Auch das ausgehende Jahr war wieder von extremen Klimaereignissen geprägt.
Auch das ausgehende Jahr war wieder von extremen Klimaereignissen geprägt.Bild: iStockphoto / Toa55
Analyse

Klimapolitischer Jahresrückblick 2021 bei watson – Klimaforscher: "Wirklich große Erfolge hat die Klimapolitik leider nicht aufzuweisen"

30.12.2021, 15:4230.12.2021, 19:11

Die Gletscher in der Arktis schmelzen schneller als gedacht, der Meeresspiegel steigt, die Temperaturen ebenfalls – und zu allem Überfluss verpulvert Deutschland sein noch verbliebenes CO2-Budget viel zu schnell. Das 1,5 Grad-Ziel rückt in die Ferne, immer weiter, immer schneller.

Oder etwa nicht?

Immerhin haben sich alle demokratischen Parteien im Wahlkampf demonstrativ zum Ziel des Pariser Klimaabkommens von 2015 bekannt, die Erderwärmung auf möglichst 1,5 Grad und deutlich unter zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen. Klimawissenschaftlerinnen und Meteorologen bemängeln jedoch schon jetzt, dass die Pläne der neuen Ampel-Bundesregierung aus SPD, Grünen und FDP nicht ausreichen würden, um die Klimaziele zu erreichen.

Was waren 2021 die Meilensteine in puncto Klimapolitik? Welche Entwicklungen waren besonders besorgniserregend, welche machen Hoffnung? watson hat bei Experten und Aktivisten nachgefragt.

Negative Entwicklung wird sich auch 2022 fortsetzen

"Die Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre steigt trotz aller Klimaschutzversprechungen immer weiter an", sagt Volker Quaschning, Professor für Regenerative Energiesysteme an der HTW und Mitbegründer von "Scientists For Future", einem Zusammenschluss von Wissenschaftlern, die das Thema Klimaschutz in den Fokus rücken wollen, gegenüber watson. "Auch im Jahr 2022 wird sich darum die negative Entwicklung fortsetzen."

Volker Quaschning engagiert sich bei "Scientists for Future", um die Klimakrise in den Fokus zu rücken.
Volker Quaschning engagiert sich bei "Scientists for Future", um die Klimakrise in den Fokus zu rücken. Bild: dpa-Zentralbild / Britta Pedersen

Schon 2021 sei geprägt gewesen von klimabedingten Ereignissen: Extremhochwasser, Hitze, durch Dürre verursachtes großflächiges Waldsterben. "Wirklich überraschend ist diese Entwicklung nicht", erklärt Quaschning gegenüber watson. "Viele Studien haben vor solchen Ereignissen schon länger gewarnt." Hinzu kommt:

"Extremwetterereignisse werden künftig immer häufiger auftreten. Mit steigender Temperatur kann Luft mehr Wasser aufnehmen. Es ist simple Physik, die dafür sorgt, dass die Regenmengen immer weiter zunehmen. Gleiches gilt für andere Extremwettereignisse."
Volker QuaschningProfessor für Regenerative Energiesysteme an der HTW berlin

Ampelkoalition hat Verbesserung in puncto Klimaschutz gelobt

"Wirklich große Erfolge hat die Klimapolitik leider nicht aufzuweisen", sagt Quaschning. Immerhin habe die neue Bundesregierung einige Verbesserungen in Aussicht gestellt. Trotz allem sei der Koalitionsvertrag hinsichtlich Klimaschutz "deutlich" hinter den Erwartungen zurückgeblieben. "Wir haben in Deutschland immer noch keine Klimaschutzpolitik, die eine Klimaneutralität im Jahr 2035 und das Einhalten des Pariser Klimaschutzabkommens zum Ziel hat. Die Treibhausgasemissionen im Verkehrssektor sind seit 1990 praktisch nicht gesunken." Und dennoch: Ein Tempolimit oder ein Verbot von Verbrennermotoren stünden auch in den nächsten vier Jahren nicht auf der politischen Agenda.

