ARCHIV - 03.03.2022, Bayern, Essenbach: Wasserdampf steigt aus dem K
Das Atomkraftwerk Isar 2 ist eines der letzten drei, das in Deutschland noch in Betrieb ist. Bild: dpa / Armin Weigel
Energie

Laufzeitverlängerung für AKW wegen steigender Energiepreise? Experte: "Reiner Populismus"

13.06.2022, 15:5714.06.2022, 08:08

Zurzeit liefern in Deutschland noch die drei Kernkraftwerke Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2 Energie aus Atomstrom. Sie sollen jedoch spätestens bis zum 31. Dezember diesen Jahres abgeschaltet werden.

In einer repräsentativen Insa-Umfrage, die die "Bild"-Zeitung in Auftrag gegeben hatte, gaben nun jedoch rund 50 Prozent der Befragten an, dass sie eine Rückkehr zur Atomkraft vor dem Hintergrund der steigenden Energiepreise für sinnvoll halten würden. Doch wäre eine Verlängerung der bereits beschlossenen AKW-Laufzeit überhaupt möglich – und sinnvoll?

Watson hat dazu die Energieexperten Volker Quaschning, Mycle Schneider und Claudia Kemfert befragt.

Volker Quaschning ist Professor für Regenerative Energiesysteme an der HTW in Berlin.
Volker Quaschning ist Professor für Regenerative Energiesysteme an der HTW in Berlin. Bild: www.imago-images.de / bM. Popow

Watson: Was halten Sie von dem Umfrageergebnis, nachdem die Hälfte der Befragten dafür wäre, den Ausstieg aus der Atomenergie weiter zu verzögern?

Volker Quaschning: "Die 'Bild'-Zeitung trommelt und Markus Söder und Michael Kretschmer nutzen das gerne als Ablenkungsmanöver, weil der Ausbau der erneuerbaren Energien nicht läuft. Aber ein AKW ist kein alter Diesel, den man volltankt und der dann wieder fährt. Man braucht Personal mit Fachwissen, das das Kraftwerk betreiben kann, und auch Brennelemente muss man rechtzeitig einkaufen. Die Beschaffungspläne und Ruhestandsregelungen sind auf den 31. Dezember 2022 abgestimmt. Die Umfrage ist im Grunde genommen eine reine Suggestivfrage.

Selbst wenn man die Kernkraftwerke noch ein paar Monate länger laufen lassen würde, ist der Energieertrag relativ gering. Die Kernenergie deckt derzeit sechs bis sieben Prozent des deutschen Strombedarfs und nur ein bis zwei Prozent beim Gesamtenergiebedarf. Selbst, wenn es uns gelänge, die Anlagen weiter zu betreiben, wären es Peanuts, die dabei herumkommen würden."

Mycle Schneider: "Die Forderung nach Laufzeitverlängerung der verbleibenden AKWs ist absurd, denn die Betreiber hatten zehn Jahre Zeit, anders zu planen und würden das nur unter sehr harschen Bedingungen – mit sehr hohen Subventionen und minimalen zusätzlichen Laufzeiten – durchführen. Viele Angestellte haben andere Pläne oder gehen in Rente. Außerdem wäre der Energiebeitrag der drei AKW sehr bescheiden, mit praktisch keinem Anteil für den Wärmebereich. Die dramatischste Abhängigkeit von fossilen Energien, mit erheblichem Anteil aus Russland, liegt in Deutschland aber just da: etwa die Hälfte der deutschen Gebäude werden mit Gas und ein Viertel mit Öl geheizt."

Claudia Kemfert: "Atomenergie ist keine Zukunftstechnologie, sondern teuer, unsicher, zeitaufwändig und gefährlich. Teuer, wie man aktuell an den Neubauprojekten in Finnland oder Frankreich sieht, wo die Baukosten sich mindestens verdreifacht haben. Unsicher, da Kraftwerke oftmals aus technologischen und klimatischen Bedingungen ausfallen, wie man in Frankreich beobachten kann. Dort fallen viele Kraftwerke aus, da sie technologisch riskant sind. Zudem trägt der Klimawandel dazu bei, dass Kraftwerke abgeschaltet werden müssen, weil es an Kühlwasser mangelt."

