Aktivistin Pepper aus Hongkong musste für den Aktivismus ihr ganzes Leben ändern.
Aktivistin Pepper aus Hongkong musste für den Aktivismus ihr ganzes Leben ändern. bild: © camino filmverleih
Interview

"Dear future children, this fight is for you": Das hat Regisseur Franz Böhm beim Dreh in Chile, Uganda und China erlebt

15.10.2021, 14:3915.10.2021, 20:03

Rayen kämpft in Chile de Santiago für soziale Gerechtigkeit, Pepper geht in Hongkong für Unabhängigkeit und Demokratie auf die Straße und Hilda setzt sich in Uganda für mehr Klimagerechtigkeit ein. Der Dokumentarfilm "Dear Future Children" begleitet die drei einzigartigen Frauen bei ihrer Aktivismus-Arbeit – und das ganz nah dran. An vorderster Front kämpfen die Aktivistinnen – und das Filmteam um den Jungregisseur Franz Böhm ist hautnah dabei.

Im Gespräch mit watson berichtet der 1999 geborene Filmemacher Franz Böhm von den riskanten Dreharbeiten, den inspirierenden Protagonistinnen und den zahlreichen Opfern, die sie jeden Tag erbringen müssen, um ihr gemeinsames Ziel zu erreichen: eine bessere Zukunft zu erschaffen.

Böhm wuchs in Stuttgart auf. Mit 16 Jahren drehte seinen ersten eigenen Film, "Harmonie der Anderen". Für sein über Crowdfunding-finanziertes, dokumentarisches Filmprojekt "Christmas Wishes" tauchte er in Berlin in das Leben junger Obdachloser ein. Böhm lebt heute in London.

watson: Wie kam es, dass du einen Film über jungen Aktivismus drehen wolltest? Was war deine Inspiration?

Franz Böhm: Wir als junges Team waren von dem Phänomen des jungen Aktivismus unglaublich fasziniert. Junge Menschen stellen sich weltweit gegen Ungerechtigkeiten, gegen Diktaturen und setzen sich für mehr Klimagerechtigkeit ein. Wir wollten mehr über die Menschen hinter den Bewegungen herausfinden. Was macht der Aktivismus mit ihrem Leben, wie müssen sie sich und ihr Leben verändern, um den Aktivismus aufrechtzuerhalten? Andere Filme kommentieren jungen Aktivismus, wir aber wollten in diesem Film den Aktivistinnen eine Stimme geben.

"Junge Menschen stellen sich weltweit gegen Ungerechtigkeiten, gegen Diktaturen und setzen sich für mehr Klimagerechtigkeit ein. Wir wollten mehr über die Menschen hinter den Bewegungen herausfinden."

Ursprünglich wolltet ihr den Film "Prayers Do Nothing" nennen. Wie seid ihr darauf gekommen?

Wir hatten anfangs mal darüber nachgedacht, in den USA zu drehen, mit der March-for-Our-Lives-Bewegung. Eine Person aus der Bewegung, X González, hat gesagt, dass Politiker auf Massenschießereien häufig antworten: "Our thoughts and prayers are with you", aber dass sich dadurch nichts verändert. X González meint deswegen: "Thoughts and prayers do nothing." Und das finde ich ist sehr repräsentativ dafür, dass junge Menschen an echten Taten so viel mehr interessiert sind als an schönen Worten.

Franz Böhm lebt heute in London.
Franz Böhm lebt heute in London.bild: © Nightrunner Productions & Schubert Film

Und warum habt ihr den Titel dann zu "Dear Future Children" geändert?

Zu Beginn der Dreharbeiten wussten wir noch nicht, dass die Motivation, für die eigenen Kinder eine bessere Zukunft zu erschaffen, ein so zentrales Element ist, dass alle drei Protagonistinnen miteinander verbindet. Das hat sich im Laufe des Projekts abgezeichnet. Als Hilda aus Uganda sagte: "Dear future children, this fight is for you", fand ich das sehr passend als Titel.

Wieso hast du ausgerechnet diese drei Aktivistinnen ausgewählt?