Carla Reemtsma, Klimaschutzaktivistin von Fridays for Future (FFF) bemängelt die deutsche Verkehrspolitik gegenüber watson ebenfalls:

"Wir haben einen Sektor, der zu den größten Emissionsverursachern zählt, in dem aber die Emissionen seit über 20 Jahren nicht gesunken sind, mit einer Ausnahme von 2020, wobei das an der Corona-Pandemie – einer riesigen gesellschaftlichen Gesundheitskrise – und an keinem klimapolitischen Einfluss liegt und das ist ein Skandal."
Carla Reemtsma Mitorganisatorin und FFF-Aktivistin

Deutschland übernimmt laut Fridays for Future nicht genügend Verantwortung

Es sei ein "riesiges Versäumnis, dass Deutschland nicht international Verantwortung" übernehme, so Reemtsma. "Deutschland ist, historisch betrachtet, das Land mit den sechstmeisten Emissionen und hat einen Großteil seines Wohlstandes auch durch die Ausbeutung von Ländern des Globalen Südens erwirtschaftet."

Dass Deutschland es nicht schaffe, einen angemessenen Beitrag zur internationalen Klimafinanzierung zu leisten und seine Emissionen "ernsthaft im Einklang mit dem 1,5 Grad-Ziel" zu reduzieren, zeige, "dass hier noch immer nicht richtig angekommen ist, wie eigentlich Verantwortung übernommen werden müsste. Immerhin ist Deutschland krass verantwortlich dafür, wie schlimm die Klimakatastrophe jetzt schon ist."

Carla Reemtsma, FFF-Aktivistin, bemängelt die Klimapolitik Deutschlands.
Carla Reemtsma, FFF-Aktivistin, bemängelt die Klimapolitik Deutschlands. Bild: Eibner Pressefoto / Lakomski/Eibner-Pressefoto

Die wichtigsten klimapolitischen Ereignisse 2021

  1. In Deutschland und zahlreichen weiteren Staaten wurde der Verkauf und das Zünden von Böllern verboten, um die Krankenhäuser aufgrund der Corona-Pandemie zu entlasten. Durch diese Regelung landeten rund 3.500 Tonnen weniger Plastik in der Umwelt.
  2. Im April erklärte das Bundesverfassungsgericht das deutsche Klimaschutzgesetz für teilweise verfassungswidrig, weil es für die Zeit ab 2030 keine Klimaziele nannte. Damit würden künftigen Generationen zu große Lasten aufgebürdet, urteilte das Gericht. Die Klimaschutzbewegung jubelte – das Urteil des Bundesverfassungsgerichts gilt als wegweisend. Der Bundestag zog nach – und verschärfte das Klimaschutzgesetz: Als viertgrößte Volkswirtschaft der Welt erklärte Deutschland, bis 2045 klimaneutral werden zu wollen.
  3. Schon im Mai folgte ein weiteres wegweisendes Urteil: In Den Haag verurteilte ein Bezirksgericht den Mineralöl- und Erdgaskonzern Shell dazu, seine CO2-Emissionen bis 2030 um knapp die Hälfte zu senken. Davon betroffen sind auch die Zulieferer und Endabnehmer des Konzerns.
  4. Eines der größten Wissenschaftsereignisse des Jahres war die aufgrund von Corona verschobene Veröffentlichung des sechsten Berichts des Weltklimarats IPCC. Die Erkenntnisse – erschreckend: Der Klimawandel ist weiter fortgeschritten, als bislang angenommen und garantiert menschengemacht. Das ist die Kernbotschaft des Sachstandberichts, der sich auf mehr als 14.000 von Expertinnen und Experten geprüfte Studien stützt. Die IPCC-Berichte zählen zur ausführlichsten Bestandsaufnahme der Klimakrise.
  5. In der UN-Generaldebatte verspricht Chinas Staatschef Xi Jinping, keine Kohlekraftwerke mehr im Ausland bauen zu wollen. Da China bereits mehrere Hundert Kohlekraftwerke in anderen Ländern errichtet hat, gilt die Ankündigung als großer Schritt in puncto Klimaschutz. In China selbst werden allerdings weiterhin neue Kohlekraftwerke gebaut.
  6. Es ist ein trauriger Rekord: Trotz der Corona-Pandemie und den dadurch bedingten Rückgang an Emissionen hat die Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre laut der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) 2020 einen neuen Höchstwert erreicht. Im Vergleich zum Vorjahr war der Anstieg der Emissionen 2021 dann noch einmal deutlich höher als der Durchschnittswert in den vergangenen zehn Jahren. Die WMO warnte, dass das 1,5 Grad-Ziel damit erheblich gefährdet sei.
  7. Nicht nur die Veröffentlichung des IPCC-Berichts wurde um ein Jahr verschoben, auch die Weltklimakonferenz COP26 fand nach einer pandemiebedingten Pause erst im November 2021 statt. Bei Umweltschützern und Klimawissenschaftlerinnen war die Enttäuschung groß: In der Abschlusserklärung der Staaten wurde der Aufruf zum Kohleausstieg aufgeweicht. Für die Abschwächung eingesetzt hatten sich China und Indien. Auch eine Entscheidung über konkrete Finanzhilfen für ärmere Länder zur Bewältigung bereits eingetretener Klimaschäden fehlt.
Die Verschärfung des Klimaschutzgesetzes
Mit der Novellierung des Klimaschutzgesetzes im Juni 2021 hat sich Deutschland dazu verpflichtet, bis 2045 treibhausgasneutral zu werden. Ab dann dürfen nicht mehr klimaschädliche Emissionen ausgestoßen werden, als durch Kohlenstoffsenken wie beispielsweise Wälder und Moore absorbiert werden können.
Bis zum Jahr 2030 soll der Ausstoß an Treibhausgasen um mindestens 65 Prozent gegenüber dem Niveau von 1990 gesenkt werden.
Für 2040 gilt ein neues nationales Klimaschutzziel von mindestens 88 Prozent Reduktion an Treibhausgasen.
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz

