Bild

Atemberaubende Aufnahmen in der Natur entstehen meist nicht unter nachhaltigen Bedingungen. (Symbolbild) Bild: Getty Images

Nachhaltige Filme produzieren: Dieser Filmemacher zeigt, wie das geht

Lebensmittel, Reisen, Wohnungsbau – vor kaum einer Branche macht der Nachhaltigkeitstrend noch Halt. Während wir allerdings zunehmend den Fokus auf einen klimafreundlichen Lifestyle legen und immer mehr grüne Lösungen für den Alltag finden, bleibt ein Bereich bisher nahezu unbeachtet: die Filmindustrie.

Zwar gibt es mittlerweile erste Versuche in Deutschland, in der Filmbranche den Fokus auf Umweltschutz zu lenken. So hat der Bundestag jüngst das Filmförderungsgesetz überarbeitet und beschlossen, dass Filmemacher in Zukunft stärker auf die Umwelt achten müssen, wenn sie von der Filmförderungsanstalt (FFA) finanzielle Unterstützung erhalten wollen. Die Details werden noch erarbeitet.

Derweil hat Marc Tort Bielefeld seine eigene nachhaltige Strategie beim Filmemachen entwickelt: Der junge Werbefilmmacher aus Berlin hat mit SpatzinderHand.de eine nachhaltige Produktionsfirma gegründet, die deutlich ressourcenschonender als andere arbeitet, auf aufwendige Dreharbeiten verzichtet und so den ökologischen Fußabdruck minimiert. Was Tort Bielefeld motiviert und was seine Filme nachhaltig macht – darüber hat watson mit ihm gesprochen.

"Reisen, Verpflegung der Filmcrew, Stromkosten – das ist in der Regel nicht klimafreundlich."

watson: Stell' dir vor, du siehst einen aufwendig gestalteten Werbefilm, mit Bildern aus exotischen Ländern, Aufnahmen aus der Luft… was geht dir dabei durch den Kopf?

Marc Tort Bielefeld: Ich überlege automatisch, wie man den Film umweltfreundlich produzieren könnte. Da ich selbst früh-er an solchen Filmproduktionen mitgearbeitet habe, weiß ich, was für ein enormer Aufwand dahintersteckt: Reisen, Verpflegung der Filmcrew, Stromkosten – das ist in der Regel nicht klimafreundlich.

Wann ist dir zum ersten Mal richtig bewusst geworden, wie wenig nachhaltig die Filmbranche arbeitet?

Während meiner Arbeit als Cutter bei einer großen Postproduktionsfirma in Düsseldorf ist mir aufgefallen: Für jedes scheinbar neue Produkt, das auf den Markt kommt, werden praktisch immer wieder dieselben Bilder reproduziert, die aber als neu verkauft werden.

Das heißt?

Nehmen wir zum Beispiel eine Shampoo-Werbung. Die haben eigentlich immer denselben Ablauf: Meist wird eine Frau mit der Shampoo-Flasche in der Hand gezeigt, die ihre frisch gewaschenen Haare vor der Kamera präsentiert. Trotzdem werden solche Werbefilme jedes Mal neu produziert. Was vermeintlich simpel aussieht, wird allerdings teilweise sehr aufwendig gedreht: Für Aufnahmen im Tageslicht ist es beispielsweise oft günstiger, nach Südafrika zu fliegen, weil die klimatischen Gegebenheiten ähnlich sind wie hier, es aber weniger Regentage gibt, die einem einen Strich durch die Rechnung machen könnten.

Und dann kostet es tatsächlich weniger Geld, eine gesamte Filmcrew mehrere Tage um den halben Globus zu schicken, als das schlechte Wetter hierzulande in Kauf zu nehmen?

Tatsächlich. Es wird natürlich nicht immer draußen gedreht, Aufnahmen in Studios sind teilweise ebenfalls möglich. Manchmal aber wird so eine Reise nicht angestrebt, um Kosten zu verringern, sondern um das Budget möglichst auszuschöpfen – um im nächsten Jahr vielleicht ein noch größeres zu bekommen. Es ist absurd.

"Es gibt unzählige Arten und Weisen, Bilder zu bearbeiten und zu kombinieren, sodass am Ende immer ein völlig neues Produkt entsteht."

Dass Filmemachen klimaschädlich sein könnte, hat man ja jetzt nicht so auf dem Schirm. Was genau ist denn daran umweltschädlich, neben den aufwendigen Reisen, die es auch in anderen Branchen gibt?

Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Ich habe mal an einem Werbefilm mitgewirkt, bei dem ein Pärchen abends unter einem Baum sitzt und Pizza isst. Für einen Außendreh braucht man, vor allem nachts, viele Lampen und Technik, die über Dieselgeneratoren betrieben werden. Das kostet also schon mal enorm viel Energie. Dann wurde das gesamte Areal mit Insektenschutzmittel besprüht, damit keine Käfer oder Falter vor die Kamera fliegen. Ein weiterer Posten ist das Catering: Häufig wird viel zu viel Nahrung bestellt, die dann weggeworfen werden muss. All das zusammengerechnet sorgt für eine ziemlich schlechte Klimabilanz bei Filmproduktionen.

Mit Spatzinderhand.de hast du ein Unternehmen gegründet, das all diese Probleme vermeiden will. Was macht denn deine Filme nachhaltiger?

Das sind mittlerweile recht viele Aspekte und es werden immer mehr: Angefangen hat es mit der Idee, Medien wiederzuverwerten und sie damit quasi zu recyceln. Das kann Material von meinen Kundinnen und Kunden selbst sein – oder ich greife auf Datenbanken zu, die mir Material verkaufen. Dieses sogenannte Stock-Footage kann beispielsweise eine schöne Aufnahme vom Eiffelturm sein und ersetzt damit einen Drehtag in Paris.

Aber wenn du recyceltes Material verwendest – wie kannst du garantieren, dass der Film am Ende trotzdem einzigartig aussieht?

Man kann Material so stark nachbearbeiten und verfremden, dass man gar nicht mehr rückverfolgen kann, wie es im Originalzustand aussah. Das ist ein wenig wie bei einer Collage: Es gibt unzählige Arten und Weisen, Bilder zu bearbeiten und zu kombinieren, sodass am Ende immer ein völlig neues Produkt entsteht. Und dann gibt es auch unzählige Stunden Filmmaterial, das noch gar nicht verwendet wurde: Bei einem zehnstündigen Dreh entsteht am Ende häufig ein nur einminütiger Film. Der Rest des Materials liegt im schlimmsten Fall ungenutzt herum – ist für die Öffentlichkeit aber komplett einzigartig und neu.

"Die Handykamera reicht meist vollkommen aus."

Wie gehst du denn vor, wenn du tatsächlich mal neues Material filmen musst?

Das lässt sich natürlich nicht immer vermeiden. Um nicht zu viele Ressourcen zu verschwenden, versuche ich, nicht allzu viel Technik anzuhäufen. Man muss nicht jedes Jahr eine neue, noch höher auflösende Kamera kaufen, da täuschen auch viele Pseudo-Innovationen einen technischen Fortschritt vor, den man so mit bloßem Auge gar nicht mehr erkennt. Die Handykamera reicht meist vollkommen aus.

Das geht? Auch für professionelle Filme?

Absolut. Die Smartphone-Kameras sind heutzutage technisch so weit entwickelt, dass man damit problemlos auch professionelle Videos erstellen kann. Vor allem muss man bedenken, dass die meisten Menschen Videos auf dem Handy schauen: Da ist es eigentlich unverantwortlich, solche riesigen FIlmproduktionen auf die Beine zu stellen, deren Endprodukte man dann auf einem kleinen Smartphone-Display schaut. Ein weiterer Vorteil ist, dass ich Kundinnen und Kunden anleiten kann, selbst mit dem Handy zu filmen, auch das spart Ressourcen, weil ich nicht extra anreisen muss. Ich bearbeite das Material dann professionell nach.

abspielen

Für Volunteers of Berlin hat Marc Tort Bielefeld eine Kampagne mit 15 Video-Porträts gemacht. Bei der Auswahl seiner Kundern ist es Tort Bielefeld wichtig, dass sie einen nachhaltigen, sozialen oder gemeinnützigen Ansatz verfolgen, wie hier bei der Freiwilligenarbeit. Video: YouTube/GoVolunteer

Gibt es denn auch Posten, die du absolut nicht nachhaltig gestalten kannst?