Claudia Kemfert ist Professorin für Energiewirtschaft und Energiepolitik an der Leuphana Universität Lüneburg.
Claudia Kemfert ist Professorin für Energiewirtschaft und Energiepolitik an der Leuphana Universität Lüneburg. bild: rainer zensen

Wie können die Energiepreise auch ohne die Nutzung von Atomkraft gesenkt werden?

Volker Quaschning: "Der Worst Case wäre, wenn Russland den Gashahn abdreht. Dann wird es vielleicht nicht zu Versorgungsengpässen kommen, aber wir müssten uns einschränken. Deutschland ist ein reiches Land, wir werden deswegen nicht Konkurs gehen. Natürlich würde der Energiepreis dann steigen. Da wäre es dann aber die Aufgabe der Politik, den ärmeren Teil der Bevölkerung zu schützen.

Kernenergie ist zudem sehr teuer. Markus Söder würde wirtschaftlich gesehen also gut daran tun, Windenergie auch in Bayern weiter auszubauen. Doch die momentane Regelung sieht vor, dass die Kosten für den Stromtransport auf die Allgemeinheit umgelegt werden. Von daher kann Söder noch sagen: 'Keine Windräder bei mir, und die Rechnung übernehmen die anderen.' Im Moment ist das ein guter Deal, aber wenn in Zukunft diejenigen den Strom bezahlen, die ihn auch brauchen, sieht es für die bayerische Industrie düster aus."

Mycle Schneider: "Die Frage sollte man umgekehrt stellen. Im atomaren Frankreich sind die Strompreise gerade in den letzten Monaten meistens viel höher als in Deutschland. Im Monat Mai 2022 produzierte nur ein Drittel bis maximal die Hälfte der installierten französischen Atomkapazität Strom. Auch ist Laufzeitverlängerung nicht gleichbedeutend mit kontinuierlicher Stromproduktion. In Frankreich stand aus verschiedenen Gründen in den letzten Monaten die sieben- bis achtfache atomare Kapazität still (bis 32 GW), die in Deutschland noch bis zum Jahresende Strom (4 GW) produzieren soll. Ich kann Ihnen versichern, die französischen Meiler haben alle auch eine gültige Betriebsgenehmigung."

Claudia Kemfert: "Der Bau neuer Kraftwerke verschlingt nicht nur Milliardenbeträge, sondern kann bis zu zwei Jahrzehnte dauern. Der Rückbau der Kraftwerke dauert ebenso einige Jahrzehnte. Die Einlagerung des Atommülls muss für Jahrhunderte gewährleistet werden und ist wahnsinnig teuer. Zudem spielt Atomenergie auch immer zur Bereitstellung von Atomwaffen eine Rolle, in Zeiten von geopolitischen Krisen und Kriegen ist dies eine gefährliche Option. Atomenergie ist eine Kriegstechnologie, keine Friedenstechnologie."

Nuke energy expert in Seoul Mycle Schneider, lead author of the 2018 World Nuclear Industry Status Report, briefs on the global nuclear industry during a news conference in Seoul on Dec. 6, 2018. (Yon ...
Mycle Schneider ist Atom- und Energiepolitikberater.Bild: YNA / Yonhap

Wie würde es sich finanziell auswirken, wenn Atomkraft nun doch länger genutzt wird, als vereinbart?

Volker Quaschning: "Auf die Gaspreise hat die Kernenergie ohnehin keinen Einfluss, auf den Strompreis möglicherweise. Die Strompreise sind sehr sensibel und wenn die Kernenergie ab dem 1. Januar 2023 wegfällt, werden das die Märkte natürlich nutzen, um Profit zu machen. Es könnte also sein, dass durch den Kernenergieausstieg die Strompreise an der Börse hochgehen. Das könnte man kompensieren, wenn man die gleiche Menge an Windenergie aufbaut, was jedoch nicht realistisch ist. Die letzte Regierung hat aktiv daran gearbeitet, den Ausbau von Wind- und Solarenergie zu drosseln. Das jetzige Wirtschaftsministerium arbeitet daran, den Ausbau weiter voranzutreiben, aber immer noch zu langsam."

