Nachhaltigkeit
Christian Rach 2016-08-30, Berlin, Deutschland - Christian Rach, Restaurantcoach und Sptzenkoch, unterstützt die vom Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, Christian Schmidt, getragene Aktion Restlos genießen, mit der die Lebensmittelverschwendung reduziert werden soll.

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Christian Rach: Der TV-Koch setzt sich seit Jahren gegen Lebensmittelverschwendung ein. Bild: imago images/ Jürgen Heinrich

Interview

"Unglaublich bequem": Christian Rach kritisiert Konsumgesellschaft

Christian Rach zählt zu den bekanntesten TV-Köchen Deutschlands. Doch abseits von seinen Fernsehprojekten wie "Grill den Henssler" setzt er sich entschieden gegen das Thema Lebensmittelverschwendung ein. Dafür sitzt der 63-Jährige auch in der Jury des "Bundespreises für Engagement gegen Lebensmittelverschwendung". In Zusammenarbeit mit der App Too Good To Go haben Rach und weitere Spitzenköche anlässlich des ersten Internationalen Tages gegen Lebensmittelverschwendung der Vereinten Nationen eine Video-Botschaft aufgenommen, die einen dringenden Appell an alle Konsumenten richtet.

Im Interview mit watson spricht Christian Rach darüber, warum immer noch so viele Lebensmittel weggeworfen werden, wieso wir zu bequem sind und weshalb die Industrie die Wegwerfmentalität in großen Stücken fördert.

watson: Sie bekämpfen als Gastronom schon lange Lebensmittelverschwendung. Wie sah das Problem mit dem Wegwerfen von Lebensmitteln in den Restaurants aus?

Christian Rach: Das Problem gibt es dort überhaupt nicht oder nicht in großen Maßen. Wenn Sie die Margen in den Restaurants sehen, fällt Ihnen auf, dass die unglaublich gering sind. Wenn Sie zehn Prozent Verdienst haben, sind Sie schon ganz oben. Die meisten schaffen noch nicht mal fünf Prozent. Das heißt all das, was weggeschmissen wird, ist extrem teuer. Das schmälert die Chance, wirtschaftlich zu überleben. In den Restaurants ist es der reine Überlebenstrieb des Betriebes, so wenig wie möglich wegzuschmeißen. Natürlich dürfen Sie Essen, was wieder in die Küche zurückkommt, gesetzmäßig gar nicht wiederverwenden. Das muss entsorgt werden.

"Lebensmittelverschwendung passiert in der Regel bei Gastronomen nicht."

Das heißt, Restaurants kalkulieren gut?

Wenn Sie mit kalkulieren nicht die Abgabepreise meinen, dann ja. Ein guter Küchenchef, ein gutes Restaurant weiß, was seine Gäste etwa am Tag verzehren und es werden nicht Massen vorproduziert, die eben nicht verkauft werden. Lebensmittelverschwendung passiert in der Regel bei Gastronomen nicht. Das geht sofort an den eigenen Geldbeutel und das kann sich eigentlich keiner in der Gastronomie erlauben.

Trotzdem werden pro Jahr in Deutschland fast zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen, mehr als die Hälfte stammt dabei aus privaten Haushalten.

Die Leute kaufen zu viel ein und haben zu wenig Ahnung erstens über Lagerung und zweitens über das, was verdorben ist. Unter die zwölf Millionen weggeworfene Lebensmittel fallen aber auch solche, die man nicht mehr gebrauchen kann und dann entsorgt werden müssen.

"Das sind ganz simple, völlig kostenfreie Krücken, die uns unglaublich helfen würden, Lebensmittel nicht wegzuschmeißen."

Auch nicht die, die vielleicht als Abfall gelten, aber keiner sind?

Ja, bei einer Kartoffelschale wird es schon schwierig. Daraus kann der Profi vielleicht noch etwas Leckeres machen. Nun ist eine Kartoffelschale natürlich auch Lebensmittelabfall. Im Prinzip kann man das nicht vermeiden. Es geht natürlich um die vermeidbaren Dinge und da ist oft viel Unkenntnis und auch Angst, warum das Ganze nicht funktioniert.

Wo sehen Sie dabei das größte Problem?

Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist so ein Punkt. Das, was früher mal gut gedacht war, ist heute eine heilige Kuh geworden. Wenn dort der 28. draufsteht, haben die Leute schon am 25. ein Problem damit, die Ware noch zu konsumieren. Das ist natürlich völlig fatal.

Was ist das Problem?

Dieses Datum hat nur die Aufgabe zu garantieren, dass die Farbechtheit bestehen bleibt, dass das Produkt in seiner Konsistenz absolut identisch ist mit dem, wie es den Produzenten verlassen hat. Man muss bei jedem Lebensmittel ein Datum draufschreiben. Eine getrocknete Nudel, die sie kaufen, wird allerdings nicht schlecht. Viele haben Angst davor, ihren Sinnen, ihrem Gefühl, ihrer Nase zu vertrauen. Das sollten wir aber wieder lernen.

Was raten Sie den Menschen?