Die lange (und unvollständige) Liste klimatischer Entwicklungen auf der Welt

Die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) geht für 2021 von einer globalen Durchschnittstemperatur von 1,09 Grad über dem Niveau von 1850 bis 1900 aus. In Deutschland liegt die Durchschnittstemperatur sogar bei 1,6 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter. Vorhergesagt wurde diese Entwicklung bereits seit Längerem. Frank Hilgenfeld, Sprecher der deutschen Klimaschutzorganisation German Zero, zählt gegenüber watson weitere klimatische Entwicklungen auf:

"Der Meeresspiegel steigt schneller als gedacht. Das Gletschereis schrumpfte 2015 bis 2019 fast doppelt so schnell wie 2000 bis 2004. Im Mittelmeerraum meldeten Tunesien, Sizilien, Spanien und die Türkei Hitzerekorde. In den USA wurde der heißeste Juli seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gemessen, in Europa der zweitheißeste. Dazu kamen verheerende Waldbrände. In China und in Europa – etwa in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz – gab es heftige Regenfälle und Überschwemmungen. Südamerika erlebte das zweite Jahr in Folge schwere Dürre. Diese Trends werden sich voraussichtlich so weiterentwickeln, auch wenn Jahresschwankungen normal sind."
Frank HilgenfeldSprecher der deutschen Klimaschutzorganisation German Zero

Hinzu kommt: Der globale Meeresspiegel ist um 42 Zentimeter angestiegen, was mit der Eisschmelze und der Ausdehnung des Salzwassers durch die Erderwärmung zusammenhängt. Starkregentage haben um 5 Prozent zugenommen, Hitzetage um 196 Prozent. Tendenz steigend.

Die Zahl der Hungernden steigt, die Zahl der Flüchtenden ebenfalls

Zum ersten Mal seit Beginn der Aufzeichnungen hat es am höchsten Punkt des grönländischen Eisschildes geregnet statt geschneit. Die WMO verweist auf verheerende Folgen: Durch Dürren und Überflutungen würden Millionen von Menschen ihre Ernten – und damit ihre Lebensgrundlage – verlieren. Die Zahl der Hungernden steigt. Die Zahl der Flüchtenden ebenfalls. Was 2022 kommt? Die Tendenzen sind klar, aber eine genaue Vorhersage bleibt schwierig, denn auch der Wetterzufall spielt eine große Rolle.

Regen statt Schnee: In Grönland macht sich die Klimakrise schwer bemerkbar.
Regen statt Schnee: In Grönland macht sich die Klimakrise schwer bemerkbar.Bild: NurPhoto / Ulrik Pedersen

Die starke Klimaschutzbewegung gibt Hoffnung

Aber es ist nicht alles schlecht. "In Deutschland gibt es inzwischen eine sehr starke Klimaschutzbewegung, die auch durch die Coronakrise nicht an Kraft verloren hat", betont Volker Quaschning. "Das gibt Hoffnung." Dennoch hätte die Coronakrise gezeigt, "dass in Deutschland wissenschaftsfeindliche Tendenzen zunehmen und sich auf alternativen Fakten basierende Parallelwelten entwickeln" würden. "Das lässt befürchten", so Quaschning, "dass auch sinnvolle und notwendige Klimaschutzmaßnahmen auf erhebliche Widerstände treffen werden."

