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Urlaub in Portugal und Frankreich: Welche Klimafolgen am wilden Atlantik drohen

The surfers sailing in the Atlantic Ocean near the Nazare municipality in Portugal
Viele zieht es für ihren Urlaub an die Atlantikküste Europas, vor allem auch fürs Surfen – so wie hier in Nazare, Portugal. Bild: iStockphoto / Wirestock
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Urlaub in Portugal und Frankreich: Welche Klimafolgen euch am wilden Atlantik erwarten

02.03.2023, 15:17
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Wild, unberechenbar und riesig: Der Atlantik ist nach dem Pazifik der zweitgrößte Ozean unserer Erde und ist nicht umsonst als "Meer der Extreme" bekannt.

Vor allem in Europa, wo wir das Mittelmeer als direkten Vergleich nebenan haben, wirkt die Atlantikküste in Frankreich, Spanien und Portugal vergleichsweise kalt und schroff. Trotzdem zieht es jedes Jahr viele Tourist:innen für einen Urlaub an seine Strände, um zu baden und zu surfen.

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Doch wie verändert sich der Atlantik mit fortschreitendem Klimawandel – und welche Folgen hat das für Küstenanwohner:innen, Reisende und auch Surfer:innen?

Mit seinen 106 Millionen Quadratkilometern Ausdehnung bedeckt der Atlantik ein Fünftel der gesamten Erdoberfläche. Kein Wunder also, dass sich in diesem riesigen Ozean längst auch die globalen Auswirkungen der Klimakrise zeigen: "Die Ozeane erwärmen sich und dadurch wird auch die Ozeanoberflächentemperatur wärmer. Außerdem steigt der Meeresspiegel", fasst Peter Pfleiderer für watson zusammen.

Risiko von starken Hurrikansaisons über dem Atlantik hat sich verdoppelt

Er ist Experte im Wissenschaftsteam der Non-Profit Organisation Climate analytic in Berlin und forscht zu aktuellen Klimadaten und Extremwetterindikatoren. Mit Blick auf die steigenden Wassertemperaturen und die riesige Wasseroberfläche des gesamten Atlantiks beobachtet er besonders die Entwicklung von tropischen Wirbelstürmen.

Hurrikan-Florenz über die Atlantics in der Nähe der US-Ostküste, gesehen von der Raumstation. Klaffende Auge von einem Hurrikan der Kategorie 4. Elemente des Bildes von der NASA eingerichtet.
Ein Hurrikan der Kategorie 4 über dem Atlantik, gesehen von einer Raumstation aus.Bild: getty / Elen11

"In der Region, wo die meisten 'tropical cyclones' entstehen, ist die Ozeanoberflächentemperatur zwischen 1982 und 2020 um ungefähr 0.2 Grad Celsius pro Jahrzehnt wärmer geworden", erklärt Pfleiderer. Die Folge: Durch die Ozeanerwärmung wird es doppelt so wahrscheinlich, dass starke Hurrikans über dem Atlantik entstehen – und auch die Wucht der Stürme selbst wird extremer, wie er beschreibt:

"Die Intensität von 'tropical cyclones' (TC) steigt in allen Ozeanen. Wenn ein TC erst mal entstanden ist, verstärkt sich der Sturm selbst durch den Temperaturunterschied zwischen der Ozeanoberfläche und der Luft weit oben in der Atmosphäre."

Ob solche Stürme entstehen, hänge davon ab, ob die Winde oben und unten in der Atmosphäre günstig sind. Und ob es eine "Störung" gibt, aus der ein Sturm entstehen könnte. "Im Atlantik waren die Winde in den letzten zehn Jahren eher günstig, wodurch es viele TCs gab. Die entstandenen Stürme sind über einem warmen Ozean entstanden, wodurch das Risiko, dass die Saison 'extrem aktiv' werden kann, recht hoch wurde", erzählt Pfleiderer.

Kalte und warme Meeresströmungen sowie die Durchschnittstemperatur der Monate Juli und Januar von ausgewählten Orten.
Bild: Wissensplattform eskp.de

Wird das auch die Urlaubsregionen in Frankreich und Portugal direkt betreffen?

"Für die französische Atlantikküste sind tropische Stürme vermutlich nicht das größte Problem, obwohl sie in einer wärmeren Welt nicht undenkbar sind", gibt Pfleiderer vorerst als Entwarnung. Allerdings mit einem Haken, denn:

"Andere Stürme und der Meeresspiegelanstieg werden aber dafür sorgen, dass die Küste und die Dünen bedroht sind. Zudem ist das Hinterland der Atlantikküste in Frankreich relativ trocken, seit hier Sümpfe trockengelegt wurden. Somit sind vermutlich die zukünftigen Sommer, Hitzewellen und Dürren das größte Problem."

Um sich gegen das steigende Risiko von Waldbränden zu schützen, sollte ihm zufolge daher vor allem im Hinterland der Küstenregionen an einer resilienteren Bepflanzung und der Bewahrung von Wäldern gearbeitet werden.

