Nachhaltigkeit
Interview

Extremwetter und seine Kosten: Wie Louisa Schneider die Welt retten will

Reise zum Klima, Greenland, Ilulissat Icefjord,
Durch ihre Reise nach Grönland hat Louisa verstanden, wie eng die Welt vernetzt ist.bild: Markus Mauthe
Interview

Extremwetter und seine Kosten: Wie Louisa Schneider die Welt retten will

Die Aktivistin und Journalistin Louisa Schneider reiste für das Projekt "Grad.jetzt" an Orte, die kurz vor dem Kipppunkt stehen. Sie will verstehen: Wie hängt die Welt zusammen – und was bedeuten der brennende Regenwald und die schmelzenden Gletscher für uns? Im Gespräch mit watson erzählt sie von ihren Ängsten – und wieso sie die Hoffnung nicht aufgibt.
06.12.2023, 19:3506.12.2023, 20:12
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watson: Für das Projekt Grad.jetzt von Greenpeace bist du an Orte gereist, die kurz vor dem Kipppunkt stehen. Also Punkte in unserem Klimasystem, die, wenn wir sie einmal überschreiten, nicht mehr rückgängig zu machen sind. An welchem Ort ist dir bewusst geworden: Shit, das sollte so wirklich nicht sein?

Louisa Schneider: Das ist mir an jedem Ort aufgefallen, an dem wir waren. Aber richtig krass war es in Brasilien, wo wir als Kipppunkt den brasilianischen Regenwald besichtigt haben. Wir sind da angekommen und ich dachte nur: Hä, wo ist der Regenwald? Man hat überall nur diese braunen, ausgedörrten Flächen an Monokulturen gesehen – etwa Soja, Mais und Kautschuk. Bei Google Earth kann man eine Time Lapse einstellen, wo man um bis zu 35 Jahre in die Vergangenheit gucken kann. Und da sieht man, wie immer mehr Regenwald diesen braunen Flächen weicht.

Als Louisa im brasilianischen Regenwald ankommt, ist sie den Tränen nahe: Alles steht in Flammen.
Als Louisa im brasilianischen Regenwald ankommt, ist sie den Tränen nahe: Alles steht in Flammen.bild: Markus Mauthe

Wie hat sich das angefühlt?

Das war wie ein Schlag ins Gesicht. Es war furchtbar. Ich stand da, mit Tränen in den Augen und habe nur gesehen, wie vor mir Bäume umfallen. An dir rennt noch eine Wildschweinfamilie in das, was vom Regenwald geblieben ist und über dir schreien brennende Vögel. Spätestens dann wird einem bewusst, dass diese Waldbrände nicht sein dürften. Und trotzdem wird immer weiter gerodet.

"Es gibt kein 'zu spät' – wir können immer noch handeln."

Dass Regenwald vor allem für Tierfutter – also Fleisch – gerodet wird, ist vielen bekannt. Müssen wir unsere Gewohnheiten ändern?

Wir müssen den Blickwinkel ändern. Es geht hier nicht in erster Linie um die Endkonsumenten, sondern um die großen Industrien und Konzerne. Denen müssen wir klarmachen: "So kann es nicht weitergehen. Ihr beschleunigt mit diesem Raubbau die Klimakrise." Gleichzeitig müssen wir auf unseren Konsum achten und zum Beispiel auf Fleisch verzichten. Wir haben ja gesehen, was ein Boykott verschiedener Produkte bewirken kann.

Welchen Boykott meinst du?

Der bekannteste Fall in Deutschland ist wohl der einwöchige Boykott von Shell-Tankstellen im Jahr 1995. Der Öl-Riese Royal Dutch wurde durch den Boykott in die Knie gezwungen und musste seinen Plan, die Ölbohrinsel Brent Spar im Ozean zu versenken, schließlich aufgeben. Das macht Hoffnung!

Du hast auf deinen Reisen viel gesehen und erlebt. Was hat das mit dir gemacht?

Mir ist auf jeden Fall sehr deutlich geworden, dass es meine Pflicht ist, meine Privilegien zu nutzen. Das fängt schon damit an, dass ich einfach aus dem Wasserhahn trinken, oder auf die Straße gehen, demonstrieren und meine Meinung laut sagen kann. Das ist nicht überall so. 2022 wurden 177 Umweltaktivisten getötet, das sind unglaublich viele Menschen. Seit ich zurück in Deutschland bin, ist mir das sehr bewusst.

"Je aktiver ich geworden bin, und je mehr ich mich fürs Klima eingesetzt habe, umso besser konnte ich auch mit der Angst umgehen."

Hattest du auf deinen Reisen teilweise Angst deswegen?

Ja, zum Teil natürlich. Dabei haben wir uns unfassbar gut vorbereitet und hatten auch einen Fixer an unserer Seite, der die politische Lage besser kennt, als jeder andere. Mit ihm haben wir uns recht sicher gefühlt. Aber in Brasilien kam es trotzdem zu Vorfällen.