Mycle Schneider: "Die Laufzeitverlängerung ist keine Option, sondern rein technisch unmöglich. Sollte die Regierung auf einer Laufzeitverlängerung bestehen, dann müsste sie erhebliche zusätzliche Kosten decken. Wie beispielsweise in Belgien, wo nun trotz gültigem Ausstiegsgesetz eine Verlängerung der Laufzeiten diskutiert wird, die nur unter einer direkten finanziellen Beteiligung des belgischen Staates machbar wäre."

Claudia Kemfert: "Atomenergie rechnet sich nur mit massiven staatlichen Subventionen, die entweder heimlich über den Staatshaushalt bezahlt werden oder über den Strompreis. Bei echter Kostenwahrheit würde der Strompreis sich mindestens verdreifachen müssen. Energiepreise können vor allem ohne Atomkraft gesenkt werden. Insbesondere durch den Ausbau der erneuerbaren Energien. Erneuerbare Energien wirken preissenkend, die Kosten sinken kontinuierlich."

Welche Auswirkungen hat der Atomausstieg in Deutschland für die Erreichung der Klimaziele?

Volker Quaschning: "Kernenergie hat vor allem indirekte Emissionen. Die Förderung von Uran hat eine ähnliche Größenordnung wie die direkten Emissionen erneuerbarer Energien. Doch die Menge ist ausschlaggebend. Wir haben momentan 80 Prozent fossile Energien – da macht der Anteil der Kernenergie nicht wirklich viel aus.

Wenn wir jetzt Gas durch Kernenergie ersetzten, dann müsste man in Deutschland 100 neue Kernkraftwerke bauen, deren Bau erst einmal 20 Jahre bräuchte. Daher ist die Frage danach reiner Populismus. In der Übergangszeit, bis es mehr erneuerbare Energien gibt, müssen wir wohl Gas aus anderen Ländern einkaufen.

Der Kirchturm der katholischen Kirche St. Peter und Paul in Deutschland steht vor dem Atomkraftwerk Fessenheim in Frankreich.
Der Kirchturm der katholischen Kirche St. Peter und Paul auf deutscher Seite steht vor dem mittlerweile stillgelegten Atomkraftwerk Fessenheim in Frankreich. Das deutsche Nachbarland setzt weiterhin stark auf Atomenergie.Bild: dpa / Patrick Seeger

Das Thema Kernenergie für den Klimaschutz ist in Deutschland durch: Nach Tschernobyl und Fukushima wollten alle aus der Atomkraft raus und hatten es nach je zehn Jahren wieder vergessen. Wir müssen jetzt zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und sowohl von der Atomenergie als auch von Öl und Gas weg. Mit einer vorausschauenden Politik hätte das geordnet laufen können, jetzt läuft es eben etwas chaotisch ab. Doch ich denke nicht, dass es Deutschland überfordern wird."

Mycle Schneider: "Deutschland hat fast das Doppelte an Stromerzeugung durch Erneuerbare zugelegt, seit es 2011 den progressiven Ausstieg an Atomstrom beschlossen hat. Auch der Verbrauch sank gleichzeitig leicht und die Kohleverstromung konnte erheblich gesenkt werden. Die Auswirkungen des Atomausstiegs wären extrem positiv. Es wurden absolute Investitionsgarantien geschaffen: Fallen die 1.300 Megawatt eines Atomkraftwerks zu einem festgesetzten Datum aus dem Markt, dann können Investoren zuverlässig damit rechnen, mit einem Alternativangebot in die Lücke zu stoßen. Es wurden Innovationsbarrieren beseitigt. Deutschland erwirtschaftet mit seinen Konzepten und Produkten einen gigantischen Außenhandels-Überschuss – Frankreich fährt ein Rekordaußenhandelsdefizit nach dem anderen ein.

Übrigens ist Deutschland seit vielen Jahren auch Nettostromexporteur nach Frankreich. Sollte Deutschland jetzt wirklich bei dem Ausbau der Erneuerbaren aufs Gas drücken, dann könnte 2030 eine Situation entstehen, in der Deutschland die Treibhausgasemissionen drastisch gesenkt hat, vor allem durch den Kohleausstieg. Frankreich, das einzige Land der Europäischen Union, das die 2020-Ausbauziele für Erneuerbare nicht erreicht hat, dürfte dann mit alternden, unzuverlässigen AKWs, ungenügenden anderen Stromerzeugungskapazitäten im Winter immer noch bangen, ob es für die Stromheizungen reicht."

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