Die Auswahl der Protagonistinnen war ein großes Thema für uns. Es war klar, dass wir drei sehr unterschiedliche Personen im Film haben wollen – Menschen, die in verschiedenen Ländern aus ganz unterschiedlichen Gründen auf die Straße gehen. Für jedes Land hatten wir am Ende eine kleine Gruppe an Kandidatinnen und Kandidaten, mit denen wir einige Zeit verbracht und uns intensiv ausgetauscht haben. Entschieden haben wir uns für die Personen, die uns am repräsentativsten und am interessantesten erschienen und sich sicher und wohl vor der Kamera gefühlt haben.

Das Filmplakat zeigt die drei Aktivistinnen Rayen, Hilda und Pepper.
Das Filmplakat zeigt die drei Aktivistinnen Rayen, Hilda und Pepper.bild: © Camino Filmverleih

Ist es Zufall, dass es drei Frauen sind, die du begleitet hast?

In der engeren Auswahl hatten wir tatsächlich etwas mehr Männer als Frauen. Das Geschlecht der Kandidatinnen und Kandidaten hat bei der Entscheidungsfindung wirklich keine Rolle gespielt. Und junge Frauen spielen nun mal in allen drei Bewegungen, die der Film aufgreift, eine enorm wichtige Rolle. Warum sollten dann nicht auch die drei Protagonistinnen weiblich sein?

"Ein Element, das all unsere Protagonistinnen miteinander verbindet, ist der gemeinsame Kampf für eine bessere Zukunft."

Die Protagonistinnen stammen alle aus unterschiedlichen Ländern mit unterschiedlichen Kulturen – was vereint sie dennoch?

Ein Element, das all unsere Protagonistinnen miteinander verbindet, ist der gemeinsame Kampf für eine bessere Zukunft. Alle drei stehen für Werte ein, die auch ihren Kindern und Enkeln guttun sollen. Und sie alle zeichnen sich dadurch aus, dass sie gewisse Ungerechtigkeiten und Zustände erkennen und aktiv dagegen vorgehen wollen. Kompromisslos gehen sie diese Themen an – und das, ohne dabei unbedingt eine Partei zu unterstützen. Das ist eine spannende Art der politischen Beteiligung. Bemerkenswert ist am Beispiel von Fridays For Future auch zu erkennen, wie sich die junge Generation sogar über Ländergrenzen hinwegsetzt und gemeinsam ein großes Ziel verfolgt.

Hilda hält eine Rede auf dem internationalen Klimagipfel in Kopenhagen 2019.
Hilda hält eine Rede auf dem internationalen Klimagipfel in Kopenhagen 2019.bild: © camino filmverleih

Die Dreharbeiten haben dich unter anderem nach China, Uganda und Chile geführt. Wie habt ihr euch auf euer Projekt vorbereitet?

Sehr umfassend, mit verschiedenen Sicherheitsbriefings, Trainings und Beratungsgesprächen mit Filmemacherinnen und Filmemachern, die schon vor Ort waren. An allen unseren Drehorten hatten wir zudem lokale Personen, die uns unterstützt haben.

"Personen, mit denen wir am Abend zuvor noch gemeinsam gegessen haben, wurden am nächsten Tag so zugerichtet, dass sie mit mehreren Stichen im Kopf genäht oder operiert werden mussten."

Waren die Dreharbeiten gefährlich?

Die Dreharbeiten in Hongkong und in Chile waren wirklich extrem brutal. Wir haben oft gesehen, wie Menschen, die in meinem Alter waren und ähnliche Werte vertreten wie ich, gestorben sind oder bis zur Unkenntlichkeit zusammengeschlagen wurden. Personen, mit denen wir am Abend zuvor noch gemeinsam gegessen haben, wurden am nächsten Tag so zugerichtet, dass sie mit mehreren Stichen im Kopf genäht oder operiert werden mussten. Das waren für uns die schlimmsten Momente während der Dreharbeiten.

Bist du auch selbst mit deinem Filmteam in unangenehme oder brenzlige Situationen geraten?

Am heftigsten war es in Chile, die Polizei hatte dort keine Scheu davor, auch auf uns zu schießen, was mehrfach passiert ist – einmal wurde ich sogar mit Gummigeschoss am Helm getroffen. Trotzdem war es uns wichtig, die Aktivistinnen bis an die Frontline zu begleiten, trotz des bestehenden Risikos.

