Fridays-for-Future-Aktivistin Annika Rittmann stellt klar, dass wir keine weiteren fünf Jahre Zeit haben, um zu handeln.
Fridays-for-Future-Aktivistin Annika Rittmann stellt klar, dass wir keine weiteren fünf Jahre Zeit haben, um zu handeln.
null / ANNE BOEHLE
Gastbeitrag

Fridays for Future zum Pariser Klimaabkommen: "Seit fünf Jahren verfolgt uns die Angst, etwas zu verändern"

04.12.2020, 13:0717.02.2021, 21:19
annika rittmann, gastautorin

Bei der Klimakonferenz in Paris am 12. Dezember 2015 unterzeichneten 194 Staaten das Klimaabkommen. Dessen Ziel ist es, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen.

Anlässlich des fünften Jubiläums der Unterzeichnung, zieht Fridays-for-Future-Aktivistin Annika Rittmann Bilanz, wie sehr sich die Staaten, allen voran Deutschland, dem gemeinsamen Ziel genähert haben: nicht sehr, wie sie findet. In ihrem Gastbeitrag für watson ruft sie dazu auf, jetzt zu handeln.

Immer wieder bekommen wir zu hören, Klimaneutralität bis 2035 sei zu ambitioniert, wir würden alles überstürzen und das sei alles nicht möglich. Dabei müssen wir festhalten: Die Klimakrise und damit die einhergehende Herausforderung hat nicht erst mit Fridays for Future angefangen.

Seit den 1950er Jahren wissen wir von den Auswirkungen der Treibhausgase auf unser Klima, bereits vor 1928 wurde in Rio de Janeiro beschlossen, Treibhausgase zu reduzieren, und vor 23 Jahren verpflichteten sich die Industriestaaten in Kyoto, ihre Emissionen zu senken. Wir hatten genügend Zeit, eine langsame Trendwende einzuleiten. Aber spätestens mit dem Pariser-Klimaabkommen war klar: Die Einhaltung der 1,5-Grad-Grenze wird eine Menschheitsherausforderung.

Schon 2015 waren die massiven Folgen der Klimakrise zu spüren und zu prognostizieren. Und jeder weitere Tag, den wir warten, macht die Herausforderung noch ein Stück größer. Wir können diese Krise nicht aussitzen, wir müssen handeln – jetzt.

Alle zwei Wochen melden sich Aktivistinnen und Aktivisten von Fridays for Future in einem Gastbeitrag bei watson zu Wort, um zu zeigen: Wir können noch etwas gegen den Klimawandel tun – wenn wir jetzt handeln.
Alle zwei Wochen melden sich Aktivistinnen und Aktivisten von Fridays for Future in einem Gastbeitrag bei watson zu Wort, um zu zeigen: Wir können noch etwas gegen den Klimawandel tun – wenn wir jetzt handeln.
Bild: watson

Wir müssen aufhören, unsere Klimaziele immer weiter aufzuschieben

Vor fünf Jahren war diese Hoffnung da, dass nach über 30 Jahren des Aufschiebens endlich losgelegt wird. Spätestens mit dem Pariser Abkommen haben 194 Staaten die Herausforderung anerkannt und sich zur Einhaltung der 1,5-Grad-Grenze verpflichtet. Auch Deutschland muss Ziele, die sich an der 1,5-Grad-Grenze messen lassen, setzen und einhalten. Diese Einhaltung ist völkerrechtlich bindend. Das bedeutet, während Politiker und Politikerinnen mit CEOs Verträge aushandeln, von denen sie später berichten, sie könnten sie nicht brechen, ignorieren sie wissentlich diesen anderen, bindenden Vertrag. Ein Vertrag, dessen Einhaltung maßgeblich über das Jetzt und die Zukunft kommender Generationen entscheidet. Und jedes Mal, wenn diese Politiker und Politikerinnen 2050 in den Mund nehmen, lassen sie das Verursacherprinzip unter den Tisch fallen, das uns dazu verpflichtet, unserer globalen Verantwortung gerecht zu werden – indem wir schneller klimaneutral werden und die Kosten von Klimaschäden anderer Länder mit übernehmen.

