Fridays for Future: Menschen demonstrieren in Hamburg gegen die Klimakrise.
Fridays for Future: Menschen demonstrieren in Hamburg gegen die Klimakrise.
Bild: dpa / Jonas Walzberg
Gastbeitrag

Fridays for Future: "Die Klimakrise ist vielseitig und vor allem sehr real, hier und jetzt"

16.07.2021, 10:5116.07.2021, 10:53
Merit Willemer, gastautorin

Als Kind habe ich auf die Frage, was so die großen Probleme dieser Welt wären, unter anderem auch die Klimakrise aufgezählt. Aber hinzugefügt, dass das nicht so greifbar sei und irgendwie weit weg. Die klassische Erzählung der Eisbären, deren Lebensraum knapp wird – ein beliebtes Narrativ, das als Sinnbild für jahrzehntelange Untätigkeit in der Klimapolitik steht. Denn Eisbären sind weit weg und ob sie jetzt wirklich existieren oder nur in Kinderbüchern, ist uns letztendlich egal gewesen. Was die Eisbären eigentlich aussagen, ist ein "die Klimakrise betrifft uns nicht, sie ist weit weg, räumlich wie zeitlich".

Als Jugendliche, in dem Sommer, bevor ich zu Fridays for Future kam, hab ich sie dann zum ersten Mal bewusst gesehen, die Klimakrise. Der schwedische Wald brannte. Ich kannte Schweden, die Sommer hatten eigentlich immer mehr Regen- als Sonnentage. Aber 2018 gab es keinen Regen und so brannte der Wald und die Seen trockneten aus.

Das Waldsterben setze nach 2018 nicht nur in Schweden ein, in ganz Europa brennen die Wälder. Die vergangenen, viel zu trockenen drei Jahre führen zu einem erhöhten Vorkommen des Borkenkäfers, der für die aktuelle Sterberate von 4 Prozent bei den Fichten verantwortlich ist. Und bei den Buchen hat nur noch jede Zehnte eine vollständige Krone.

Tropische Sommer, eiskalte Winter

Ich kann nicht so gut mit Hitze umgehen, aber ich habe Taktiken entwickelt, um im Sommer klarzukommen – nachts die ganze Wohnung lüften, früh aufstehen und dann die Rollos runter, morgens und nachts arbeiten und so weiter. Dieses Jahr im Juni wurde es aber selbst in der Nacht nie kälter als 20 Grad. Wenn ich die Rollos hoch machte und lüften wollte, hatte das keinen Effekt. Das sind tropische Nächte.

Auf die tropischen Nächte im Juni folgten die Unwetter – Freundinnen und Freunde von mir kamen regelmäßig nicht nach Hause, weil Unterführungen mit Wasser vollgelaufen waren und die Straßenbahnen nicht mehr fahren konnten. An anderen Orten in Deutschland gibt es dagegen seit drei Jahren viel zu wenig Wasser, was zu Trinkwasserknappheit führt.

Auch hier war 2018 der Anfang, seitdem kam der Grundwasserstand nicht mehr auf Normalstand. Denn es gibt keine Zeit für die Regeneration, und so wird er 2021 weiter sinken. Die Folge ist, dass Menschen zum Beispiel in Niedersachsen Angst haben müssen, von der Arbeit zu kommen, etwas trinken zu wollen und es kommt kein Wasser aus dem Wasserhahn, aus der Dusche oder der Toilettenspülung. Mal ein bisschen Erwartungsmanagement: Das erwartet uns alle 2 Jahre, wenn wir unter 1,5 Grad bleiben. Bei 2 Grad sind wir schon bei 8 von 10 Sommern.

Folgen des Klimawandels sind weitreichend – und treffen uns alle

Aber es bleibt nicht nur beim Wassermangel. Was ist mit unseren Lebensmitteln? Ob zu viel Regen oder zu wenig, zu viel Sonne oder zu wenig oder im falschen Rhythmus. Die Folgen sind Ernteausfälle. Unsere Landwirtschaft hat sich an einen Zyklus angepasst, der jetzt durcheinander gerät, erst regnet es gar nicht und dann zu viel.

Die Folgen sind immer ähnlich; die Ernte wird dünner oder fällt sogar ganz aus. Für Landwirtinnen und Landwirte ist das eine Katastrophe – ein Jahr lang ist sowas noch gerade so zu verkraften, aber definitiv nicht zwei oder drei Jahre hintereinander. Und für uns heißt es, dass die Lebensmittelpreise steigen.

"In letzter Zeit kam mir mein Newsfeed vor wie ein Apokalypse-Film."

Das Bild vom Klimawandel, bei dem es einfach nur wärmer wird, hält sich hartnäckig. Ja, es wird wärmer – was aber auch zu extremer Kälte führt. Wir haben es diesen Februar erlebt, als es bis zu Minus 30 Grad Celsius kalt wurde. Und wir haben auch erlebt, wie es Temperaturänderungen von bis zu 20 Grad Celsius in nur einer Woche gab.