Als Erfolg der Klimaschutzbewegung wertet Carla Reemtsma unter anderem den Kohleausstieg, der laut Koalitionsvertrag der Ampelparteien "idealerweise" 2030 erfolgen soll. "Und vor allem auch, dass mindestens fünf der sechs bedrohten Dörfer im Rheinland bleiben und nicht abgebaggert werden, obwohl das bis vor Kurzem geplant war", sagt Reemtsma. Positive Dinge zu benennen empfindet sie aber prinzipiell als schwierig:

"Dadurch, dass wir eine Politik haben, die über alle Sektoren hinweg nicht 1,5 Grad-konform ist, das aber trotzdem oft draufschreibt, auch wenn es an allen Ecken und Enden nicht reicht, ist es schwer, positive klimapolitische Entwicklungen zu benennen."
Carla ReemtsmaKlimaschutzaktivistin bei fridays for future

Mit der Ampelkoalition gibt es eine "klimaprogressive Regierung"

Umso mehr Hoffnung gebe es ihr, positive Entwicklungen zu sehen, die aus der Klimaschutzbewegung und der Gesellschaft kommen. "Daran erkennt man den Wunsch und das Bewusstsein der Menschen nach einem Strukturwandel. Ich habe das Gefühl, dass dieses Bewusstsein bei den Menschen viel mehr vorhanden ist, als bei den politischen Entscheidungsträgern angekommen ist."

Frank Hilgenfeld von German Zero schöpft "ironischerweise" aus dem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts Hoffnung, das die Bundesregierung zur Nachschärfung ihrer Klimaziele getrieben hat. "Auch die Beschlüsse auf der COP26 sind ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, da beispielsweise das erste Mal das Auslaufen von Kohleverstromung explizit in einem Abschlussdokument genannt wurde." Den Vorzug des Kohleausstiegs in das Jahr 2030 benennt er ebenfalls als positive Entwicklung.

"Zuletzt liegt der wichtigste Erfolg in der Wahl einer klimaprogressiven Regierung, die konkrete Ausbauziele für die erneuerbaren Energien festlegt und insgesamt deutlich ambitionierter im Klimaschutz ist."
Frank Hilgenfeld sprecher von german zero

Das Problem: "Besorgniserregend ist das weiterhin wenig ausgeprägte Verständnis, wie drastisch wir als Land und Weltgemeinschaft von einer 1,5 Grad-Politik entfernt sind. Das Thema bleibt ein abstraktes, nur die Krisen sind greifbar. Und das macht die politische Umsetzung nicht leicht", so Hilgenfeld.

Was jetzt klimapolitisch passieren muss

"Also zuallererst sollte Deutschland ein 1,5 Grad-konformes Budget aufstellen", erklärt Carla Reemtsma von FFF. "Nur, wenn wir ein 1,5 Grad-konformes Budget haben, an dem wir unsere Politik bemessen, können wir überhaupt erst sagen, ob wir 1,5 Grad-konform agieren." Sie fordert außerdem: Raus aus der Kohle bis 2030, bis spätestens 2035 auch aus dem Erdgas. "Es ist klar, dass keine neuen Erdgas-Infrastrukturprojekte gebaut werden dürfen – also weder Pipelines, noch Kraftwerke."

Außerdem dürften fossile Energien nicht länger subventioniert werden. Stattdessen müssten die erneuerbaren Energien zügig ausgebaut werden. "Im Bereich Verkehr müssen wir ab 2025 weg von den Verbrennermotoren, gleichzeitig können wir auch nicht inmitten der Klimakrise neue Autobahnen oder Bundesstraßen bauen. Diese Projekte gehören überprüft und gestoppt." Im Austausch dafür müsste der Öffentliche Nahverkehr (ÖPNV) sowie die Rad-Infrastruktur ausgebaut werden.

Die Hoffnung, das 1,5 Grad-Ziel zu erreichen ist noch nicht aus der Welt. Die Weichen sind auf Klimakurs gestellt. Reichen tut das nicht. "Deutschland hat in dieser Legislaturperiode noch die Chance, die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen", sagt Frank Hilgenfeld. "Dafür muss die neue Bundesregierung jetzt anfangen zu handeln."

Norddeutsche Länder und Bahn gründen Bündnis "Zukunft Schiene Nord"

Beim dringend nötigen Ausbau des Schienennetzes wollen die Bahn und die fünf norddeutschen Bundesländer künftig an einem Strang ziehen. Dazu haben Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen sowie Schleswig-Holstein nun ein Bündnis "Zukunft Schiene Nord" mit der Bahn vereinbart.

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