Schon lange verfolgen uns die Bilder der Auswirkungen dieser Krise. Wir sehen, wie der Amazonas brennt, die Arktis schmilzt und Arten sterben. Was für uns wie Science-Fiction im Fernsehen scheint, ist für immer mehr Menschen Realität. Sie verschwindet nicht, wenn wir die Augen schließen. Wir sprechen nicht über eine abstrakte Problematik, wir reden über das Leben von Menschen. Wir setzen es aufs Spiel, durch unsere Trägheit, Bequemlichkeit und lähmende Angst, etwas zu verändern. Während Menschen auf den Philippinen ihre Heimat wieder aufbauen, sitzen wir da und diskutieren über Prozentzahlen, die Meilen vom Notwendigen entfernt sind.

Wir fürchten uns davor, etwas nachhaltig zu verändern

Seit fünf Jahren verfolgt uns die Angst, etwas zu verändern. Aber was ist sie schon gegenüber der Angst, am nächsten Tag in einer Naturkatastrophe aufzuwachen? Am 12. Dezember 2020 werden wir 15 Quartale ungenügende Ziele verpasst, 60 Monate die Warnungen aus der Wissenschaft ignoriert, 261 Wochen mit leeren Worten verschwendet und 1826 Tage lang fast jede Chance ausgelassen haben, das Ruder herumzureißen. Wir schwächen den Kompromiss des Pariser Klimaabkommens weiter ab und ignorieren das wissenschaftliche Minimum, das wir erreichen müssen.

Über die Autorin

Annika Rittmann, 18, ist Pressesprecherin von Fridays for Future in Hamburg und sowohl dort als auch bundesweit in der Aktionsplanung und Kampagnenarbeit aktiv.
Annika Rittmann, 18, ist Pressesprecherin von Fridays for Future in Hamburg und sowohl dort als auch bundesweit in der Aktionsplanung und Kampagnenarbeit aktiv.
Bild: Fridays for Future

Wir haben nationale Klimaziele festgelegt, die Meilen vom Pariser Klimaabkommen entfernt sind. Es wurde ein "Klimapäckchen" beschlossen, dass bis auf das Wort Klima im Namen wenig mit Klimaschutz zu tun hat. Der CO2-Preis von 25 Euro pro Tonne entfaltet kaum eine Wirkung. Wir haben ein Kohleausstiegsgesetz beschlossen, mit dem wir zwar aus der Kohle aussteigen, jedoch acht Jahre zu spät und mit milliardenschweren Entschädigungen für Unternehmen, die ihre Kraftwerke ohne das Gesetz voraussichtlich deutlich vor 2030 vom Netz nehmen müssten.

Was hat sich in den vergangenen fünf Jahren verändert? Wir haben winzige Schritte in die richtige Richtung gemacht, aber wirklich bewegt haben wir uns nicht. Das einzige, was sich tatsächlich geändert hat, ist die Zeit. Wir haben keine Zeit mehr, Chancen zu verpassen, keine fünf Jahre oder fünf Monate. Wir müssen jetzt anfangen, erneuerbare Energien auszubauen, Gebäude zu sanieren und das Schienennetz zu erweitern. Und wir müssen endlich aufhören. Aufhören, gesunde Wälder für Autobahnen zu roden, aufhören, Dörfer und Wälder für Kohleinfrastruktur abzubaggern, und aufhören, fossile Systeme künstlich am Leben zu halten. Allein mit Aufhören würden wir so weit kommen.

Im Gegensatz zu den vergangenen fünf Jahren, müssen die nächsten fünf eine Zeit des Handelns werden

Das alles ist keine einfache Aufgabe – es wird anstrengend und zeitlich knapp. Aber es ist möglich, und wir müssen alles geben für die Menschen, die jetzt schon unter den Folgen leiden, für uns und für zukünftige Generationen. Denn das würde uns nicht nur vor einer katastrophalen Welt – drei, vier oder fünf Grad wärmer – bewahren. Eine klimagerechte Welt wäre so viel besser, so viel gerechter, so viel lebenswerter.

Für diese Welt kämpfen schon jetzt Aktivistinnen und Aktivisten in Deutschland, in Europa, auf der ganzen Welt. Es ist an uns allen, aufzustehen, unsere Stimme zu erheben und alles zu geben, die nächsten fünf Jahre zu Jahren des Handelns zu machen.

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