In letzter Zeit kam mir mein Newsfeed vor wie ein Apokalypse-Film. Manchmal musste ich zweimal hinschauen, um zu verstehen, dass das keine "Erinnerung an Ereignisse von vor X Jahren" sind, sondern, dass das alles jetzt gerade passiert.

  • New York steht unter Wasser
  • 6-mal mehr Menschen litten im Jahr 2020 an Hunger als noch 2019
  • In Florida musste ein Rettungseinsatz früher beendet werden – aufgrund eines nahenden Taifuns
  • Kaliforniens größter See trocknet aus
  • In Zypern brennen 55 Quadratkilometer Wald
  • Im Golf von Mexiko brennt eine Gas-Pipeline
  • Erdrutsch in Japan
  • Unwetter in Deutschland
  • 50 Grad Celsius Hitze und enorme Brände in Kanada

Und das waren alleine die letzten zwei Wochen.

Klimakrise zeigt sich in zahlreichen Ereignissen

Auf einer unserer Demos lief letztens ein Kind mit und als ich es fragte, warum es da sei, war die Antwort "damit die Erderhitzung nicht so doll wird." Kinder, die jetzt gefragt werden, was denn so die größten Krisen sind, können nicht mehr antworten, dass die Klimakrise irgendwie weit weg ist. Sie wachsen mit ihr auf und spüren sie anders als ich damals.

"Kinder, die jetzt gefragt werden, was denn so die größten Krisen sind, können nicht mehr antworten, dass die Klimakrise irgendwie weit weg ist. Sie wachsen mit ihr auf und spüren sie anders als ich damals."

Es ist allerhöchste Zeit, dass wir verstehen, dass Erdüberhitzung nicht "nur" bedeutet, dass der Regenwald brennt, es heißt auch, dass in Deutschland die Flüsse über die Ufer steigen, die Straßen zu Flüssen werden und unsere Keller zu Seen.

Und trotzdem gelingt es vielen Menschen nicht, all diese Schreckensnachrichten mit der Klimakrise zu verknüpfen. Wir hören immer noch viel zu oft "wenn sie dann da ist, die Klimakrise, dann werden die Menschen schon handeln."

Aber die Klimakrise ist nicht dieses eine krasse Ereignis; Klimakrise zeigt sich in allen genannten Ereignissen. Sie ist vielseitig und vor allem sehr real, hier und jetzt. Sie steht in unseren Kellern, macht sich in unseren Wäldern breit, saugt das Wasser aus den Böden und legt sich über unsere Städte. Die Zukunft, sie ist da, Menschen leiden unter den Folgen der Klimakrise. Wir müssen aufhören, diese Krise zeitlich und räumlich von uns wegzuschieben, denn wir sind alle betroffen von ihr.

Politik legt keine ausreichenden Klimapläne vor

Umso unverständlicher ist es, dass keine größere Partei einen ausreichenden Plan für 1,5 Grad vorlegt. Noch nicht einmal das Ziel scheint klar. Noch immer ist nicht angekommen, das "klimaneutral 2045" und "1,5 Grad-Grenze" nicht zusammen passen. Noch immer wird sich geweigert, mit einem gerechten CO2-Budget zu arbeiten.

Merit Willemer ist 20 Jahre alt und seit 2019 in der Ortsgruppe Ulm/Neu-Ulm aktiv, außerdem plant sie bundesweite Kampagnen mit. Nebenbei studiert sie Theaterregie.
Merit Willemer ist 20 Jahre alt und seit 2019 in der Ortsgruppe Ulm/Neu-Ulm aktiv, außerdem plant sie bundesweite Kampagnen mit. Nebenbei studiert sie Theaterregie.
bild: privat

Ich frage mich immer, in welcher Welt Politikerinnen und Politiker leben, die in aller Seelenruhe weiter machen wie bisher. Haben sie keine schlaflosen Nächte bei 20 Grad? Sehen sie nicht bei ihren Wochenend-Ausflügen die Veränderung unsere Wälder? Schreiben ihnen keine Landwirtinnen und Landwirte aus ihren Wahlkreisen, dass es wieder schwierig ist dieses Jahr mit der Ernte? Wo leben sie, dass sie all das nicht mitbekommen und sich endlich anfangen, Sorgen zu machen?

Denn das braucht es: Sorge. Und Sorgen sind mehr als berechtigt – aber wir sind nicht alleine mit unseren Sorgen über all diese Ereignisse. Wenn es stimmt, dass wir erst handeln, wenn wir die Krise sehen, dann lasst uns jetzt handeln. Denn die Klimakrise ist hier und es liegt in unserer Hand, etwas dagegen zu tun!

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