Bei der Protestbewegung in Chile geht es nicht immer friedlich zu.
Bei der Protestbewegung in Chile geht es nicht immer friedlich zu.bild: © camino filmverleih

Gab es, trotz dieser Erlebnisse, auch besonders schöne Momente während der Dreharbeiten?

An einem der letzten Drehtage waren wir auf einer sehr brutalen Demo in Hongkong und sind danach alle gemeinsam in eine Bar gegangen – unser Filmteam, viele lokale Produktionsassistenzen, sowie Pepper mit einigen Freundinnen. Wir sind uns alle in die Arme gefallen, weil wir so erleichtert waren, dass uns auf der Demo nichts passiert ist und gleichzeitig froh, dass wir tolles Material bekommen haben. Wir hatten eine gute gemeinsame Zeit und haben uns gegenseitig dafür beglückwünscht, dass die Dreharbeiten erfolgreich abgeschlossen werden konnten. Das war für mich echt ein magischer Moment. Umso trauriger ist es, daran zu denken, dass inzwischen die Hälfte der Personen, die an diesem Abend dabei waren, jetzt entweder geflohen, eingesperrt oder tot sind.

"Die zahlreichen Proteste mit jungen Menschen in Kernpositionen geben Hoffnung und zeigen: Es kann gelingen!"

Was hast du von den Aktivistinnen gelernt?

Unser gesamtes Filmteam war von der Arbeit der Aktivistinnen extrem beeindruckt. Inspiriert hat uns vor allem der kompromisslose Mut, der sich im Engagement der jungen Menschen zeigt. Sie haben unbeeindruckt weitergemacht, egal wie unwahrscheinlich ein Erfolg war, egal wie schlecht die Stimmung innerhalb der Bevölkerung. Bei Rayen in Chile sehen wir glücklicherweise, dass obwohl die Proteste am Anfang aussichtslos wirkten, sich die Lage dort inzwischen erheblich verbessert hat und ein riesiger Erfolg erzielt wurde. Die zahlreichen Proteste mit jungen Menschen in Kernpositionen sind ein wichtiger Grund dafür. Sie geben Hoffnung und zeigen: Es kann gelingen!

Rayen protestiert in Chile für soziale Gerechtigkeit.
Rayen protestiert in Chile für soziale Gerechtigkeit.bild: © camino filmverleih

Welchem Publikum empfiehlst du "Dear Future Children"?

Bei unseren bisherigen Festivalerfolgen ist mir aufgefallen, dass völlig unterschiedliche Menschen im Publikum saßen und mit uns anschließend über den Film diskutiert haben. Ob jung oder alt, ob interessiert an Aktivismus oder nicht – in "Dear Future Children" werden Themen verhandelt, die uns alle betreffen. Ich bin mir sicher, dass einige junge Menschen sich von diesem Film inspirieren lassen und mit den Protagonistinnen auch altersbedingt besser identifizieren können. Wiederum ältere Menschen lernen durch den Film eine Generation kennen, die momentan versucht, an politischem Einfluss zu gewinnen.

Welche Projekte würdest du gern in Zukunft realisieren?

Ich habe sowohl in England als auch in Deutschland ein tolles Team, das mir filmisch und freundschaftlich nahesteht. Gemeinsam haben wir einen Zehn-Jahres-Plan entwickelt mit filmischen Themen, Menschenrechtsthemen, die wir in den nächsten Jahren sehr aktiv mit dem Medium Film behandeln wollen.

Und warum willst du ausgerechnet Kinofilme machen?

Ich glaube an die Wucht und an die Macht des Kinos, davon sind mein Team und ich völlig überzeugt. Wir glauben auch, dass wir uns als junge Generation ein Mitspracherecht auch in Sachen Kino verdient haben und dafür wollen wir kämpfen. Das nächste Projekt ist bereits in Planung, es wird ein szenischer Spielfilm über eine mutige Journalistin. Auch in Zukunft werden wir Geschichten erzählen, die einem weltweiten Publikum wichtig sind.

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