Doch oft mussten die längst ganzen Ferienhaus-Siedlungen und neuen Hotelbauten weichen. Für den besten Blick aufs Meer werden sie an beliebten Spots wie der portugiesischen Algarve oder der französischen "Silberküste", der Côte d'Argent, immer näher an Wasser und Strand gebaut. Der Klimawissenschaftler Michael Stresser bewertet das kritisch:

"Weiterhin haben Menschen eine gewisse Vorliebe für Häuser, Hotels und befestigte Straßen, die möglichst nah am Meer liegen. Dies erschwert eine natürliche Anpassung der Küste an den Klimawandel."

Veränderter Wellengang durch neue Temperaturunterschiede

Stresser untersucht am Helmholtz-Zentrum Hereon die Oberflächendynamik der Ozeane weltweit und ihre Veränderungen mit der Klimakrise. Auf Anfrage von watson erklärt er den Zusammenhang zwischen den veränderten Windbedingungen über dem Atlantik und den stärksten Konkurrenten für die Bauunternehmen der Feriensiedlungen – nämlich die veränderten Wellenbewegungen:

"Wellen an der Meeresoberfläche werden größtenteils durch den Wind erzeugt und daher führen stärkere Winde auch zu höheren Wellen. Die direkt am Ort eines Sturmes erzeugten Wellen werden 'Windsee' genannt. Einmal erzeugt, können Wellen jedoch weite Strecken zurücklegen. Daher haben auch weit entfernte Stürme [im Atlantik] einen Einfluss auf den Seegang an einem bestimmten Ort."

Diese weit gewanderten Wellen werden dann "Dünung" genannt – und können ganze Häuserblocks überfluten und Strände verschwinden lassen. Dazu ist es schon öfter an der französischen Westküste gekommen. Zum Beispiel in der beliebten Surfer-Region zwischen Bordeaux und Biarritz.

Weather alert - Storm warning: Yellow warning sign on a metal barrier prohibiting access to the beaches of the Atlantic coast with the message "Flood waves - Access prohibited" written in Fr ...
Wellen, die weite Strecken hinter sich gelegt haben, können ganze Strände verschwinden lassen.Bild: iStockphoto / HJBC

"Auch wenn deutliche regionale Unterschiede bestehen, wird der Klimawandel an der Küste in erster Linie durch den Meeresspiegelanstieg spürbar", betont der Experte. "Die natürliche Reaktion der Küste auf einen erhöhten Wasserstand ist eine Verlagerung der Uferlinie in Richtung Inland." Womit das Meerwasser immer näher an die Häuser von Anwohner:innen und Tourist:innen reicht.

Wenn ausreichend Sand vorhanden ist und dem Meer dieser Raum gewährt wird, dann könnten sich dadurch an anderer Stelle neue Strände und Dünen bilden, beschreibt er im Gespräch mit watson. Steigt das Wasser jedoch zu schnell, dann kann auf natürlichem Wege nicht genug Sand umgelagert werden, um den Strand zu erhalten. Und der Strand als natürliche Raum-Barriere vor Küstenstädtchen wird vom Wasser verschluckt.

Drone view to Beautiful resort touristic town on ocean background. Aerial view - Beautiful travel destination with sandy beach. Tourist beach for surfing while vacation at Ericeira, in Summer.
Steigt das Wasser zu schnell, kann die Umwelt nicht darauf reagieren.Bild: iStockphoto / ValuaVitaly

Die gute Nachricht dabei: "Noch kann durch einen guten, naturnahen Küstenschutz der Mensch bis zu einem gewissen Punkt die heutige Küstenlinie erhalten", erklärt Stresser. "Wo dieser Punkt liegt, hängt auch davon ab, wie viele Ressourcen die Gesellschaft bereit ist, dafür aufzuwenden."

Wenn hier gehandelt wird, könnte das in naher Zukunft auch Auswirkung nicht nur für Küstenanwohner, sondern auch für unseren Urlaub haben, wie er anmerkt: "Sollten die Kosten für den Küstenschutz an Touristen und Anwohner weitergeben werden, könnten Urlaub und Wohnen in direkter Strandnähe daher teurer werden."

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Noch ist es möglich, die Küstenlinien durch Naturschutz zu erhalten.Bild: iStockphoto / Oscar Gutierrez Zozulia

Für Hausbesitzer ein Albtraum. Aber können sich wenigstens Surfer:innen freuen?

"Nicht unbedingt", meint Stresser. Er führt aus:

"Veränderungen des Sturmklimas können je nach Region sehr unterschiedlich ausfallen. Auch wenn im globalen Mittel die Intensität der Stürme und die Energie der dadurch erzeugten Wellen ansteigt, kann es durchaus Regionen geben, wo kein Anstieg zu erkennen ist oder sogar eine Abschwächung."

Er bezieht sich dabei auf mehrere Studien, die zwar einen Anstieg der Wellenenergie im Südpazifik voraussagen. Jedoch lässt sich für den Nordatlantik kein deutlicher Anstieg der Wellenhöhe feststellen.

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Die Klimakrise ist allgegenwärtig und zeigt auch in Deutschland ihre Auswirkungen: Auf trockene Sommer folgen Flutkatastrophen, nach dem Hochwasser der letzten Monate droht eine Mückenplage. Aktuell reichen sich abwechselnd Starkregen, Hitzewellen, Gewitter, Hagel und Schwüle die Hand, gleichmäßige Temperaturen gibt es diesen Sommer nicht.

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