Nachhaltigkeit
Business partnership meeting in office

Die Wirtschaftswissenschaften sind bislang eine fast ausschließlich männliche Wissenschaft, bemängeln die Economists 4 Future – die zu wenig in die Zukunft blickt. Bild: iStockphoto / seb_ra

Interview

"Wissenschaft von Männern für Männer": Economists 4 Future wollen Wirtschaft ändern

Seit zwei Jahren ziehen Schüler von Fridays for Future auf die Straße, um für mehr Klimaschutz zu demonstrieren. Ihnen folgten Students for Future, Parents for Future und Scientists for Future, die mit ihrer Forschung auf die Dringlichkeit der Anliegen der Klimabewegung hinweisen. Nur die Wirtschaftswissenschaftler schwiegen bislang. Doch jetzt haben sich für das Buch "economists4future" auch Ökonomen zusammengetan, die sagen: Wir brauchen einen grundlegenden Wandel der Wirtschaftswissenschaften – und eine nachhaltigere, zukunftsgerichtete Wirtschaft.

Denn Herausgeber Lars Hochmann sagt: Der Denkstil der Wirtschaftswissenschaften hat wesentlich zu den Krisen der Gegenwart beigetragen. Klimakrise, Finanz- und Coronakrise entlarvten gleichermaßen, wie fragil unsere Wirtschaft ist – und wie abhängig die Gesellschaft von ihr.

Im Interview mit watson erklärt der Wirtschaftswissenschaftler von der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung, welchen Einfluss Unternehmen auf die Klimakrise haben, warum Wirtschaftswissenschaft bislang eine Wissenschaft von weißen Männern für weiße Männer ist und warum wir die sich jetzt politisierenden Jugendlichen für die Gesellschaft der Zukunft unbedingt brauchen.

watson: Fragt man Klimaschützer, wer die Hauptschuldigen an der Klimakrise sind, dann wird neben der Politik immer auch die Wirtschaft genannt, die sich zu viel um Profite und zu wenig um Umweltschutz kümmere. Haben sie recht?

Lars Hochmann: Einfache Antworten sind natürlich bequem. Es ist aber auch Teil der Wahrheit, dass auf Ebene der Verursachung die ökonomische Praxis zu nennen ist, keine Frage.

Welchen Einfluss hat die Wirtschaft konkret auf die Klimakrise?

Einen fundamentalen. All unsere Lebensbereiche wirken sich auf das Klima aus – Mobilität, Nahrung, Kleidung – und die sind am Ende des Tages häufig Ergebnisse oder Produkte von Unternehmensstrategien. Gegenwärtig haben wir eine Wirtschaft, die sich in erster Linie gegen das Leben richtet, die nicht nur Menschen am Arbeitsplatz ausbeutet, sondern auch den Planeten und insoweit Mitursache der Klimakrise ist. Das Problem ist, dass wir ein schiefliegendes Verständnis von Wirtschaft haben.

Wie meinen Sie das?

Es gab über das gesamte 20. Jahrhundert nur eine Idee von Wirtschaft – nämlich eine, die auf Effizienz getrimmt ist, auf Eigennutz, Opportunismus und Profit. Wir betrachten diese Form von Wirtschaft als Naturgesetz und finden uns mehr oder weniger damit ab, welche gesellschaftlichen und ökologischen Verhältnisse daraus resultieren – beispielsweise, dass Monokulturen auf den Feldern die unmittelbare Folge dieser Idee von Wirtschaft sind. Monokulturen sind zwar effizient und technisch gut organisierbar, führen aber auch dazu, dass Böden ausgelaugt und die Sortenvielfalt zerstört wird, Schimmel und Pilzbefall auftreten, die wiederum mit Chemikalien bekämpft werden. So wird im Namen der Form gegen die Welt gewirtschaftet. Wir müssen das aber vom Kopf auf die Füße stellen und zuerst nach dem Inhalt fragen: Welche Ernährungskultur wollen wir eigentlich? Wie wollen wir mobil sein? Wie wohnen? Wir müssen anfangen zu träumen – und uns anschließend fragen, welche Form die geeignete ist.

