Nachhaltigkeit
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Gras könnte in Zukunft vielseitig nutzbar gemacht werden. Bild: www.imago-images.de / wibaimages

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Tragen wir bald Kleidung aus Gras? Forscher experimentieren mit grünem Rohstoff

Auf der ganzen Welt wird nach neuen Rohstoffen gesucht, aus denen Nahrung, Energie und Kleidung gewonnen werden kann, ohne die Umwelt dabei zu stark zu belasten – denn Erdöl ist keine Lösung mehr. Forscher aus Dänemark haben jetzt neue Experimente mit einem uralten Rohstoff durchgeführt und könnten diesen zukünftig auf verschiedene Weise nachhaltig nutzen: Aus Grasfasern wollen sie sowohl Textilfasern als auch Viehfutter lokal und umweltfreundlich produzieren.

Uffe Jørgensen, Leiter des Forschungszentrum für "Circular Bioeconomy" und Lehrender für Agrarökologie an der Universität in Aarhus, versucht seit 2012 Gras als Rohstoff nutzbar zu machen. Seine Motivation: Er will eine radikale Veränderung der Landwirtschaft, die die Umwelt schont und der Klimakrise entgegentritt. Gegenüber der "FAZ" sagte er: "In den letzten hundert Jahren befanden wir uns im fossilen Zeitalter, dem wir entkommen wollen. Nun versuchen wir das bioökonomische Zeitalter einzuläuten, indem wir bisher ölbasierte Produkte wie Plastik aus einer neuen Biomasse herstellen."

Experimente mit der grünen Ressource

Zusammen mit seinem Team bepflanzte Jørgensen Böden in verschiedenen Szenarien und verglich die gewonnene Biomasse aus in Fruchtfolge angebauten Pflanzen wie Rüben, Hafer und Roggen mit solcher, die aus Grasflächen gewonnen werden kann. Das Forscherteam entdeckte, dass die angebauten Süßgräser während der Laufzeit des Experiments verglichen mit traditioneller Wechselwirtschaft und Getreide als Monokultur doppelt so viel Biomasse produziert hatten.

Um das Gras vielseitig nutzbar zu machen, lassen es die Forscher verschiedene Prozesse der Bioraffinerie durchlaufen: Dabei sollen unterschiedliche Grasbestandteile getrennt voneinander gewonnen und weiter verarbeitet werden.

Nachhaltige Gras-Textilien

Ein Produkt der Gras-Verarbeitung könnte laut "FAZ" schon bald in der Bekleidungsindustrie Verwendung finden, denn die Fasern lassen sich in Textilien verwandeln. Die Biologin Birgit Bonefeld, die ebenfalls an der Universität Aarhus tätig ist, vergleicht den Weg von der Grasfaser zur Kleidung mit dem ersten Arbeitsschritt der Papierherstellung: In beiden Fällen wird Zellulose gewonnen. Sie entsteht, wenn die Grasfasern in einer Lauge gekocht und anschließend mit bestimmten Chemikalien bearbeitet wird. Diese Chemikalien unterscheiden sich von denen, die bei Zellulosefasern wie Viskose, Modal oder Lyocell, die meist auf Holz basieren, verwendet werden. Bonefeld erklärt in der "FAZ": "Meine Forschung besteht darin herauszufinden, welche Methode sich am besten für Gras eignet und dabei am schonendsten für die Umwelt ist."

Die meisten Kleidungsstücke werden noch immer aus Polyester und Baumwolle hergestellt. Das ist für Umwelt und Klima enorm schädlich, denn Polyester wird aus Erdöl gewonnen und der Wasserverbrauch bei der Baumwoll-Herstellung ist extrem hoch. Um ein einzelnes T-Shirt herzustellen, werden laut "FAZ" 2500 Liter Wasser benötigt. Industriell hergestellte Zellulose könnte in der Textilindustrie eine nachhaltige Alternative darstellen, allerdings nur dann, wenn die Gewinnung und Herstellung des Stoffes verantwortungsvoll abläuft, sagt Birgit Bonefeld. Noch sind die Forschungen zu den Gras-Textilfasern nicht abgeschlossen, doch es sei nicht unwahrscheinlich, dass wir in naher Zukunft Kleidung aus Grasfasern tragen.

Zukunft von Viehfutter und Veggie-Schnitzel

Neben der Textilbranche könnte auch die Ernährung landwirtschaftlicher Nutztiere durch die Gras-Forschungen ein Stück klimafreundlicher gemacht werden. Das Team um Jørgensen arbeitet auch an einer Methode, den Grashalmen Eiweiß zu entziehen und daraus ein hochkonzentriertes Pulver herzustellen, das als lokal produziertes Viehfutter genutzt werden kann. Dadurch könnten Sojaimporte vermieden werden: Für den Anbau von Soja werden Regenwälder abgeholzt, der Transport ist mit erheblichen Schadstoffemissionen verbunden und es werden Pestizide eingesetzt – damit könnte jetzt Schluss sein.

Das Forscherteam hat zudem eine Idee, wie man Weidefläche doppelt nutzen könnte: "Unser Plan ist, von den Rinder- und Milchbauern das Gras zu borgen, diesem das Eiweiß zu entziehen, um es zum Füttern von Schweinen und Geflügel zu nutzen, und die übrigen Fasern an die Kühe zurückzugeben", sagt Jørgensen.

Zwar liegt der Fokus der Forschungen momentan noch auf der Viehfutter- und Textilherstellung, theoretisch könnte das gewonnene Eiweiß allerdings so weiterverarbeitet werden, dass es auch für Menschen essbar wäre: zum Beispiel in Form von vegetarischen Schnitzeln, die ganz ohne Soja auskommen.

(sb)

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