Mit Einkaufszettel oder Notizen im Handy losgehen. Das ist ganz wichtig. Am Ende des Einkaufs hat man sonst Dinge gekauft, die sowieso noch im Keller, im Kühlschrank oder in der Schublade lagern. Wir machen uns in der Familie immer Gedanken darüber, was wir in der Woche kochen wollen. Es ist schwer, das auf sieben Tage zu verteilen, aber man kann sich die Gedanken auch zwei oder drei Mal die Woche machen. Das sind ganz simple, völlig kostenfreie Krücken, die uns unglaublich helfen würden, Lebensmittel nicht wegzuschmeißen. Die ganze Familie oder die jeweilige Lebensgemeinschaft sollte in den Prozess mit eingebunden werden.

"Es ist unglaublich bequem, etwas wegzuwerfen und neu zu kaufen."

Sie blicken auf eine langjährige Erfahrung im TV zurück und hatten bereits im Jahr 2013 mit der Sendung "Rach deckt auf – Die pure Verschwendung von Lebensmitteln" darauf aufmerksam gemacht. Was hat sich bis jetzt verändert?

Wir sind auf dem Weg, dass sich was tut. Wir versuchen, das Bewusstsein der Menschen dafür zu schaffen. Das geht aber nicht über eine Fernsehsendung oder drei schlaue Artikel. Bewusstseinsbildung ist eine Bildungsaufgabe. Man muss es wirklich, ich sage jetzt ein Wort, was ich nicht mag, in einer Penetranz wiederholen, damit es ins Bewusstsein kommt und zu einer Verhaltensänderung führt. Das geht nicht von heute auf morgen.

Wir sind zu bequem.

Genau. Es ist unglaublich bequem, etwas wegzuwerfen und neu zu kaufen. Das ist wie mit einem Fahrradschlauch, der einen Platten hat. Man repariert ihn nicht mehr selbst, sondern kauft gleich einen neuen. Diese Wegwerfmentalität, die wir in der Gesellschaft haben, ist nicht nur bei Lebensmitteln fatal, sondern auf allen Gebieten.

Christian Rach, Koch beim Dussmann Catering Die vegane Menuelinie fuer Ihr Business im Kultur Kaufhaus Dussmann, Friedrichstrasse, Berlin-Mitte, 10.04.2014.

Christian Rach Cook the Dussmann Catering the vegan  for her Business in Culture Department store Dussmann Friedrichstrasse Berlin centre 10 04 2014

Christian Rach: Der TV-Koch hatte bis 2013 seine eigene Sendung auf RTL. Bild: iimago images/ Raimund Müller

Sind denn nur wir schuld daran?

Nein. Man muss sagen, dass die Industrie das unterstützt. Früher war eine Waschmaschine aus Metallteilen zusammengebaut. Heute sind die meisten Teile aus Plastik. Nach fünf, sechs Jahren sind die kaputt und man kauft eine neue. Dieses Denken und dieser Rhythmus, der sich etabliert hat, sind einfach fatal. Für den Wandel im Kopf ist viel Überzeugungsarbeit nötig und es wird noch ein paar Jahre dauern.

"Es hat was mit Wertschätzung zu tun und damit, die Produkte richtig in Szene zu setzen."

Dennoch ist Containern verboten.

Das Verbot hat sehr viel mit versicherungstechnischen Gründen zu tun. Ich muss da Supermärkte ein bisschen in Schutz nehmen. Die Margen in den Märkten sind nicht sehr groß, im Gegensatz zu denen bei den Handelskonzernen. Die Märkte, die verkaufen, haben ein ureigenes Interesse daran, die Dinge nicht wegzuwerfen. Viele Supermärkte haben heute für Produkte, die sich dem Mindesthaltbarkeitsdatum nähern, eben keine Schmuddelecke mehr, sondern nett gestaltete Verkaufstresen mit gutem Licht und nicht in der hintersten Ecke, wo man sich bedienen kann, ohne gleich dieses Sozialbashing zu haben.

Genau das sollte nicht passieren.

Dieser sozialen Schmach muss man ganz deutlich widersprechen und sagen: Freunde, es hat überhaupt nichts damit zu tun, Geld sparen zu wollen. Und wenn es auch um Geld sparen geht, dann ist es eine wunderbare Motivation. Es hat was mit Wertschätzung zu tun und damit, die Produkte richtig in Szene zu setzen. Das machen viele Supermärkte.

Bild

Christian Rach: Der Koch kämpft gegen Lebensmittelverschwendung. Bild: imago images/ Horst Galuschka

Wer ist da weiter als wir?

Wir schimpfen immer auf die USA, gucken, was Trump macht und haben Angst vor der Wahl. Aber es gibt auch viele gute Dinge dort. Clinton hat 1996 den "Good Samaritan Food Donation Act" eingeführt. Er hat die Supermärkte, die Produkte, an Bedürftige weitergeben, von der Haftung ausgenommen. Das heißt, der Supermarkt sagt, das Produkt ist noch in einwandfreiem Zustand und dann kann man das kostenlos an Bedürftige oder an Organisationen abgeben, ohne eventuell in Haftung zu kommen.

In Deutschland sieht das anders aus.

Bei uns haben wir immer noch das Haftungsproblem. Das Containern ist eine Jugendsache und nicht nötig, wenn die Supermärkte oder die Anbieter die Produkte aus der Schmuddelecke rausholen, wie zum Beispiel Bananen mit einer Stelle oder Orangen im Netz mit einer Delle. In der Regel wird das weggeschmissen. Viele Supermärkte haben da schon eigene Initiativen gestartet. Und das ist großartig.

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