Nachhaltigkeit ist ja inzwischen auch zumindest theoretisch auf der Agenda vieler Unternehmen angekommen. Warum tut sich in der Praxis trotzdem noch so wenig?

Wenn über nachhaltige Wirtschaft gesprochen wird, dann zumeist mit einem End-of-Pipe-Ansatz: Man klebt irgendwo einen Filter drauf oder schafft Märkte für ungewollte Nebenfolgen CO2-Emissionen. Anstatt dass die Probleme angegangen werden, wird nur an den Symptomen herumgefeilt. Wenn wir über Klimaschutz und CO2-Emissionen reden, müssen wir aber schauen, wo diese ausgestoßen werden und die Prozesse dahinter ändern. Das betrifft nicht nur die Wertschöpfung. Das Problem ist nicht auf einer technologischen, sondern auf einer kulturellen Ebene angesiedelt. Und da ändert sich wenig, weil es um Herrschaft geht, nicht um die Kraft des besseren Arguments.

Sie bemängeln in diesem Zusammenhang auch die Art, wie Ökonomie an deutschen Hochschulen gelehrt wird, kritisieren, dass diese nichts mit der gesellschaftlichen und ökologischen Realität zu tun hat. Was ist das Problem?

Wirtschaftswissenschaft ist vor allem eine Wissenschaft von Männern für Männer, und zwar von weißen Männern und auf den globalen Norden bezogen. All die Erkenntnisse, die dabei entstehen, reproduzieren solche Herrschaftsverhältnisse, werden aber ausgegeben als wären es objektive Tatsachen. Das hat einen Mangel an Diversität zur Folge, im Denken, aber auch in Bezug auf die Denkenden. Die ökonomische Lehre behandelt nicht die Vielfalt an möglichen Ökonomien, sondern reproduziert ein singuläres Bild von Wirtschaft und behauptet, sie sei nur so möglich: Wirtschaft als die große Maschine, die sich selbst steuert und in die man am besten nicht eingreift.

Dabei wurde durch Corona jetzt ja durchaus eingegriffen. Was können wir daraus lernen?

In vielerlei Hinsicht war die Pandemie augenöffnend: Wie abhängig wir uns gemacht haben von bestimmten Versorgungsstrukturen, aber auch augenöffnend, was wir tatsächlich brauchen. Leider wird jetzt viel daran gesetzt, den maroden Status, den wir vor Corona hatten, wiederherzustellen. Wir nennen das dann Rettungs- und Konjunkturpakete. Es wird versucht wiederherzustellen, was offenkundig Teil des Problems ist und nicht der Lösung. Wir hätten jetzt die Möglichkeit, Institutionen neu zu gestalten und Branchen ein anderes Gesicht zu geben. Davon merken wir jedoch wenig. Was im Gesundheitssektor passiert, ist hingegen fast schon grotesk. Jenseits von einem feuchten Händedruck gab es nicht viel, schon gar keine institutionelle Umgestaltung.

Sie sagen: Die Klimakrise ist eine Gesellschaftskrise. Wenn wir jetzt aus der aktuellen Situation lernen, wie könnte dann die Wirtschaft in 20 oder 30 Jahren aussehen?

Bestenfalls werden wir eine Wirtschaft haben, die dem Leben dient und nicht andersherum. Wir werden Versorgungssysteme haben, die nicht nur die Versorgung mit Energie oder Nahrung sichern, sondern auch zu einem souveränen Umgang damit befähigen. Wir werden uns als Gesellschaft neu erfunden haben, was auch einschließt, dass wir Unternehmen neu denken müssen. Im Feld der solidarischen Ökonomien finden wir schon heute viele Anregungen dazu. In 20 bis 30 Jahren haben wir bestenfalls in den wichtigen Entscheidungspositionen eine riesengroße Generation derer sitzen, die sich gerade als Jugendliche politisieren. Die haben verstanden, dass wir unsere Zukunft riskieren, wenn wir gegen die Natur wirtschaften. Damit wir dort in 20 oder 30 Jahren sind, müssen wir jetzt anfangen, Wirtschaft von Natur und Gesellschaft her zu denken.

(ftk)

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