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Was ist passiert?

Einmal sind wir durch den Regenwald gefahren, um die Entwaldung zu dokumentieren und plötzlich standen fünf, sechs Männer vor uns: Alle hatten eine Machete in der einen Hand und einen Benzinkanister in der anderen. Auf den Rücken hatten sie eine Flinte geschnallt. Die waren gerade dabei, illegal den Wald abzubrennen. Als sie uns gesehen haben, sind wir direkt umgedreht. Das war eine gefährliche Situation, die man nicht unterschätzen sollte.

Durch deine Reisen sind dir auch die Kipppunkte und ihre Folgen noch einmal bewusster geworden.

Ja, die Kipppunkte sind essenziell, um zu verstehen, wie dramatisch die Klimakrise ist. Eines Tages wird sie unsere Türen eintreten und unser Leben komplett auf den Kopf stellen.

Was meinst du konkret?

Wissenschaftler haben 16 Kipppunkte identifiziert, zehn davon sind schon überschritten oder stehen kurz davor, überschritten zu werden. Das bedeutet, dass ein Dominoeffekt folgen wird. Trotzdem habe ich vor allem Angst davor, dass die Leute nicht handeln und in eine Angststarre verfallen. Es gibt kein "zu spät" – wir können immer noch handeln.

Die meisten durchlaufen verschiedene Angst-Stadien, wenn sie sich mit der Klimakrise auseinandersetzen. Wie war das bei dir?

Als ich angefangen habe, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen, war ich auch überwältigt und bin in eine Angststarre verfallen. Aber: Je aktiver ich geworden bin und je mehr ich mich fürs Klima eingesetzt habe, umso besser konnte ich auch mit der Angst umgehen. Das ist im Prinzip eine Art Selbstermächtigung. Ich habe mich nicht mehr so machtlos gefühlt.

Journey to the Climate, Africa, Senegal, Saint-Louis,
Weil das grönländische Eis schmilzt, kommt es im Senegal zu heftigen Überschwemmungen.bild: Markus Mauthe

Nun sind die Generationen Y und Z von Krisen umgeben: Kriege, Katastrophen, Klima. Wie bringst du die Leute dazu, sich in ihrer Freizeit dann noch mit Kipppunkten auseinanderzusetzen?

Indem wir nicht mit erhobenem Zeigefinger sagen, was sie zu tun und zu lassen haben, sondern ihnen die Lebensrealitäten von anderen Menschen aufzeigen. Ich glaube, wir alle haben eine moralische Instanz in uns und sehen, dass es himmelschreiende Ungerechtigkeiten gibt. Und das funktioniert nur über Emotionalität.

Wie meinst du das?

Oft wird einem von alten, weißen Männern die Kompetenz abgesprochen, wenn man emotional über ein Thema spricht. Aber wie kann ich nicht emotional über die Klimakrise sprechen, wenn durch sie Leute sterben, ihre Lebensgrundlage verlieren, ihr Zuhause untergeht und sie nicht mehr genügend Essen bekommen? Gleichzeitig gibt es Studien, die belegen, dass wir ein Thema besser verstehen, wenn es eine emotionale Verknüpfung gibt. Deswegen ist es mir so wichtig, das auch auf Social Media wiederzugeben.

"Ich habe Hoffnung, dass wir die Klimakrise gelöst bekommen."

Nun läuft derzeit die Weltklimakonferenz COP28. Was muss politisch passieren, um die klimatischen Herausforderungen zu meistern?

Eigentlich muss man sich nur an die Abkommen halten, die längst beschlossen wurden. Mit dem Pariser Klimaabkommen haben wir eine Klimabibel – und mit ihr alle Lösungen, die wir brauchen, um die Erderwärmung zu begrenzen. Es ist so wichtig, dass jetzt nicht weitere Gesetzestexte abgeschwächt werden, dass wir den Menschen aus dem Globalen Süden zuhören und ausreichend Hilfszahlungen bereitstellen, um sie zu schützen und ihre Städte wieder aufzubauen. Aber ich muss gestehen, dass ich da mit dem Präsidenten der COP wenig Hoffnung habe.

Weil er gleichzeitig auch Chef der nationalen Ölgesellschaft der Vereinigten Arabischen Emirate ist und meint, dass es keinen Ausstieg aus den fossilen Energien brauche, um die 1,5-Grad-Grenze einzuhalten?

Genau. Unter diesen Bedingungen kann man nicht viel von der COP erwarten. Meine Hoffnung gilt den Menschen, Aktivisten und Wissenschaftlern, die Druck ausüben auf die Politiker. Auch wenn das Fundament, auf dem die COP stattfindet, wackelig ist, habe ich Hoffnung, dass wir die Klimakrise gelöst bekommen. Einfach, weil ich an das Gute in den Menschen glaube und wir alles Wissen an der Hand haben, das wir brauchen.

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