie denn das?

Sie binden ein Vielfaches an CO2 im Gegensatz zu Bäumen. Und dann gibt es noch einen Effekt, der sich "Phytoremediation" nennt. Hanfpflanzen können Böden von toxischen Substanzen wie Schwermetallen befreien und außerdem die Bodenstruktur verbessern. Damit tragen sie zum Erosionsschutz bei.

Grundsätzlich hat der Cannabis-Anbau ja einen eher schlechten Ruf. Kürzlich ist eine Studie der Colorado State University herausgekommen, die thematisiert, dass allein in Colorado durch den Anbau von Cannabis rund 2,6 Megatonnen CO2-Äquivalente ausgestoßen würden.

Die Studie ist mir gerade nicht bekannt. Hier geht es aber bestimmt um den Indoor-Anbau.

Da haben Sie recht.

Für den Indoor-Anbau wird viel Licht und somit Strom gebraucht. Outdoor sieht das ganz anders aus. Insgesamt hat die Hanfpflanze nämlich vergleichsweise viele Vorteile im Anbau.

Welche denn zum Beispiel?

Die Pflanzen sind recht anspruchslos, brauchen also keine intensive Bewässerung, sie haben ein so dichtes Blattwerk, dass Beikräuter erst gar nicht wachsen und damit keine Herbizide eingesetzt werden müssen. Und das sind nur zwei Beispiele.

Haben Sie eine Strategie, wie Ihre Cannabis-Unternehmensgruppe möglichst wenig Umweltschäden verursachen kann?

Wir wollen mit SynBiotic der Welt immer ein Stück zurückgeben und ihr nicht nehmen – darum beschäftigen wir uns auch mit Hanf.

ILLUSTRATION - Eine Person zündet sich einen Joint an. Die Ampel-Parteien wollen Cannabis für den Genuss legalisieren. Bald könnte Hanf in lizenzierten Geschäften frei verkauft werden.
Laut dem Koalitionsvertrag der Ampelparteien soll Cannabis schon bald nicht mehr nur für den medizinischen Gebrauch verwendet werden dürfen, sondern allgemein zugänglich sein. Bild: dpa / Fabian Sommer

Sie beschäftigen sich mit Hanf, um der Welt etwas zurückzugeben? Wie meinen Sie das genau?

Das bezieht sich einerseits auf die beschriebenen Vorteile beim Anbau von Hanf und andererseits zum Beispiel auch auf den medizinischen Einsatz von Cannabinoiden. Viel zu oft werden bei Schmerzpatienten noch pauschal Opiode verordnet, obwohl medizinisches Cannabis mit seinen Wirkstoffen wie THC oder dem nicht berauschenden CBD bei langwierigem Krankheitsverlauf eine nebenwirkungsärmere Alternative darstellen kann. Diesen großen Vorteil wollen wir mit unserer Arbeit möglichst vielen Menschen zugänglich machen.

Und wie genau sieht Ihr Plan für die Zukunft aus?

Wir wollen bessere Lösungen für die großen gesellschaftlichen Mega-Problemfelder wie Schmerzen, Schlafprobleme und Stress auf Basis der vielen Cannabinoide wie CBD und THC entwickeln und den Menschen zugänglich machen. Mit der SynBiotic SE sind wir bis dato die größte Unternehmensgruppe in Europa für das ganze Thema. Wir haben mittlerweile zwölf Unternehmen in unserer Gruppe. Damit decken wir die gesamte Wertschöpfungsketten von Cannabis und Hanf ab. Das betrifft neben medizinischen Produkten auch eigene Marken als Lebensmittel, Nahrungsergänzungsmittel und Kosmetik. Zukünftig dann eben auch "Recreational Cannabis".

Und wann können wir voraussichtlich mit dem Freizeit- beziehungsweise "Recreational-Cannabis" rechnen?

Das ist eine Frage, die jetzt die Politik beantworten muss. Wir schätzen aber, in den kommenden ein bis drei Jahren. Unsere Unternehmensgruppe steht jedenfalls für den neuen Markt bereit.

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