Ja, leider. Es gibt zum Beispiel keinen nachhaltigen Stock-Footage-Anbieter. Das heißt für mich als Nutzer ist nicht ersichtlich, ob deren Server mit fossilen Brennstoffen angetrieben werden. Das ist generell ein Problem: Die wenigsten sind sich dessen bewusst, wie viel Energie Onlinespeicher und Streaming-Plattformen verbrauchen, die häufig durch Strom aus Kohle und Gas betrieben werden. Auch unser digitales Leben hinterlässt einen riesigen Fußabdruck, dafür gibt es bisher nicht ausreichend nachhaltige Lösungen.

Wie gehst du mit diesem Problem um?

Unvermeidliche Umweltbelastungen versuche ich zumindest zu kompensieren. Mittlerweile baue ich das auch in Angebote für meine Kundinnen und Kunden mit ein: Für jeden Werbeclip, den ich produziere, pflanze ich beispielsweise einen Baum.

"Die zentrale Frage meiner Arbeit ist: Wie kann ich mit möglichst wenigen Mitteln möglichst viel erreichen?"

Ein häufiges Argument gegen Nachhaltigkeit ist der Preis: Klimafreundliche Produkte sind in der Regel teuer als herkömmliche. Wie ist das bei dir?

Das genaue Gegenteil. Dadurch, dass ich bestehendes Material recycle und Kundinnen und Kunden ermutige selbst zu filmen, vermeide ich die aufwendigen Dreharbeiten, Anreise- und Verpflegungskosten. Wie der Name schon sagt: Es geht eher darum, den Spatz in der Hand zu haben, als mit allen möglichen Mitteln die Taube auf dem Dach zu erreichen. Die zentrale Frage meiner Arbeit ist: Wie kann ich mit möglichst wenigen Mitteln möglichst viel erreichen? Und das erlaubt mir auch, meinen Kundinnen und Kunden einen fairen Preis anzubieten.

Bild

Der Werbefilmmacher Marc Tort Bielefeld lebt in Berlin. Bild: Marc Tort Bielefeld

Nun konzentrierst du dich mit deinem nachhaltigen Ansatz vor allem auf Werbefilme. Glaubst du, man kann auch längere Unterhaltungsfilme nachhaltig produzieren?

Bei Dokumentationen wird bereits viel Material wiederverwertet. Allerdings geschieht dies hauptsächlich, um Kosten zu reduzieren und ohne grüne Absichten. Bei Spielfilmen ist das schwieriger: Filmmaterial recyceln geht überall da gut, wo eine Sprecherin oder Sprecher die Handlung erzählen kann, das ist bei einem Liebesfilm beispielsweise selten möglich. Da könnte man allerdings auf andere nachhaltige Produktionsweisen setzen.

Zum Beispiel?

Filmproduktionen werden hierzulande ja häufig staatlich gefördert. Ich fände es gut, wenn der Aspekt Nachhaltigkeit bei Ausschreibungen ein Hauptkriterium wäre. Ansatzweise gibt es das schon, zum Beispiel mit dem Grünen Filmpass, der bei besonders nachhaltige Produktionen vergeben wird. Die Bemühungen sind also da. Bisher sind sie jedoch nur eine Randerscheinung.

Was, glaubst du, muss sich in der Filmbranche generell ändern?

Die Filmbranche ist letztlich nur ein sehr kleiner Teil von dem, was wir für den ökologischen und sozialen Wandel in Bewegung setzen müssen. Aber ich versuche, den gesellschaftlichen Wandel voranzutreiben mit den Ressourcen, die ich habe: Videos. Ich liebe es, Filme zu produzieren und gleichzeitig andere darauf aufmerksam zu machen, wie einfach es ist, die Umwelt zu schützen. Ich wünsche mir, dass die Filmindustrie erkennt: Man kann Dinge tun, die einem Freude bereiten, gute Ideen vorantreiben und trotzdem mit wenig Aufwand das Klima schonen.

0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Nach Plastiktüten: Auch diese Umweltsünde wird aus Supermärkten verbannt

Wer Hackfleisch im Supermarkt kauft, bekommt meistens eine Box mit Deckel und Schutzunterlage – das ist ganz schön viel Plastik für so wenig Fleisch. Einige Supermärkte haben jetzt entschieden, den Plastikmüll zu reduzieren: Bei Aldi Süd und Nord, Lidl und Rewe wird jetzt auf die Plastiktüte umgestellt, das sogenannte "Flowpack".

Neu ist diese Idee nicht: Den ersten Plastikbeutel als Fleischverpackung bei Rewe, berichtet das Onlinemagazin "Chip". Aldi Süd führte das Flowpack danach im Februar …

Artikel lesen
Link zum Artikel